{"id":367,"date":"2009-10-15T13:17:57","date_gmt":"2009-10-15T11:17:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=367"},"modified":"2009-10-31T12:58:30","modified_gmt":"2009-10-31T10:58:30","slug":"tranquilizer-fuer-die-menschheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/10\/15\/tranquilizer-fuer-die-menschheit\/","title":{"rendered":"Tranquilizer f\u00fcr die Menschheit ?"},"content":{"rendered":"<p>Als ich um die 18 war, gab&#8216; es gerade einen richtigen Hype um LSD, die neue, spektakul\u00e4r bewusstseinsver\u00e4ndernde Droge jener wilden Jahre. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Timothy_Leary\">Timothy Leary<\/a> meinte, man solle es am besten \u00fcberall ins Trinkwasser sch\u00fctten, dann w\u00fcrden alle gl\u00fccklich und k\u00f6nnten einander liebevoll begegnen: vorbei mit Krieg und Interessenkonflikt, Schluss mit Nachbarschaftsstreit und Beziehungsknatsch, Ende aller Angst und nur noch Friede, Freude, Liebe, Gl\u00fcck!<!--more--><\/p>\n<p>Als ich es dann selber ausprobierte, wusste ich, dass das keine gute Idee war. Denn wie soll eine Wirtschaft und Gesellschaft funktionieren, wenn die Leute vor jedem bunten Blatt und jeder interessant strukturierten Wand staunend verharren und sich selbst vergessen? Und zwar nicht in jenem \u00fcbertragenen Sinne, der unter Spirituellen als &#8222;Befreiung vom Ego&#8220; ger\u00fchmt wird, sondern ganz buchst\u00e4blich: nicht mehr wissen, dass eine Hand zum Greifen da ist und dass man da unten irgendwo auch Beine zum Laufen hat. Verkl\u00e4rt l\u00e4chelnd schwelgt der Blick in wild bewegten Farben und Formen, doch jede Fliege kann leicht zum Monster werden und der Trip zum gar nicht &#8222;sprichw\u00f6rtlichen&#8220; Horror-Trip.<\/p>\n<h2>Vom ganz realen Wahnsinn<\/h2>\n<p>Heute kommt mir vieles in dieser Welt als ein mutwillig veranstalteter Horror-Trip vor. Noch habe ich Gl\u00fcck und sitze betrachtend am Rande, leide weder Hunger noch Durst, erlebe keinen &#8222;ungesunden Stress&#8220; und nutze die Freiheit, mich ausschlie\u00dflich mit angenehmen Mitmenschen zu umgeben. Da ich mich aber nicht dazu durchringen kann, Nachrichten einfach zu vermeiden, sondern im Gegenteil t\u00e4glich in vielen Quellen lese, was so alles stattfindet, komme ich nicht daran vorbei, zu bemerken, wie die Verr\u00fccktheit um sich greift. Ganze Gesellschaften scheinen wahnsinnig zu werden, depressiv, voller Angst und gleichzeitig extrem aggressiv gegen &#8222;Abweichler&#8220;.  <\/p>\n<p>Die USA, die einst f\u00fcr Freiheit als obersten Wert standen, haben sich in ein enges Korsett aus Null-Toleranz-Gesetzen eingesponnen, das sogar <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/schulspiegel\/ausland\/0,1518,655018,00.html\">6-j\u00e4hrige Grundsch\u00fcler aussortiert,<\/a> die es wagen, ein Campingbesteck in die Schule mitzubringen. In England muss sich k\u00fcnftig jeder, der Kontakt mit Kindern hat, bei einer eigens geschaffenen Beh\u00f6rde (ISA) <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/panorama\/418\/490791\/text\/\">registrieren lassen<\/a>. Wer sich weigert, riskiert 5000 Pfund Geldstrafe und die Eintragung ins Strafregister. 200 Beamte erstellen &#8222;Risikoprofile&#8220; der Registrierten und k\u00f6nnen den Umgang mit Kindern untersagen, sofern die Person nicht ganz stromlinienf\u00f6rmig lebt: <em>&#8222;Schwere emotionale Einsamkeit&#8220; etwa, eine &#8222;impulsive, chaotische und instabile Lebensf\u00fchrung&#8220; oder die Verwendung berauschender Substanzen zur Bek\u00e4mpfung von Stress k\u00f6nnen demnach Alarmsignale ausl\u00f6sen. Das Glas Rotwein nach einem harten Tag, so scheint es, birgt das Risiko, als Kindersch\u00e4nder abgestempelt zu werden.&#8220;<\/em> <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/panorama\/418\/490791\/text\/\">(SZ)<\/a><!--more--><\/p>\n<p>Hierzulande schreitet man mit gro\u00dfen Schritten auf den totalen <a href=\"http:\/\/www.stasizwopunktnull.de\/start.htm\">\u00dcberwachungsstaat<\/a> zu, denn offenbar ist die gro\u00dfe Mehrheit bereit, jegliche Privatheit und pers\u00f6nliche Freiheit einer vermeintlichen &#8222;Sicherheit&#8220; zu opfern, von der uns fortw\u00e4hrend berichtet wird, wie sehr sie in Gefahr sei.  Auch um die Gesundheit sollen wir uns gef\u00e4lligst sorgen und uns massenhaft gegen eine &#8222;Schweinegrippe&#8220; impfen lassen, die in aller Regel weit harmloser verl\u00e4uft als die j\u00e4hrliche Wintergrippe. <\/p>\n<h2>Stress und Hetze, wohin man schaut<\/h2>\n<p>Gar nicht harmlos ist allerdings der immer weiter versch\u00e4rfte Stress in der Arbeitswelt, dem sich alle widerstandslos unterwerfen, um nicht ins Nichts abzurutschen, wo die b\u00f6sen faulen Arbeitslosen und Sozialschmarotzer ihr ARGEs Fegefeuer-Leben fristen. Anstatt gemeinsam Missst\u00e4nde zu bek\u00e4mpfen, flieht man auseinander in h\u00fcbsch abgegrenzte gut bewachte Wohnbezirke einerseits und pr\u00e4ventiv observierte &#8222;soziale Brennpunkte&#8220; andrerseits. Besser Verdienende und Noch-Mittelst\u00e4ndler rauben ihren Kindern die Kindheit und pfropfen sie ab Kita-Alter mit Wissen voll, Gymnasiasten werden zu 34-Schulstunden-Wochen plus Hausaufgaben gezwungen, um in 8 Jahren einen viel zu umfangreichen Lehrplan zu bew\u00e4ltigen. Und alle, die damit Probleme haben, bekommen Ritalin &#038; Co. oder werden &#8211; wenn das auch nicht hilft &#8211; einfach aussortiert.<\/p>\n<p>Gestern im TV, Thema &#8222;Rente mit 67&#8220;:  Ein Trupp Bauarbeiter wird in schwindelnder H\u00f6he beim Herumwuchten und Aufstapeln von Dachschindeln gezeigt, der \u00c4lteste ist knapp \u00fcber 50 und hat schon Probleme, <em>&#8222;bei dem Stress mitzuhalten&#8220;.<\/em> Verdammt nochmal, warum muss denn \u00fcberall so eine Hetze sein? Warum wird auf dem Bau zunehmend nachts gearbeitet? Egal was f\u00fcr Gewerke und Produkte da all\u00fcberall entstehen: meist sind es nicht unbedingt lebenswichtige Dinge und man sollte denken, es sei recht egal, ob das Dach ein wenig fr\u00fcher oder sp\u00e4ter fertig wird. Ist es aber nicht, denn wir haben uns eine Welt erschaffen, in der jede Minute z\u00e4hlt und in der es kaum noch darauf ankommt, wie WICHTIG eine Arbeit mit Blick aufs Ganze ist, sondern einzig darum, den Verwertungsprozess zu beschleunigen.<\/p>\n<p>Krankmeldungen wegen psychischer St\u00f6rungen haben seit der Jahrtausendwende massiv zugenommen. Das zeigt immerhin, das die Menschen noch nicht komplett zu Robotern geworden sind, sondern in all diesem sinnlosen Stress an ihre Grenzen geraten. Leider erw\u00e4chst aus solchen Fakten keinerlei Solidarisierung oder gar gemeinsamer Widerstand: jeder ist dazu erzogen, alles als per\u00f6nliches Versagen anzusehen, nicht etwa als Fehlentwicklung im Betrieb, gar im System. Wir rei\u00dfen uns ein Bein aus und eifern hirnlos dem amerikanischen &#8222;Hard Working&#8220; nach, das da dr\u00fcben lange schon als einzige Legitimation zum Mitleben gilt: wer mit zwei Niedriglohn-Jobs nicht rum kommt, braucht halt einen dritten! <\/p>\n<h2>Jeder f\u00fcr sich und alle gegen die Schwachen<\/h2>\n<p>Wer nicht depressiv wird, wird zunehmend aggressiv: gegen Schwache, Arbeitslose, Immigranten und alle, die nicht wie ein gut ge\u00f6ltes R\u00e4dchen im Getriebe funktionieren. Eine Stimmung, die der Staat gerne nutzt: 20.000 Roma, die seit vielen Jahren hier leben, sollen jetzt <a href=\"http:\/\/www.roma-kosovoinfo.com\/index.php?option=com_content&#038;task=blogsection&#038;id=8&#038;Itemid=39\">in den Kosovo abgeschoben<\/a> werden, wo ihnen weitere Verfolgung droht und die Lebensverh\u00e4ltnisse keinerlei Perspektive bieten (100% arbeitslose Roma schon jetzt!). Hessen und Niedersachsen haben bereits mit dem Abschieben angefangen, doch auch lange integrierte Minderheiten wie die Berliner T\u00fcrken sind wieder mal mediale Opfer neuer Feindseligkeiten, die sich unter dem Schutz der Anonymit\u00e4t derzeit aufs Widerlichste in den Kommentarbereichen vieler Medien austobt. <em>(Ich leugne nicht die Probleme, es kotzt mich nur der Umgang damit an!)<\/em><\/p>\n<p>Angesichts der restriktiven Einwanderungspolitik, die sich an Europas Grenzen in all ihrer menschenverachtenden Art und Weise zeigt, frage ich mich immer mal wieder: wie gedenkt man eigentlich mit der langsam aber sicher zur Greisenrepublik tendierenden Bev\u00f6lkerungsentwicklung umzugehen? Es w\u00e4re doch das nahe liegendste Mittel der Wahl, aktive und engagierte Menschen aus aller Welt einzuladen und sie entsprechend zu f\u00f6rdern und zu bilden &#8211; anstatt ihre Boote im Mittelmeer kentern zu lassen und Kapit\u00e4ne wegen Fl\u00fcchtlingsrettung <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/gesellschaft\/0,1518,653762,00.html\">vor Gericht zu stellen. <\/a><\/p>\n<p>Wird die Welt immer wahnsinniger? Oder ist es mein eigenes Altern, das mich die Dinge als komplett irre geworden ansehen l\u00e4sst? Das werde ich nie wissen, doch anders als Timothy Leary w\u00fcrde ich heute kein LSD f\u00fcrs Trinkwasser empfehlen, sondern eher ein Beruhigungsmittel, kombiniert mit einem Stimmungsaufheller. Die Ausbringung in s\u00e4mtliche st\u00e4dtischen Trinkwasserversorgungen und Fl\u00fcsse k\u00f6nnte von der WHO organisiert werden, die sich jetzt so erfolgreich um die Schweinegrippe k\u00fcmmert. Alle w\u00e4ren friedlich, ein bisschen schlaff, aber bei bester Laune &#8211; und die Pharmaindustrie h\u00e4tte auch wieder was davon! <\/p>\n<p>Warum eigentlich nicht?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich um die 18 war, gab&#8216; es gerade einen richtigen Hype um LSD, die neue, spektakul\u00e4r bewusstseinsver\u00e4ndernde Droge jener wilden Jahre. Timothy Leary meinte, man solle es am besten \u00fcberall ins Trinkwasser sch\u00fctten, dann w\u00fcrden alle gl\u00fccklich und k\u00f6nnten einander liebevoll begegnen: vorbei mit Krieg und Interessenkonflikt, Schluss mit Nachbarschaftsstreit und Beziehungsknatsch, Ende aller [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[8],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/367"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=367"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/367\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=367"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=367"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=367"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}