{"id":3523,"date":"2001-09-18T12:12:56","date_gmt":"2001-09-18T10:12:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3523"},"modified":"2022-05-15T13:01:36","modified_gmt":"2022-05-15T11:01:36","slug":"vom-glueck-mitten-im-grauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/09\/18\/vom-glueck-mitten-im-grauen\/","title":{"rendered":"Vom Gl\u00fcck mitten im Grauen (9\/11)"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Kaum bist du mal weg, geht die Welt unter&#8220;, schreibt mir ein Leser ins Forum, den es interessiert h\u00e4tte, zum aktuellen Desaster meine laufenden Kommentare zu lesen. Ein anderer fragt nach, ob denn wirklich jeder etwas dazu sagen m\u00fcsse. Und gerade bekomme ich eine Mail, dass der Initiator des von mir betreuten <a href=\"https:\/\/www.forum-der-13.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Forums der 13<\/a> aus dem Projekt ausgetreten ist und seine Funktionen niedergelegt hat. Warum? Offenbar wurde in der Diskussion \u00fcber die schrecklichen Ereignisse zu viel Falsches gesagt, jedenfalls f\u00fcr ihn Unertr\u00e4gliches. Als n\u00e4chstes schau ich in die Mailinglisten: 768 Mails, davon viele zum Thema &#8222;Amerika wird angegriffen&#8220;. Jetzt komme ich wirklich ins Staunen, WAS da so alles diskutiert wird (&#8222;Passt nun die Prophezeiung des Nostradamus oder nicht?&#8220;) und mehr denn je st\u00f6\u00dft mich das \u00fcbliche Listengeschehen ab, das geradezu automatenhaft darauf hinausl\u00e4uft, sich zu streiten bis hin zum &#8222;Stellvertreterkrieg&#8220;.<!--more--><\/p>\n<p>Und jetzt, zum Ende einer knappen Woche Netz-Abstinenz, bin also ich dran? Nach all diesen Tagen kommt es mir absolut unm\u00f6glich vor, noch irgend etwas RICHTIGES zu sagen, so ein nach allen Seiten rundes Statement mit Sinn &#8211; zu diesem Grauen! Das versuch&#8216; ich also gar nicht erst. Statt dessen empfehle ich Euch Ralph Segerts &#8222;Suche nach Zusammenh\u00e4ngen&#8220; im Krit-Journal:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wir sammeln aktuelle Links, die helfen, sachlich mit dem Terrorakt gegen die USA umzugehen und \u00fcber die globalen Folgen und das richtige Handeln nachzudenken. Die Liste wird mehrmals t\u00e4glich aktualisiert.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Tolles Engagement in bester Netizen-Tradition! Ein schnell wachsendes &#8222;Portal&#8220;, an dem viele mitwirken, und vor allem ein Gegengewicht gegen die in gro\u00dfen Teilen widerliche und verantwortungslose Weise, wie traditionelle Medien derzeit die Emotionen der Menschen ausbeuten, verst\u00e4rken und in ganz bestimmte Richtungen lenken.<\/p>\n<p>Am Tag X hatte ich morgens noch den Beitrag &#8222;Sch\u00f6ne Welt&#8220; verfa\u00dft. Nachmittags rief mich ein Freund an und schickte mich mit den Worten vor den Fernseher: &#8222;Die Globalisierung hat die USA erreicht, das World-Trade-Center st\u00fcrzt gerade ein und auch das Pentagon ist getroffen.&#8220;<\/p>\n<p>WIE BITTE? Ich sp\u00fcrte Leere im Hirn und ein komischer Lachreiz \u00fcberkam mich. Will er mich in den April schicken? Mitten im September? Da ich ihn allerdings nicht als geschmacklosen Scherzbold kenne, war ich zumindest irritiert, mu\u00dfte ihm schlie\u00dflich glauben und rannte total alarmiert vor die Glotze. Fassungslos sah ich die Bilder, diese ber\u00fchmten Sequenzen, mittlerweile millionenmal ausgestrahlt und abgedruckt, als w\u00e4ren sie das Logo f\u00fcrs dritte Jahrtausend. Ich f\u00fchlte Entsetzen, Schrecken, doch immer noch war da auch Ungl\u00e4ubigkeit, als w\u00e4re ich im falschen Film, als w\u00e4re ich mir nicht recht sicher, ob ich wache oder tr\u00e4ume. Doch je \u00f6fter ich es dann gesehen hatte, je mehr Infos gesendet wurden, umso mehr verschwand der letzte Zweifel: dies war &#8222;echt&#8220; und Real Life war gerade dabei, alle Katastrophenfilme dieser Welt bei weitem in den Schatten zu stellen! Fasziniert schaute ich ins Ger\u00e4t, klebte geradezu an der Glotze.<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter, den ersten Schock knapp hinter mir, bemerkte ich, dass ich bereits dabei war, mich an der Katastrophe zu erg\u00f6tzen: Faszinierend, diese Szene, in der das Flugzeug in den Tower knallt, beeeindruckend, wie die T\u00fcrme in sich zusammenst\u00fcrzen&#8230; und schrecklicher noch: Ich will MEHR sehen, mir fehlt der Nahblick auf die Betroffenen, die Sterbenden und Toten, die \u00fcblichen Berichte von Passanten, all das, was \u00fcblicherweise bei Katastrophen sofort gesendet wird, in diesem Fall aber noch ein paar Stunden auf sich warten l\u00e4\u00dft (um dann tagelang non stop gesendet und gedruckt zu werden&#8230;). Ekelhaft, ja. Aber dieser Selbstekel war ein leises Gef\u00fchl am Rande, es dominierte der Schrecken in nicht zu leugnender Vermengung mit Katastropheneuphorie, Angstlust am Ausnahmezustand, ein archaischer Anteil in mir atmete tief durch, f\u00fchlte sich befreit vom langweilig-zivilisierten Leben, das wir alle gew\u00f6hnlich f\u00fchren.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Kurzreise nach Wiesbaden \u00fcbte ich dann weitestgehend Medienabstinenz, k\u00fcmmerte mich zwar darum, zu verfolgen, was geschah, wollte aber nicht das Instrument sein, auf dem die M\u00e4chte und Medien nun ihre hei\u00dfen Suppen zu kochen begannen. Und doch: Ich war dabei, das schreckliche Geschehen blieb \u00fcberall pr\u00e4sent und ich sp\u00fcrte und f\u00fchlte mit, beobachtete auch weiter das eigenartige Gef\u00fchlsgemisch, das auf die Angstlust folgte &#8211; und wie auch DAS gleich wieder vom medialen und politischen Mainstream aufgenommen und &#8222;ausgerichtet&#8220; wurde und noch immer wird.<\/p>\n<p>Es gibt n\u00e4mlich ein gro\u00dfes GL\u00dcCK mitten im Grauen, eines, das an den Ausnahmezustand gebunden ist: Auf einmal steht die Welt still, das gew\u00f6hnliche Gesch\u00e4ft ist tot, das Rattenrennen setzt aus, endlich! Der Mensch da dr\u00fcben ist pl\u00f6tzlich Mitmensch, Nachbar, Bruder, Schwester, alle sind wir Gef\u00e4hrten im Entsetzen und nicht mehr potentielle Gegner oder einander vollkommen gleichg\u00fcltig wie sonst. Wo normalerweise jeder ganz in sich versunken seiner Wege geht, um sich her nichts sehend und nichts h\u00f6rend, stracks von A nach B strebend, um den Erfordernissen des rechnenden Denkens zu entsprechen, er\u00f6ffnet sich eine andere Dimension. Nichts Fremdes, sondern etwas immer Ersehntes, ein Raum der Gemeinschaft, des spontanen Miteinanders, ein St\u00fcck Paradies und echte Heimat, in dem wir die Lizenz zum Miteinander reden nicht erst kaufen m\u00fcssen. Gef\u00fchle nicht mehr voreinander verbergen, sich schwach und weich, ge\u00e4ngstigt und traurig zeigen zu k\u00f6nnen &#8211; ohne Angst, vom Anderen deshalb gleich in die Pfanne gehauen zu werden! Das schl\u00e4gt schnell um in hintergr\u00fcndige Euphorie, Freude, ja, f\u00fcr kurze Zeit sind wir Liebende mit hei\u00dfen Herzen &#8211; und genie\u00dfen es, genie\u00dfen unser eigenes Bestes und Menschlichstes, mitten in der Katastrophe.<\/p>\n<p>&#8222;Und alle Lust will Ewigkeit&#8230;&#8220; &#8211; Nietzsche.<\/p>\n<p>Wer m\u00f6chte nicht gern in diesem Raum der Gemeinschaft m\u00f6glichst lange bleiben? Wer hat schon Lust, zu den \u00fcblichen Alltagsgesch\u00e4ften \u00fcberzugehen, zum ganz normalen Kampf ums Dasein, jeder gegen jeden? Zur verwalteten Welt der sperrigen Ger\u00e4te und langweiligen Formulare, dem z\u00e4hen Verhandeln im Politikgeschehen, dem Feilschen und Tricksen im \u00d6konomischen? Jenseits aller rationalen Gr\u00fcnde und Notwendigkeiten WOLLEN wir den Ausnahmezustand halten, ihn verl\u00e4ngern&#8230; aber wie?<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnte nicht alles sein, wenn wir uns auf diesen Gedanken in aller Aufrichtigkeit einlassen w\u00fcrden? Doch halt, das ist nicht gefragt! Zum Bewu\u00dftsein kommen, sich all dieser Gef\u00fchle gewahr werden und selber daraus Schl\u00fcsse ziehen, Folgerungen f\u00fcr das je eigene Leben &#8211; dazu kommt MAN nicht. Man wird zugedr\u00f6hnt von den M\u00e4chten und Medien, die verdammt genau wissen, wie der Ausnahmezustand zu verl\u00e4ngern ist. Die uns den Weg zeigen, wie es zu leisten ist, einander auch weiterhin Freund und Gef\u00e4hrte zu bleiben: Indem wir DEN FEIND erkennen und gemeinsam in den Krieg ziehen!<\/p>\n<p>So einfach! Das hat immer schon geklappt, hat seit Urzeiten funktioniert, ist seit je von den M\u00e4chtigen f\u00fcr ihre je spezifischen Interessen angewendet worden. Aus unseren besten und liebevollsten Impulsen und Sehns\u00fcchten wird die Energie gezogen, um das gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Elend im \u00c4u\u00dferen zu veranstalten. Einigkeit macht gl\u00fccklich, Einigkeit macht stark! Wer skeptisch ist, gar zweifelt, verr\u00e4t diese unsere freudige Gemeinsamkeit. Seit&#8216; an Seit&#8216; m\u00fcssen wir jetzt mutig zusammen stehen und dem Feind ins kalte Auge blicken: vernichten, ausradieren, und wenn dabei Unschuldige umkommen, so muss es eben hingenommen werden. Wo gehobelt wird&#8230;.<\/p>\n<p>M\u00fcssen wir? K\u00f6nnen wir nicht anders? Immer noch nicht?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Kaum bist du mal weg, geht die Welt unter&#8220;, schreibt mir ein Leser ins Forum, den es interessiert h\u00e4tte, zum aktuellen Desaster meine laufenden Kommentare zu lesen. Ein anderer fragt nach, ob denn wirklich jeder etwas dazu sagen m\u00fcsse. 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