{"id":3639,"date":"2001-10-12T12:00:51","date_gmt":"2001-10-12T10:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3639"},"modified":"2023-01-04T11:05:58","modified_gmt":"2023-01-04T10:05:58","slug":"drogen-nichts-genuegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/10\/12\/drogen-nichts-genuegt\/","title":{"rendered":"Drogen: Nichts gen\u00fcgt!"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica;\">Seit dem letzten Rauch-Stop vor gut zwei Wochen erlebte ich zwei &#8222;R\u00fcckwendungen&#8220; &#8211; ich sage Wendungen statt (R\u00fcck-)F\u00e4lle, weil ich nicht zuf\u00e4llig, beil\u00e4ufig oder un\u00fcberlegt der Versuchung verfallen bin, sondern recht bewu\u00dft f\u00fcr den Abend einen Gift-Input ansetzte: Rotwein UND Zigaretten&#8230; Am n\u00e4chsten Tag dann wieder das &#8222;gesunde Leben&#8220;&#8230; Der K\u00f6rper braucht etwas l\u00e4nger, das Nikotin auszuscheiden als den Alkohol, es scheint tats\u00e4chlich das st\u00e4rkere und tiefer gehende Gift zu sein (so f\u00fchlt es sich auch an, wenn man genau hinsp\u00fcrt).<\/span><\/p>\n<p>Gut ist, dass sich das Gef\u00fchl von &#8222;Normalzustand&#8220; jetzt ohne Zigaretten einstellt. Es verlangt mich nur noch f\u00fcr kurze Momente (nach dem Essen&#8230;) nach der Kippe, doch vergesse ich das auch sehr schnell wieder, weil ich an dem Gedanken nicht festhalte. Und es ist schon ein kleines Wunder, zu bemerken: Dass man sich n\u00e4mlich zwei Minuten sp\u00e4ter ohne jedes Verlangen vorfindet &#8211; und ganz OHNE geraucht oder irgend einen Ersatz angewendet zu haben! Das ver\u00e4ndert sich auch nicht nach einem Abend mit zwanzig Zigaretten und mehr, das &#8222;Herausgleiten&#8220; geschieht wie selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Warum aber diese Input-Abende? Oberfl\u00e4chlich gesehen sind es ganz allt\u00e4gliche Anl\u00e4sse: zum Beispiel einen ganzen Tag im Auto, eine Reise zu einem Auftraggeber &#8211; abends dann der Wunsch, auf einfache und anstrengungslose Weise abzuspannen und geistig abzudriften. Also Chianti kaufen und mit dem Lebensgef\u00e4hrten \u00fcber Gott und die Welt plaudern, angeregt durch den Wein, der geschw\u00e4tzig macht und mentale Inhalte auf einmal so interessant erscheinen l\u00e4\u00dft, da\u00df man wochenlang \u00fcber sie philosophieren wollte&#8230; na, und ganz pragmatisch gesehen ist DAS eine Situation, die ich OHNE Zigaretten einfach nicht als vollst\u00e4ndig erleben kann &#8211; noch nicht, wer wei\u00df, vielleicht nie.<\/p>\n<p>Das ist also die Oberfl\u00e4che. Darunter liegt der Wunsch, in gewissen Abst\u00e4nden aus dem &#8222;vern\u00fcnftigen Leben&#8220; auszutreten, f\u00fcr ein paar Stunden in ein Dasein ohne Zukunft und Vergangenheit zu gelangen, zu leben wie ein Kind: den Augenblick feiernd, v\u00f6llig ver-r\u00fcckt und ohne Angst vor Folgen, ja, \u00fcberhaupt OHNE viel Gedanken. Meine gelegentlichen Abende mit stofflichen Giften sind insofern reine Regressionen in einen kindhaften, pr\u00e4mentalen Zustand, der von der durchgehenden leichten Anspannung des &#8222;vern\u00fcnftigen Lebens&#8220; ein wenig entlastet, ohne etwas an der Grundsituation zu \u00e4ndern. Und weil ich heute im Alltag lange nicht mehr so &#8222;entfremdet&#8220; lebe wie etwa in meinen politisch aktiven Zeiten, ist das Bed\u00fcrfnis nach &#8222;Ausstieg&#8220; sehr viel geringer geworden und damit auch das Gef\u00fchl der Abh\u00e4ngigkeit von bewu\u00dftseinsver\u00e4ndernden Stoffen.<\/p>\n<p><b>Rennen und beten<\/b><\/p>\n<p>Im Forum schrieb ein Leser an einen anderen, der es geschafft hat, sowohl Alkohol als auch Zigaretten aufzugeben: &#8222;Und welche Droge nimmst du jetzt? Rennst du oder betest du??&#8220; Ich empfinde diese Formulierung als sp\u00f6ttisch-zynisch, genau wie der Gefragte. Wer mal selber ernsthaft versucht hat, von diesem oder jenem Stoff zu lassen, empfindet es als wenig hilfreich, wenn jemand signalisiert: Ist doch eh alles egal, ob du dich nun zudr\u00f6hnst oder Sport treibst, ob du meditierst oder malst, dein Auto pflegst oder Schach spielst&#8230;. Aus meiner Erfahrung reden so Menschen, die es f\u00fcr sich aufgegeben haben, aus einer bestimmten s\u00fcchtigen Verstrickung herausfinden zu wollen. Und weil das letztlich nicht wirklich zufrieden stimmt, bleibt dann diese gewisse Agressivit\u00e4t, die sich gegen andere wendet, die es versuchen oder gar schaffen.<\/p>\n<p>Insbesondere der antispirituelle Impuls ist hier erw\u00e4hnenswert, denn ohne eine spirituelle Entwicklung findet niemand aus dem Kreis der S\u00fcchte (stofflicher und nicht stofflicher) heraus, davon bin ich restlos \u00fcberzeugt. Das muss nicht bedeuten, im Sinne tradierter Religionen gl\u00e4ubig zu werden oder einer spinnerten Sekte beizutreten, sondern es geht darum, den Zugang zu einer &#8222;ganz anderen&#8220; Seinsweise zu finden: Eine Form des Daseins, die nicht spaltet zwischen &#8222;vern\u00fcnftigem Leben&#8220; einerseits, Ekstase, Abenteuer und Exzess andrerseits, hier die Welt der Formulare, Rentenanspr\u00fcche und Rationalisierungen, dort das M\u00e4rchenreich der heftigen Gef\u00fchle, der Tr\u00e4ume und Drogen, der v\u00f6lligen Hingabe ans Dasein.<\/p>\n<p>Mit nichts als dem Weltbild unserer Gazettenweisheit (vom Urknall bis zum Antrag auf Vorsteuerabzugsberechtigung) ist eine wache und bewu\u00dfte Hingabe ans Dasein jenseits eskapistischer Ausnahmezust\u00e4nde (=Hingabe &#8222;als ob&#8220;) nicht m\u00f6glich. In diesem Weltbild blo\u00dfer Oberfl\u00e4chen und Zahlen kommt der Mensch, wie er (und sie) sich selbst erlebt, nicht vor. Dieses Bild der Welt zeigt immer nur ein &#8222;Aussen&#8220;, wogegen wir uns zuerst und zumeist als ein &#8222;Innen&#8220; erleben. Das eine mit dem anderen zu vereinen, oder besser gesagt, das eine als das andere zu erkennen, ist das Ziel spiritueller Wege und \u00dcbungen. Man kann dar\u00fcber endlos viele B\u00fccher lesen, doch ersetzen diese niemals die Sache selbst, leider &#8211; sonst w\u00e4re ich lange &#8222;dort&#8220;. :-)<\/p>\n<p>Bei mir ist grad eher das Fitness-Center dran. Seit f\u00fcnf Wochen lauf&#8216; ich da \u00fcbers Laufband, spiel mit den Kraftmaschinen und setz mich hinterher in die kleine Schranksauna &#8211; es ist wunderbar! Mein Leben lang hab&#8216; ich verk\u00fcndet: Sport ist Mord &#8211; und jetzt f\u00e4ngt es an, mir Spa\u00df zu machen, unglaublich! Das ist eine grundst\u00fcrzende Ver\u00e4nderung und der Abschied von den Zigaretten scheint dadurch erstmalig richtig machbar zu werden.<\/p>\n<p>Bin gespannt, wie es ist, physisch stark zu sein, erst jetzt bemerke ich n\u00e4mlich, wie schwach ich doch immer war. Auch in \u00fcber zehn Jahren Yoga-\u00dcbungen bin ich diesem bestimmten Aspekt der K\u00f6rper\u00fcbungen ausgewichen: alles, was richtig anstrengt, wobei man ins Schwitzen und in heftiges Atmen ger\u00e4t, hab&#8216; ich weitestm\u00f6glich vermieden. Das war auch gar nicht schwer, denn Yoga-Asanas sind ja nicht zuvorderst daf\u00fcr da, um Kraft und Fitness zu entwickeln, sondern Bewu\u00dftheit f\u00fcr das, was ist, speziell f\u00fcr das Zusammenwirken von K\u00f6rper, Gef\u00fchl und Denken, Mensch und Welt, innen und au\u00dfen. Da\u00df ich einen bestimmten Bereich des Daseins weiterhin ausschlo\u00df, ja scheute, wie der Teufel das Weihwasser, ist mir nicht besonders aufgefallen, bzw. ich konnte die These &#8222;Sport ist Mord&#8220; sogar besser rechtfertigen als je zuvor. Jetzt hol ich das halt nach &#8211; und mach f\u00fcr jetzt mit dem Schreiben Schlu\u00df und fahr ins Center!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit dem letzten Rauch-Stop vor gut zwei Wochen erlebte ich zwei &#8222;R\u00fcckwendungen&#8220; &#8211; ich sage Wendungen statt (R\u00fcck-)F\u00e4lle, weil ich nicht zuf\u00e4llig, beil\u00e4ufig oder un\u00fcberlegt der Versuchung verfallen bin, sondern recht bewu\u00dft f\u00fcr den Abend einen Gift-Input ansetzte: Rotwein UND Zigaretten&#8230; Am n\u00e4chsten Tag dann wieder das &#8222;gesunde Leben&#8220;&#8230; Der K\u00f6rper braucht etwas l\u00e4nger, das [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[148,243],"tags":[635,60],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3639"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3639"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3639\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3639"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3639"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3639"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}