{"id":3680,"date":"2001-12-26T12:35:28","date_gmt":"2001-12-26T11:35:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3680"},"modified":"2023-01-04T12:37:21","modified_gmt":"2023-01-04T11:37:21","slug":"weihnachten-ein-opferfest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/12\/26\/weihnachten-ein-opferfest\/","title":{"rendered":"Weihnachten, ein Opferfest"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica;\"> Es ist still in Berlin Friedrichshain, nun schon den dritten Tag. Das &#8222;In-Viertel&#8220; rund um die Simon-Dach-Stra\u00dfe ist wie ausgestorben, die meisten Kneipen bleiben zu und die Fassaden der Gr\u00fcnderzeit-Altbauten zeigen sich n\u00e4chtens in gespenstischem Dunkel: alles leer, alles ausgeflogen. Die ungew\u00f6hnlich jugendliche Bewohnerstruktur &#8211; fast jeder ist hier unter 30 &#8211; f\u00fchrt an traditionellen Feiertagen zum Komplett-Ausfall der ansonsten so beliebten und gelobten kulturellen Eigenst\u00e4ndigkeit. Man f\u00e4hrt halt heim zu den Eltern oder gleich ganz weit weg, in den S\u00fcden. Immerhin findet sich so endlich locker ein Parkplatz!<\/p>\n<p>Da ich in keinerlei festive Aktivit\u00e4ten eingesponnen bin, sind diese Tage einfach eine ruhige Insel im Getriebe. Das Gef\u00fchl, etwas (mehr!) tun zu m\u00fcssen f\u00fcrs &#8222;Fortkommen&#8220;, tritt in den Hintergrund. Wenn alle abschalten, darf ich ja wohl auch&#8230; Beil\u00e4ufig beobachte ich die Medien im Christmas-Taumel, besonders das Fernsehen, und mit einem Mal wird mir klar, dass Weihnachten ein Opferfest ist.<\/p>\n<p>Was wird geopfert? Zu welchem Zweck? Der Sinn des Opferns ist immer gleich: Man will einen \u00fcberm\u00e4chtigen Gott bestechen bzw. gn\u00e4dig stimmen, damit die Dinge einmal nicht ihren &#8222;nat\u00fcrlichen&#8220;, also gottgewollten Lauf nehmen, sondern sich nach den W\u00fcnschen der Opferer entwickeln. Wird das Opfer akzeptiert, hat mensch kurzzeitig Ruhe vor der g\u00f6ttlichen Eigendynamik, der satte Gott h\u00e4lt sich ganz raus oder verh\u00e4lt sich dem Menschenwunsch gem\u00e4\u00df &#8211; f\u00fcr kurze Zeit, ein Opfer reicht ja nie f\u00fcr immer.<\/p>\n<p>Bis zum Abend des letzten verkaufsoffenen Tages vor Weihnachten berichten die Medien intensiv von der Konsumfront: Wieviel und was gekauft wird, ob mehr oder weniger als im letzten Jahr, was die H\u00e4ndler dazu sagen und ob das Volumen des Weihnachtsgesch\u00e4fts insgesamt ausreicht, der Wirtschaft zum Jahresende zu deutlichen Gewinnen zu verhelfen oder aufgelaufene Verluste zumindest sp\u00fcrbar zu mildern. Man beobachtet also die Opferzeremonien und versucht, zu beurteilen, ob das Opfer ausreicht und ob es angenommen wird.<\/p>\n<p>Offensichtlich ist das dieses Jahr wieder der Fall, denn am Nachmittag des 24.Dezembers schlie\u00dfen nicht nur die L\u00e4den und B\u00fcros der Welt des Kaufens &amp; Verkaufens, auch innerpsychisch verl\u00e4\u00dft man die erweiterte Kampfzone und legt erleichtert die R\u00fcstung ab, checkt aus, um mal wieder &#8222;richtig Mensch&#8220; zu sein &#8211; so zumindest ist es gemeint, gedacht, gewollt. F\u00fcr ein paar Tage sind wir dann frei (gelassene..), haben uns frei gekauft und k\u00f6nnen nun Seiten zeigen und Aspekte leben, die im immer mehr Lebensbereiche umfassenden t\u00e4glichen Kampf ums Fortkommen hinderlich bis peinlich sind: Weichheit, spontane Freundlichkeit, Mitgef\u00fchl, Sehnsucht nach Liebe jenseits von Leistung und N\u00fctzlichkeit, und die aus alledem folgende Gro\u00dfz\u00fcgigkeit mit der Bereitschaft zum Helfen, Schenken und Teilen.<\/p>\n<p>Die Medien begleiten bereitwillig die kurzfristige Richtungs\u00e4nderung, Familienfilme handeln von harten Gesch\u00e4ftsleuten, die zu liebevollen V\u00e4tern mutieren, Lokalsender zeigen tats\u00e4chlich Menschen beim schenken, helfen und teilen &#8211; von der Feuerwehrgruppe, die ein Kinderheim beschert bis zum Viersternehotel, das in der heiligen Nacht f\u00fcnfzig Obdachlose verk\u00f6stigt und beherbergt. <b>Geld ist nicht alles<\/b>, das darf jetzt mal gesagt, geschrieben, gesendet und gesehen werden. Sind ja nur ein paar Tage, dann ist wieder das gro\u00dfe kollektive &#8222;Speicher l\u00f6schen&#8220; per Silvesterfete angesagt, mit anschlie\u00dfender kraftvoller Neuprogrammierung auf neue W\u00fcnsche, Ziele und Vorhaben im neuen Jahr. Die kurze Auszeit mu\u00df rituell gebrochen werden, sonst k\u00f6nnten ja Spuren in den Psychen zur\u00fcckbleiben, die Freude am Helfen, Schenken und Teilen k\u00f6nnte um sich greifen &#8211; mit unabsehbaren Folgen! (Man sieht ja, was diese &#8222;Tradition&#8220; z.B. im Internet angerichtet hat, wo sie die ersten Jahre des neuen Mediums kulturell dominierte: kein Gesch\u00e4ft nirgends, E-Commerce ein Milliardengrab!)<\/p>\n<p>Bald ist sie vorbei, die &#8222;freie&#8220; Zeit, das Opfer ist aufgezehrt und hungrig erwacht der Gott unserer Tage zu neuem gefr\u00e4\u00dfigen Leben. Wir werden das Visir herunterklappen, die Samthandschuhe ausziehen, das Herz wieder als blo\u00dfe Pumpe ansehen und tun, was wir tun m\u00fcssen. (Wem der \u00dcbergang zu hart ist, der wird vielleicht im Januar krank -&gt; Zeit des h\u00f6chsten Krankenstandes in diesem Land).<\/p>\n<p>Ist das der Endzustand? Wird es immer so sein, solange diese Welt steht, dass wir unsere liebevolle, weiche und freundliche Seite verbergen, besser noch verdr\u00e4ngen und vergessen m\u00fcssen, um &#8222;fort&#8220; zu kommen? Ja wohin denn eigentlich ? Man kann sich lange an der eigenen Kreativit\u00e4t berauschen, am Wachsen des Bankkontos, am Aufsteigen auf neue Siegertreppchen &#8211; irgendwann mal meldet sich gerade auch bei den Erfolgreichen die Frage nach dem &#8222;Wozu?&#8220;. Macht mich das jetzt wirklich gl\u00fccklich? Bringt es mir echte Freude? Gewinne ich Freunde und Freir\u00e4ume, oder verheize ich nur meine Lebenszeit f\u00fcr Dinge, die ich nicht f\u00fchlen und nicht sp\u00fcren, sondern nur wissen, bzw. mir &#8222;ausrechnen&#8220; kann?<\/p>\n<p>Wenn ich mir angucke, wie so mancher Werbespot zur KUNST ger\u00e4t, so da\u00df schon kaum mehr erkennbar ist, f\u00fcr welches Produkt hier um Sympathie geworben wird, sehe ich die Verzweiflung erfolgreicher Kreativer: Es ist schon hart, sein ganzes Herzblut ohne Pause f\u00fcr so hehre Ziele wie die bessere Vermarktung von Gummib\u00e4rchen oder Schokoriegeln einsetzen zu m\u00fcssen &#8211; und sowas geht heute nicht mehr &#8222;mit links&#8220;, schon gar nicht in einer gewerkschaftlich abgesicherten 35-Stunden-Woche.<\/p>\n<p>Der Gott unserer Tage will uns GANZ, nicht nur werktags zwischen 9 und 17 Uhr. Er ist unbescheiden, allgewaltig und gro\u00df wie es sich f\u00fcr einen Gott immer schon geh\u00f6rt. Und er nutzt moderne Kommunikationsmittel, lichtschnell und frei von allem menschlichem (Wohl-)Wollen kreist das Kapital, sein farbenfernes Blut durch die vielfach vernetzten Adern unserer Welt &#8211; in endloser Suche nach Vermehrungsm\u00f6glichkeiten. Dieser Gott will vor allem eines: wachsen. Ist er &#8211; mal so als Wachstums-Junkie betrachtet &#8211; denn wirklich allm\u00e4chtig und in dieser Allmacht ewig?<\/p>\n<p>Wer von Sucht etwas wei\u00df, wei\u00df auch, da\u00df Zusammenbruch, Tiefpunkt und Entzug schon im kleinen menschlichen Rahmen katastrophal sein k\u00f6nnen &#8211; an einen g\u00f6ttlichen Breakdown mag man da lieber gar nicht erst denken! Zudem ist eine solche Entwicklung planerisch sowieso nicht zu beeinflussen und auch alle Versuche, freundliche selbstgebastelte Gegen-G\u00f6tter zu etablieren, sind gescheitert &#8211; auch der Gott DIESER Welt ist ja nicht etwa irgendwo &#8222;au\u00dfen&#8220;, sondern lebt in uns selbst.<\/p>\n<p>Und trotzdem: Tote G\u00f6tter pflastern unsern Weg, daran k\u00f6nnten wir uns gelegentlich erinnern! Schlie\u00dflich ist noch nicht aller Tage Abend&#8230; <\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist still in Berlin Friedrichshain, nun schon den dritten Tag. Das &#8222;In-Viertel&#8220; rund um die Simon-Dach-Stra\u00dfe ist wie ausgestorben, die meisten Kneipen bleiben zu und die Fassaden der Gr\u00fcnderzeit-Altbauten zeigen sich n\u00e4chtens in gespenstischem Dunkel: alles leer, alles ausgeflogen. 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