{"id":3526,"date":"2000-12-03T12:26:27","date_gmt":"2000-12-03T11:26:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3526"},"modified":"2022-05-15T12:33:03","modified_gmt":"2022-05-15T10:33:03","slug":"sex-als-dienstleistung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/12\/03\/sex-als-dienstleistung\/","title":{"rendered":"Sex als Dienstleistung"},"content":{"rendered":"<p>Endlich r\u00fcckt das Aufstehen in die Fr\u00fche vor: Heute immerhin schon um sieben vor dem PC angekommen! Meine Idee, die einem echten Bed\u00fcrfnis entspringt, n\u00e4mlich die Zeit der Helligkeit mehr in Richtung Mitte der wachen Zeit zu legen, verwirklicht sich langsam. Ich hoffe, im Lauf dieses Winters nochmal auf sechs, wenn nicht f\u00fcnf Uhr Aufstehzeit zu kommen!<br \/>\nSowas h\u00e4tte ich vor 20 Jahren f\u00fcr vollkommen irre gehalten. Wie die meisten Jungen war ich Langschl\u00e4ferin und NACHTMENSCH, wie man von sich gerne sagt. Freiheit bedeutete zu allererst, ausschlafen zu k\u00f6nnen, solange ich mochte. Komischerweise reflektierte ich nicht, wie frei oder unfrei ich eigentlich davon war, t\u00e4glich bis vier Uhr morgens in die Kneipen zu rennen. Na, so \u00e4ndern sich die Zeiten. Heute finde ich es geradezu abenteuerlich, einfach in mich hineinlauschen zu k\u00f6nnen und von daher meine Schlafens- und Wachzeien zu w\u00e4hlen. Im Prinzip&#8230;. :-) Faktisch nimmt man ja doch Teil am kollektiv Gewohnten, und sei es nur durch die abendliche Tagesschau, die ich noch immer nicht durch Radio oder Internet-Schlagzeilen ersetzen mag.<\/p>\n<h2>&#8230;und jetzt das mit dem Sex.. :-)<\/h2>\n<p>Apropos Schlagzeilen: Wichtige Ver\u00e4nderungen kommen manchmal auf leisen Sohlen daher. Das Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin in Sachen <strong>Cafe &#8222;Pssst&#8220;<\/strong>, dass Prostitution heute nicht mehr in jedem Fall als sittenwidrig angesehen werden kann, ist so ein Fall. Endlich der erste kippende Domino-Stein, der vermutlich all die in Gesetze und &#8222;st\u00e4ndige Rechtsprechung&#8220; gegossenen Diskriminierungen und Ausgrenzungen, L\u00fcgen und Heucheleien rund um den k\u00e4uflichen Sex zu Fall bringen wird.<\/p>\n<p>Im Einzelfall, der zu entscheiden war, ging es mal wieder um die Frage, ob die Betreiberin einer Bar an selbst\u00e4ndige Huren stundenweise Zimmer vermieten darf, ohne sich der &#8222;F\u00f6rderung der Prostitution&#8220; schuldig zu machen. Bisher ging das nicht, die Zimmervermietung mu\u00dfte \u00fcber einen Strohmann laufen, um nicht zum Verlust der Konzession zu f\u00fchren. Auch durfte das Ambiente keinen &#8222;gehobenen Eindruck&#8220; machen, alles, was die Arbeitsbedingungen der Huren normalisiert und angenehmer macht, war (und ist in vielen Punkten immer noch) verboten.<\/p>\n<p>Ein Ende dieses verr\u00fcckten Zustands ist jetzt in Sicht. Rot-Gr\u00fcn plant ein Anti-Diskriminierungsgesetz, das es Huren erm\u00f6glichen wird, voll versichert und rechtlich rundum anerkannt zu arbeiten. Ihre Dienste werden als ganz normale Dienstleistungen bewertet, \u00e4hnlich wie Massage und Krankengymnastik. Richtig so!<\/p>\n<p>Warum ich mich dar\u00fcber freue? Schlie\u00dflich k\u00f6nnte man auch dar\u00fcber trauern, dass offenbar der real existierende Porno-Markt und die gesamte verlogene \u00dcbersexualisierung in den Medien nun dazu f\u00fchrt, dass sogar der offizielle &#8222;Ma\u00dfstab der Sitten&#8220; sich \u00e4ndert. Ich ziehe es vor, das anders zu sehen: Die Entkriminalisierung und Enttabuisierung der bezahlten sexuellen Dienstleistungen hat vielleicht eine befreiende Wirkung. Wenn deren N\u00e4he zum Schmuddligen, Verbotenen, jedenfalls politisch Unkorrekten tendenziell abnimmt, dann k\u00f6nnen sich vielleicht in Sachen Sex entspanntere Verh\u00e4ltnisse entwickeln &#8211; NICHT NUR im Bereich der K\u00e4uflichkeit!<\/p>\n<h2>Die Energie, die immer da ist<\/h2>\n<p>Um \u00fcber Sex zu reden, mu\u00df man seine Grundeinstellung dazu mitteilen. Was ich &#8222;damals &#8217;68&#8220; als 14-J\u00e4hrige einem oberfl\u00e4chlichen Underground-Mainstream ahnungslos nachplapperte, ist mir im Lauf eines erfahrungsreichen Lebens &#8211; dem gesellschaftlichen Rollback entgegen &#8211; zu tiefster Gewissheit geworden: Sex ist zuvorderst kein Zeichen der Liebe oder gar Unterpfand f\u00fcr Bindung und Geborgenheit, sondern ein Grundbed\u00fcrfnis wie Essen &amp; Trinken, eine Energie, die IMMER da ist, mal weniger, mal mehr sp\u00fcrbar, mal angenehm, mal eher unangenehm. Das Wegdr\u00fccken der Sexualit\u00e4t in nur ganz schmale erlaubte Bereiche, das die Gesellschaften immer schon pflegten, hat viele Gr\u00fcnde, f\u00fcr die es im Einzelnen Pro und Contra geben kann, doch mit Wahrheit hat das alles nichts zu tun. Zudem sind diese Unterdr\u00fcckungs- und Kanalisierungsmechanismen allermeist unbewusst, es gab und gibt da kein Kollektiv wacher und bewu\u00dfter Menschen, die sagen: Wir wollen das so!<\/p>\n<p>Weite Bereiche der Sexualit\u00e4t werden so in eine Schmuddelprostitution gedr\u00e4ngt, von der kein Mann (und erst recht keine Frau) behaupten kann, er oder sie pflege hier den aufrechten Gang. Oder ist es etwa m\u00f6glich, w\u00e4hrend einer Party mit Arbeitskolleginnen (!) und Kollegen zu sagen:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Hey, ich war da gestern abend bei Mona in der Bleibtreustra\u00dfe. WOW, die konnte mich f\u00fcr eine Eeeeewigkeit knapp vor dem Point of No-Return halten! Ich konnte alles vergessen, sogar mich selbst, es war gro\u00dfartig&#8230;<br \/>\nSie nimmt \u00fcbrigens keine Kreditkarten, sie meint, es sei ihr zu teuer und zu umst\u00e4ndlich, bis das Geld wirklich da ist.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ganz \u00e4hnlich also, wie man zum Beispiel einen guten Koch oder ein neues Restaurant r\u00fchmt und dann zu anderen Themen \u00fcbergeht.<\/p>\n<h2>Warum nicht?<\/h2>\n<p>Fakt ist, dass das ganz normale Geschlechterverh\u00e4ltnis entlang der sexuellen Ebene noch immer belastet ist wie eh und je. Auch der angeblich &#8222;kostenlose&#8220; Sex liebevoll verbundener Paare ist gew\u00f6hnlich alles andere als easy; zuvorderst deshalb nicht, weil er (wie die Beziehung selbst) als regelm\u00e4\u00dfig und dauerhaft, als friedlich-verl\u00e4\u00dflicher &#8222;Normalzustand&#8220; erwartet und gew\u00fcnscht wird. Was normal ist, wird dabei auch noch an der Zeit der heftigsten Verliebtheit gemessen, wo man nicht viel anderes im Sinn hat, als m\u00f6glichst viel Zeit miteinander im Bett zu verbringen. Aber kaum ist das abgeflaut und mensch beginnt, die Welt wieder wahr- und das eigene Leben wieder aufzunehmen, wirkt das auf den Partner als Entzug, gar als ungewollte Versto\u00dfung, jedenfalls als eine Art BEWERTUNG. Schau an, es gibt wieder andere Priorit\u00e4ten!<\/p>\n<p>Selbst dann, wenn er oder sie selber schon heftig nach Luft schnappt und wieder mehr Raum und Energie f\u00fcr die Eigenbewegung braucht, geschehen diese negativen Bewertungen, es geht jetzt um Bedeutung und nicht mehr ums Erleben. Der S\u00fcndenfall ist da, das Kind im Brunnen. Es herrscht jetzt der Psycho, nicht mehr Eros oder Pan.<\/p>\n<p>Das Erlebnis, gr\u00f6\u00dfer werdende Teile der Aufmerksamkeit des endlich gefundenen und geliebten Partners auch wieder zu verlieren, macht junge Menschen verst\u00e4ndlicherweise agressiv, traurig, \u00e4ngstlich oder verbittert. Schlie\u00dflich hofft man da noch, beim Anderen alles Heil zu finden, das man in diesem seltsamen Leben auf einer unerkl\u00e4rlichen Welt n\u00f6tig haben k\u00f6nnte. Und wenn schon das nicht, so ist er (oder sie) doch wenigstens ein verl\u00e4\u00dflicher Verb\u00fcndeter im Unbekannten &#8211; oder etwa doch nicht?<\/p>\n<p>Hier geht es nicht mehr um Sex. Ich denke, das ist leicht erkennbar. Es geht um ganz andere Aspekte des In-der-Welt-Seins, der Sex wird mit ihnen nur unzul\u00e4ssig befrachtet. Leider geht das immer so weiter, springt von einem Thema zum n\u00e4chsten, wird zur Methode der nichtmentalen Kommunikation. Das Bewerten des sexuellen Aufeinander Zugehens oder Fernbleibens im Hinblick auf Bedeutung f\u00fcr Anderes t\u00f6tet das urspr\u00fcngliche und Unverf\u00fcgbare der Erfahrung, macht einen Teil davon (den jeweils postiv bewerteten) zur m\u00f6glichen W\u00e4hrung, den anderen Teil zum m\u00f6glichen Sanktionsmittel. Und wer sich ganz unerwartet mit solchen Machtmitteln ausger\u00fcstet sieht, m\u00fc\u00dfte schon ein Heiliger oder eine Heilige sein, um sie niemals zu benutzen, meint ihr nicht auch? (Und was war mit der Hure? fragt der innere Assoziationsblaster&#8230;)<\/p>\n<h2>N\u00e4he &#8211; sexuell ein Flop?<\/h2>\n<p>Wie immer: die sexuelle Dimension vieler Paare ist auch deshalb belastet, weil sie fr\u00fcher oder sp\u00e4ter erleben, dass die im besten Fall zunehmende geistig-psychische N\u00e4he, aus der echte Verantwortung und dauerhafte Bindung entsteht, auf sexuellem Gebiet eher kontraproduktiv ist. Man f\u00fchlt sich verbunden, will aber immer weniger voneinander. Spirituell ist das ein Gewinn, sexuell eher ein Verlust, denn das Wesen des Sexuellen enth\u00e4lt auch etwas Forderndes, ja, agressives. Eben das, was verschwindet, wenn man sich wirklich nahe kommt. (Das Leiden am sog. &#8222;Kuschelsex&#8220; hat hier seinen Ursprung.)<\/p>\n<p>Wenn man sich erinnert, dass Sexualit\u00e4t ja doch urspr\u00fcnglich im Zusammenhang mit Fortpflanzung entwickelt wurde, ist der agressive Aspekt nicht weiter verwunderlich. Schlie\u00dflich mussten sich die Zweigeschlechtlichen Wesen bis ins 20ste Jahrhundert physisch recht nahe kommen, um sich fortzupflanzen zu k\u00f6nnen (einzig der Mensch macht da neuerdings einen &#8222;FORT-Schritt&#8220;). Und das als verteidigungsf\u00e4hige erwachsene Einzelwesen, aus der Grabbelgruppe lange &#8218;raus! Unter den Spinnen \u00fcberleben das manche M\u00e4nnliche nicht. Sex war nie NORMAL.<\/p>\n<p>Es ist unsere Schuld, wenn wir Sexualit\u00e4t technisch von der Fortpflanzung l\u00f6sen (uns davon &#8222;befreiend&#8220;), dann aber nicht neu interpretieren und nur armselig oder \u00fcberhaupt nicht kultivieren. Unser Fehler, wenn wir immer noch das M\u00e4rchen von der lebenslangen Liebe mit der regelm\u00e4\u00dfigen und erf\u00fcllten Sexualit\u00e4t (hier und nirgends sonst!!!) glauben oder im Zuge des neuen Konservatismus wenigstens wieder herunterbeten &#8211; damit die Welt im globalisierten Sodom und Gomorra nicht ganz vor die Hunde gehe.<\/p>\n<p>Meiner Generation (den Post-68ern) hat AIDS die Sprache verschlagen. Wir sind zugunsten des \u00dcberlebens von der richtigen Einsicht abgewichen, die wir im realen Leben sowieso nicht &#8222;durch Verordnung&#8220; verwirklichen konnten. Das ist keine Schande, aber in den Zeiten von BSE muss man wieder Worte finden.<\/p>\n<p>Die genannten und weitere eigentlich unerotische (Paar-)Verstrickungen zeigen jedenfalls eines: Kostenlos ist das alles nicht. Man kann gut verstehen, dass viele gerne Geld zahlen, um frei von all diesem Ballast Sexualit\u00e4t zu erleben. Um daf\u00fcr auch die allen wohlgef\u00e4lligen &#8222;guten Sitten&#8220; entwickeln zu k\u00f6nnen, darf Sex als Dienstleistung jedenfalls nicht mehr als &#8222;sittenwidrig&#8220; gelten. Gelobt sei das Verwaltungsgericht Berlin! Der &#8218;heiligen Hure&#8216; Felicitas, die es mit vollem pers\u00f6nlichen Einsatz durchgeboxt hat, geb\u00fchrt dagegen ewige Dankbarkeit.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich r\u00fcckt das Aufstehen in die Fr\u00fche vor: Heute immerhin schon um sieben vor dem PC angekommen! 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