{"id":3521,"date":"2001-09-08T12:02:17","date_gmt":"2001-09-08T10:02:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3521"},"modified":"2022-05-15T12:06:53","modified_gmt":"2022-05-15T10:06:53","slug":"boese-welt-was-der-hochleistungsstrohalm-mit-uns-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/09\/08\/boese-welt-was-der-hochleistungsstrohalm-mit-uns-macht\/","title":{"rendered":"B\u00f6se Welt:  Was der Hochleistungsstrohalm mit uns macht"},"content":{"rendered":"<p>Dass alles immer schlechter wird und die Welt den Bach runter geht, kann man an den kleinen Dingen des t\u00e4glichen Lebens gut beobachten. An den Strohhalmen zum Beispiel: Habt ihr bemerkt, dass da seit einiger Zeit der &#8222;Knick&#8220; verschwunden ist? Von der Cocktailbar \u00fcber die Eisdiele bis hin zu McDonalds: Der Halm ist nur noch ein simples St\u00fcck Plastikrohr, mal schwarz, mal bunt-gestreift, absolut gerade und durchgehend starr: kein Knick nirgends.<!--more--><\/p>\n<p>Was sagt uns das? Eines ist sicher: Niemand ist vorher gefragt worden. Der Markt hat es gerichtet und jetzt m\u00fcssen wir damit leben. Aber was ist das f\u00fcr ein Leben ohne den ergonomischen Knick im Halm? Schlie\u00dflich handelt es sich nicht nur um eine einfache Rationalisierungsma\u00dfnahme, um Materialeinsparung, um das Auslassen eines eigentlich unverzichtbaren Fertigungsschritts, der ehemals den Strohhalm erst zu einem solchen machte. Es geht um weit mehr, wenn nicht ums Ganze: Unsere Einstellung Mensch und Welt gegen\u00fcber soll grundst\u00fcrzend ver\u00e4ndert werden. Auf subtile Weise werden wir in eine neue &#8222;Haltung&#8220; gezwungen, die einem g\u00e4nzlich anderen In-der-Welt-Sein entspricht.<\/p>\n<p>\u00dcbertrieben? Nicht doch. Der Halm mit dem freundlichen Knick an der richtigen Stelle hat es einst erm\u00f6glicht, ein Getr\u00e4nk einzunehmen und gleichzeitig die Umwelt im Blick zu behalten. \u00dcber das Glas hinweg konnten wir Mitmenschen ansehen, mit dem Gegen\u00fcber wortlos kommunizieren, l\u00e4cheln, Blicke tauschen, vielleicht ein bi\u00dfchen flirten. Aus und vorbei! Der R\u00fcckbau des Strohhalms zum simplen Rohr zwingt den Kopf beim Trinken nach unten, \u00fcbt den stieren Blick auf das Wesentliche, wie es der Markt sich denkt: Wir sollen die Ware ansehen, die wir gerade konsumieren, beobachten, wie sie unaufhaltsam weniger wird je mehr der Akt der Einverleibung fortschreitet. Von nichts und niemand abgelenkt verpassen wir so ganz sicher nicht den richtigen Zeitpunkt, um unverz\u00fcglich Nachschub zu bestellen. Was durch den aufrechten Gang vor Urzeiten erreicht wurde, der schweifende Blick in die offene Weite, wird mittels der neuen Strohhalme zur\u00fcckgenommen: Wie Vierf\u00fc\u00dfler sehen wir wieder auf den Boden vor uns, in diesem Fall auf den unausweichlich sichtbar werdenden Boden des leeren Glases.<\/p>\n<p>Um das Trinken noch zus\u00e4tzlich zu beschleunigen ist zudem der Durchmesser des neuen Hochleistungshalms um einiges gr\u00f6\u00dfer ausgef\u00fchrt als der des ineffizienten Vorg\u00e4ngermodells. Etwa die drei- bis vierfache Fl\u00fcssigkeitsmenge l\u00e4\u00dft sich so in derselben Zeit aufsaugen. Man denke an den vervielfachten Getr\u00e4nkeumsatz, der mit den neuen Halmen zumindest technisch m\u00f6glich geworden ist! (Dass bei einigen Konsumenten \u00fcber vierzig verschiedentlich W\u00fcrgereiz beobachtet wird, ist auf deren taktile Sozialisation in veraltete Halmkonstruktionen zur\u00fcckzuf\u00fchren &#8211; angesichts der eher jungen Zielgruppe f\u00fcr Strohhalmgetr\u00e4nke ein zu vernachl\u00e4ssigendes \u00dcbergangsph\u00e4nomen.) <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass alles immer schlechter wird und die Welt den Bach runter geht, kann man an den kleinen Dingen des t\u00e4glichen Lebens gut beobachten. An den Strohhalmen zum Beispiel: Habt ihr bemerkt, dass da seit einiger Zeit der &#8222;Knick&#8220; verschwunden ist? 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