{"id":3569,"date":"2022-08-14T11:02:33","date_gmt":"2022-08-14T09:02:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3569"},"modified":"2022-09-13T14:28:01","modified_gmt":"2022-09-13T12:28:01","slug":"social-media-experiment-gescheitert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2022\/08\/14\/social-media-experiment-gescheitert\/","title":{"rendered":"Social Media: Experiment gescheitert?"},"content":{"rendered":"<p>Horst Schulte hat gestern den wohl <a href=\"https:\/\/wutzone.de\/2022\/08\/13\/mein-reden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">k\u00fcrzesten Post seiner Blogger-Karriere<\/a> verfasst. In &#8222;Mein Reden&#8220; zitiert er Nicole Diekmann, die das &#8222;Experiment Social Media&#8220; f\u00fcr gescheitert erkl\u00e4rt und bedauert, dass es nicht &#8222;abgebrochen&#8220; wird. Horst schreibt dazu:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Schade, dass die Einsichten zwar reifen, aber -nat\u00fcrlich- ohne Konsequenzen bleiben. Dazu w\u00e4re echte Klugheit erforderlich. Und die findet man dort so gut wie nicht.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ist es wirklich so einfach? Und w\u00e4re ein &#8222;Abbruch&#8220; (WER sollte den WIE durchf\u00fchren?) wirklich &#8222;echt klug&#8220;?<!--more--><\/p>\n<p>Social Media waren nie ein Experiment, sondern die konsequente Weiterentwicklung hin zur Vereinfachung und damit zur Verallgemeinerung der Kommunikation im Internet. Man k\u00f6nnte es auch &#8222;Demokratisierung&#8220; nennen, denn jetzt k\u00f6nnen nahezu alle mitreden, nicht nur technik-affine Kreise.<\/p>\n<p><strong>Kleiner R\u00fcckblick auf die Entstehung der &#8222;sozialen Medien&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>In den 90gern musste man Webseiten per HTML selbst erstellen, Reaktionen auf die Inhalte kamen per Email und wurden &#8211; sofern es das Konzept vorsah &#8211; <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/archiv\/MissingLinkAusstell\/csleserf.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">h\u00e4ndisch eingepflegt<\/a>, wobei &#8222;unangemessene&#8220; Inhalte einfach nicht abgebildet wurden.<\/p>\n<p>Weil der Code mit der Zeit immer komplizierter und mit Javascript immer mehr Interaktives m\u00f6glich wurde, vereinfachten die Blogscripte das Vorgehen drastisch: Mit 3 Klicks zum eigenen Blog &#8211; das war WordPress und hat vielen erm\u00f6glicht an der neuen Kommunikationswelt teilzunehmen.<\/p>\n<p>Doch auch WordPress wurde zunehmend komplizierter, beim Kommentieren gab es immer mehr und noch dazu unterschiedliche H\u00fcrden, was letztlich dazu f\u00fchrte, dass die Leute massenhaft zu den neu entstandenen &#8222;sozialen Medien&#8220; wechselten. Einmal drin, gibts keine H\u00fcrden mehr. Man kann einfach drauflos schreiben, um die Technik k\u00fcmmert sich die Plattform. Eigentlich eine gute Arbeitsteilung, denn kaum jemand hat noch Lust, sich aufwendig in Dinge einzuarbeiten, die mit dem Bed\u00fcrfnis, sich \u00f6ffentlich zu \u00e4u\u00dfern, fast nichts zu tun haben.<\/p>\n<h2>Unvermeidliche S\u00fcndenf\u00e4lle<\/h2>\n<p>W\u00e4ren die Plattformen vom Start weg kostenpflichtig gewesen, w\u00e4re aus ihnen nichts geworden. Weil sie aber finanziert werden m\u00fcssen, sorgen <strong>Algorithmen<\/strong> daf\u00fcr, die &#8222;Verweilzeit&#8220; zu verl\u00e4ngern, damit platzierte Werbung auch gut gesehen wird. Das tun sie, indem besonders aufregende Inhalte bevorzugt werden, weitm\u00f6glichst entlang an den Interessen der User. Trotz vieler Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung sch\u00e4dlicher Effekte (Richtlinien, Moderationsteams, staatliche Gesetze und Melderegeln) ist interessenspezifische Werbung bis heute die Haupts\u00e4ule der Finanzierung &#8211; mit Abstand, denn die Zeiten des z\u00fcgellosen Investorengeld-Verbrennens sind vorbei.<\/p>\n<p>Als S\u00fcndenfall l\u00e4sst sich auch ein weiteres Hauptmerkmal der &#8222;sozialen&#8220; Medien beschreiben: Die <strong>asymetrische Kommunikation<\/strong>. In der alten Kommunikationswelt (Blogs, Foren) trafen sich diskussionswillige Menschen zu spezifischen Inhalten. Jetzt folgt man Personen und bekommt somit zwangsl\u00e4ufig alles mit, was diese verlautbaren, auch wenn es &#8211; grunds\u00e4tzlich &#8211; gar nicht interessiert. Das Ergebnis ist eine Explosion m\u00f6glicher Streit-Anl\u00e4sse, mit denen die Vielen unterschiedlich umgehen:\u00a0 Entweder rein ins Vergn\u00fcgen \u00f6ffentlicher Auseinandersetzungen oder stumm schalten bis blockieren, oft begleitet von Anmerkungen dazu und &#8222;Block-Empfehlungen&#8220;, die wiederum Andere auf die Spur setzen, wo es grade heftig zugeht.<\/p>\n<h2>Was tun gegen Hass und Hetze?<\/h2>\n<p>Die Ausw\u00fcchse der &#8222;neuen Streitkultur&#8220; sind hinreichend bekannt, die muss ich hier sicher nicht nochmal referieren. Die bisher\u00a0 eingesetzten Methoden (Richtlinien, Moderationsteams, Melden und Anzeigen, prominente Platzierung &#8222;richtiger&#8220; Fakten) kommen letztlich nicht vollst\u00e4ndig dagegen an. Die viel diskutierte Klarnamenpflicht w\u00fcrde <a href=\"https:\/\/www.derstandard.de\/story\/2000138076511\/hass-im-netz-warum-die-anonymitaet-sozialer-medien-nicht-das\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">berechtigten Interessen an Anonymit\u00e4t<\/a> widersprechen, zudem erleben wir ja, dass Leute zunehmend auch unter eigenem Namen unterirdische und sogar rechtswidrige Dinge posten. Besonders schlimm sind die Weiterungen \u00fcber die S-Medien hinaus: Hass und Hetze f\u00fchrten zu Morden und Selbstmorden, die als &#8222;Weckrufe&#8220; ein breites Echo erfahren &#8211; aber auch mit Folgen?<\/p>\n<p>Ja, es gibt Folgen, wenn auch noch nicht genug. Das Netzpiloten-Magazin referiert im Artikel &#8222;<a href=\"https:\/\/www.netzpiloten.de\/hate-speech-in-den-sozialen-medien\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hate Speech in den Sozialen Medien<\/a>&#8220;\u00a0 bisherige Ma\u00dfnahmen (z.B. das <a href=\"https:\/\/www.bmj.de\/SharedDocs\/Artikel\/DE\/2021\/0401_Gesetzespaket_gegen_Hass_und_Hetze.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gesetzpaket gegen Hass und Hetze<\/a>, zeigt Gr\u00fcnde f\u00fcr die Probleme beim Vorgehen gegen die Ausw\u00fcchse auf und benennt Strategien im Umgang mit Hass.Postings. Nichts Grundst\u00fcrzendes, aber immerhin etwas. So gibt es mittlerweile mit <a href=\"https:\/\/hateaid.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HateAid<\/a> eine gemeinn\u00fctzige Anlaufstelle, die kostenlose Beratung und Prozesskosten\u00fcbernahme f\u00fcr Betroffene digitaler Gewalt anbietet und unter anderem vom Justizministerium gef\u00f6rdert wird.<\/p>\n<p>Sehr viel Kritik auf sich gezogen hat letztens die <a href=\"https:\/\/www.mkffi.nrw\/aufbau-von-vier-meldestellen-zu-queerfeindlichen-und-rassistischen-vorfaellen-gestartet\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Initiative der NRW-Ministerin Paul<\/a>, die auch Vorf\u00e4lle &#8222;unterhalb der Strafbarkeitsschwelle&#8220; erfassen will:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Landesregierung setzt sich konsequent gegen Antisemitismus und jede Form von Diskriminierung, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Hass ein. Aus diesem Grund richtet das Ministerium f\u00fcr Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen ein bundesweit einzigartiges Netz in Form mehrerer Meldestellen ein, die Vorf\u00e4lle auch unterhalb der Strafbarkeitsgrenze erfassen, analysieren und dokumentieren.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Angriffe (&#8222;Stasi!&#8220;) waren erwartbar, doch fraglich ist aus meiner Sicht auch der Zweck der umfangreichen Implementierung dieses Meldewesens mit vielen neuen Stellen bei verschiedenen Tr\u00e4gern f\u00fcr Analyse und Forschung. Dazu hei\u00dft es lediglich:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Damit bekommen wir ein noch umfassenderes Bild und k\u00f6nnen wichtige Schl\u00fcsse f\u00fcr Intervention und Pr\u00e4vention ziehen&#8220;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das klingt recht d\u00fcnn und wird vermutlich keinen einzigen Hasskommentar verhindern. Intervention &#8222;unterhalb der Strafbarkeitsschwelle&#8220;? Was k\u00f6nnte das sein? Zur Pr\u00e4vention f\u00e4llt mir auch nichts ein, denn &#8222;Hater&#8220; wird es immer geben.<\/p>\n<h2>Fazit: unzureichendes St\u00fcckwerk<\/h2>\n<p>Wir werden weiter damit leben m\u00fcssen, dass alle Ma\u00dfnahmen gegen Hass und Hetze im Netz St\u00fcckwerk bleiben, solange nicht ein &#8222;Weltstaat&#8220; die Dinge durchreguliert. Dass wir den in den kommenden Jahrzehnten nicht erleben werden, erscheint mir als ziemlich sicher. Uns bleibt vorerst nur die Pr\u00e4vention durch pers\u00f6nliches Verhalten: Ignorieren, Diskutieren, Ironie, Blocken &#8211; oder eben Auszeit und\u00a0 R\u00fcckzug, wenn es unaushaltbar wird. Mir selbst ist in <a href=\"https:\/\/twitter.com\/HumanVoice\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">15 Twitterjahren<\/a> nichts Schlimmes passiert, was aber daran liegen mag, dass ich auf &#8222;Streitpotenziale&#8220; allenfalls sachlich reagiere, wenn \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p><strong>Abschaffen, abschalten, tot regulieren<\/strong> m\u00f6chte ich die &#8222;Sozialen Medien&#8220; jedenfalls nicht. Hass und Hetze sind ein gro\u00dfes und wichtiges Thema, das leider die vielen positiven Folgen, Ereignisse und individuellen M\u00f6glichkeiten dieser Art Kommunikation aus dem Blick geraten l\u00e4sst. Die gibt es aber auch, immer noch und immer wieder neue. Auf sie will ich nicht mehr verzichten, doch ist dies nicht die Stelle, sie zu beschreiben. Der Artikel ist wahrlich schon lang genug!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Horst Schulte hat gestern den wohl k\u00fcrzesten Post seiner Blogger-Karriere verfasst. 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