{"id":3652,"date":"2001-11-03T11:33:26","date_gmt":"2001-11-03T10:33:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3652"},"modified":"2023-01-04T11:37:47","modified_gmt":"2023-01-04T10:37:47","slug":"vom-krieg-reden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/11\/03\/vom-krieg-reden\/","title":{"rendered":"Vom Krieg reden"},"content":{"rendered":"<p>Seit dem Anschlag auf das WTC hat es im Digidiary nur zwei Beitr\u00e4ge zum Thema gegeben: &#8222;<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/09\/18\/vom-glueck-mitten-im-grauen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vom Gl\u00fcck mitten im Grauen<\/a>&#8222;, etwa eine Woche danach, und &#8222;<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/10\/18\/der-feind-die-eigene-frage\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Feind: die eigene Frage<\/a>&#8220; am 12.Tag der Bombardierung Afghanistans. Das ist wenig, sehr wenig. Warum nur diese extreme Sparsamkeit angesichts von Ereignissen, die die Welt bewegen wie nichts sonst seit dem Fall der Mauer?<\/p>\n<p>Auch in Mailinglisten diskutiere ich nicht, lese nicht einmal mehr mit, wenn diejenigen, die das Wort ergreifen, mit t\u00f6dlicher Sicherheit aneinander geraten &#8211; egal, wie sehr sich der Einzelne bem\u00fchen mag, gerade das zu vermeiden. Zum Nachdenken \u00fcber den Krieg bevorzuge ich wieder traditionelle Medien: die ZEIT, den SPIEGEL, die Berliner Zeitung, selten die TAZ, dazu ARTE und 3SAT &#8211; die panisch-hysterischen Brennpunkte in ARD und ZDF hab&#8216; ich mittlerweile abgew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Ein Grund, mich weitgehend mit eigenen Meinungen zur\u00fcckzuhalten, ist das, was ich den &#8222;inneren Mainstream&#8220; nenne. Wenn ich ehrlich in mich hineinsehe, finde ich dort allermeist genau die Gef\u00fchle und Gedanken, die die Demoskopie gerade als &#8222;Mehrheitsmeinung&#8220; oder als &#8222;wachsenden Trend&#8220; ermittelt. Am Anfang das fassungslose Erschrecken, auf das schnell ein Bed\u00fcrfnis nach dem wie auch immer zu leistenden &#8222;Strike back&#8220; folgte &#8211; und dann die wachsende Unzufriedenheit mit dem Krieg, je l\u00e4nger er dauert und je mehr Bilder von zivilen Opfern pr\u00e4sentiert werden, verbunden mit einer immer kritischeren Haltung gegen\u00fcber den USA.<\/p>\n<p>Dieses innere Mitschwingen mit dem, was MAN denkt, kann ich nicht mehr ganz ernst nehmen. Nicht, dass ich es im Einzelnen kritisieren k\u00f6nnte, das w\u00e4re Schizophrenie, aber in seiner automatenhaften Zwangsl\u00e4ufigkeit ist es mir ausreichend suspekt, um es zumindest nicht als &#8222;handlungsleitend&#8220; anzusehen. Es w\u00e4re geradezu hirnrissig, f\u00fcr irgendeine aktuelle Position in den Ring zu treten, wenn ich doch wei\u00df, dass diese in einer Woche schon wieder ganz anders aussehen kann, je nach Informationslage und medialem Input. Mehr noch: Es scheint mir ganz unm\u00f6glich, angesichts der Komplexit\u00e4t, die das ganze Thema mittlerweile angenommen hat, \u00fcberhaupt irgend eine Position zu vertreten, von der ich noch glauben k\u00f6nnte, dass sie wahr und richtig, oder auch nur &#8222;erfolgversprechend&#8220; sei.<\/p>\n<p>Dass ich bei dieser Erkenntnis stehen bleiben kann, sehe ich als Privileg. Ich darf den Mund halten und au\u00dfer ein wenig Verwunderung beim einen oder anderen Leser droht mir deshalb nichts. Die Meinungsfreiheit in einem demokratischen Staat umfasst das Recht, zu schweigen, genau wie die M\u00f6glichkeit, jeden Schrott zu verzapfen, der einem gerade in den Sinn kommt &#8211; bis hin zu Verschw\u00f6rungstheorien, die davon ausgehen, der CIA h\u00e4tte das WTC selber in die Luft gejagt, um endlich gegen die Taliban in den Krieg ziehen zu k\u00f6nnen (=politische Bildung per &#8222;Akte X&#8220;).<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen denken und schreiben, was wir wollen. Das ist gut so und davon wird ja auch weidlich Gebrauch gemacht. Mittlerweile ist der Schrecken und die erste Solidarisierung von der Volksseele gewichen und die meisten Denker &amp; Schreiber kehren zu ihren immer schon geliebten Denkfiguren und Weltsichten zur\u00fcck, ordnen die Ereignisse s\u00e4uberlich entsprechend ein und widmen sich dem Gesch\u00e4ft der Meinungsbildung: dem Volk sagen, was gut und richtig ist, und denen da oben beibringen, was sie alles falsch machen. Das intellektuelle &#8222;Business as usual&#8220; geht seinen Gang, was w\u00e4re auch anderes zu erwarten?<\/p>\n<p>Was mich dabei immer wieder w\u00fctend macht, ist die Ignoranz bez\u00fcglich der eigenen Position und Privilegierung, die vom anerkannten &#8222;Experten&#8220; bis hin zum schlichten Mailinglisten-Autor zu beobachten ist. Die Analysen, Meinungen und Forderungen m\u00f6gen \u00fcberdacht und gut gemeint sein, aber wer tut das denn im klaren Bewusstsein, dass dieses &#8222;Meinungen vertreten&#8220; etwas ganz anderes ist als das &#8222;Handeln m\u00fcssen&#8220; der politischen Akteure?<\/p>\n<p>Zum einen vermisse ich die Zur\u00fcckhaltung im Urteilen und Verurteilen, die aus einem solchen Gewahrsein automatisch folgen w\u00fcrde, zum anderen sehe ich ein Bem\u00fchen, sich selber immer h\u00fcbsch auf der sicheren, sauberen Seite zu halten und moralisch m\u00f6glichst unangreifbare Positionen einzunehmen &#8211; wohl wissend, dass Moral alleine im politischen Gesch\u00e4ft nicht ausreicht. F\u00fcr mich ist damit dann auch das Ende der intellektuellen Redlichkeit erreicht.<\/p>\n<p>Es wird Zeit f\u00fcr ein Beispiel. Eine derzeit wieder gern genommene Simplifizierung allzu komplexer Sachverhalte ist die &#8222;\u00d6l-Brille&#8220;: Es gehe den USA doch &#8222;nur ums \u00d6l&#8220; &#8211; der Krieg werde &#8222;in Wahrheit&#8220; wegen einer durch Afghanistan zu verlegenden Pipeline gef\u00fchrt, bzw. um eine weitere USA-h\u00f6rige \u00d6l-Provinz zu errichten. Ich halte diese platte Sicht der Dinge f\u00fcr falsch, angesichts der beispiellosen Geschlagenheit der amerikanischen Bev\u00f6lkerung, die eine kriegerische Antwort faktisch unausweichlich machte, auch f\u00fcr dumm. Aber das ist nur meine Meinung, darauf will ich jetzt nicht hinaus &#8211; sondern darauf, auf welchem Hintergrund dieser Vorwurf von denjenigen, die ihn im Gestus moralischer Emp\u00f6rung erheben, eigentlich formuliert wird.<\/p>\n<p>Als h\u00e4tten wir alle mit dem \u00d6l nichts zu tun! Da sitzt der Autor in seinem \u00f6lzentralbeheizten Altbau in seinen kunststoffbeschichteten Designerm\u00f6beln und schreibt seinen Text, erhebt sich dann, f\u00e4hrt mit dem Mittelklassewagen zum Flughafen, steigt dort in den kerosinfressenden Flieger zur n\u00e4chsten Tagung des Verbandes XY, wo er seine Thesen vortr\u00e4gt: Der b\u00f6se Westen, allen voran die USA, halten ihre H\u00e4nde aufs \u00d6l, unterst\u00fctzen undemokratische Regime, solange sie nur den Nachschub sichern und leisten dadurch dem Terrorismus Vorschub, weil die aufstrebende Intelligentia in diesen L\u00e4ndern keine legale Perspektive in der Opposition entwickeln kann.<\/p>\n<p>Tja, daran ist mit Sicherheit viel Wahres! Danach geht&#8217;s dann zum Italiener, im kleinen Kreis wird weiter diskutiert, bei Parmaschinken, Chianti und Aqua Pellegrini, die es vor dem letzten Tunnel-Unfall auf ihren transalpinen Brummis gerade noch hergeschafft haben. Salute!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit dem Anschlag auf das WTC hat es im Digidiary nur zwei Beitr\u00e4ge zum Thema gegeben: &#8222;Vom Gl\u00fcck mitten im Grauen&#8222;, etwa eine Woche danach, und &#8222;Der Feind: die eigene Frage&#8220; am 12.Tag der Bombardierung Afghanistans. Das ist wenig, sehr wenig. 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