{"id":3645,"date":"2001-10-23T12:11:33","date_gmt":"2001-10-23T10:11:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3645"},"modified":"2023-01-04T11:16:16","modified_gmt":"2023-01-04T10:16:16","slug":"herbstdepression","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/10\/23\/herbstdepression\/","title":{"rendered":"Herbstdepression"},"content":{"rendered":"<p> Niemals jammern und klagen &#8211; diese unausgesprochene Vorgabe steht immer schon \u00fcber diesem Webdiary. Und das nicht nur, weil ich mich nat\u00fcrlich gern von meiner besten, also STARKEN Seite zeige, sondern weil mir kaum je im Leben Texte begegneten, mit denen ein Autor oder eine Autorin es vermocht h\u00e4tte, auf unterhaltsame Art zu jammern und zu klagen. (Und sag&#8216; mir jetzt keiner, Unterhaltung m\u00fcsse ja nicht sein, wir h\u00e4tten doch schon \u00fcbergenug Spa\u00dfgesellschaft: So schnell, wie du wegklickst, wenn ich hier langweile, kommst du garnicht erst in die Lage, so einen Gedanken \u00fcberhaupt zu fassen!)<br \/>\n\u00a0<br \/>\nEin weiterer Grund, alles Lamentieren \u00fcber das eigene Befinden lieber bei sich zu behalten, ist der sich sofort aufdr\u00e4ngende Vergleich: Die Kinder in Afghanistan, zum Beispiel. Und immer und zu jedem Zeitpunkt ist die Welt voll von solchen Beispielen, die mich zum Verstummen bringen oder gar meinen Schreibimpuls um 180 Grad drehen, so da\u00df allenfalls eine Lobrede entstehen will, eine Hymne der Dankbarkeit auf den (unverdienten) paradiesischen Zustand, in dem wir alle leben &#8211; und auch das geht eigentlich nicht, verdammt nochmal!<br \/>\n\u00a0<br \/>\n<strong>Warum \u00fcberhaupt schreiben?<\/strong> Warum nicht einfach schweigen, wenn die Inhalte in den Filtern h\u00e4ngen bleiben, die f\u00fcr dieses Diary gelten? Tu ich ja, tu ich oft genug, doch hat das seine Grenzen, will ich diese einmal geschaffene und jahrelang verfestigte Form der Selbstver\u00f6ffentlichung nicht besch\u00e4digen. Und das werd&#8216; ich nicht, ist es doch eine der wenigen festen Strukturen, die mein ach-so-befreites und flexibles Leben begleiten und durch das blo\u00dfe &#8222;immer-wieder-so&#8220; st\u00fctzen!<br \/>\n\u00a0<br \/>\nIm Lauf der Jahre hab&#8216; ich zu meinem Erstaunen festgestellt, da\u00df Routinen etwas Hilfreiches, ja, Rettendes sind: Zum Beispiel ein Arbeitstag im B\u00fcro mit festen Uhrzeiten, wiederkehrende Pflichttermine am Abend aus irgendwelchen Mitgliedschaften. Auch simple Volkshochschulkurse und andere Just-for-Fun-Gewohnheiten &#8211; &#8222;immer Sonntags Tatort gucken&#8220; &#8211; entfalten ihre st\u00fctzende Kraft, sobald man sich mies f\u00fchlt, sobald ich mich der Frage &#8222;Was jetzt?&#8220; einfach nicht mehr stellen will oder kann (und das ist im Grunde kein Unterschied, wenn man mal genau hinguckt!). Klar, auch in meinem Leben gibt es ein paar solcher St\u00fctzroutinen, aber die meisten davon sind &#8222;prek\u00e4r&#8220;, sind freiwillig, k\u00f6nnen t\u00e4glich wegfallen, um ihre Aufrechterhaltung mu\u00df ich mich bem\u00fchen. Dabei vermisse ich zunehmend &#8222;unfreiwillige&#8220; zementierte Strukturen, solche, die es zumindest m\u00f6glich machen, in stupide Bewu\u00dftlosigkeit zu versacken und einfach nur zu funktionieren. Also genau das, wovon ich mich die meiste Zeit meines Lebens befreien, bzw. gar nicht erst hinein verstricken wollte! Ist das nicht pervers?<br \/>\n\u00a0<br \/>\nHeute beneide ich in dunklen Stunden Menschen, die ein sogenanntes &#8222;normales Leben&#8220; f\u00fchren, bzw. das, was ich immer daf\u00fcr gehalten habe und gemieden, wie der Teufel das Weihwasser: Um drei\u00dfig geheiratet, zwei Kinder, ordentlicher Beruf mit geregelten Arbeitszeiten und festem Einkommen, ein Haus und rundrum ein kleiner Garten, zum Nachbarn hin die blickdichte Hecke, in der Garage das Drittauto, die Bude vollgestellt mit materiellem Besitz, die Papier- und Beh\u00f6rdenexistenz verplant und abgesichert bis zum Lebensende &#8211; und zweimal im Jahr die Fernreise ins gro\u00dfe Anderwo bei garantiertem heimischen Standard.<br \/>\n\u00a0<br \/>\nEs ist nun aber nichts mehr \u00fcbrig geblieben, wodurch ich die Tendenz zum L\u00e4stern, wie sie im letzten Absatz entgegen der Aussage durchschl\u00e4gt, rechtfertigen k\u00f6nnte oder wollte. Heute kenne ich genug Menschen, die ein solches &#8222;normales Leben&#8220; f\u00fchren, um zu wissen, da\u00df sie ebenso viel bzw. wenig Anla\u00df zum Ungl\u00fccklichsein haben wie ich in meiner manchmal angst-machenden &#8222;Freiheit&#8220;. Und nichts von dem, was und wie ich geworden bin, indem ich mich gegen all das wehrte, kann ich mir irgendwie selber zuschreiben: War es doch nur eine Reaktion auf die Katastrophe des pers\u00f6nlichen famili\u00e4ren Lebens, wie sie mir als Kind begegnet und deshalb zum Point of Never-to-Do geworden ist.<br \/>\n\u00a0<br \/>\nSo, bevor ich nun hier ernsthaft zu langweilen beginne, indem ich meine Herbstdepression im Detaille ausbreite, schlie\u00dfe ich lieber mit ein paar Zitaten des gro\u00dfen Cioran, den an Negativit\u00e4t bei gleichzeitig hohem Unterhaltungswert keiner je \u00fcbertreffen wird:<\/p>\n<blockquote><p>   &#8222;Man kann die Fehler seiner Mitmenschen nicht vermeiden, ohne eben deswegen auch ihre Tugenden zu fliehen. So richtet man sich durch Weisheit zugrunde.&#8220;<\/p>\n<p>    &#8222;Mit zunehmendem Alter vermindern sich nicht so sehr unsere intellektuellen F\u00e4higkeiten, als vielmehr jene Kraft zu verzweifeln, deren Charme und deren L\u00e4cherlichkeit wir in unserer Jugend nicht zu sch\u00e4tzen wu\u00dften.&#8220;<\/p>\n<p>    &#8222;Wie alle Bildst\u00fcrmer habe ich meine G\u00f6tzenbilder nur deshalb zerschlagen, um mich vor ihren Scherben hinzuknien.&#8220;<\/p>\n<p>    &#8222;Als entschlossener Wundert\u00e4ter erhebt man sich, um seine Tage mit Mirakeln zu bev\u00f6lkern, und dann sinkt man auf sein Bett, um bis zum Abend Liebeskummer und Geldsorgen wiederzuk\u00e4uen&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>    &#8222;Ein M\u00f6nch und ein Metzger streiten sich im Innern einer jeden Lust.&#8220;<\/p>\n<p>    &#8222;Die glanzvollen Taten sind das Vorrecht der V\u00f6lker, denen das Vergn\u00fcgen, lange bei Tisch zu sitzen, fremd und deshalb die Poesie der Nachspeise unbekannt ist.&#8220;<\/p>\n<p>    &#8222;Im selben Ma\u00dfe, wie wir unsere Schandflecken tilgen, werfen wir unsere Masken ab. Es kommt der Tag, da unser Spiel stehen bleibt. Keine Schandflecken mehr, also auch keine Masken mehr. Und kein Publikum mehr &#8211; wir haben unsere Geheimnisse, die Lebenskraft unserer Miseren, \u00fcbersch\u00e4tzt.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>    Alle Zitate aus: E.M.Cioran, Syllogismen der Bitterkeit<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Niemals jammern und klagen &#8211; diese unausgesprochene Vorgabe steht immer schon \u00fcber diesem Webdiary. 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