{"id":3679,"date":"2001-12-23T12:31:45","date_gmt":"2001-12-23T11:31:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3679"},"modified":"2023-01-04T12:35:11","modified_gmt":"2023-01-04T11:35:11","slug":"vom-elend-des-sitzens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/12\/23\/vom-elend-des-sitzens\/","title":{"rendered":"Vom Elend des Sitzens"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica;\">Morgen werd&#8216; ich mich ins weihnachtliche Endget\u00fcmmel werfen und mir ein Klemmbrett und einen Astronautenkuli zulegen, der auch dann noch schreibt, wenn die Spitze gen Himmel zeigt &#8211; so als Weihnachtsgeschenk f\u00fcr mich selbst, das mich hoffentlich zeitweise vom SITZEN befreit!<\/p>\n<p>Mit der Hand schreiben? Vor kurzem noch h\u00e4tte ich nicht im Traum an sowas Archaisches auch nur zu denken gewagt! W\u00e4hrend einer Besprechung Notizen zu machen stellt mich regelm\u00e4\u00dfig vor das Problem, diese hinterher wieder entziffern zu m\u00fcssen. F\u00e4higkeiten, die man nicht regelm\u00e4\u00dfig \u00fcbt, gehen eben \u00fcber kurz oder lang verloren und die Handschrift steht seit Einf\u00fchrung der Textverarbeitung unverkennbar auf der Abschussliste.<\/p>\n<p>Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen! Ich kann einfach nicht mehr sitzen. Seit Wochen schon merke ich, dass es mich wegzieht vom Monitor &#8211; nicht, um &#8222;da drau\u00dfen&#8220; im realen Leben auf Abenteuer auszugehen, sondern weil mir alles weh tut und ich mich nach wenigen Stunden schon wie &#8222;gestaucht&#8220; f\u00fchle. Trotz Super-B\u00fcrostuhl, trotz Yoga, Fitness-Center, Sauna und gelegentlichen Spazierg\u00e4ngen gelingt es nicht mehr, die vielen Stunden vor dem Ger\u00e4t so auszugleichen, dass ich mich in meiner K\u00f6rperlichkeit vergessen kann. Schultern, R\u00fccken, Lendenwirbel und Beine meinen schon nach etwa einer Stunde, nun sei es genug.<\/p>\n<p>Was soll ich also tun? Mir einen anderen Job suchen? Ganz unm\u00f6glich, alles, was ich gut kann, braucht das Computer-Cockpit als Werkzeug und Kanal zur Welt. In einer Zeit, in der auch die letzten &#8222;Problemgruppen&#8220; vom Arbeitsamt in PC-Kurse gezwungen werden, ist das keine M\u00f6glichkeit mehr, die man ernsthaft erw\u00e4gen k\u00f6nnte. Und: es ist ja nicht nur die Brotarbeit, die mich &#8222;am Netz&#8220; h\u00e4lt, sondern auch freie Aktivit\u00e4ten wie dieses Diary, das Schreiben und Gestalten, praktisch aller Selbstausdruck und die Kommunikation mit Menschen an anderen Orten der Welt zwingt mich vors Ger\u00e4t. Dazwischen das unverzichtbare Forschen, Suchen, Sich-Informieren, Neues lernen &#8211; gar nicht mehr vorstellbar ohne Google, ohne Mailinglisten und Web-Communities!<\/p>\n<p>Aber es knirscht im Geb\u00e4lk der materiellen Seite meines Daseins. Der K\u00f6rper beschwert sich zu Recht, dass ich ihn einfach &#8222;absetze&#8220; und dann &#8222;fort&#8220; bin &#8211; dort, wohin Leben &amp; Welt mehr und mehr auswandern, wo das Produzieren und Projizieren, das Kommunizieren und alles Steuern der Welt zunehmend stattfindet: im Cyberspace, der nur \u00fcber ein Interface zu betreten ist, eine Grenzanlage, die das Materielle nicht durchl\u00e4sst: Sorry, wir K\u00f6rper m\u00fcssen drau\u00dfen bleiben&#8230;.<\/p>\n<p>&#8222;<em>Wir sind nicht angepasst an das Leben, das wir f\u00fchren<\/em>&#8222;, sagt der nette Trainer im Fitnesscenter und schaut zufrieden auf die Kunden, die sich an den Ger\u00e4ten nolens volens in Bewegung versetzen. Neulich wollte ich da mal einfach nur in die Sauna gehen, doch als ich durch den Ger\u00e4tepark lief, sp\u00fcrte ich die Sehnsucht des K\u00f6rpers wie eine leise aber dringliche Stimme aus dem Hintergrund: Komm, lass uns ein bisschen turnen&#8230; Ein seltsames Erlebnis der Gespaltenheit: WER ist denn hier verdammt nochmal ICH???!<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica;\">Zersetzung<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica;\">Vor wenigen Jahrhunderten war das Leben noch Bewegung. Von fr\u00fch bis sp\u00e4t auf den Beinen, verrichteten die Menschen elend schwere Landarbeit und bewegten sich zu Fu\u00df von Ort zu Ort. Die Industrialisierung hat dieses organisch-naturgesteuerte notwendige und selbstverst\u00e4ndliche Bewegt-Sein zerschlagen zugunsten abgezirkelter Bewegungen im Rahmen der mechanischen Maschine. Das Flie\u00dfband erzeugte ganz neue ungekannte Leiden an K\u00f6rper und Geist. Der K\u00f6rper war versklavt an den Takt der Maschine, aber doch immer noch gebraucht, gefragt, am Ball des Geschehens, der Geist litt unter der Monotonie. Heute sind wir &#8211; gottlob! &#8211; auch von diesem Elend befreit. Roboter und Programme machen die Arbeit in den Fabriken und es braucht nur noch ein paar Aufseher und Kn\u00f6pfchendr\u00fccker, das Ganze am Laufen zu halten, sowie unz\u00e4hlige Brummi-Fahrer, die &#8211; sitzend! &#8211; die Produkte durchs Land kutschieren.<\/p>\n<p>Wir haben uns vom Leid der k\u00f6rperlichen Anstrengung befreit, uns gem\u00fctlich hingesetzt und sind sitzen geblieben. Wir treffen uns zu Sitzungen, erlassen Gesetze und Satzungen, setzen uns auseinander, k\u00e4mpfen um Besitz und Vorsitz und darum, uns durchzusetzen. Wer nicht funktioniert, wird versetzt oder abgesetzt. Allem k\u00f6nnen wir uns mehr oder weniger erfolgreich widersetzen, blo\u00df nicht dem Sitzen selbst.<\/p>\n<p>Der Mensch besteht zu \u00fcber 80 Prozent aus Wasser. Stehende Wasser neigen dazu, in F\u00e4ulnis \u00fcberzugehen. Zersetzung droht &#8211; was tun? Ich hab&#8216; von einem Stuhl gelesen, der durch minimalste Schwingungen das Zellwasser in Bewegung halten soll, aber so richtig durchgesetzt scheint sich das nicht zu haben. &#8222;Kleinste Schwingungen&#8220; w\u00fcrden auch nicht mehr ausreichen, um meine Missempfindungen auf dem Stuhl aufzuheben. Seit Jahren guck&#8216; ich mir hoffnungsvoll an, was die M\u00f6belindustrie so an Alternativen anbietet: den Kniestuhl, den Sitzball, vielfach einstellbare und bewegliche B\u00fcrost\u00fchle. Seltsamerweise kenne ich niemanden, der wirklich auf Dauer den \u00fcblichen Stuhl gegen den Ball tauscht oder sich kniend vor dem Monitor aufh\u00e4lt. (Letzteres w\u00fcrde uns wohl auch allzu deutlich zu Bewusstsein bringen, wie unser Verh\u00e4ltnis zur technischen Welt beschaffen ist).<\/p>\n<p>Nein, ich will nicht mehr sitzen, will stehen, zur Not liegen &#8211; aber f\u00fcr diese Haltungen existieren keine erschwinglichen M\u00f6bel, die es gestatten w\u00fcrden, Monitor, Tastatur und Maus im Zugriff zu behalten. Noch dazu will ich zwischen diesen Haltungen abwechseln, damit das Leiden am Sitzen nicht nur durch ein anderes abgel\u00f6st wird (Krampfadern im Stehen, Wundliegen im Liegen&#8230;). Warum erkennt &#8222;der Markt&#8220; eigentlich dieses Problem nicht? Weil die Entwerfer und Macher eben auch sitzen, vermutlich unter 40 sind und gar nicht daran denken, dass da was nicht in Ordnung sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Also mit der Hand schreiben, im Liegen, im Stehen an einem Pult &#8211; nachher abtippen braucht jedenfalls viel weniger Sitzzeit, als wenn ich vor dem Ger\u00e4t einen Artikel produziere, die meiste Zeit nicht schreibend, sondern in mich hineinlauschend, was f\u00fcr ein Text entstehen will.<\/p>\n<p>Ob das geht? Vielleicht gelingt ja so eine kleine pers\u00f6nliche Revolte gegen den Sitzzwang, doch die Tatsache bleibt, dass der K\u00f6rper f\u00fcr Wirtschaft und Gesellschaft in vieler Hinsicht \u00fcberfl\u00fcssig geworden ist. (Wer &#8222;drin&#8220; ist, dessen K\u00f6rper ist &#8222;draussen&#8220;) Was geschieht mit \u00dcberfl\u00fcssigem? Wenn es nicht verschwindet, was uns als k\u00f6rper-basierten Wesen nicht m\u00f6glich ist, bekommt es neue Funktionen: der K\u00f6rper als Ware und Statussymbol, durchtrainiert, gebr\u00e4unt und gepflegt, gepierced und t\u00e4towiert dient er perfekt gestylt dem Selbstausdruck. Schlie\u00dflich werden ja perspektivisch auch immer weniger Menschen gebraucht, um die technische Welt zu steuern und zu entwickeln &#8211; der Rest mu\u00df ja doch eine Besch\u00e4ftigung haben! <\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Morgen werd&#8216; ich mich ins weihnachtliche Endget\u00fcmmel werfen und mir ein Klemmbrett und einen Astronautenkuli zulegen, der auch dann noch schreibt, wenn die Spitze gen Himmel zeigt &#8211; so als Weihnachtsgeschenk f\u00fcr mich selbst, das mich hoffentlich zeitweise vom SITZEN befreit! Mit der Hand schreiben? 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