{"id":3646,"date":"2001-10-24T11:16:50","date_gmt":"2001-10-24T09:16:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3646"},"modified":"2023-01-04T11:22:36","modified_gmt":"2023-01-04T10:22:36","slug":"der-name-der-dose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/10\/24\/der-name-der-dose\/","title":{"rendered":"Der Name der Dose"},"content":{"rendered":"<p>Heut&#8216; Nacht konnte ich kaum schlafen und doch erinnere ich mich an einen langen Traum: Ich war amerikanischer Soldat und f\u00fcrchtete mich vor anderen amerikanischen Soldaten, die mit dem Auftrag unterwegs waren, alle Kollegen einzufangen, die bereits am Milzbrand erkrankt waren. Wegen der Ansteckung. Milzbrand hatte ich nicht, aber Angst. Nicht ganz so schlimm, wie man das aus einem typischen Alptraum kennt, sondern eher so, als s\u00e4he ich einem Film zu, in dem ich die Angst spielte. Wie eigenartig! Im Wachzustand empfand ich bisher n\u00e4mlich nicht den Schimmer einer Angst in dieser Sache, das Unbewu\u00dfte macht mal wieder, was es will.<br \/>\n\u00a0<br \/>\nOffenbar geht es nicht nur mir gerade nicht besonders gut &#8211; ich nannte es gestern der Einfachheit halber &#8222;<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/10\/23\/herbstdepression\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Herbstdepression<\/a>&#8222;. Immer gut, der Sache einen Namen zu geben, noch dazu einen von der Jahreszeit oder dem Wetter abh\u00e4ngigen, da ist schon gleich mitgesagt, dass es ganz von selbst wieder vor\u00fcber geht. Eigentlich lehren uns das die alten M\u00e4rchen: Wenn irgendwelche B\u00f6sewichter, Geister, Gnome, Teufel, feindliche Zwerge und dergleichen dem Held der Geschichte Angst einjagen, dann kann er sie nur dadurch loswerden oder freundlich stimmen, da\u00df er ihren Namen findet. &#8222;Ach wie gut, da\u00df niemand wei\u00df, da\u00df ich Rumpelstilzchen hei\u00df&#8220; &#8211; aber die K\u00f6nigin hat es dann doch herausgefunden!<br \/>\n\u00a0<br \/>\nDas Namen-Vergeben ist eine sehr menschliche Macht: mit der Benennung distanzieren wir uns, grenzen das, worunter wir leiden, als Ph\u00e4nomen vom Ganzen ab und k\u00f6nnen dann damit umgehen: es ist zum Objekt geworden, das man ins Regal stellen oder an Spezialisten weiter reichen kann. Herbstdepression: damit k\u00f6nnte ich zum Arzt gehen und er w\u00fc\u00dfte ganz sicher ein Mittelchen dagegen. Aber solange ich nur aufs Papier starre und nicht in der Lage bin, zu schreiben, und meine Formulare angucke anstatt sie auszuf\u00fcllen, solange ich gr\u00fcble, was wohl der &#8222;reale&#8220; Grund meiner diffusen \u00c4ngste ist und alles und jedes daraufhin abklopfe, ob es mir irgendwie schaden kann oder gar will, wom\u00f6glich noch weiter gr\u00fcble, was das alles f\u00fcr die Zukunft bedeuten mag, solange bin ich ganz drin in der Sache, hoffnungslos verstrickt ins eigene Kopfkino.<br \/>\n\u00a0<br \/>\nZum Arzt werd&#8216; ich nat\u00fcrlich trotzdem nicht gehen, bewahre! Das hilfreiche Spiel mit der Etikettierung der Ph\u00e4nomene f\u00fchrt oft genug in die Irre, wenn man die Ebenen wechselt und versucht, materiell einzuwirken auf etwas, das man ja nur geistig abgegrenzt hat. Nur in meinem Denken, dem ich durch das Vergeben von Namen bestimmte Gestalten gebe, existiert die &#8222;Herbstdepression&#8220; als &#8222;Sache&#8220;. Sobald ich ein Mittel, eine Droge, ein Psychopharmakon einwerfe, beraube ich mich aller Flexibilit\u00e4t, z.B. der, die Dinge wieder ganz anders zu sehen. Die Wirkungen m\u00fcssen dann erstmal ausgestanden werden und bringen alles durcheinander: unm\u00f6glich, zu wissen, was jetzt alles Wirkung ist und was nicht. Ich werde zum Spielball unbekannter Stoffe, zum Objekt freundlicher Spezialisten, f\u00fcr die ich typischerweise als ganzer Mensch kaum existiere, sondern eben nur als &#8222;Depressive&#8220;.<br \/>\n\u00a0<br \/>\nKlar, wenn es so schlimm ist, da\u00df man morgens nicht mehr aufstehen will, ist vermutlich eine Tablette besser, als wochenlang liegen zu bleiben! Ich hab&#8216; gut reden, halte ich mich doch mit meinen Betrachtungen im Reich von Stimmungen auf, die sich binnen Stunden oder maximal Tagen v\u00f6llig ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Mehr noch: gelegentlich geht mir die Welt, wie ich sie betrachte und dadurch ein St\u00fcck weit mit schaffe, derart auf die Nerven, da\u00df ich mich selber gern mal in die verf\u00fchrerischen Arme einer Droge (z.B. Chianti) werfe, damit sich &#8222;auf die Schnelle&#8220; &#8218;was \u00e4ndert. Das ist dann wie Karusell-Fahren in einem kaputten Fahrgesch\u00e4ft: am Anfang macht es Spa\u00df, doch dann wird&#8217;s mir schlecht, weil es viel zu lange dauert; ich bin gefangen in den Wirkungen der Stoffe.<br \/>\n\u00a0<br \/>\nWer die Macht der Worte gegen\u00fcber der banalen Wirkung der Stoffe r\u00fchmt, darf nicht enden, ohne auf die R\u00fcckseite der Medaille hinzuweisen: &#8222;Was f\u00fcr ein sch\u00f6ner Sonnenuntergang!&#8220; &#8211; so ein Satz, mitten hineingesagt in eine wundersame Abendstimmung, die uns als ganzer Mensch ergreift, kann genau diese Stimmung zerst\u00f6ren. Benennen ist eben auch T\u00f6ten, und meistens wollen wir das nicht. Niemand hat das sch\u00f6ner ausgedr\u00fcckt als Rilke in einem Gedicht &#8222;Ich f\u00fcrchte mich so vor der Menschen Wort&#8220;..<br \/>\n\u00a0<br \/>\nGestern schrieb mir ein Leser, das Digital Diary k\u00f6nne ja nun nicht mehr mit &#8222;vom Leben auf dem Land&#8220; untertitelt bleiben. Richtig, ich hatte zwar das urspr\u00fcngliche &#8222;Vom Leben auf dem Land und in den Netzen&#8220; im Titel der Website ver\u00e4ndert, aber noch nicht im Logo. Da steht jetzt erstmal &#8222;Vom Sinn des Lebens zum Buchstabengl\u00fcck&#8220;. Mehr ist mir gestern nicht eingefallen, doch ist das eher ein Name mitten aus der Herbstdepression. Falls also jemandem von Euch ein passender Untertitel einf\u00e4llt, schreibt mir bitte!<br \/>\n\u00a0<br \/>\nUnd jetzt mach&#8216; ich mich an die Formulare&#8230;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"fischer.jpg\" alt=\"Angler\" width=\"340\" height=\"237\" border=\"0\"><br \/>\nAngler an der Spree, 20 Minuten Fu\u00dfweg von meiner Wohnung<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heut&#8216; Nacht konnte ich kaum schlafen und doch erinnere ich mich an einen langen Traum: Ich war amerikanischer Soldat und f\u00fcrchtete mich vor anderen amerikanischen Soldaten, die mit dem Auftrag unterwegs waren, alle Kollegen einzufangen, die bereits am Milzbrand erkrankt waren. Wegen der Ansteckung. Milzbrand hatte ich nicht, aber Angst. 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