{"id":3665,"date":"2001-11-09T11:57:45","date_gmt":"2001-11-09T10:57:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3665"},"modified":"2023-01-04T12:01:09","modified_gmt":"2023-01-04T11:01:09","slug":"sag-niemals-nie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/11\/09\/sag-niemals-nie\/","title":{"rendered":"Sag niemals nie!"},"content":{"rendered":"<p>Seit Anfang September geh&#8216; ich in ein Fitness-Center, ich glaub es kaum!. &#8222;Sport ist Mord&#8220; war schlie\u00dflich jahrzehntelang mein Wahlspruch: Verschwitzte Jogger mit modischem Stirnband, muskelbepackte Bodybuilder an martialischen Ger\u00e4ten, M\u00e4dels im Aerobic-Wahn, alles Mitglieder einer verirrten Sekte, die &#8222;Fit for fun&#8220; und einen gestylten Body als oberste Werte zelebriert. Geistfl\u00fcchtlinge, Renegaten, bedauernswerte Gestalten, die ihre Orientierungslosigkeit im Physischen zu \u00fcberwinden suchen: Gewicht, Puls, Kraft, alles immerhin verl\u00e4sslich messbare Gr\u00f6\u00dfen, da wei\u00df man, was man ist!<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3666\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/center.jpg\" alt=\"Fitnesscompany Berlin\" width=\"200\" height=\"186\" \/>Und jetzt lauf&#8216; ich selber \u00fcbers Band. Gl\u00fccklicherweise ist Joggen heute out und &#8222;walken&#8220; angesagt, sonst&#8216; h\u00e4tt&#8216; ich den Einstieg vermutlich nie geschafft. Bei 6,2 km\/h bring ich in zehn Minuten einen virtuellen Kilometer hinter mich, verbrauche dabei 75 Kalorien, gerate leicht ins Schwitzen und f\u00fchl&#8216; mich so wohl dabei, da\u00df ich oft noch zehn Minuten &#8222;rudern&#8220; dranh\u00e4nge, oder gar&#8216; weiterlaufe zum w\u00f6chentlich angesagten &#8222;Cardio-Training&#8220;: 40 Minuten auf der Stelle treten, mein Gott, wo bin ich gelandet?<\/p>\n<p>Im September hatte ich die Einladung zum (fast) kostenlosen Probemonat im Briefkasten gefunden, ein Center in meiner N\u00e4he, dass ich auch zu fu\u00df erreichen kann. &#8222;Jetzt probierst du&#8217;s einfach mal aus&#8220;, dacht&#8216; ich mir. Gerade war ich n\u00e4mlich dabei, wieder in eine versch\u00e4rfte &#8222;Gesund-Leben-Phase&#8220; einzuschwenken, fettarm essen, viel Rohkost, nicht rauchen, abnehmen &#8211; selber orientierungslos geworden, \u00f6dete mich alles an, was nur \u00fcber einen Monitor zu erleben ist, von der Brotarbeit \u00fcber die vielf\u00e4ltigen Kommunikationsformen bis hin zum k\u00fcnstlerischen Selbstausdruck und politischen Engagement. Immer nur Tasten dr\u00fccken, Maus-klicken und denken? Nein danke, das kann doch nicht alles sein! Die Sauna als wunderbare Abwechslung in einem Bildschirmleben hatte ich ja schon kennen gelernt &#8211; nun war es vom passiv Schwitzen zum aktiven Anstrengen gar kein so gro\u00dfer Schritt. Und eine Sauna gibt&#8217;s im Center ja auch, da spart man richtig Geld!<\/p>\n<h2>Yoga<\/h2>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3667\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/dreieck.jpg\" alt=\"Yoga-Asana\" width=\"110\" height=\"200\" \/>Ganz unbedarft in Bezug auf die k\u00f6rperliche Ebene war ich nicht, als ich mein &#8222;Probetraining&#8220; absolvierte. \u00dcber zehn Jahre ZEN-Yoga liegen hinter mir und ich bin nicht so verr\u00fcckt, das eine durch das andere ersetzen zu wollen, bewahre! Obwohl eine Yogastunde von au\u00dfen betrachtet vornehmlich aus k\u00f6rperlichen \u00dcbungen und Haltungen besteht, liegt der Schwerpunkt doch auf der psychisch-geistigen Ebene: Sich selbst kennen lernen, indem man das Zusammenspiel von K\u00f6rper, Gef\u00fchl und Denken bemerkt, dazu die Schwingungen aus der Umgebung, die Ver\u00e4nderungen im Lauf der Jahreszeiten, Momente der Stille, Entspannung, Nicht-Denken&#8230; &#8211; wer bis dahin haupts\u00e4chlich auf der mental-intellektuellen Ebene lebt, lernt die Welt auf ganz neue Art kennen, die vordergr\u00fcndige Abgetrenntheit des &#8222;Ich denke&#8220; entpuppt sich als Illusion, aber auch das v\u00f6llige Ausgeliefertsein an Emotionen &#8211; Wut, \u00c4rger, Panik, Euphorie &#8211; nimmt deutlich ab. Man erkennt: Eindr\u00fccke von au\u00dfen (und auch innere Gr\u00fcbeleien) erzeugen \u00fcblicherweise automatenhafte Gef\u00fchlsreaktionen, die wiederum das Denken bestimmen. Aber diese &#8222;Gef\u00fchle&#8220; sind samt und sonders im Grunde k\u00f6rperliche Reaktionen &#8211; im Bauch, im Brustbereich, um den Solarplexus, im Becken -, gepaart mit Ver\u00e4nderungen der Atmung.<\/p>\n<p>Je mehr ich mir dieses Geschehens \u00fcbend und beobachtend bewu\u00dft werde, desto weniger kann ich dieser Ebenen-Verkettung verfallen. Wenn der K\u00f6rper einmal gelernt hat, auf eine pl\u00f6tzliche Verspannung (Angst, Angriff&#8230;) mit Tiefer-in-den-Bauch-atmen zu antworten und sie so augenblicklich wieder zu l\u00f6sen, dann bedeutet das einen ungeheuren Freiheitsgewinn im Psychisch-Geistigen, im Realen Leben mit all seinen Schrecken und Freuden. Voraussetzung ist eine Flexibilisierung des K\u00f6rpers, damit er seine Zust\u00e4nde \u00fcberhaupt von Augenblick zu Augenblick ver\u00e4ndern kann und nicht in jahrzehntelang entwickelten Dauerverspannungen festh\u00e4lt, die nicht nur zum Muskel- , sondern auch zum Charakterpanzer geworden sind, wie man ihn \u00fcberall beobachten kann, wo man Menschen trifft.<\/p>\n<p>Obwohl nun Yoga, wie ihn mein Lehrer Hans-Peter Hempel lehrt, dazu herausfordert, sich vollst\u00e4ndig kennen zu lernen, alle unber\u00fchrten R\u00e4ume und Ger\u00fcmpelecken des eigenen Daseins zu betreten und zu &#8222;belichten&#8220;, ist es mir doch in all diesen Jahren gelungen, ganz unbemerkt eine bestimmte Ebene weitgehend zu vermeiden, die mir schon als Kind als der Horror schlechthin erschien: alles, was richtig anstrengt und Kraft kostet, wobei man heftig ins Schwitzen ger\u00e4t, wo die Muskeln nicht nur gedehnt werden, sondern auch Krafteinsatz bringen m\u00fcssen. Es gibt solche \u00dcbungen, auch im Yoga, aber sie machen eher einen kleinen Teil aus und den konnte ich durchaus &#8222;halblang&#8220; angehen, ganz unauff\u00e4llig, lange Zeit sogar, ohne dass es mir bewusst geworden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Und jetzt walke ich 40 Minuten, mach&#8216; Sonntags den Langhantel-Kurs, verausgabe mich an den Ger\u00e4ten und GENIESSE es auf einmal, ins Schwitzen zu geraten! Ich hab&#8216; keinen Ehrgeiz, schwere Gewichte zu stemmen, sondern stell&#8216; mir alles so ein, dass ich gerade mal eine gewisse Anstrengung versp\u00fcre &#8211; und in nur f\u00fcnf Wochen mu\u00dfte ich pro Ger\u00e4t schon ein- bis zwei &#8222;Briketts&#8220; nachlegen, damit das Gef\u00fchl das gleiche bleibt. Wow! Da ich den ganzen Tag am Computer sitze, f\u00fchle ich mich wie ein neuer Mensch, wenn ich mittags eineinhalb bis zwei Stunden Fitness plus Sauna einschiebe. Meine Freude an der Arbeit ist weit gr\u00f6\u00dfer, die Laune besser und auch der Output ist MEHR geworden, obwohl ich geglaubt h\u00e4tte, soviel Zeit k\u00f6nne ich doch der Sache nicht opfern.<\/p>\n<p>Ach ja, bevor ich&#8217;s vergesse: Auch die Angst, mit einem nicht-perfekten K\u00f6rper unter lauter jungen Halbg\u00f6ttinen und G\u00f6ttern zum Gesp\u00f6tt zu werden, war v\u00f6llig unbegr\u00fcndet: Solche sind &#8211; zumindest in meinem Center &#8211; eher eine kleine Minderheit. Das mittlere Alter ist stark vertreten und derzeit steigt der Anteil der Over60s gerade sp\u00fcrbar an!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Anfang September geh&#8216; ich in ein Fitness-Center, ich glaub es kaum!. &#8222;Sport ist Mord&#8220; war schlie\u00dflich jahrzehntelang mein Wahlspruch: Verschwitzte Jogger mit modischem Stirnband, muskelbepackte Bodybuilder an martialischen Ger\u00e4ten, M\u00e4dels im Aerobic-Wahn, alles Mitglieder einer verirrten Sekte, die &#8222;Fit for fun&#8220; und einen gestylten Body als oberste Werte zelebriert. 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