{"id":3577,"date":"2022-09-13T13:42:09","date_gmt":"2022-09-13T11:42:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3577"},"modified":"2022-09-13T14:48:34","modified_gmt":"2022-09-13T12:48:34","slug":"schluss-mit-wachstum-und-dann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2022\/09\/13\/schluss-mit-wachstum-und-dann\/","title":{"rendered":"Schluss mit Wachstum &#8211; und dann?"},"content":{"rendered":"<p>Was derzeit passiert, gr\u00fcndet nicht in der Einsicht, dass der Klimawandel eine Schrumpfung erzwingt, sondern wird durch den Krieg in der Ukraine, explodierende Energiekosten, Lieferkettenprobleme und Arbeitskr\u00e4ftemangel verursacht. Nichtsdestotrotz schreitet die Klimakrise voran und die Notwendigkeit, zu einem klimaneutralen Wirtschaften zu wechseln, wird immer dringlicher.<!--more--><\/p>\n<p>Ein provozierend wirkender <a href=\"https:\/\/twitter.com\/shlomosapiens\/status\/1569328591485247488\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zusammenschnitt einer Rede zum &#8222;Gr\u00fcnen Schrumpfen&#8220;<\/a> der <span class=\"style-scope yt-formatted-string\" dir=\"auto\"> Wirtschaftsredakteurin<\/span> (TAZ) Ulrike Herrmann erregt aktuell die Gem\u00fcter auf Twitter. Deshalb poste ich hier mal das Originalvideo, in dem die Begr\u00fcndungen und Herleitungen ihrer Statements nicht raus geschnitten wurden.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/ZuOc6OdhTPw\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Anders als der Zusammenschnitt nahe legt, positioniert sich Herrmann gleich zu Beginn: Sie sei KEINE Kapitalismuskritikerin, denn dieses System habe mehr Wohlstand f\u00fcr viele geschaffen als alle anderen Versuche, die nicht diesselbe Dynamik aufweisen. Dennoch sieht sie die Not-Wendigkeit, von einem System wegzukommen, das unendliches Wachstum f\u00fcr sein Funktionieren ben\u00f6tigt. Nicht mal allein aus Klimaschutzgr\u00fcnden, sondern auch aufgrund der Endlichkeit der Ressourcen: Die EU verbraucht derzeit soviel, dass drei Erden n\u00f6tig w\u00e4ren, um diesen Wohlstand f\u00fcr alle zu erm\u00f6glichen, die USA verbrauchen 5 Erden, Dubai sogar 33!<\/p>\n<p>Klimaschutz (und die Endlichkeit der Rohstoffe) bedeuten aus Hermanns Sicht, dass &#8222;kein Stein auf dem anderen bleibt&#8220; und der derzeitige, Wachstum zum Selbsterhalt ben\u00f6tigende Kapitalismus in eine <strong>klimaneutrale Kreislaufwirtschaft<\/strong> \u00fcberf\u00fchrt werden muss.<\/p>\n<h2>Konsumverzicht? Gr\u00fcnes Wachstum?<\/h2>\n<p>Wie sollte das aber gehen? Hermann beginnt mit der Zerst\u00f6rung g\u00e4ngiger Ideen, die sie als Illusion bzw. nicht machbar entlarvt:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Idee 1:<\/strong> <strong>Konsumverzicht.<\/strong> Wir kaufen einfach weniger, denn viele von uns haben ja doch weit mehr als wir wirklich brauchen. Das kann nach Herrmann nicht klappen, da umfangreiches und andauerndes Konsumieren zum Erhalt des kapitalistischen Systems erforderlich ist. Kapitalismus hat nur 2 Zust\u00e4nde: Wachstum oder Schrumpfung. In der chaotischen Schrumpfung, die eintritt, wenn alle weniger kaufen, w\u00e4chst die Wahrscheinlichkeit, dass ein rechtsradikaler Diktator an die Macht kommt. <em>(Ich erg\u00e4nze: Weil Firmen pleite gehen, die Arbeitslosigkeit massiv steigt, der Sozialstaat unbezahlbar wird und immer mehr Menschen ernsthafte Not leiden). <\/em>Das hatten wir in Deutschland schon, brauchen es nicht nochmal!<em><br \/>\n<\/em><\/li>\n<li><strong>Idee 2:<\/strong> <strong>Gr\u00fcnes Wachstum, <\/strong>das derzeit von allen Parteien angestrebte Szenario. Alles bleibt im Prinzip wie bisher, nur wird auf klimaneutrale Technik gesetzt (z.B. E-Autos) und alles auf \u00d6kostrom umgestellt.\u00a0 Aber:\u00a0 Windenergie macht derzeit nur 4,5 % des Endenergieverbrauchs aus, Solarenergie nur 2%. Das bedeutet, dass 93 % der Endenergie bis 2035 aus Erneuerbaren produziert werden muss, was angesichts des bisher schleppenden Ausbaus gro\u00dfe Anstrengungen erfordert. Allerdings kann die \u00d6ko-Energieversorgung nur mittels Speichertechnologien (Batterien und Wasserstoff) funktionieren, da Wind und Sonne nicht immer zur Verf\u00fcgung stehen. Dieses Speichern sei alternativlos, aber teuer, sagt Hermann. \u00d6koenergie wird aus ihrer Sicht immer knapp und teuer bleiben, nur Kohle, \u00d6l und Gas gab es in H\u00fclle und F\u00fclle.<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Gr\u00fcnes Schrumpfen und der \u00dcbergang zur Kreislaufwirtschaft<\/h2>\n<p><strong>Herrmanns Fazit:<\/strong> Die Aufrechterhaltung der aktuellen Konsumgesellschaft kann nicht gelingen. &#8222;Gr\u00fcnes Schrumpfen&#8220; ist angesagt. Knappe und teure \u00d6ko-Energie wird nicht f\u00fcr alles reichen, was heute selbstverst\u00e4ndlich ist: Nicht f\u00fcrs Fliegen, nicht f\u00fcr private KFZs (E-Auto ist nach Herrmann eine Sackgasse). Auch Banken, wie wir sie kennen, haben keine Zukuft, weil Kredite Wachstum ben\u00f6tigen, dito Lebensversicherungen. Es braucht dann auch keine PR-Agenturen mehr, keine Messe-Logistik, kein Grafik-Design und auch nicht mehr so viel Journalismus. Neue Arbeitspl\u00e4tze entstehen z.B. in der Produktion, Aufstellung und Wartung der Erneuerbaren, beim \u00d6ko-Landbau (der die aktuelle Landwirtschaft abl\u00f6st) und in der Wiederaufforstung der W\u00e4lder.\u00a0 Diese Arbeitspl\u00e4tze werden jedoch keine mit heute vergleichbaren Einkommen generieren.<\/p>\n<p>Als Analogie, wie das in den bis 2035 verbleibenden Jahren schaffbar sein k\u00f6nnte, beschreibt Herrmann am Ende des Videos die <strong>britische Kriegschwirtschaft ab 1939<\/strong>: Nichts wurde verstaatlicht, jedoch hat der Staat vorgeschrieben, WAS &#8211; neben der nun erforderlichen Kriegsg\u00fcterproduktion &#8211; \u00fcberhaupt noch produziert werden soll. Und daraus notwendig folgend: Wie es verteilt werden soll. Diese G\u00fcter-Rationierung erfolgte gleichm\u00e4\u00dfig (!), so dass nicht die Reichen das ganze Fleisch bekamen und die Armen nichts. Letztere hatten dadurch sogar mehr als vorher, was die Rationierung sehr popul\u00e4r machte, sodass sie bis 1954 beibehalten wurde.<\/p>\n<p><strong>Mein Kommentar:<\/strong><\/p>\n<p>Aus meiner Sicht befinden wir uns derzeit genau in diesem Schreckensszenario &#8222;chaotisches Schrumpfen&#8220;. Herrmann f\u00fchrte als Beispiel f\u00fcr die Brisanz noch an, dass der Corona-Stillstand dazu gef\u00fchrt hat, dass blitzschnell viele Milliarden in die Wirtschaft gepumpt wurden. Eben weil sich die politischen Akteure darin einig waren, wie gef\u00e4hrtlich das Schrumpfen werden kann. Damit wurde das Schlimmste verhindert, jedoch kommt es jetzt doppelt dicke, da keine Zeit der Erholung und guten Gesch\u00e4fte neue Puffer hat bilden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was die M\u00f6glichkeiten angeht, mit der n\u00f6tigen Radikalit\u00e4t umzusteuern, gar eine Kriegswirtschafts-\u00e4hnliche Steuerung und Rationierung einzuf\u00fchren, bin ich \u00e4u\u00dferst pessimistisch. Das macht die Bev\u00f6lkerung nicht mit und wird &#8211; so f\u00fcrchte ich &#8211; lieber den rechten Rattenf\u00e4ngern in die Arme laufen, die nat\u00fcrlich erst recht au\u00dferstande sind, irgend etwas Not-Wendiges und Sinnvolles umzusetzen. Eher ist mit dem Zerfall der EU zu rechnen und neuen Kriegen.<\/p>\n<p>Was also? Es wird weiterhin &#8222;auf Sicht gefahren&#8220; werden, Klima hin, Klima her. Lindner wird die Schuldenbremse aufgeben m\u00fcssen, \u00fcberall werden L\u00f6cher gestopft werden, aber nie genug, wodurch die Verschuldung der Staaten steigt und eine neue Finanzkrise droht.<\/p>\n<p>Und zum Ukraine-Krieg hab&#8216; ich noch gar nichts gesagt! Auch das kann furchtbar eskalieren, so sehr ich mich \u00fcber die aktuellen Erfolge der Ukraine auch freue.<\/p>\n<p>Ein Blogpost \u00fcber d\u00fcstere Entwicklungen endet hier normalerweise mit irgend etwas Tr\u00f6stlichem. Momentan f\u00e4llt mir dazu nichts ein, jedenfalls nicht &#8222;im gro\u00dfen Format&#8220; mit Blick auf Wirtschaft und Gesellschaft. Im Kleinen staune ich fast, wie gut es mir (und vielen anderen) derzeit noch geht, und bin dankbar f\u00fcr jeden Tag, denn ich sehe es nicht mehr als selbstverst\u00e4ndlich an. Sicher ist jedenfalls: Weder werde ich Wutb\u00fcrgerin noch depressiv, sondern bleibe &#8222;guten Mutes&#8220;, solange es eben geht.<\/p>\n<p>Und Ihr so?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was derzeit passiert, gr\u00fcndet nicht in der Einsicht, dass der Klimawandel eine Schrumpfung erzwingt, sondern wird durch den Krieg in der Ukraine, explodierende Energiekosten, Lieferkettenprobleme und Arbeitskr\u00e4ftemangel verursacht. 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