{"id":36,"date":"2006-10-24T11:43:47","date_gmt":"2006-10-24T09:43:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/10\/24\/wofuer-arbeiten-die-suche-nach-der-freude\/"},"modified":"2013-10-15T13:07:36","modified_gmt":"2013-10-15T12:07:36","slug":"wofuer-arbeiten-die-suche-nach-der-freude","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/10\/24\/wofuer-arbeiten-die-suche-nach-der-freude\/","title":{"rendered":"Wof\u00fcr arbeiten? Die Suche nach der Freude"},"content":{"rendered":"<p>Leiden meiden, Freude suchen &#8211; so lebt und west der Mensch, wie schon Buddha feststellte. Dieses Streben hat etwas Absurdes, wenn man erkennt, dass die Freude, die Lust, das Vergn\u00fcgen und all die Befriedigung, nach der wir streben, nur auf dem Hintergrund des Leidens, der Unlust, der Anstrengung existieren kann. Im Grunde funktioniert dieses Spiel nach dem Motto &#8222;wie sch\u00f6n, wenn der Schmerz nachl\u00e4sst&#8220; &#8211; OHNE den Schmerz gibt&#8217;s kein Verlangen, ihn zu vermeiden bzw. zu beenden. Wir brauchen ihn also, um etwas zu ver\u00e4ndern, um &#8222;Verbesserungen&#8220; zu w\u00fcnschen und ins Werk zu setzen &#8211; ist das nicht verr\u00fcckt?<!--more--><\/p>\n<p>Ich komme auf solche Gedanken, indem ich meine Bem\u00fchungen, mein Arbeitsleben zu verbessern, reflektiere. Im Weltma\u00dfstab geht es mir ja ungeheuer gut, da lebe ich wie die fette Made im Speck, hab&#8216; \u00fcbergenug zu essen, eine sichere und angenehme Wohnung, kann am sozialen Leben teilnehmen und um mich her herrscht soweit Friede, dass ich weder fl\u00fcchten noch mich verteidigen muss. Millionen Menschen w\u00fcrden gerne mit mir tauschen. Warum bin ich also nicht entsprechend gl\u00fccklich und zufrieden?<\/p>\n<p>Der Zustand &#8222;gl\u00fccklich und zufrieden&#8220; ist keine &#8222;nachhaltige&#8220; Seinsweise. Er blitzt nur kurz auf, wenn ein neues Niveau erreicht ist, doch bald schon wendet sich der suchende Verstand neuen Verbesserungsm\u00f6glichkeiten zu.  \u00dcberl\u00e4sst man sich diesem Mechanismus, befindet man sich in einer Tretm\u00fchle, in der viele Menschen ihr ganzes Leben zubringen &#8211; egal, auf welchem Level von Einkommen und Verm\u00f6gen sie gerade strampeln.<\/p>\n<p><strong>Was ist Leiden? Was ist Freude?<\/strong>  Ich kann nicht anders, als da sehr genau hinzusehen, wenn ich wissen will, ob und WOF\u00dcR ich arbeite, bzw. &#8222;erfolgreicher&#8220; arbeiten will. Was ist der angestrebte Erfolg? Wann bin ich angekommen?<\/p>\n<p>Als ich vor einem Jahr noch von Monat zu Monat um den Nullpunkt des Kontos kreiste (rein in den Dispo, knapp wieder raus), fehlte mir eigentlich nichts.  Dass ich den Zustand als unbefriedigend ansah, verdankte sich allein der SORGE, dass mal etwas den Verlauf st\u00f6ren k\u00f6nnte und ich &#8222;ohne Wiederkehr&#8220; am Ende der Kreditlinie ankommen w\u00fcrde. Der Papierkram und Beh\u00f6rden-Umgang, der droht, wenn ich als Selbst\u00e4ndige ALG 2 beantragen m\u00fcsste, hat ausreichend abschreckende Wirkung, um mich in Bewegung zu versetzen.  Leiden meiden, Freude suchen &#8211; ich wurde aktiver, rationalisierte meine vielf\u00e4ltigen Umtriebe, konzentrierte mich mehr aufs Geld verdienen, und schon bald hatte sich die &#8222;Standardsituation&#8220; wieder deutlich verbessert. Und jetzt? Reicht es, den Dispo nicht mehr zu brauchen? Wohin will ich?<\/p>\n<h2>Spa\u00df gen\u00fcgt nicht<\/h2>\n<p>Lange Jahre hatte es mir gen\u00fcgt, mich im &#8222;hier &#038; jetzt&#8220; gut zu f\u00fchlen: Freude finden in den T\u00e4tigkeiten selbst, zufrieden sein, wenn nichts nervt. Damit f\u00fchlte ich mich immerhin denen &#8222;\u00fcberlegen&#8220;, die nach Verm\u00f6gen, Sicherheit und teuren Urlauben streben und bereit sind, daf\u00fcr Dinge zu tun, die keinen Spa\u00df machen.  Allerdings bemerkte ich dann doch, dass das &#8222;Spa\u00df haben&#8220; ein unstetes Motiv zum Tun ist.  Erstens verlieren Dinge mit einsetzender Routine oft ihren &#8222;Spa\u00df-Faktor&#8220;, zweitens kann ich an fast allem Spa\u00df haben, voraus gesetzt ich schaffe es, mich richtig darauf einzulassen.  Aber WAS motiviert mich, das zu tun?<\/p>\n<p>Meine Arbeitswelt besteht aus verschiedenen Aktionsfeldern:  Webdesign-Auftr\u00e4ge und Entwicklungsarbeiten f\u00fcr Kunden (<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/\">Klinger-Webwork<\/a>), themenzentrierte Schreibkurse, Bloggen gegen Honorar und die nonkommerziellen Webprojekte (Digidiary, <a href=\"http:\/\/www.modersohn-magazin.de\/\">Modersohn-Magazin<\/a>, etc.). Daneben gibt&#8217;s einige Vorhaben, die ich zur Zeit noch nach hinten schiebe, wie etwa einen eigenen Mini-Shop oder die Bildkalender, die ich anbieten m\u00f6chte. Mal &#8222;Gegenst\u00e4nde verkaufen&#8220; statt immer neue Dienste leisten &#8211; das reizt mich lange schon.<\/p>\n<h2>Abenteuer Arbeit<\/h2>\n<p>Seit ein paar Wochen mache ich Sonntags einen Plan mit den Arbeiten der kommenden Woche. Das gibt mir einen guten \u00dcberblick \u00fcber alles, was ich so tue und tun will, was ich davon schaffe und was ich verschiebe.  Dem Wochenplan \u00fcbergeordnet ist ein Papier mit den Aktionsfeldern und Vorhaben: da formuliere ich l\u00e4ngerfristige Ziele, f\u00fcr mich ein recht neues Unterfangen!  All das macht mir bewusst, wie irrational ich \u00fcblicherweise vor mich hin werkelte, fast ausschlie\u00dflich motiviert von den vermeintlichen Notwendigkeiten des Augenblicks. Die Pl\u00e4ne zwingen mich dazu, den Blick vom &#8222;Aktuellen&#8220; zu l\u00f6sen und mir klar zu werden, was ich eigentlich will. Worin liegt echte Befriedigung???<\/p>\n<p>Dass mich z.B. der Shop reizt, ist reine Abenteuerlust. Klar will ich da &#8222;sch\u00f6ne Dinge&#8220; verkaufen, die mir selbst gefallen bzw. die ich irgendwie bemerkenswert finde, doch wesentlich an der Idee ist das Ausprobieren von etwas Neuem: Kann ich das? Kauft mir da tats\u00e4chlich jemand was ab??? Gelingt es mir, einen Shop zu kreieren, der anders aussieht als alles, was ich so kenne? Wird er den Leuten gefallen?? Wird es gelingen, den Frieden zu bewahren oder muss ich mich auf &#8222;Wildwest-Manieren&#8220; einstellen? (=Betr\u00fcger, Abmahner etc.) Kann ich damit Geld verdienen oder wird es nur wieder eine neue Schiene f\u00fcr die kreative Selbstausbeutung?<\/p>\n<p>Alsdenn: Abenteuerlust ist ein Motiv. Etwa aufbauen und schauen, ob es funktioniert &#8211; darauf fahre ich ziemlich ab! Es ist allerdings ein fast ausschlie\u00dflich mentales Motiv, eine Form des Ehrgeizes, keine sinnlich sp\u00fcrbare Lust. Die Gestaltung des Ganzen ist immerhin &#8222;freudige Kreativ-Arbeit&#8220;: geeignet, sich im Flow des Tuns selbst zu vergessen &#8211; und mal nicht &#8222;im Auftrag&#8220;, sondern f\u00fcrs eigene (kommerzielle!) Projekt.<\/p>\n<h2>Vom sinnlichen Genie\u00dfen<\/h2>\n<p>Was gibt&#8217;s noch f\u00fcr Motive, die die Kraft zur Ver\u00e4nderung ergeben??  In der Reihe der m\u00f6glichen L\u00fcste, die das Leben bringen kann, dr\u00e4ngt sich das &#8222;sinnliche Genie\u00dfen&#8220; als  vermeintlich nahe liegende und einzig wahre Form in den Blick. Constantin Wecker hat jedoch nicht zu Unrecht gesungen: &#8222;Genie\u00dfen war noch nie ein leichtes Spiel!&#8220;. Wer sich ums sinnliche Genie\u00dfen zentriert, verf\u00e4llt dem Spannungsfeld zwischen Ignoranz und Sucht: um \u00fcberhaupt sinnlich genie\u00dfen zu k\u00f6nnen, bedarf es der F\u00e4higkeit, die Identifikation mit dem Strom der Gedanken zu l\u00f6sen, was durch einfaches &#8222;Abschalten&#8220; nicht zu leisten ist. Gelingt es aber doch, ist man schnell mit dem Faktor &#8222;Gew\u00f6hnung&#8220; konfrontiert: was eben noch k\u00f6stlich mundete, reizte, erregte, allerlei &#8222;Kicks&#8220; vermittelte, schleift sich schnell ab und verlangt nach MEHR.<\/p>\n<p>Wir sind nun mal nicht daf\u00fcr geschaffen, in ruhigem Wohlbefinden zu ruhen &#8211; niemand h\u00e4lt zum  Beispiel l\u00e4nger als 1,5 Stunden liebevolle Massage aus. Wer sch\u00f6ne Dinge um sich versammelt, sieht sie schon bald nicht mehr und wird leicht zum reinen Sammler, der sich am g\u00e4nzlich unsinnlichen Fakt des Besitzens erfreut. &#8222;Anregende&#8220; Stoffe und Drogen zeigen im Dauerkonsum schnell ihre dunkle Seite, und selbst so etwas Gesundes wie Sport kann zur Sucht werden: wie sch\u00f6n, wenn der Schmerz nachl\u00e4sst!<\/p>\n<p><strong>Handeln mit Sinn <\/strong><\/p>\n<p>Es gibt noch eine weitere Freude, die mir ab und zu begegnet: ungeplant, unbedacht, einfach so. Das ist die tiefe Herzensfreude, wenn ich jemandem tats\u00e4chlich helfen kann. Nicht als &#8222;Gutmensch&#8220;, der hier und da was spendet oder Pfadfinderm\u00e4\u00dfig zur Verf\u00fcgung steht, sondern weil ganz zuf\u00e4llig irgend ein &#8222;Verm\u00f6gen&#8220; den wahren Bedarf eines Anderen trifft und das Geben ohne Denken statt findet. Die Freude entsteht nicht deshalb, weil ich dabei etwa &#8222;stolz auf mich&#8220; w\u00e4re, im Gegenteil, es ist Dankbarkeit f\u00fcr die Gelegenheit, etwas zu tun, das die Welt WIRKLICH braucht: Spontanes Handeln mit Sinn &#8211; Holz hacken, Wasser holen, wie es im ZEN hei\u00dft.<\/p>\n<p>Dieses Erleben w\u00fcrde ich gerne als Motiv f\u00fcrs eigene Streben im Reich der Arbeit heran ziehen: mehr verdienen, mehr HABEN als Potenzial, mehr zu geben. Nicht blo\u00df &#8222;horten und sichern&#8220;, sondern die zunehmende Handlungsfreiheit, die mit &#8222;mehr Geld&#8220; verbunden ist, sinnvoll einsetzen &#8211; ob ich das in diesem Leben noch schaffe?<\/p>\n<p>Schau&#8217;n wir mal!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leiden meiden, Freude suchen &#8211; so lebt und west der Mensch, wie schon Buddha feststellte. 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