{"id":3530,"date":"2001-09-29T13:04:30","date_gmt":"2001-09-29T11:04:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3530"},"modified":"2022-05-15T13:20:07","modified_gmt":"2022-05-15T11:20:07","slug":"virtuelle-raeume","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/09\/29\/virtuelle-raeume\/","title":{"rendered":"Virtuelle R\u00e4ume"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich zwei Tage kein Diary schreibe, \u00fcberkommt mich am dritten, sp\u00e4testens am vierten Tag ein dringliches Bed\u00fcrfnis, mich hinzusetzen, auf die &#8222;leere&#8220; Datei zu starren und in mich hinein zu lauschen, was da jetzt wohl &#8222;zum Ausdruck&#8220; dr\u00e4ngt. Keinesfalls ist es ein Gef\u00fchl der Pflicht, eher eine Sehnsucht, in diesen stillen Raum der Selbstversenkung einzutreten, der sich mir schreibend so leicht er\u00f6ffnet wie nirgends sonst. Kein Thema ist vorgegeben, keine Form von irgend jemandem verordnet, die Erwartungen der Leser sind so unterschiedlich wie diese selbst und also auch keine Leitlinie, die mich auf bestimmten Spuren halten w\u00fcrde. Volle Freiheit also, und was auf diese Weise entsteht, landet mit einem Mausklick in den unendlichen Weiten, hierjetzt und nicht erst nach Monaten oder halben Jahren wie im Reich gedruckter Worte.<!--more--><\/p>\n<p>Gelegentlich fordert mich jemand auf, doch aus dem Digital Diary ein Buch zu machen (&#8222;Best of&#8220;&#8230; oder so). Mal davon abgesehen, dass das eine irre Arbeit mit wenig Aussicht auf Entlohnung bedeuten w\u00fcrde, z\u00f6gere ich bis heute, das \u00fcberhaupt ernsthaft in Erw\u00e4gung zu ziehen. EIN BUCH ist doch etwas ganz anderes, mehr f\u00fcr die Ewigkeit geschrieben, nicht f\u00fcrs Hierjetzt. Die Widerspr\u00fcchlichkeit vieler Beitr\u00e4ge ist im Diary ganz richtig, weil ich mich hier nicht unter dem Anspruch bewege, rundum stimmig zu sagen, wo es lang geht oder andere &#8222;abgesicherte&#8220; Botschaften abzusetzen. Es ist einfach nur Selbstausdruck &#8211; und ich bin nun mal nicht jeden Tag diesselbe. Hinzu kommt die schnelle Resonanz: Kommentare von Freunden, E-Mails von Fremden, gelegentliche Eintr\u00e4ge ins Forum bewirken eine R\u00fcckkoppelung und beeinflussen (manchmal) die Folgebeitr\u00e4ge, genau wie aktuelle Weltereignisse oder pers\u00f6nliche Erlebnisse aus dem Alltag. Der virtuelle Raum, der durch ein solches Diary geschaffen wird, ist also fortschreitende Gegenwart, nicht mehr und nicht weniger, einzigartig, mit keinem anderen Medium SO zu verwirklichen.<\/p>\n<p>Ein origin\u00e4res &#8222;Netz-Format&#8220; also, genau das, wonach die Verwerter des Internet so dringlich suchten, ohne zu bemerken, dass diese &#8222;Formate&#8220; (welch h\u00e4\u00dfliches Wort aus der TV-Welt!) l\u00e4ngst existierten, nur dass sie sich &#8211; leider, leider &#8211; nicht wirklich zur Kommerzialisierung eignen. Private Homepages, Webforen, Umfragen, Awards, Gespr\u00e4che und Interviews, sowie die unz\u00e4hligen Mailinglisten sind weitere Formen, im Netz entstanden und nur im Netz SO denkbar und wirksam. Selbst wenn es sich um aus anderen Medien \u00fcbernommene Formen handelt (wie Gespr\u00e4che und Interviews), so gewinnen sie doch aufgrund der Demokratisierung (jeder darf&#8230;) und der Freiheit von vorgeschriebenen Formen und kommerziellen Zw\u00e4ngen einen ganz eigenen, neuen Charakter. Projekte wie <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/>sagmal.de oder die <a href=\"http:\/\/www.krit.de\/aepfel.shtml\" target=\"new\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/>Krit-Apfel-Interviews<\/a> bieten einen anderen Nutzen und muten anders an als die \u00fcblichen Zeitungs-Interviews mit Prominenten und Politikern.<\/p>\n<p>Ganz besonders &#8222;netzig&#8220;, ohne dass es f\u00fcr Unkundige auf den ersten Blick ersichtlich w\u00e4re, sind auch engagierte Projektseiten wie das derzeitige <a href=\"http:\/\/www.krit.de\/\" target=\"new\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/>Krit-Journal<\/a>, in dem Ralph Segert, unterst\u00fctzt von vielen Leserinnen und Lesern, die laufenden Ereignisse in der Folge des WTC-Anschlags verfolgt und mit ausgesuchten Quellen unterf\u00fcttert. Mit dieser Vielfalt und Geschwindigkeit bei intensivem und ganz pers\u00f6nlichem (!) Einsatz der Macher h\u00e4lt kein anderes Medium mit.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/gelb.gif\" alt=\"\" width=\"8\" height=\"8\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>Aha, dieser Eintrag ist also eine Lobrede auf das Netz geworden! War es das, was mich bewegte, als ich mit dem Schreiben anfing? Ja und nein. Oft geht es mir so, da\u00df ich mit einem Gef\u00fchl, einer Anmutung beginne, dann aber erst eine Art Einleitung schreibe, die ihrerseits so lange ger\u00e4t, da\u00df die \u00fcbliche Beitragsl\u00e4nge bereits erreicht ist, ohne da\u00df ich zum Punkt gekommen w\u00e4re (der sich seinerseits erst im Laufe des Schreibens konkretisiert).<\/p>\n<p>Heute will ich es doch noch versuchen: <em>&#8222;Real Life ist auch nur ein Fenster unter mehreren, und nicht einmal mein bestes&#8220;<\/em> &#8211; dieses gefl\u00fcgelte Wort eines Aktivisten aus den Urzeiten des Netzes bedeutete eine radikale Standortbestimmung, eine Neuformulierung des In-der-Welt-Seins, wie sie f\u00fcr die ersten Jahre typisch war, genau wie John Perry Barlows Pathos-ges\u00e4ttigte <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Unabhaengigkeitserklaerung-des-Cyberspace-3410887.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung des Cyberspace<\/a> (<em>&#8222;Regierungen der industriellen Welt, Ihr m\u00fcden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes&#8220;<\/em>.) Der erste Net-Hype war KEIN kommerzieller, aber doch ein Hype, eine T\u00e4uschung, ein begeisterter Glaube an das neue Utopia im Internet, wo endlich alle nett zueinander sind, selbstlos zusammenarbeiten, spielen und Kunst schaffen. Das dauerte solange, bis eine kritische Masse an Teilnehmern erreicht war und das &#8222;ganz normale Leben&#8220;, zun\u00e4chst in Gestalt von Wildwest-Verh\u00e4ltnissen und dann in Form von Kommerzialisierung und Reglementierung Einzug hielt.<\/p>\n<p>In der R\u00fcckschau wird heute der utopische Hype besp\u00f6ttelt und bel\u00e4chelt, der darauf nahtlos folgende kommerzielle Hype tr\u00e4nenden Auges zu Grabe getragen. Und das Netz scheint nur noch eines zu sein: \u00d6l f\u00fcrs \u00fcbliche Getriebe: alles geht viel viel schneller&#8230;<\/p>\n<p>Das Netz als blo\u00dfe Real-Life-Beschleunigung und Effektivierung? Klar, das ist der offensichtlichste Erfolg &#8211; mit problematischen Nebenwirkungen, wie immer. Aber ich glaub&#8216; nicht dran, da\u00df das schon alles ist, ich erlebe es anders. Die &#8222;virtuellen R\u00e4ume&#8220; existieren wirklich, es gibt neue Formen des Zueinanderkommens auf vielen Ebenen, Seinsweisen und M\u00f6glichkeiten, die weit \u00fcber &#8222;Real Life as we know it&#8220; hinaus gehen, es nicht nur beschleunigen oder rationalisieren, sondern erg\u00e4nzen und erweitern. Mit wie vielen Menschen bin ich nicht schon in konstruktiven Austausch gekommen, die mir &#8222;real&#8220; gar nicht aufgefallen w\u00e4ren, die ich vielleicht sogar abgelehnt h\u00e4tte, weil mir irgend etwas an ihrer K\u00f6rpersprache missfallen h\u00e4tte! Wieviel Offenheit von Fremden hab&#8216; ich doch schon erfahren, die im RL gew\u00f6hnlich erst nach langer Bekanntschaft m\u00f6glich wird, wenn \u00fcberhaupt &#8211; wieviel erhellende Einblicke in das eigene Seelenleben und das Anderer! Gar nicht so selten sind daraus l\u00e4nger dauernde Bekanntschaften entstanden, einige Fremde sind Freunde geworden und manches sch\u00f6ne Projekt kam zustande, das das Licht der \u00d6ffentlichkeit nicht erblickt h\u00e4tte, w\u00e4re ich auf &#8222;Real Life&#8220; angewiesen gewesen.<\/p>\n<p>Der Ursprung aller Netzkommunikation ist einst wie heute E-Mail: immer schon da seit das Netz existiert, die &#8222;Killer-Applikation&#8220;, nach der sp\u00e4ter so verkrampft gesucht wurde. E-Mail kann nat\u00fcrlich als reines Add-On zum Real-Life genutzt werden: Sachliche Botschaften, kleine Nachrichten aus dem Alltag, Stimmf\u00fchlungslaute: Hallo, es gibt mich noch!. Aber Mail hat auch ein anderes Potetial, n\u00e4mlich den, ein &#8222;Virtual Life&#8220; mit eigenen R\u00e4umen und M\u00f6glichkeiten zu erzeugen, den es ansonsten &#8222;nirgendwo&#8220; gibt. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang gelegentlich von &#8222;Beichtstuhlatmosph\u00e4re&#8220;, welch ein abschreckender Begriff! Und sie WARNEN denn auch den User vor dem Mailen, vor dem Sich-\u00d6ffnen und Sich-Zeigen, ganz besonders gegen\u00fcber Fremden.<\/p>\n<p>Jetzt bin ich also endlich angekommen bei meinem Thema von heute &#8211; und mu\u00df es nun doch vertagen, sonst wird dieser Text zu lang. So far: Fortsetzung folgt! :-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich zwei Tage kein Diary schreibe, \u00fcberkommt mich am dritten, sp\u00e4testens am vierten Tag ein dringliches Bed\u00fcrfnis, mich hinzusetzen, auf die &#8222;leere&#8220; Datei zu starren und in mich hinein zu lauschen, was da jetzt wohl &#8222;zum Ausdruck&#8220; dr\u00e4ngt. 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