{"id":3638,"date":"2001-10-04T11:00:21","date_gmt":"2001-10-04T09:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3638"},"modified":"2023-01-04T11:02:32","modified_gmt":"2023-01-04T10:02:32","slug":"carr-genuegt-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/10\/04\/carr-genuegt-nicht\/","title":{"rendered":"Carr gen\u00fcgt nicht"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica;\">Heute ist der f\u00fcnfte rauchfreie Tag. Nach der letzten Ohne-Phase gab es die \u00fcbliche \u00dcbergangszeit als Wenig-Raucherin &#8211; bis dann nach zwei kurzen Wochen der alte Zustand wieder hergestellt war. Und &#8222;normal&#8220; sind bei mir so etwa dreissig am Tag, manchmal auch mehr. Drei\u00dfig, vierzig Zigaretten, die mich von morgens nach dem ersten Kaffee bis sp\u00e4t abends in einem Zustand kontrollierter Gew\u00f6hnlichkeit halten: Alles im gr\u00fcnen Bereich.<\/p>\n<p>Emotionen, falls \u00fcberhaupt welche die Schwelle der Wahrnehmung \u00fcberschreiten, werden mit der n\u00e4chsten Dosis beantwortet. &#8222;Erst mal eine rauchen, dann sehen wir weiter&#8230;&#8220;. Dieses &#8222;weiter&#8220; er\u00fcbrigt sich dann jedes Mal aufs Neue, wenn der einstr\u00f6mende Qualm mit all seinen Nervengiften und Wirkstoffen das innere Ger\u00fcst wieder verst\u00e4rkt, die Sauerstoffaufnahme drosselt und alle scharfen und klaren Empfindungen in der gro\u00dfen Wattigkeit versenkt, die sich l\u00e4hmend \u00fcber die Lebendigkeit legt wie Mehltau auf einen bl\u00fchenden Rosenstrauch.<\/p>\n<p>Es ist leicht, mit dem Rauchen aufzuh\u00f6ren, da hat Alan Carr ganz recht. Schon nach 24 Stunden etabliert sich ein ganz anderes und sehr viel angenehmeres K\u00f6rpergef\u00fchl, die Lungen haben sich bereits deutlich erholt, der ganze Gestank ist weg und auch der schlechte Geschmack im Mund. Binnen kurzer Zeit entfaltet sich eine andere Normalit\u00e4t, die einem allerdings noch nicht gleich als solche erscheint: RUHE in allen Zellen, echte Stille, nicht diese nerv\u00f6se Zittrigkeit, die sich schon bald nach einer Zigarette aus dem Gef\u00fchl der Wattigkeit erhebt und nach der n\u00e4chsten verlangt. Wow, was f\u00fcr ein Feeling! Sogar die Gedanken verlangsamen sich und neigen nicht mehr zum Jagen &#8211; daf\u00fcr br\u00e4uchte ich ansonsten mindestens zwanzig Minuten konzentriertes &#8222;Sitzen in Stille&#8220;.<\/p>\n<p>Andrerseits ist jetzt wieder das ganze verl\u00e4\u00dfliche Auf und Nieder des Begehrens zum Teufel, das sich im &#8222;Raum des Rauchens&#8220; so berechenbar zwischen Kick und beginnendem Entzug einstellen l\u00e4\u00dft (zumindest solange man das Stadium des Kettenrauchens noch nicht erreicht hat). L\u00e4hmung, Beruhigung, Bet\u00e4ubung, nach Entzugsphasen kurze verl\u00e4\u00dfliche (!) Kicks, immer etwas zum Festhalten, ein Schnuller f\u00fcrs innere Kind, stoffgewordenes Mantra &#8222;Alles ist gut!&#8220;.<\/p>\n<p>Was tats\u00e4chlich ist, sp\u00fcrt man, wenn der Schnuller weg ist &#8211; auch dann noch und gerade dann, wenn man NICHT mehr das Gef\u00fchl hat, schnellstens wieder einen Schnuller im Mund sp\u00fcren zu wollen. Eine Flut aus W\u00fcnschen und Begierden macht sich bemerkbar, ein heftiges aber vom Kopf noch nicht definierbares Verlangen, das sich f\u00fcrs erste als Oralit\u00e4t (Fre\u00dfgier!) darstellt, aber oft genug einfach in Reizbarkeit, Ungeduld und Agressivit\u00e4t umschl\u00e4gt. Nicht st\u00e4ndig, keineswegs, sondern nur f\u00fcr Momente, Momente der Unachtsamkeit, in denen man auch noch gern den Fehler macht, einem der chaotischen Gedanken aufzusitzen, die w\u00e4hrend solcher &#8222;Anf\u00e4lle&#8220; beil\u00e4ufig produziert werden: Heureka, da ist er, der m\u00f6gliche Grund meiner aktuellen Mi\u00dfstimmung&#8230;. er ist es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht!<\/p>\n<p><b>Was es ist<\/b><\/p>\n<p>Der Flu\u00df der Libido, die Pforten der Wahrnehmung, das Verh\u00e4ltnis von Reiz und Reaktion &#8211; all diese wichtigen M\u00f6blierungen individuellen Seins geraten aus der je real existierenden Ordnung, wenn man eine lang gewohnte Psychodroge wegnimmt (oder eine neue hinzuf\u00fcgt). Rauchen hat f\u00fcr mich immer etwas geleistet, mir definitiv etwas geboten: es ist ein Mittel, das es leichter macht, sozusagen ein &#8222;falsches Leben im Falschen&#8220; zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Flachland-Denker wie Alan Carr werden nie zugeben, dass man bei vollem Bewu\u00dftsein &#8222;die blaue Pille&#8220; w\u00e4hlen kann (-&gt;Matrix), weil der andere Weg gerade als zu beschwerlich und wenig verlockend erscheint. Es ist weit einfacher, zu rauchen wie ein Schlot und in einem &#8222;inneren Ger\u00fcst&#8220; zu leben, als sich den Gef\u00fchlen und Empfindungen des Augenblicks zu \u00f6ffnen &#8211; ohne jede Absicherung, was alles an Reaktionen, Gedanken und aktiven Lebensver\u00e4nderungen daraus entstehen mag. Ganz \u00e4hnlich ist es mit dem Alkohol: Es ist weit einfacher, sich gelegentlich bis zum Filmri\u00df zu betrinken und so die eigene Rationalit\u00e4t kurzzeitig abzuschalten (&#8222;mal was ganz Wildes erleben&#8220;), als tats\u00e4chlich in voller Wachheit hier und jetzt und wom\u00f6glich mitten im Gesch\u00e4ftsleben das eigene rechnende Denken, das vern\u00fcnftige Sich-Verhalten-Wollen aufzugeben.<\/p>\n<p>Was ich tue oder lasse, entscheide ich in all diesen Zusammenh\u00e4ngen \u00fcbrigens ganz allein. Immer mehr merke ich, da\u00df die Einfl\u00fcsse Anderer, die mich vom &#8222;richtigen Leben&#8220; und vom &#8222;wahren Weg&#8220; \u00fcberzeugen wollen, eher schaden als nutzen. Zu glauben, ich tr\u00e4fe meine jeweilige Wahl nach einer \u00fcbernommenen oder selbst gebastelten Moral, w\u00e4re sowieso reine Selbstt\u00e4uschung. Heute ist es f\u00fcr mich einfach genauso spannend und abenteuerlich, eine Droge beiseite zu lassen, wie es das fr\u00fcher war, einen wirkungsm\u00e4chtigen Stoff in die Psyche einzubauen. Nachteil ist Vorteil: dieses Erleben steht nur langj\u00e4hrig S\u00fcchtigen offen! :-))<\/p>\n<p>Ich strebe \u00fcbrigens auch nicht mehr an &#8222;f\u00fcr immer Nichtraucher&#8220; zu werden oder zu bleiben. Etwas Wichtiges in die Zukunft zu vertagen, etwas WERDEN oder IMMER BLEIBEN WOLLEN ist gerade Teil der Verwirrung, die man mit Drogen oder anderen neurotischen Verhaltensweisen schlecht und recht stabilisiert. Ich will den Kick, die Freude, die Ekstase, die Gefahr und das Abenteuer, die ganze Lebenslust im echten Leben, hierjetzt also!<\/p>\n<p>(&#8230;wenn sich jetzt jemand motiviert f\u00fchlen sollte, weise die Stirne zu runzeln und mir zu mailen, jegliches Streben nach Kick &amp; Gl\u00fcck sei ganz falsch: bitte nicht! Verlorene Liebesm\u00fch! Hab ich in tausend vermutlich besseren Formulierungen im B\u00fccherschrank stehen und entsorge es alle Jahre wieder &#8211; immer dann n\u00e4mlich, wenn ich zu meiner inneren Flamme zur\u00fcckfinde, zu dem, das MEHR will als sich mit dem zu arrangieren, was gerade ist.)<\/p>\n<p><b>Bye bye Carr!<\/b><\/p>\n<p>Mit Alan Carrs hilfreicher Gehirnw\u00e4sche kann man vom Rauchen loskommen, kann lernen, was diese Sucht ist und wie sie funktioniert. Dass es die &#8222;wahre Zigarette&#8220;, die man &#8222;wirklich&#8220; genie\u00dft, n\u00e4mlich gar nicht gibt, sondern da\u00df da immer nur ein Mechanismus aus Entzug und Nachschub wirkt und wechselnde Gef\u00fchle erzeugt. Nach ein paar Tagen &#8222;ohne&#8220; schmeckt die Zigarette nicht mehr &#8211; man mu\u00df erst wieder den Mechanismus ein\u00fcben, erst wieder &#8222;ins Geschirr&#8220; steigen, um \u00fcberhaupt wieder die Anmutung zu bekommen, die Zigarette w\u00fcrde einem etwas geben. In Wahrheit ist da n\u00e4mlich NICHTS, nichts als das gute Gef\u00fchl, wenn der Schmerz (Entzug) nachl\u00e4\u00dft &#8211; und auch das nur dann, wenn man es bis zum Entzug kommen l\u00e4\u00dft, \u00fcber Nacht zum Beispiel. Normalerweise sp\u00fcrt man als Raucher ja nicht mehr viel, am wenigsten von den vielen Zigaretten, die man verbraucht und teuer bezahlt, um in diesem Zustand verweilen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Man kann den &#8222;Raum des Rauchens&#8220; mit all seinen Folgen und Begleiterscheinungen betreten und verlassen &#8211; aus heutiger Sicht scheint mir das eine so schwer bzw. leicht wie das andere. (Es war schlie\u00dflich verdammt schwer, sich das Rauchen anzugew\u00f6hnen, damals, mit f\u00fcnfzehn&#8230;) Das &#8222;Verlassen&#8220; kann man von Carr lernen, es geht vergleichsweise leicht, wenn man die von ihm empfohlenen Geisteshaltungen und Denkweisen \u00fcbernimmt. Aber schon bald ist man &#8222;dr\u00fcber weg&#8220; und dann braucht es gute Gr\u00fcnde, echte Motivationen, wirklich EIGENE Haltungen, um nicht wieder nach dem &#8222;inneren Ger\u00fcst&#8220; zu greifen. Es reicht nicht, \u00fcber Suchtmechanismen und \u00fcbliche Selbstt\u00e4uschungen in Bezug aufs Rauchen Bescheid zu wissen, man mu\u00df anders F\u00dcHLEN, nicht nur anders DENKEN.<\/p>\n<p>Carrs Buch &#8222;F\u00fcr immer Nichtraucher&#8220; ist nichts als eine mengenm\u00e4\u00dfige Aufbl\u00e4hung derselben Inhalte, die aus &#8222;Endlich Nichtraucher&#8220; weidlich bekannt sind, gespickt mit unz\u00e4hligen unterhaltsamen Anekd\u00f6tchen aus seinem Leben als Raucher, Nichtraucher und Nichtraucher-Guru. Und tats\u00e4chlich hab&#8216; ich Reaktionen von Leuten gelesen, die sagten, das Buch g\u00e4be ihnen mehr, weil sie l\u00e4nger brauchen, um diesen W\u00e4lzer durchzulesen! Tja, da kann ich nur raten: Immer wieder von vorne anfangen, nie wieder &#8218;was anderes lesen, dann bleibt man ganz bestimmt<\/p>\n<p>f \u00fc r \u00a0\u00a0\u00a0i m m e r \u00a0\u00a0\u00a0N i c h t r a u c h e r .<\/p>\n<p>(Das Thema E-Mail hab&#8216; ich nicht vergessen, nehm&#8216; ich gelegentlich wieder auf). <\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute ist der f\u00fcnfte rauchfreie Tag. Nach der letzten Ohne-Phase gab es die \u00fcbliche \u00dcbergangszeit als Wenig-Raucherin &#8211; bis dann nach zwei kurzen Wochen der alte Zustand wieder hergestellt war. Und &#8222;normal&#8220; sind bei mir so etwa dreissig am Tag, manchmal auch mehr. 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