{"id":3529,"date":"2001-09-27T12:50:42","date_gmt":"2001-09-27T10:50:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3529"},"modified":"2022-05-15T13:04:19","modified_gmt":"2022-05-15T11:04:19","slug":"einander-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/09\/27\/einander-verstehen\/","title":{"rendered":"Einander verstehen"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica;\"> In den Wochen seit <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/09\/18\/vom-glueck-mitten-im-grauen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">DEM Ereignis<\/a> hat es mir doch weitgehend die Sprache verschlagen. Das &#8222;gro\u00dfe Gespr\u00e4ch&#8220;, das aus allen Kan\u00e4len s\u00e4mtlicher Medien dr\u00f6hnte, hat mich regelrecht umgehauen und verstummen lassen. Und zwar nicht wegen etwas Bestimmtem, das da gesagt worden w\u00e4re und mich vielleicht verst\u00f6rt oder w\u00fctend gemacht h\u00e4tte, nein, es war das Kommunikationsgeschehen insgesamt, bis hin zu den Mailinglisten, Webforen, Tageb\u00fcchern. Es erschien mir, als werde der Krieg zumindest mit Worten vorweg genommen, nicht nur in den traditionellen Medien mit ihren martialischen Akteuren, sondern auch in so &#8222;netzigen&#8220; Communities wie den I-Workern (die Liste wurde sogar eine Woche geschlossen!) oder dem Forum der 13, wo es Austritte hagelte. Je emotionaler, desto feindseliger, k\u00f6nnte man zusammenfassen. Und von einem Ereignis wie diesem Terroranschlag bleibt wohl niemand unber\u00fchrt, auch diejenigen nicht, die sich jetzt wieder ganz cool geben.<\/span><!--more--><\/p>\n<p>Was bringt Menschen im Miteinander-Sprechen derart gegeneinander auf? Wenn ich es mir im Kleinen ansehe, im Bereich pers\u00f6nlicher Gespr\u00e4che und Auseinandersetzungen, komme ich der Sache eher auf die Spur, als wenn ich versuche, gesellschaftliche Gro\u00dfdiskussionen zu analysieren.<\/p>\n<p>&#8222;Schei\u00df Wetter heute&#8220;, sagt jemand zur Begr\u00fc\u00dfung und zieht die Stirn in unwettergerechte Sorgenfalten. Recht hat er, der Himmel ist tr\u00fcb und verhangen, es ist unangenehm k\u00fchl und feucht. Als Stadtbewohner, f\u00fcr die das Wetter nicht wirklich wichtig ist, k\u00f6nnen wir uns locker verstehen: Wetter ist allenfalls Stimmungsmacher, es beeinflu\u00dft ein wenig die Freizeitgestaltung, aber es haut uns nicht um in unseren geheizten oder klimatisierten R\u00e4umen. Anders, wenn ich den gleichen Spruch als Tourist in Mecklenburg loslasse, wenn der Regen am Ende einer Trockeneperiode einsetzt, die den Bauern bei dem ich meine Ferientage verbringe, fast die Ernte gekostet h\u00e4tte. Vielleicht nickt er zustimmend, weil er die zahlenden G\u00e4ste nicht vergraulen will, aber innerlich ger\u00e4t er vermutlich ins Sch\u00e4umen angesichts der ahnungslosen Ignoranz, die aus dem schlichten Statement spricht.<\/p>\n<p>Das ist nur ein einfaches, geradezu banales Beispiel, doch macht es die Fallstricke der Alltagskommunikation durchaus klar. Um einander zu verstehen, m\u00fc\u00dfte sich der Bauer mit seinen Sorgen mitteilen (=Schw\u00e4che zeigen) und der Tourist m\u00fc\u00dfte bereit sein, sich auf diese Sorgen einzulassen (=Mitgef\u00fchl riskieren). Das ist schon viel verlangt, umso brisanter und schwieriger wird es, wenn es sich nicht um einfache Tatsachen handelt, die man quantifizieren und in Mark und Pfennig (Verluste) umrechnen kann, sondern um Urteile, die durch subjektives inneres Erleben zustande kommen, das schlicht nicht objektivierbar ist. Hier erreicht man schnell einen weiteren Point of no Return, der alle konstruktive Kommunikation beendet und Beteiligte zu Gegnern werden l\u00e4\u00dft: Wenn ich n\u00e4mlich das innere Erleben des Anderen nicht gelten lasse, ihm seine Wahrnehmungen, Empfindungen und Gef\u00fchle einfach abspreche, sie als &#8222;unm\u00f6glich&#8220;, &#8222;unwichtig&#8220; oder gar &#8222;falsch&#8220; oder &#8222;gelogen&#8220; abtue. Damit zerst\u00f6re ich die Grundlage aller Kommunikation, es bleibt nur die Kampfhandlung oder das Auseinandergehen (Ignoranz).<\/p>\n<p>Allgemeine Urteile \u00fcber das Weltgeschehen, politische Statements, sogar wissenschaftliche Aussagen basieren ohne Ausnahme auf subjektivem inneren Erleben und Wahrnehmen (auch das, was ein Me\u00dfger\u00e4t anzeigt, wird zun\u00e4chst subjektiv wahrgenommen und interpretiert). Ein politischer Streit, ein wissenschaftlicher Diskurs, ein journalistischer Artikel und auch ein Stammtischgespr\u00e4ch bleibt allermeist auf der von diesem pers\u00f6nlichen Erleben g\u00e4nzlich abstrahierten Niveau objektivierter Aussagen. Wenn man aber mal in einem pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch dahin kommt, sich \u00fcber die Bedeutung von Begriffen auszutauschen, er\u00f6ffnet sich die M\u00f6glichkeit, tiefer zu gehen. Was bedeutet zum Beispiel &#8222;Freiheit&#8220;, &#8222;Gerechtigkeit&#8220;, &#8222;Fairness&#8220; f\u00fcr den Anderen, ganz konkret? Was ist &#8222;Ehrlichkeit&#8220;, &#8222;Offenheit&#8220;, &#8222;Liebe&#8220;? Alle Versuche, Begriffe jenseits der Subjekte zu definieren, bringen wenig f\u00fcr das menschliche Miteinander, f\u00fcr ein Sich-N\u00e4her-kommen. Um sich wirklich zu verstehen mu\u00df man sich letztlich die pers\u00f6nliche Lebensgeschichte erz\u00e4hlen: die vielen Geschichten und Erlebnisse, an denen entlang die je eigenen Begriffsdeutungen entstanden sind, die \u00e4u\u00dferen Ereignisse einerseits, aber viel wichtiger noch das innere Erleben. Und zwar ohne Urteilen und Verurteilen (!), anders geht es nicht.<\/p>\n<p>Liebende versuchen es, auch gute Freunde. Aber wer sonst? Man bleibt lieber dabei, Behauptungen aufzustellen ohne deren Herkommen zu erl\u00e4utern, Urteile zu verteidigen und Rechnungen aufzumachen. Schlagabtausch statt Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Und deshalb hab&#8216; ich manchmal einfach keine Lust aufs &#8222;mitreden&#8220;.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Wochen seit DEM Ereignis hat es mir doch weitgehend die Sprache verschlagen. Das &#8222;gro\u00dfe Gespr\u00e4ch&#8220;, das aus allen Kan\u00e4len s\u00e4mtlicher Medien dr\u00f6hnte, hat mich regelrecht umgehauen und verstummen lassen. Und zwar nicht wegen etwas Bestimmtem, das da gesagt worden w\u00e4re und mich vielleicht verst\u00f6rt oder w\u00fctend gemacht h\u00e4tte, nein, es war das Kommunikationsgeschehen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11,8,231],"tags":[396,605,318,606,604,607],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3529"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3529"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3529\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3529"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3529"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3529"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}