{"id":3517,"date":"2001-08-28T11:36:06","date_gmt":"2001-08-28T09:36:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3517"},"modified":"2022-05-15T11:44:21","modified_gmt":"2022-05-15T09:44:21","slug":"ueberfluss-und-armut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/08\/28\/ueberfluss-und-armut\/","title":{"rendered":"\u00dcberflu\u00df und Armut"},"content":{"rendered":"<p>In Berlin ist gerade Funkausstellung. Mir hat es gereicht, vor ein paar Jahren mal dort gewesen zu sein. Zwischen den unz\u00e4hligen blinkenden Monitorw\u00e4nden leicht verst\u00f6rt herumlaufen, die teuerste Stereoanlage der Welt anh\u00f6ren, den grinsenden Moderatoren und aufgeh\u00fcbschten Hostessen in die angestrengten Gesichter sehen &#8211; und \u00fcberall Ger\u00e4te, Ger\u00e4te, Ger\u00e4te, in Szene gesetzt wie soeben ausgegrabene Sch\u00e4tze gro\u00dfer Pharaonen. Dazu die seit Jahren sich mantrahaft wiederholenden Beschw\u00f6rungen: Konvergenz der Technologien, digitales Fernsehen, multifunktionale, alles mit allem vernetzende Steuermodule &#8211; Fernbedienungen w\u00e4hlen nicht nur Programme, sondern \u00f6ffnen auch die Garagent\u00fcr, schalten den Herd ein &#8211; ja wirklich! Und nat\u00fcrlich die noch kleinere und leichtere VideoCam, Kameras mit noch mehr Millionen Pixel, noch bessere DVD- und MP3-Player, der Fortschritt schreitet unaufhaltsam voran &#8211; aber gehen wir noch mit?<!--more--><\/p>\n<h2>Kein Hype nirgends<\/h2>\n<p>Der Publikumsandrang ist verhalten, die Presse berichtet kritisch: keine wirklichen Innovationen, immer komplizierter bedienbare Ger\u00e4te, entworfen von Technikfreaks f\u00fcr ihresgleichen. Warum sollte jemand mehrere tausend Mark ausgeben, wenn die vorhandene Technik f\u00fcr ein paar Hunderter das jeweilige Bed\u00fcrfnis optimal befriedigt? Mein Scanner scannt, mein PC tut, was ich will, die zwei Jahre alte DigiCam macht immer noch bessere Bilder, als ich f\u00fcrs Web brauche, der Drucker druckt &#8211; was brauche ich mehr? Die Gruppe derjenigen, die es ungemein spannend finden, ein neues Ger\u00e4t zu erforschen, zu besitzen und zu beherrschen, ist einfach nicht gro\u00df genug, um den Markt florieren zu lassen. Der Handy-Boom ist lang vorbei, Internet ist mittlerweile normal, kein Hype nirgends, es geht bergab.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend die Konzerne allerorten Leute entlassen, \u00fcberschlagen sich die Politiker mit ihren Konzepten, mehr Druck auf die &#8222;faulen Sozialhilfeempf\u00e4nger&#8220; auszu\u00fcben. Eilfertig ruft Frau Merkel eine NEUE soziale Marktwirtschaft aus: mit dem B\u00fcrger soll ein Vertrag geschlossen werden, dar\u00fcber, dass der Staat ihn &#8222;f\u00f6rdert, aber auch fordert&#8220;. Das ganze Geschehen kommt mir vor, wie ein pervertiertes Fu\u00dfballspiel. Immer weniger Spieler werden gebraucht, um den Ball ins Tor zu bringen, doch immer mehr Leute werden zu t\u00e4glichem Training gezwungen, um auf der Ersatzbank auf ihren Einsatz zu warten, der logischerweise immer seltener und unwahrscheinlicher wird. Es gibt ernstzunehmende Berechnungen, da\u00df zwanzig Prozent der heute Besch\u00e4ftigten in Zukunft gen\u00fcgen werden, um die Weltwirtschaft am Laufen zu halten &#8211; was wird der &#8222;Rest&#8220; tun? Umschulung und Weiterbildung? Kurse im Stil &#8222;Wie schreibe ich eine Bewerbung?&#8220;<\/p>\n<p>Der Abschwung, die Konjunkturflaute, die Baisse an den B\u00f6rsen, das aktuelle Nullwachstum: vielen Leuten ist es schon zu nervig, \u00fcberhaupt nur Zeitungsartikel mit solchen Worten zu lesen. Was soll man auch machen? Niemand wird mehr kaufen als er braucht, nur um &#8222;der Weltwirtschaft aufzuhelfen&#8220;. Schadenfreude ist auch nicht angesagt, schlie\u00dflich ist es unser aller Wohlstand, einschlie\u00dflich des hoch gesch\u00e4tzten sozialen Netzes, der hier droht, den Bach &#8218;runter zu gehen.<\/p>\n<h2>Alles marktf\u00f6rmig<\/h2>\n<p>Alternativen? Gibt es ein Leben jenseits des Weltmarkts? Schon die Frage reicht in der Regel aus, um jemanden als haltlosen Spinner zu outen, heute, so viele Jahre nach dem Zusammenbruch der &#8222;gro\u00dfen Alternative&#8220; (auf die wir ja auch vorher schon keinen Bock hatten!). Aber ich frag&#8216; mich manchmal angesichts ganz konkreter allt\u00e4glicher Dinge: Muss denn alles &#8222;marktf\u00f6rmig&#8220; ablaufen? Ist es nicht fantasielos, elend und fern der Liebe, dass auch alle Kultur und fortgeschrittene Lebenskunst in Gestalt eines Marktes stattfindet, oder eben gar nicht? Das Internet bot in seinen ersten Jahren ein Erlebnisfeld, wie es sein kann, wenn kein Markt ist: wie Menschen interagieren k\u00f6nnen, wenn niemand daran denkt, dass es &#8222;sich rechnet&#8220;. Noch heute &#8222;krankt&#8220; der E-Commerce unter der Kultur des Kostenlosen, die noch immer nachwirkt, aber ihre Seele verloren hat: Nicht mehr Geben UND Nehmen ist angesagt, sondern der User ist nicht mehr gleichzeitig Macher\/Anbieter und will schlicht alles umsonst.<\/p>\n<p>Es gibt angeblich soviel Fortschritt jenseits der technischen Ger\u00e4te: Seit Jahrzehnten wird Selbstverwirklichung und Bewu\u00dftseinswandel in unz\u00e4hligen Formen propagiert und in un\u00fcberschaubar vielen Kursen, Workshops und auf dem Buchmarkt angeboten. Du hast Lust auf Massage? Willst mal den Mitmensch jenseits von Sex ber\u00fchren? Kein Problem, die Auswahl ist gro\u00df, zehn Abende f\u00fcr DM 350,-. Oder vielleicht mit einem &#8222;Erleuchteten&#8220; zusammen sitzen, vielleicht springt ja was \u00fcber? Da gibts den Einmal-Event &#8222;Satsang&#8220; f\u00fcr schlappe 30,- pro Versammlung. Wenn du es nat\u00fcrlich eine Woche lang in Goa\/Indien erleben willst, wirds entsprechend teurer. Oder magst du es traditioneller, z.B. Belehrungen des Buddha h\u00f6ren? Beim Darmakaya e.V. immer Donnerstags, zusammen mit hundert Anderen f\u00fcr nur zehn Mark! Alles zu religi\u00f6s? Dann probier doch mal eine &#8222;Familienaufstellung nach Hellinger&#8220;, das ist gerade ein echter Renner, nicht billig, aber effektiv!<\/p>\n<h2>Wachstumszwang<\/h2>\n<p>Was ist Armut? Wenn die Weltwirtschaft mit zwanzig Prozent der Arbeitsf\u00e4higen betrieben werden wird, werden die meisten von uns immer &#8222;\u00e4rmer&#8220; werden, immer weniger besitzen, immer weniger kaufen k\u00f6nnen, immer ungesicherter leben m\u00fcssen. Und es sieht ganz so aus, als sei dagegen kein Kraut gewachsen, kein Patentrezept &#8222;von oben&#8220; anwendbar. Es herrscht nun mal Wachstumszwang in der Weltwirtschaft, und wenn nichts w\u00e4chst, weil alle, die bezahlen k\u00f6nnen, mit Gegenst\u00e4nden ausreichend versorgt sind, dann ist die Krise da.<\/p>\n<p>Was ist das Schlimme an Armut? Ich schrieb die Anf\u00fchrungszeichen, weil es noch lange nicht darum geht, dass uns Nahrung, Kleidung, Wohnung genommen wird. Der Markt braucht sozialen Frieden, deshalb wird diese Grundversorgung f\u00fcr die &#8222;\u00fcbrigen&#8220; 80 Prozent vermutlich noch lange \u00fcber Steuern und soziale Systeme gew\u00e4hrleistet. Aber das gewisse MEHR, das das Leben eigentlich lebenswert macht: Kultur, Kunst, Spiritualit\u00e4t, die M\u00f6glichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen &#8211; darum werden wir uns zunehmend selber k\u00fcmmern m\u00fcssen. Durch geben, schenken, tauschen &#8211; ganz ohne Geld, auf jeden Fall jenseits von Profit.<\/p>\n<p>Geht nicht? Oh doch! Im Internet der ersten Jahre hat das sogar ganz gro\u00dfen Spa\u00df gemacht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Berlin ist gerade Funkausstellung. Mir hat es gereicht, vor ein paar Jahren mal dort gewesen zu sein. 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