{"id":3525,"date":"2001-09-22T12:25:11","date_gmt":"2001-09-22T10:25:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3525"},"modified":"2022-05-15T12:38:54","modified_gmt":"2022-05-15T10:38:54","slug":"zueinander-kommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/09\/22\/zueinander-kommen\/","title":{"rendered":"Zueinander kommen"},"content":{"rendered":"<p>Ist es in den Zeiten des Terrors und der Kriegsvorbereitungen \u00fcberhaupt m\u00f6glich, \u00fcber Sex zu schreiben? Das hab&#8216; ich mich schon gefragt, als mir Willie am 14.September einen Kommentar zu einem \u00e4lteren Diary-Beitrag (<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/12\/03\/sex-als-dienstleistung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sex als Dienstleistung<\/a>) ins Forum postete &#8211; und dann doch geantwortet. Welches Thema w\u00e4re schon &#8222;passend&#8220;, um den Horror abzul\u00f6sen, \u00fcber den nachzudenken, nachzusp\u00fcren, zu reden und zu schreiben leicht zur verzweifelten Endlosschleife geraten kann?<!--more--><\/p>\n<p>Also Sex, why not! Um eine neue Inspiration zu bekommen, hab&#8216; ich Lothar gefragt, was er \u00fcber die Beitr\u00e4ge und Postings denkt. (Update: <em>Linkziel leider verschwunden!<\/em>) Kurz zusammengefa\u00dft, wirft Lothar &#8222;den Frauen&#8220; vor, an der Prostitution mit all ihrem Elend und ihrer Schmuddligkeit schuld zu sein:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ist es nicht einfach so, da\u00df es immer wieder eine riesige Anzahl von M\u00e4nnern gibt, die bei Frauen nicht landen k\u00f6nnen? Warum wollen diese Frauen nicht? (Ich h\u00f6re schon die zahlreichen Gr\u00fcnde, aber einmal im Ernst:) Steht nicht tats\u00e4chlich eine Ablehnung dahinter, und zwar eine einseitige?&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Lothars Text (ganz lesen!) macht es nicht gerade leicht, noch etwas dazu zu sagen, obwohl jeder einzelne Satz Gef\u00fchle und Gedanken ausl\u00f6st. Ich f\u00fchle mich eher hilflos angesichts dieser Vermischung verschiedenster Behauptungen und Zuschreibungen (&#8222;Geld stinkt&#8220;, &#8222;richtig m\u00e4nnliche Verstandespolemik&#8220;), die schon jede f\u00fcr sich genommen ein l\u00e4ngeres Eingehen erfordern w\u00fcrde. Hinzu kommen abstrahierende Verallgemeinerungen (&#8222;die Frauen&#8220;, &#8222;die M\u00e4nner&#8220;), die das Antworten erschweren, solange man keine Lust hat, einen akademischen W\u00e4lzer mit umfangreichem Fu\u00dfnotenapparat zu verfassen. Und dann noch diese feindselig wirkenden Gespr\u00e4chsfallen: &#8222;Ich h\u00f6re schon die zahlreichen Gr\u00fcnde, aber einmal im Ernst&#8230;&#8220; &#8211; das bedeutet doch schlicht: Ich will sie NICHT mehr h\u00f6ren, kommt mir jetzt blo\u00df nicht mit Gr\u00fcnden! Die nehm&#8216; ich sowieso nicht ernst! &#8211; Ja was denn dann?<\/p>\n<p>Ich brauche Lothar eigentlich nur weiter zu zitieren: &#8222;Freundschaft ist gefragt und ein Umgang, der aus dem Herzen kommt.&#8220; Genau! Bedauerlicherweise sind wir aber &#8211; M\u00e4nner wie Frauen &#8211; zur Freundschaft allermeist erst in der zweiten Lebensh\u00e4lfte in der Lage, erst dann wird &#8222;der Andere&#8220; zum Geschenk, zum Wunder, dem man nicht mit einer egozentrischen Anspruchshaltung begegnet, sondern im Geist liebevoller Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und Gelassenheit.<\/p>\n<p>Wie aber wird Freundschaft m\u00f6glich? Gibt es das \u00fcberhaupt zwischen M\u00e4nnern und Frauen? F\u00fcr mich ist eine Voraussetzung, da\u00df ich dem Anderen frei und auf gleicher Augenh\u00f6he begegnen kann, sozusagen &#8222;im aufrechten Gang&#8220;. Das funktioniert nicht, wenn ich Frustrationen und Verletzungen aus der Vergangenheit mit mir herumtrage, wenn angesammelte Vorw\u00fcrfe und unterdr\u00fcckte Wut das Zusammensein unterschwellig einf\u00e4rben, weil ich jeden Mann f\u00fcr sein SO-Sein pers\u00f6nlich verantwortlich mache.<\/p>\n<p>Um das zu vermeiden ist es recht hilfreich, Denkweisen zu pflegen, die die typischen Unvertr\u00e4glichkeiten zwischen Mann und Frau in Bezug auf Sex nicht dem Einzelnen als Schuld zurechnen, sondern sie als Erbe nat\u00fcrlicher und kultureller Evolution beschreiben, das wir nicht einfach per Beschlu\u00df verabschieden k\u00f6nnen. Soll ich mich zum Beispiel bis an mein Lebensende dar\u00fcber aufregen, da\u00df eine Frau mit h\u00e4ufig wechselndem Geschlechtsverkehr noch immer als Schlampe gilt, wogegen Mann nach wie vor bei entsprechenden Erfolgen (nur beim Mann hei\u00dft das &#8222;Erfolge&#8220;!) als toller Hecht durchgeht? Nein, will ich nicht, also erkl\u00e4re ich mir dieses &#8222;ungerechte&#8220; Verhalten einfach biologisch, bzw. urzeitlich-patriarchalisch: Mann will und mu\u00df seinen Samen weitestm\u00f6glich verteilen, um optimale Fortpflanzungschancen zu haben, wobei er noch nicht einmal erkennen kann, ob es auch geklappt hat. Seiner Vaterschaft kann er nur halbwegs sicher sein, wenn er andere M\u00e4nner von seiner Frau bzw. seinem Harem fern h\u00e4lt, also ein &#8222;Besitzverh\u00e4ltnis&#8220; an der Frau verteidigt. Jahrhunderttausende war das so, kein Wunder also, wenn auch nach 1968 und trotz der Frauenbewegung noch &#8218;was davon weiter wirkt.<\/p>\n<p>Was Lothar als die Hauptverletzung beschreibt (&#8222;Warum wollen diese Frauen nicht?&#8220;), das hat auf weiblicher Seite eine leidige Entsprechung, n\u00e4mlich das sattsam bekannte: Er will ja immer nur das Eine&#8230; (Mal abgesehen davon, dass sie, wenn sie immer wollte, schnell in die Kategorie &#8218;Schlampe&#8216; fallen w\u00fcrde. &#8222;Leicht zu haben&#8220; ist nun mal kein Kompliment!) Die Erfahrung, allein aufgrund \u00e4u\u00dferer k\u00f6rperlicher Reize (Busen, Hintern, Sanduhrfigur) zum Objekt m\u00e4nnlicher Begierden zu werden, ist f\u00fcr junge Frauen nicht allzu ber\u00fcckend. Zumindest in fortgeschrittenem Alter, wenn der Testosteron-Stress nachgelassen hat, m\u00fc\u00dften das auch M\u00e4nner verstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich kann mich gut erinnern, da\u00df ich in dieser Hinsicht sehr mi\u00dftrauisch war: Meint er nun &#8222;nur&#8220; meine Optik oder will er MICH? F\u00fcr meine k\u00f6rperlichen Formen konnte ich wenig, da f\u00fchlte ich mich also auch am allerwenigsten als Person, als Individuum, als ICH, Claudia. Als diese wollte ich aber geliebt und begehrt werden, nicht lediglich als Eigent\u00fcmerin einer Ressource, die der Andere dringlich ben\u00f6tigt. Mit den Jahren hat sich das dann ver\u00e4ndert: Mein K\u00f6rper ist heute kein unbeschriebenes Blatt mehr, sondern tr\u00e4gt die Spuren eines konkret gelebten Lebens, ist also insofern viel mehr &#8222;Ich&#8220; als je zuvor. Andererseits ist mir klar geworden, dass Sexualit\u00e4t wei\u00df Gott nichts &#8222;Pers\u00f6nliches&#8220; ist, sondern eine Urkraft, die uns durchstr\u00f6mt und der wir gelegentlich auch ausgeliefert sind. Das blo\u00dfe Auftreten sexueller Gef\u00fchle, das Begehren und Begehrt-Werden ganz pers\u00f6nlich zu nehmen, ist gerade falsch: Im Sex begegnen sich Gottheiten, keine Individuen, und wenn wir es nicht schaffen, unsere Vordergrund-Persona dabei abzulegen, wird es eh&#8216; nix.<\/p>\n<p>Zum Schlu\u00df: Dass das weibliche Verlangen ein bi\u00dfchen anders gestrickt ist als das m\u00e4nnliche, macht die Sache nicht leichter. Frauen fahren eher auf Atmosph\u00e4re ab, sch\u00e4tzen Romantik, ziehen erotische Texte Bildern vor und im konkreten Kontakt mu\u00df vor allem &#8222;die Beziehung stimmen&#8220;. Genau das wird aber immer unwahrscheinlicher, je mehr Beziehung vorhanden ist. Da gibt es jede Menge Alltagskonflikte und je j\u00fcnger (bzw. unbewu\u00dfter) man ist, desto eher macht man den Anderen und nicht sich selbst f\u00fcr das je eigene Gl\u00fcck oder Ungl\u00fcck verantwortlich &#8211; nicht nur als Frau! Und mit dem Grund meines aktuellen Ungl\u00fccks geh&#8216; ich doch nicht ins Bett&#8230;<\/p>\n<p>Was wirklich schlimm ist: F\u00fcr die erotische Begegnung der Geschlechter gibt es in unserer Kultur nur sehr schr\u00e4ge und verzerrte Vorbilder. Der Pornomarkt, die Werbung und das ganze Konsum-Geschehen verbreitet einen ungeheuren Leistungsstress und leitet jede und jeden dazu an, sich selbst als Ware zu betrachten und auch so miteinander umzugehen. Auf der anderen Seite wird noch immer die romantische Geschichte von der gro\u00dfen Liebe mit der ewigen sexuellen Treue erz\u00e4hlt, millionenfach als Lesestoff, Schlagertext und TV-Soap wieder aufbereitet und offenbar immer wieder gern geglaubt und gern gekauft. In der Realit\u00e4t findet die &#8222;Erweiterung der Kampfzone&#8220; (Houellebecq) statt, und in den K\u00f6pfen spukt Hedwig-Courths-Maler! Arme Welt, wie soll da Bewu\u00dftheit wachsen, wie kann Erotik &#8222;auf gleicher Augenh\u00f6he&#8220; entstehen, wie ist Freundschaft zwischen M\u00e4nnern und Frauen lebbar jenseits von rosafarbenen Illusionen und t\u00f6dlich ernstem Geschlechterkampf?<\/p>\n<p>Wie sch\u00f6n, da\u00df es das gelegentlich doch gibt. Vielleicht w\u00fcrde mir da auch Lothar zustimmen. Sonst w\u00e4r&#8216; die Welt n\u00e4mlich sicher schon unter gegangen. :-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist es in den Zeiten des Terrors und der Kriegsvorbereitungen \u00fcberhaupt m\u00f6glich, \u00fcber Sex zu schreiben? Das hab&#8216; ich mich schon gefragt, als mir Willie am 14.September einen Kommentar zu einem \u00e4lteren Diary-Beitrag (Sex als Dienstleistung) ins Forum postete &#8211; und dann doch geantwortet. 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