{"id":3640,"date":"2001-10-18T11:05:59","date_gmt":"2001-10-18T09:05:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3640"},"modified":"2023-01-04T11:11:31","modified_gmt":"2023-01-04T10:11:31","slug":"der-feind-die-eigene-frage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/10\/18\/der-feind-die-eigene-frage\/","title":{"rendered":"Der Feind: die eigene Frage"},"content":{"rendered":"<p>Mit jedem Tag, den die Bombardierung in Afghanistan andauert, schwindet mein inneres &#8222;Ja&#8220; zu diesen Kriegshandlungen. Dabei war ich zuerst ziemlich einverstanden: der WTC-Anschlag hat alles \u00fcbertroffen, was wir je als Terrorakt f\u00fcr m\u00f6glich hielten und lag auch weit au\u00dferhalb \u00fcblicher Aktionsfelder innerstaatlicher Polizei und Gerichtsbarkeit. Die Art, wie man medial &#8222;auf Linie&#8220; gebracht und gehalten wurde, hat mich zwar zunehmend angekotzt, aber in der Sache hatte ich nichts gegen eine gut vorbereitete milit\u00e4rische Aktion gegen die T\u00e4ter und Unterst\u00fctzer. Die Taliban erschienen mir im \u00fcbrigen schon immer als eine widerliche Bande verr\u00fcckt gewordener Schafhirten, die vor den Augen der Welt Frauen wie Vieh behandeln und wunderbare Kulturg\u00fcter in Schutt und Asche legen d\u00fcrfen &#8211; und niemand mischt sich ein! Ich erinnere mich an die Ketten-Mails, die dazu aufriefen, in Unterschriftenlisten und Protestmails f\u00fchrende Politiker aufzufordern, endlich &#8222;etwas zu tun&#8220; &#8211; ja WAS denn eigentlich? Gegen Bittbriefe aus aller Welt scheinen die Taliban jedenfalls immun, und nicht nur deshalb, weil viele von ihnen nicht lesen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Zw\u00f6lf Tage sind genug<\/h2>\n<p>Gezielte Bombardierungen der milit\u00e4rischen Stellungen, Ausbildungslager, Waffenarsenale &#8211; das erschien mir vertretbar, gerade auch im Rahmen einer umfangreichen Kommunikationsoffensive (&#8222;Allianz gegen den Terror&#8220;), die auch zu den islamischen L\u00e4ndern Kontakt sucht und um Verst\u00e4ndnis und Hilfe bittet. Jetzt aber haben wir schon den zw\u00f6lften Tag der Angriffe, immer mehr zivile Opfer, eine versch\u00e4rfte Versorgungskrise f\u00fcr die Massen, die von den Hilfsorganisationen nicht erreicht werden &#8211; es wird h\u00f6chste Zeit, dass es ein Ende hat, Himbeermarmelade, die p\u00e4ckchenweise vom Himmel regnet, ist keine L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Und \u00fcberhaupt: Warum braucht das solange? Offenbar hab&#8216; ich eine v\u00f6llig falsche Vorstellung von der \u00dcberlegenheit westlicher Waffensysteme und &#8222;Kampfk\u00fcnste&#8220;. Sag&#8216; mir halt: La\u00df da zwanzig, hundert, zweihundert Ziele sein, ein paar Mal dr\u00fcber fliegen und draufhalten m\u00fc\u00dfte doch eigentlich reichen. Was machen die da blo\u00df zw\u00f6lf Tage lang?<\/p>\n<h2>Der innere Mainstream<\/h2>\n<p>\u00dcber meine eigene, mal mehr mal weniger martialische Neigung zu Agression und Gewalt wundere ich mich kaum noch. Fr\u00fcher ist das immer nur im Dunklen gewesen, \u00fcberformt durch allerlei Rationalisierungen, auch verleugnet und ins Gegenteil gewendet durch zumindest verbal militantes Eintreten f\u00fcr den Frieden um jeden Preis (&#8222;Krieg dem Krieg&#8220;). Ja, mehr noch: je friedensbewegter ich auftrat, redete, auf Demos ging und im privaten Umfeld Streitgespr\u00e4che suchte, desto agressiver und implizit gewaltbereiter war mein F\u00fchlen und oft auch mein Denken, nur merkte ich das nicht.<\/p>\n<p>Heute schau&#8216; ich mir an, was f\u00fcr Gef\u00fchle aufsteigen und wieder verschwinden, kommentiere das nicht weiter, lasse es aber auch nicht unbedingt zu Handlung werden, oft nicht mal zu Text (wenn ich grad martialisch drauf bin, ist es besser, wenn meine Stimme fehlt!). Seit ich das so halte, ist eine Selbsteinsch\u00e4tzung meiner jungen Jahre ersatzlos gestorben: Da\u00df ich eine ganz Andere, etwas ganz Besonders w\u00e4re, weit besser, intelligenter, friedlicher und edler als die &#8222;breite Masse&#8220;, allenfalls in interessanten Minderheiten zuhause, weitab vom sogenannten Mainstream. Keine Rede! Ich brauch&#8216; gar nicht erst fernsehen, mu\u00df nur in mich &#8218;reingucken, da F\u00dcHLE ich den Mainstream&#8230;.<\/p>\n<p>Manchmal sehe ich da echt seltsame &#8222;Bl\u00fcten&#8220;! Als z.B. in den ersten Tagen des Bombardements nach dem Ende der jeweiligen Angriffswelle immer gleich gemeldet wurde: &#8222;Usama bin Laden lebt und ist wohlauf&#8220;, sp\u00fcrte ich jedes Mal eine gewisse Erleichterung. Schau an, dachte ich mir dazu, du f\u00e4ngst schon an, den Feind zu lieben, aber nicht etwa so, wie Jesus das gemeint hat! Nein, bin Laden ist mittlerweile wer, mit Hilfe der Medien zum &#8222;gro\u00dfen Gegner&#8220; stilisiert, zum Hoffnungstr\u00e4ger der Erniedrigten und Beleidigten, auf jeden Fall mit Image und Charisma ummantelt, dem man sich kaum zur G\u00e4nze entziehen kann. Und mal angenommen, er w\u00e4re weg: der Schrecken h\u00e4tte kein Gesicht mehr, der Feind w\u00e4re tats\u00e4chlich \u00fcberall&#8230; das w\u00e4re doch weit furchtbarer als dieser Rauschebart mit sanftem L\u00e4cheln und dem glasig-vertr\u00e4umten Blick.<\/p>\n<h2>Die eigene Frage<\/h2>\n<p>Wenn ich mich frage, worum es im Kern dieser schrecklichen Auseinandersetzung eigentlich geht, meine ich nicht die konkrete Motivation der Terroristen oder die je spezifischen Gr\u00fcnde einzelner Islamistengruppen, die gegen den Westen agitieren. Auch die Frage, inwiefern die Arroganz der Macht f\u00fcr den Terrorismus urs\u00e4chlich ist, mit der die USA weltweit auftreten und entlegenen L\u00e4ndern ihr Wirtschaftssystem aufzwingen, will ich nicht betrachten. All das kann nicht mein pers\u00f6nliches Diary-Thema sein, denn ich wei\u00df dar\u00fcber nicht mehr als das, was in den Medien steht. Viel n\u00e4her sind mir da schon die spontanen \u00dcbergriffe gegen Kopftuchtr\u00e4gerinnen hier bei uns, die oft nur knapp unter der Oberfl\u00e4che gehaltene Feindseligkeit gegen Muslime hierzulande, die Schwierigkeiten der muslimischen Gemeinden, eine Moschee zu bauen, die Auseinanderetzungen um den Islam-Unterricht und vieles mehr. All das hat seit dem Anschlag eine gr\u00f6\u00dfere Brisanz bekommen und alle Besonnenen bem\u00fchen sich aus guten Gr\u00fcnden um Deeskalation und darum, einen &#8222;Kampf der Kulturen&#8220; zu verhindern.<\/p>\n<p>Welcher Kampf? Worum gehts? K\u00f6nnen nicht alle in einer multikulturellen Gesellschaft friedlich zusammen leben &#8211; in Kreuzberg und weltweit? Die links-gr\u00fcne Sicht der Dinge, die hier Probleme au\u00dferhalb rein sozialer Fragen lieber gar nicht wahrnehmen m\u00f6chte, hat seit dem WTC-Anschlag auf jeden Fall einen gewaltigen D\u00e4mpfer erfahren. So langsam tritt ins \u00f6ffentliche Bewu\u00dftsein, da\u00df es sehr wohl etwas zu verhandeln gibt zwischen &#8222;uns&#8220; und den Moslems. Aber was?<\/p>\n<p>Von Carl Schmitt stammt der ber\u00fchmte Satz: &#8222;Der Feind ist die eigene Frage als Gestalt&#8220;. Welche Frage k\u00f6nnte es sein, die so schmerzt, da\u00df wir uns ihr nicht stellen wollen, also lieber Feindseligkeiten gegen diejenigen hegen, die die Frage aufwerfen?<\/p>\n<p>Was sehen wir, wenn wir Muslimen begegnen, was dr\u00e4ngt sich ins Zentrum der Aufmerksamkeit? Das Kopftuch zum Beispiel, um das geradezu pathologisch gestritten wurde, dann die Gro\u00dffamilien beim Grillen im Park, M\u00e4nner und Frauen oft in je eigene Gruppen getrennt, schlie\u00dflich das Beten, wenn es auch erst noch wenige wagen, an \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen zu beten, so sehen wir es doch gelegentlich im Fernsehen, wie Gl\u00e4ubige mitten auf der Stra\u00dfe den Teppisch ausrollen und sich gen Mekka verneigen &#8211; <i>kopfsch\u00fcttel.<\/i>&#8230;<\/p>\n<p>Was uns auff\u00e4llt (und vielen mi\u00dff\u00e4llt) sind die Zeichen gelebter Religiosit\u00e4t und Tradition, das gemeinschaftliche Zusammenstehen in Familien und Verwandschaftsclans, die ganze Ausrichtung an verbindlichen Werten, von denen wir uns im Lauf der Geschichte in vielen K\u00e4mpfen und Revolutionen weitestgehend befreit haben. Nun haben wir den Markt, mehr oder weniger frei, mehr oder weniger sozial, und die liberale Demokratie &#8211; und damit allein sind wir keinesfalls gl\u00fccklich, wenn auch niemand das Rad gerne zur\u00fcck drehen w\u00fcrde. Individuelle Freiheit ist uns sakrosankt &#8211; auch wenn man das Grausen bekommen kann angesichts dessen, was alles damit angefangen wird (und was nicht). Das reine Funktionieren, Wachstum und Fortschritt (wohin? wozu?), das Diktat der \u00d6konomie zu Lasten von Mensch und Umwelt, Konsum als einziger Lebensinhalt (Spa\u00dfgesellschaft) und ein in den letzten Jahren h\u00e4rter werdender Kampf um einen ertr\u00e4glichen Platz in der Arbeitswelt &#8211; soll das alles gewesen sein? Das Sinndefizit in westlichen Demokratien ist gewaltig, Hoffnungen haben wir keine, Utopien sind untergegangen. Gott ist lange tot und der letzte Mensch blinzelt, pflegt sein L\u00fcstchen f\u00fcr den Tag, sein L\u00fcstchen f\u00fcr die Nacht und denkt ansonsten an die Gesundheit.<\/p>\n<p>Und l\u00e4\u00dft sich ungern von Muslimen daran erinnern, da\u00df es daneben vielleicht noch etwas geben k\u00f6nnte&#8230;.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit jedem Tag, den die Bombardierung in Afghanistan andauert, schwindet mein inneres &#8222;Ja&#8220; zu diesen Kriegshandlungen. Dabei war ich zuerst ziemlich einverstanden: der WTC-Anschlag hat alles \u00fcbertroffen, was wir je als Terrorakt f\u00fcr m\u00f6glich hielten und lag auch weit au\u00dferhalb \u00fcblicher Aktionsfelder innerstaatlicher Polizei und Gerichtsbarkeit. 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