{"id":3668,"date":"2001-11-15T12:01:26","date_gmt":"2001-11-15T11:01:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3668"},"modified":"2023-01-04T12:04:41","modified_gmt":"2023-01-04T11:04:41","slug":"die-naehe-so-fern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/11\/15\/die-naehe-so-fern\/","title":{"rendered":"Die N\u00e4he so fern"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica;\">&#8222;<em>Vielleicht gelingt es dann auch, einige der mi\u00dfhandelten Kinder zu finden<\/em>&#8222;, hofft der Kriminalbeamte, der von der in mehreren L\u00e4ndern zeitgleich durchgef\u00fchrten Razzia gegen einen Kinderporno-Ring berichtet. Zigtausende Bilder wurden gefunden, Computer beschlagnahmt, T\u00e4ter verhaftet &#8211; vorbei die Zeiten, da der Cyberspace ein rechtsfreier Raum war, wo man den miesesten Aspekten menschlichen Begehrens unerkannt und ungestraft nachgehen konnte, gut so!<\/p>\n<p>Aber die Kinder: Wo sind sie? Wird es gelingen, sie mittels der Bilder, Texte und Daten aus &#8222;Virtual World&#8220; ausfindig zu machen, den Mi\u00dfbrauch und die Ausbeutung im &#8222;realen Leben&#8220; zu unterbinden? Vielleicht gibt es ja eine kleine Chance, auf diesem Weg das eine oder andere Opfer aus den Klauen seiner Mi\u00dfhandler zu befreien, andrerseits: W\u00e4re da \u00fcberhaupt eine derart gro\u00dfe Nachfrage nach Kinderporno, g\u00e4be es einen &#8222;Markt&#8220;, ohne die weltweite Vernetzung? Vor allem: Warum bemerkt in der Umgebung der Kinder niemand etwas? In der Schule, im Kindergarten, in der Nachbarschaft, beim Arzt?<\/p>\n<p>Heute Morgen hab&#8216; ich zuerst den PC eingeschaltet, erst eine Stunde sp\u00e4ter mal die Vorh\u00e4nge aufgezogen und ein Fenster ge\u00f6ffnet. Mein &#8222;Blick in die Welt&#8220; richtet sich immer \u00f6fter auf einen Bildschirm, wenn es mich nach Kommunikation und Kontakt, Gemeinschaft und Austausch gel\u00fcstet. Und ich erlebe das nicht etwa als Verlust und Beschr\u00e4nkung, sondern bin in der Regel begeistert, mittels der Netze so viel leichter Menschen zu finden, mit denen ich etwas anfangen kann, Menschen gleichen Geistes oder zumindest mit \u00e4hnlichen Interessen und mentalen Horizonten. Die Leute aber, die in meinem Mietshaus wohnen, erkenne ich auch nach einam halben Jahr noch nicht alle als Nachbarn &#8211; wie denn auch?<\/p>\n<p>Das Netz wird immer engmaschiger und manchmal hoffe ich darauf, da\u00df sich beim Erreichen einer bestimmten Dichte ein Qualit\u00e4tssprung im Nahbereich ereignet: Wenn ich dann meine Adresse bei Google eingebe, finde ich die Homepages und Blogs meiner Nachbarn! Und dann? Werde ich ihnen eine E-Mail schreiben, in der Hoffnung, mit diesen Menschen in der N\u00e4he auch in Kontakt zu kommen?<\/p>\n<p>Vielleicht gerade nicht! Ich habe Grund zur Annahme, da\u00df die Sehnsucht nach physischer N\u00e4he, die uns noch immer als das Echte und Wahre, das einzig &#8222;richtig Wirkliche&#8220; vorkommt, gar kein tats\u00e4chliches Bed\u00fcrfnis mehr ist, sondern nur noch eine alte Denkgewohnheit. Warum sch\u00e4tze ich denn die Stadt und bin nach zwei Jahren auf dem Land mit Freude wieder in den &#8222;Moloch Berlin&#8220; gezogen? Gerade wegen der Anonymit\u00e4t, dem &#8222;Leben und Leben lassen&#8220;, das die einzige Weise darstellt, wie viele Menschen auf so engem Raum zusammen (nein, eben nicht zusammen!) leben k\u00f6nnen. Wegen der Ignoranz und Unverbindlichkeit, k\u00f6nnte man auch sagen, also genau wegen derjenigen Aspekte, an denen wir doch so sehr zu leiden meinen.<\/p>\n<p>Das kreat\u00fcrliche Bed\u00fcrfnis nach physischer N\u00e4he ist nat\u00fcrlich immer noch vorhanden, es treibt mich in die Sauna, ins Fitness-Center und in die Shopping-Mall. Ich erkl\u00e4re mir das mit unserer engen Verwandtschaft mit den Affen: die sitzen auch gern zusammen herum, k\u00f6nnen sich sogar lausen, schlagen und vernaschen, ohne erst wochenlang Denkinhalte abgleichen zu m\u00fcssen. Manchmal beneide ich sie darum, wohl wissend, da\u00df ich selber allzu spontan-urspr\u00fcngliche Kontaktaufnahme im Nahbereich nie und nimmer tolerieren k\u00f6nnte!<\/p>\n<p>Und so treffe ich bei solchen und \u00e4hnlichen Gedankenspielen immer wieder auf die absurde Widerspr\u00fcchlichkeit des eigenen Daseins. Wie soll ich da ernsthaft bleiben? Wie ernst kann ich meine W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse noch nehmen, wie kann ich bleibende Werte vertreten, wenn ich doch wei\u00df, da\u00df ihre Verwirklichung mich in \u00fcberst\u00fcrzte Fluchten treiben w\u00fcrde?<\/p>\n<p>Einfach alles &#8222;sein lassen&#8220; wie es eben ist und fr\u00f6hlich dar\u00fcber lachen? Sich keine weiteren Gedanken machen, sondern das Leben genie\u00dfen, so gut man es gerade vermag? Auch das ist keine echte M\u00f6glichkeit, wenn ich mit offenen Augen durch die Welt gehe (oder sollte ich sagen: surfe?). Denn ich sehe, dass genau dieses absurde Sosein, das zunehmende Verschwinden aus dem Nahbereich, zu so viel Elend f\u00fchrt: Die Kinder, deren Verletztheit wir nicht bemerken, die Alten, Kranken und Behinderten, die in Heime und Anstalten weggesperrt werden &#8211; und schlie\u00dflich auch die tiefe Sehnsucht, die in den Herzen der Menschen weiterlebt und niemals damit zufrieden ist, dass wir zu Bildern, Texten, Zahlen werden, nurmehr an sch\u00f6nen Oberfl\u00e4chen und technischen Apparaten arbeiten und den Anderen ignorieren, wenn wir ihn nicht gerade als Konkurrenten f\u00fcrchten.<br \/>\n<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Vielleicht gelingt es dann auch, einige der mi\u00dfhandelten Kinder zu finden&#8222;, hofft der Kriminalbeamte, der von der in mehreren L\u00e4ndern zeitgleich durchgef\u00fchrten Razzia gegen einen Kinderporno-Ring berichtet. Zigtausende Bilder wurden gefunden, Computer beschlagnahmt, T\u00e4ter verhaftet &#8211; vorbei die Zeiten, da der Cyberspace ein rechtsfreier Raum war, wo man den miesesten Aspekten menschlichen Begehrens unerkannt und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[471,11,7],"tags":[646,647,645],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3668"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3668"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3668\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3668"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3668"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3668"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}