{"id":3678,"date":"2001-12-21T12:29:46","date_gmt":"2001-12-21T11:29:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3678"},"modified":"2023-01-04T12:31:42","modified_gmt":"2023-01-04T11:31:42","slug":"weihnachtsliebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/12\/21\/weihnachtsliebe\/","title":{"rendered":"Weihnachtsliebe"},"content":{"rendered":"<p>P\u00fcnktlich zum Winteranfang der Schnee! Eine Seltenheit in Berlin, wo sich die vierte Jahreszeit oft genug darauf beschr\u00e4nkt, dunkel, matschig, nass und absto\u00dfend zu erscheinen, auf die Laune zu dr\u00fccken und die zig Tonnen Hundeschei\u00dfe auf den Gehwegen feucht zu halten. Ich bin begeistert &#8211; im letzten Eintrag hatte ich mir die Schneedecke gew\u00fcnscht und prompt kommt sie runter, wenn das nicht ein gutes Zeichen ist! :-)<\/p>\n<p>Zu Weihnachten werden die Menschen freundlicher, spenden f\u00fcr die Bed\u00fcrftigen in aller Welt, kaufen \u00f6fter als sonst die Obdachlosenzeitungen und \u00fcberlegen, wie sie anderen zum Fest eine Freude machen k\u00f6nnen. Was schenken in einer Welt, in der sich viele alles kaufen k\u00f6nnen, was sie brauchen? Und: Ist es nicht blo\u00dfe Konvention, weihnachtlicher &#8222;Konsumterror&#8220;, dem man am besten ferne bleibt, wom\u00f6glich gleich auf die S\u00fcdhalbkugel entfliehend?<\/p>\n<p>Fr\u00fcher dachte ich so, h\u00f6rte schon mit 19 auf, zu schenken, h\u00fcllte mich in meinen Hochmut, l\u00e4sterte ein wenig mit Gleichgesinnten \u00fcber &#8222;die Massen&#8220; und war froh, wenn die Feste endlich vorbei waren. Kernpunkt der Kritik, sofern wir in den 70gern \u00fcberhaupt dar\u00fcber nachdachten, war der Vorwurf der Heuchelei: Das ganze Jahr geht euch die Welt am Arsch vorbei, aber an Weihnachten ist Glaube, Liebe, Hoffnung angesagt &#8211; gest\u00fctzt von nochmal ins Gigantische gesteigerter V\u00f6llerei, damit man&#8217;s besser ertr\u00e4gt! Oh b\u00f6se Welt, geh wende dich und dreh dich bitte weg, dass ICH dich nicht mehr seh&#8230;<\/p>\n<p>Welch&#8216; jugendliche Arroganz, denk&#8216; ich mir heute. Es ist ja ein Leichtes, s\u00e4mtliche Konventionen in Grund und Boden zu kritisieren, die b\u00f6sen oder banalen Motive dahinter zu entlarven und das immer auch Eigenn\u00fctzige hinter allen &#8222;guten Taten&#8220; dingfest zu machen &#8211; aber dann? Folgt aus der Kritik eine bessere Praxis? In der Regel nicht &#8211; wof\u00fcr man sich auch noch eine lange Zeit ganz unschuldig f\u00fchlt, je nachdem, wie lange es gelingt, von sich selber abzusehen, bzw. sich immer nur als Opfer der Verh\u00e4ltnisse zu betrachten.<\/p>\n<p>In einer der vielen Internet-Umfragen der letzten Zeit (Quelle vergessen) wurde unter anderem nach dem ehrenamtlichen sozialen Engagement der Teilnehmer gefragt. Null Prozent konnten diese Frage bejahen! Das hat mich schon ersch\u00fcttert, ich h\u00e4tte zumindest eine kleine Minderheit an ehrenamtlichen Helfern erwartet, auch unter Web-Surfern, die ja demoskopisch mehr und mehr einem Querschnitt durch die Gesellschaft entsprechen d\u00fcrften. Bevor ich mich \u00fcber sowas dann aber richtig aufrege, f\u00e4llt mir ein, da\u00df ich die Frage auch selber mit &#8222;Nein&#8220; beantwortet h\u00e4tte &#8211; m\u00f6cht&#8216; ich trotzdem weiter l\u00e4stern? Vom Welthass zum Selbsthass fortschreiten? Wem w\u00fcrde das n\u00fctzen?<\/p>\n<p>In meiner Generation ist das Helfen in Verruf geraten, in vieler Hinsicht. Erstmal politisch betrachtet als &#8222;Symptomkuriererei&#8220; am verha\u00dften &#8222;System&#8220;, sp\u00e4ter dann als psychologisch-hilfloses Dilettantentum, wo man besser professionelle Kr\u00e4fte wirken lassen sollte: Therapie f\u00fcr alle! Das finale Totschlagsargument gibt sich dann spirituell und hei\u00dft: Man kann Anderen nicht wirklich helfen, allenfalls hilft man sich selbst. Selbstver\u00e4nderung kann nicht von au\u00dfen kommen, Einsicht ist nicht vermittelbar, jeder findet auf dem eigenen Weg das vor, was er verursacht hat &#8211; wer w\u00e4ren wir, jemanden davor &#8222;erretten&#8220; zu wollen? Selbst wenn es funktionieren w\u00fcrde, w\u00fcrden wir dadurch nicht nur eine Entwicklung verz\u00f6gern? Schlie\u00dflich tritt Bewu\u00dftsein vor allem mitten im Leiden auf, wem es gut geht, der verf\u00e4llt dem gro\u00dfen Schlaf&#8230;<\/p>\n<p>Es ist vorbei mit der christlichen N\u00e4chstenliebe, zu Tode kritisiert im Abendland, Ersatz nicht in Sicht. Einige versuchen, das Licht aus dem Osten zu importieren, zum Beispiel die &#8222;Meta-Meditation zur Entwicklung liebender G\u00fcte f\u00fcr alle Wesen&#8220; aus dem tibetischen Buddhismus. Ich wei\u00df nicht, ob das wirklich etwas an der eingefleischten Ignoranz, in der wir gew\u00f6hnlich leben, \u00e4ndert. Mir kommen die tibetisch-buddhistischen Gemeinden vor wie die katholische Kirche in zeitgem\u00e4\u00dfer Fassung: wieder mystischer, prunk- und geheimnisvoller, ohne Gott, aber mit &#8222;gr\u00fcner Tara&#8220; &#8211; f\u00fcr mich funktioniert es so nicht, ich w\u00fcrde dann eher das Original nehmen, wenn ich mir von organisierter Religion noch etwas erhoffte.<\/p>\n<p>Sich also abfinden mit der K\u00e4lte in der Welt? Sich in den warmen Whirl-Pool setzen und vierh\u00e4ndig ayurvedisch massieren lassen, wenn es sich zu ungem\u00fctlich anf\u00fchlt? Weihnachten zeigt Jahr f\u00fcr Jahr einen Restbestand an Unzufriedenheit: der Wellness-Gedanke ist doch ein wenig d\u00fcnn als Erbe ehemaliger Gro\u00df-Werte wie Liebe, G\u00fcte und Solidarit\u00e4t. L\u00e4\u00dft er sich vielleicht erweitern? Soweit, da\u00df zum EIGENEN Wohlf\u00fchlen auch das Wohl des Anderen geh\u00f6rt? Und OHNE dass man dem anderen mit jedweder Zuwendung gleich eine Forderung mitliefert: Du sollst dich nach meinen Vorstellungen \u00e4ndern, sonst&#8230; ?<\/p>\n<p>Schreibend l\u00e4\u00dft sich das nicht feststellen, man mu\u00df es ausexperimentieren. Und deshalb mach&#8216; ich an dieser Stelle besser Schlu\u00df.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>P\u00fcnktlich zum Winteranfang der Schnee! 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