{"id":3512,"date":"2001-08-17T11:19:18","date_gmt":"2001-08-17T09:19:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3512"},"modified":"2022-05-15T11:29:29","modified_gmt":"2022-05-15T09:29:29","slug":"nuechtern-trunken-adieu-aa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/08\/17\/nuechtern-trunken-adieu-aa\/","title":{"rendered":"N\u00fcchtern trunken: Adieu AA!"},"content":{"rendered":"<p>Mein Diary-Eintrag &#8222;<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/07\/26\/auf-dem-meeting\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Auf dem Meeting<\/a>&#8222;, in dem ich in aller K\u00fcrze meine Geschichte mit dem Alkohol berichte, hat viel positive Resonanz erfahren &#8211; im Forum, aber mehr noch per Privatmail. Mich hat es entspannter und gl\u00fccklicher gemacht, auch von dieser Seite meines Lebens hier zu sprechen, ohne die ich nicht das w\u00e4re, was ich geworden bin &#8211; und hier zitier&#8216; ich mal mutig das gefl\u00fcgelte Wort unseres offen schwulen B\u00fcrgermeisters: Das ist auch gut so!<!--more--><\/p>\n<p>Es gibt im Leben allerdings nur selten eine Plattform, auf der man sich ohne Schaden lange ausruhen kann, und es gibt auch keine Wege zur\u00fcck! Das mu\u00dfte ich auf den AA-Meetings erfahren, die ich &#8211; nach dem ersten &#8211; binnen weniger Tage noch besuchte, drei insgesamt. Es war ein Eintauchen in die Vergangenheit, anheimelnd, tr\u00f6stlich, liebevoll, sch\u00f6ne Erinnerungen wach rufend, aber doch: vorbei! Fast wie ein friedlicher Besuch bei den alt gewordenen Eltern &#8211; es ist gem\u00fctlich, es wird einem warm ums Herz, aber mehr und mehr sp\u00fcrt man eine unaufhebbare Trennung: \u00dcber die HEUTE wichtigen Dinge kann man nicht mehr mit ihnen sprechen, nicht wirklich&#8230;.<\/p>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/www.anonyme-alkoholiker.de\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Anonymen Alkoholiker<\/a> sind eine wahrhaft gro\u00dfartige Institution, f\u00fcr deren Existenz man nur dankbar sein kann. Eine der besonders erw\u00e4hnenswerten Gro\u00dfartigkeiten ist die Tatsache, dass sie voll und ganz unabh\u00e4ngig von Personen existieren. Es gibt keine Gurus oder auch nur weithin bekannte Funktion\u00e4re und Leithammel, nichts dergleichen! Weit \u00fcber ein halbes Jahrhundert schon nicht, in der AA \u00fcber den Globus expandierte und unz\u00e4hligen Alkoholikern ein &#8222;trockenes Leben&#8220; erm\u00f6glichte.<\/p>\n<p>Wenn nicht Personen, was dann? &#8222;Prinzipien \u00fcber Personen stellen&#8220; heisst es in den &#8222;12 Traditionen&#8220; und den AA gelingt das auch! Denn AA ist ein aus Erfahrung erwachsenes Gedankengeb\u00e4ude, eine Ein\u00fcbung in eine Geisteshaltung, die in einem umfangreichen Schrifttum niedergelegt ist. Zusammen mit den Meetings, die jedem jederzeit erm\u00f6glichen, unter Menschen zu kommen, konkurrenzfreie Gemeinschaft zu erfahren und von sich zu sprechen, bietet AA so ein &#8222;inneres Haus&#8220;, in das man sich zur\u00fcckziehen kann, wenn drau\u00dfen die Wogen so hoch gehen, dass man unterzugehen droht.<\/p>\n<p>Geht mir das heute so? Nein, schon lang nicht mehr! Wenn ich gefragt w\u00fcrde, was &#8222;mein Problem&#8220; ist, w\u00fcrde ich nur antworten k\u00f6nnen: Der Hang zum Einschlafen, die immer wieder im Alltag hervorbrechende geistige Tr\u00e4gheit, die zu Bequemlichkeit, Sicherheitsdenken und Erstarrung f\u00fchrt. Wenn ich mich dem allzu lange hingebe, dann verk\u00fcmmert meine Lebendigkeit und ich greife eben zu altgewohnten Mitteln, mich f\u00fcr ein paar Stunden aus der Langeweile auszuklinken &#8211; Chianti zum Beispiel.<\/p>\n<p>Was mich daran, bzw. an einem so gelegentlich herbeigef\u00fchrten &#8222;Abst\u00fcrzen&#8220; heute noch schreckt, ist zum einen das &#8222;innere Haus&#8220; der AA selbst (&#8222;einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker&#8220;, &#8222;Alkoholismus ist eine unheilbare Krankheit, nur 100%ige Trockenheit garantiert geistige Gesundheit&#8220;, etc.), das jedes Trinken als R\u00fcckfall in geistige Umnachtung einstuft. Zum andern &#8211; und das ist wirklich MEIN Thema &#8211; ist es die Diskrepanz zwischen der Person, die ich n\u00fcchtern und wachbewu\u00dft f\u00fcr mich und andere bin &#8211; und der anderen, die sich zeigt, wenn ich trinke. Ich nenne sie immer noch Mrs.Hide, obwohl sie l\u00e4ngst nicht mehr so schrecklich ist wie noch vor 12 Jahren. Sie schreibt zum Beispiel extrem gef\u00fchlige Mails, wenn sie an die Tastatur kommt, weil ich verga\u00df, den PC rechtzeitig herunterzufahren. Gef\u00fchlig hei\u00dft: ungew\u00f6hnlich liebevoll, aber jederzeit ins Agressive umschlagend, himmelhochjauchzend, zu Tode betr\u00fcbt, kindlich-emotional, dazu gelegentlich erotisch sehr direkt &#8211; das sonst durch bewu\u00dfte Kontrolle eigenen Seins ins Abseits gedr\u00e4ngte holt sich sein St\u00fcck vom Leben.<\/p>\n<p>Dass ich heute am ganzen &#8222;Komplex Alkohol&#8220; unendlich viel weniger &#8222;leide&#8220; als zu Zeiten meiner Suff-Phase mitte dreissig, liegt u.a. darin begr\u00fcndet, dass die Fallh\u00f6he im &#8222;Absturz&#8220; weit geringer geworden ist. Im ganz normal-n\u00fcchternen Leben bin ich immer weniger bereit, mich in eine Form zu zwingen, die ich nicht auch genie\u00dfen kann, sondern nur &#8222;um-zu&#8220; annehmen zu m\u00fcssen glaube. Es wird immer deutlicher: Indem ich lerne, auch n\u00fcchtern trunken zu sein, verliert der Alkohol seine verbliebene Anziehungskraft &#8211; und damit auch sein zerst\u00f6rerisches Potenzial. (Das ist. jetzt z.B. ein Schritt, den man &#8222;mit AA&#8220; im Denken nicht tun kann, obwohl das ganze &#8222;Umerziehungsprogramm&#8220; genau darauf hinausl\u00e4uft: Alles annehmen, was ist! Jedes Trinken mu\u00df jedoch absolut tabuisiert bleiben, sonst verl\u00f6re AA das eigene Zentrum: Die Kraft, hoffnungslos in den Alkohol verstrickten Menschen wieder zu einem normalen Leben zu verhelfen).<\/p>\n<p>F\u00fcr mich bedeutet &#8222;n\u00fcchterne Trunkenheit&#8220; vor allem, die <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/07\/31\/coole-rationalitaet\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">coole Rationalit\u00e4t<\/a> zu \u00fcberschreiten, die Dasein und Sprache gleicherma\u00dfen einengt. Und zwar in aller Wachheit, im &#8222;Normalfall&#8220;, nicht in einer stundenweisen Auszeit, die man sich &#8222;zum Ausgleich&#8220; dann halt mal g\u00f6nnt, die aber gleichzeitig m\u00f6glichst bedeutungslos bleiben soll f\u00fcr die Frage &#8222;Wer bin ich?&#8220; und mehr noch f\u00fcr &#8222;Wie will ich gesehen werden?&#8220;.<\/p>\n<p>Das schreibt sich so locker hin! Wer aber in der Rationalit\u00e4t das erste rettende Zuhause im Leben gefunden hat (damals, Schule war f\u00fcr mich RETTUNG!), tut sich etwas schwerer damit, das &#8222;ganz Andere&#8220; zuzulassen: als wirklich existent, als Teil des Lebens, als &#8211; sogar wichtigerer &#8211; Teil meiner selbst. Was ich sein will, hab&#8216; ich mir immer gern ausgedacht und dann versucht, dem bestm\u00f6glich zu entsprechen. Immer neu entsteht eine &#8222;Vorstellung&#8220; vom Ich, eine, die ich auch immer wieder automatenhaft verteidige. Und indem sie entsteht und verteidigt wird, erneuert sich die Spaltung: Hier die gesellschaftsf\u00e4hige Vorzeige-Person &#8211; und irgendwo im Dunkeln lauert Mrs. Hide.<\/p>\n<p>Alkohol &#8211; und alle Drogen &#8211; sind einerseits Lehrer, die dieses Spannungsfeld eindr\u00fccklich bewu\u00dft machen k\u00f6nnen. Regelm\u00e4\u00dfig &#8222;zu Zwecken&#8220; verwendet, sind es unlautere Mittel: Man holt sich etwas, vermeintlich schnell und billig, was man eigentlich erarbeiten m\u00fc\u00dfte: wof\u00fcr man St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck in dem sterben mu\u00df, was als Vorstellung von Pers\u00f6nlichkeit im eig&#8217;nen Kopf lebt und herrscht bis in die Muskulatur und die Atmung hinein. Dass man es \u00fcber &#8222;Pulle oder Pille&#8220; bek\u00e4me, ist zudem eine T\u00e4uschung, eine gef\u00e4hrliche Illusion. Man bekommt im besten Fall eine &#8222;Ansicht&#8220; der Sache, um die es geht, noch dazu eine recht verzerrte. Wer sich entscheidet, nur immer wieder die &#8222;Ansicht&#8220; abzurufen, anstatt sich der Sache selbst zuzuwenden, bezahlt mit dem Leben. So oder so.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Diary-Eintrag &#8222;Auf dem Meeting&#8222;, in dem ich in aller K\u00fcrze meine Geschichte mit dem Alkohol berichte, hat viel positive Resonanz erfahren &#8211; im Forum, aber mehr noch per Privatmail. 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