{"id":3675,"date":"2001-12-14T12:25:32","date_gmt":"2001-12-14T11:25:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3675"},"modified":"2023-01-04T12:25:56","modified_gmt":"2023-01-04T11:25:56","slug":"das-licht-der-tiefsten-nacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/12\/14\/das-licht-der-tiefsten-nacht\/","title":{"rendered":"Das Licht der tiefsten Nacht"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica;\">Nur noch wenige Tage bis zur l\u00e4ngsten Nacht. Ich merke, wie sich meine Aufmerksamkeit von den 1000 Kleinigkeiten des Alltags abwenden will &#8211; nach innen, oder &#8222;hinter&#8220; die Dinge, in einen Raum, der den Worten nicht so leicht zug\u00e4nglich ist. Vielleicht ist es das schwindende Licht, das ganz unbewu\u00dft an Verg\u00e4nglichkeit und Tod erinnert, worauf der Verstand mit allerlei Sinnfragen antwortet. Was tun wir &#8222;hier&#8220; eigentlich? Ist es nicht verr\u00fcckt, angesichts des gro\u00dfen Geheimnisses, das unser kurzes Dasein ahnen l\u00e4\u00dft, von fr\u00fch bis sp\u00e4t in Nebens\u00e4chlichkeiten zu versinken?<\/span><\/p>\n<p>Lange schon wei\u00df ich, dass es keine den Verstand befriedigenden Antworten gibt, jedenfalls keine, die man einfach nachlesen oder nachleben k\u00f6nnte. Also keine Suche mehr, es gen\u00fcgt, sich in der Stimmung der Frage aufzuhalten und zu sp\u00fcren, was f\u00fcr Gef\u00fchle aufkommen: Melancholie, Anfl\u00fcge von Traurigkeit, doch inmitten des dunkelsten Bereichs auch eine Freude, die man gerade dort nicht erwarten w\u00fcrde. Das mu\u00df das Licht sein, das symbolisch in der l\u00e4ngsten Nacht entz\u00fcndet wird, ein Eindruck, der mich mit den Seltsamkeiten des Weihnachtsfestes, wie es heute zelebriert wird, immer wieder vers\u00f6hnt.<\/p>\n<p>Diesen Punkt der Freude hinter der Traurigkeit ber\u00fchrend, ver\u00e4ndert sich der Blick auf die Welt und wird z\u00e4rtlich. Aber diese Z\u00e4rtlichkeit macht gleich noch trauriger. Auf einmal springt so viel sinnloses Leiden ins Auge, das sich mit einer &#8222;realistischen&#8220; Haltung weit besser ertragen l\u00e4\u00dft, mit dem \u00fcblichen Zynismus, mit cooler Schnoddrigkeit, mit steter Konzentration auf den eigenen Nutzen, das eigene Meinen und Wollen, das dann von anderen auch nichts anderes, jedenfalls nichts Besseres erwartet.<\/p>\n<p>Dieses hingeschrieben, h\u00f6rt es sich schon wieder wie ein Vorwurf an, oh Elend der Sprache! Gibt es einen Weg, etwas auszudr\u00fccken, ohne aufgrund blo\u00dfer Beschreibung gleich der Kritik verd\u00e4chtig zu werden? Kritik ist das verbale R\u00fcstzeug in der Welt des Kampfes, doch wovon ich sprechen will, liegt jenseits davon. Wenn mir zum Beispiel einer dumm kommt, mich angreift, mir in irgend einer Hinsicht am Zeug flicken will, bin ich \u00fcblicherweise auf Verteidigung eingestellt &#8211; oder, wenn der Gegner \u00fcberm\u00e4chtig ist oder die Sache es f\u00fcr mich nicht lohnt, auch auf Ausweichen, auf Flucht oder schlichtes Ignorieren. Ich kann aber auch &#8211; zumindest dann, wenn dieser &#8222;Punkt der Freude&#8220; gerade zug\u00e4nglich ist &#8211; &#8222;hinter&#8220; den Angriff sehen, die Motive und Gef\u00fchle mit-sp\u00fcren, die den Anderen zur H\u00e4rte zwingen. Das bedeutet, Angst und Unsicherheit wahrzunehmen, Verzweiflung, Ha\u00df und innere Verw\u00fcstungen an sich heranlassen, ganz genau so nah, als w\u00e4ren es die eigenen. Ja, es SIND in gewisser Weise die eigenen, denn wir sind alle aus demselben Holz geschnitzt.<\/p>\n<p>Sofern und solange das gelingt, bin ich voller Z\u00e4rtlichkeit &#8211; und traurig \u00fcber das, was ist. Das Visier klappt NICHT herunter, sondern meine Weichheit teilt sich dem Anderen mit. Geschieht das im &#8222;ganz normalen Leben&#8220;, kann es sein, da\u00df der Kampf endet, bzw. gar nicht erst beginnt. Das ist dann kein \u00fcblicher &#8222;Kontakt&#8220; mehr, wie wenn die Billardkugeln aufeinander treffen, sondern eine Begegnung von Menschen als Menschen: als diejenigen, die sterben m\u00fcssen und immer schon darum wissen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur noch wenige Tage bis zur l\u00e4ngsten Nacht. Ich merke, wie sich meine Aufmerksamkeit von den 1000 Kleinigkeiten des Alltags abwenden will &#8211; nach innen, oder &#8222;hinter&#8220; die Dinge, in einen Raum, der den Worten nicht so leicht zug\u00e4nglich ist. 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