{"id":3509,"date":"2001-08-12T10:33:38","date_gmt":"2001-08-12T08:33:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3509"},"modified":"2022-05-15T10:56:20","modified_gmt":"2022-05-15T08:56:20","slug":"der-terminierte-mensch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/08\/12\/der-terminierte-mensch\/","title":{"rendered":"Der terminierte Mensch"},"content":{"rendered":"<p>Himmel nochmal! Ich wohne f\u00fcnf Auto-Minuten von seinem Arbeitsplatz, Essen gehen und Kaffee trinken wird er ja wohl gelegentlich noch &#8211; oder ist es ihm gelungen, diese Bed\u00fcrfnisse aufgrund der schlechten Wirtschaftslage abzubauen? Glaub ich nicht&#8230; oder doch? Jedenfalls mailt er mir auf meine Frage, ob wir uns mal mittags treffen und von alten Zeiten und unserem jeweiligen Heute plaudern k\u00f6nnten: &#8222;Tolle Idee! Freut&#8216; mich, wieder mal von dir zu h\u00f6ren. Grad&#8216; schieb&#8216; ich aber zwei Projekte an, die wirklich haarig sind, danach dann gern, ich meld&#8216; mich in zwei Wochen!&#8220;<\/p>\n<p>Er ist nicht der erste, von dem ich eine solche oder \u00e4hnliche Antwort bekomme. Seit ich wieder in Berlin bin, ruf&#8216; ich \u00f6fter mal jemanden an, wenn ich Lust auf Menschen habe. Klar doch, schlie\u00dflich sitze ich hier t\u00e4glich alleine am PC und ich wei\u00df: da drau\u00dfen, in den unendlichen Weiten Berlins geht das vielen ganz genau so&#8230; Es sind alte Kollegen, die ich dann anrufe, Freunde und Bekannte aus zwanzig Jahren Kreuzberg, Menschen, mit denen ich gearbeitet, gefeiert, Kurse besucht und Politik gemacht habe. Und sogar meine alte Liebe T., mit dem ich Jahre in &#8222;gemeinsamem Leben &amp; Arbeiten&#8220; zubrachte, schickt mir erstmal einen Stapel Geschriebenes, um sich dann eine gute Woche sp\u00e4ter hier einzufinden &#8211; zu einem ordentlichen Termin halt.<\/p>\n<p>&#8222;In der dritten Septemberwoche vielleicht, da ist dann meine Mutter wieder weg und die stressigsten Schultage sind &#8218;rum&#8220;, meint L., die Frau, mit der ich schon in Mecklenburg telefoniert hatte, wie nett es sein wird, sich wieder mal zu sehen. Der Netz-Bekannte, der zuf\u00e4llig drei H\u00e4user weiter wohnt, hat auch einen &#8222;Termin vorgeschlagen&#8220;, so in zwei Wochen, da k\u00f6nnte man ja abends mal zusammen um die H\u00e4user ziehen&#8230;<\/p>\n<p>Termine, Termine, Termine. Wochenlange Planungen. Wenn ich dann doch mal jemanden treffe, werden wir gest\u00f6rt durch diesen dauernden Handy-Betrieb und ich muss ungewollt mith\u00f6ren, wie er\/sie einem Dritten sagt: &#8222;Ja, super! In der letzten Augustwoche w\u00fcrde es mir evtl. passen&#8230;<\/p>\n<h2>Lust &amp; Laune? Gecancelt.<\/h2>\n<p>Sind denn alle komplett verr\u00fcckt geworden? Oder werde ich einfach nur alt und versteh&#8216; die Welt nicht mehr, bin nicht mehr richtig &#8222;kompatibel&#8220; mit dem heutigen Way of Contact? Offensichtlich hat sich da etwas versch\u00e4rft, dem ich mich immer schon verweigert hatte. Ein Terminkalender ist einfach nicht meine Sache, gesch\u00e4ftliche Dates merke ich mir auch so und private &#8222;Termine&#8220; war ich einfach nicht gewohnt: Nicht in meinem Kreuzberger Kiezleben, in dem ich beim Gang in die Markthalle mindestens drei Leute traf, mit denen ich zu einem Schw\u00e4tzchen stehen bleiben konnte. Und wenn ich mich richtig erinnere, gab es jedenfalls keine zwei, drei Wochen Vorlaufzeit, wenn ich mich mal mit jemandem verabreden wollte, h\u00f6chstens so zwei bis vier Tage.<\/p>\n<p>Was st\u00f6rt mich eigentlich daran? Ich k\u00f6nnte mir doch einen Terminkalender anschaffen und das einfach so mitmachen, oder? Ehrlich gesagt, wei\u00df ich nicht, ob ich das will. So wild bin ich nun auch wieder nicht, diese offensichtlich allzu besch\u00e4ftigten Menschen zu sehen&#8230; Naja, ich w\u00fcrde schon gern, aber eben JETZT, oder morgen, oder zumindest diese Woche noch &#8211; nicht irgendwann sp\u00e4ter, ein Sp\u00e4ter, von dem ich gar nicht wei\u00df, was ich dann tun werde, und ob ich dann Lust haben werde auf diesen oder jenen ganz Bestimmten. Es scheint mir unvorstellbar, morgens in meine Zettel zu gucken: Wen treff ich denn heute?, und dann halt das Programm abzuwickeln, egal, was Lust und Laune gerade dazu meinen. Warum sollte ich ausgerechnet DIE Kontakte, die NICHT von irgendwelchen, meist \u00f6konomischen Zw\u00e4ngen diktiert sind, in ein Korsett pressen, das jede Spontaneit\u00e4t verunm\u00f6glicht?<\/p>\n<h2>Ausgebucht<\/h2>\n<p>Was mag wohl der Grund f\u00fcr dieses Verhalten sein? Warum meinen all diese Leute, dass ein privates Plaudertreffen drei Wochen im voraus geplant werden mu\u00df? Liegt es wirklich daran, dass sie heute, morgen, \u00fcbermorgen und f\u00fcr den Rest der Woche v\u00f6llig &#8222;ausgebucht&#8220; sind??? Warum rufen sie nicht einfach an, wenn da mal eine L\u00fccke ist: Hey, heut mittag hab ich Zeit, wie siehts bei dir aus? W\u00e4r&#8216; es denn so schlimm, wenn ich dann sagte: Sorry, geht grad nicht, aber morgen? Es w\u00e4re sogar viel wahrscheinlicher, dass ich zusage, denn ich kann mir die Zeit ja einteilen &#8211; wie \u00fcbrigens die meisten, von denen ich hier spreche.<\/p>\n<p>W\u00e4re ich jetzt 15 Jahre j\u00fcnger, w\u00fcrde ich das alles auf mich beziehen, w\u00e4re ordentlich zerknirscht und w\u00fcrde denken: Sie m\u00f6gen mich nicht, sie wollen mit mir einfach nichts zu tun haben, weil ich vermutlich so eine Schreckschraube bin, die man lieber meidet! Heute wei\u00df ich es besser, zumal es sich fast durchweg um Menschen handelt, mit denen ich gute, intensive und f\u00fcr beide Seiten erf\u00fcllende gemeinsame Zeiten hatte. Nein, es ist etwas anderes, etwas, dem sich alle einfach so unterwerfen, ohne es auch nur richtig zu bemerken: die Seelen sind besetzt, verkauft und also immer v\u00f6llig ausgebucht. Dass man sich \u00fcberhaupt noch &#8211; so in drei Wochen &#8211; f\u00fcr etwas Privates Zeit nimmt, das nicht zum eingespielten Alltag geh\u00f6rt, ist eigentlich auch schon nicht mehr richtig in diese Welt &#8222;passend&#8220;, ist schon Kompromi\u00df, den man gerade noch eingeht, um sich nicht eingestehen zu m\u00fcssen, da\u00df im Grunde gar kein Platz mehr ist f\u00fcr Dinge jenseits des &#8222;Um-Zu&#8220;.<\/p>\n<p>Niemand ist wirklich &#8222;ausgebucht&#8220; &#8211; aber die Erfordernisse des allgemeinen Rattenrennens sind psychisch derart belastend, dass man nicht noch zus\u00e4tzliche Inputs haben will, wo doch die Zeiten des &#8222;inneren Ausspannens&#8220; lange schon nicht mehr reichen. Ja, dieses innere Abschalten schafft kaum noch jemand, allenfalls werden heftige \u00e4u\u00dfere Reize als Ablenkung gesucht, die das, was in der Seele w\u00fchlt, einfach an Lautst\u00e4rke bei weitem \u00fcbertreffen. Und noch etwas: Andere Menschen zu treffen wird nicht mehr als m\u00f6gliche Entspannung gesehen, als spielerisch zweckfreies Miteinander, sondern &#8211; auch im privaten Rahmen &#8211; immer nur wieder als eine Art &#8222;Auftritt&#8220;, bei dem man ein gutes Bild abgeben will: anstrengend also, wie fast alles heute. Wenn man dann noch daran denkt, dass es ein ganz \u00fcbliches Verhalten ist, dem Anderen nicht wirklich zuzuh\u00f6ren, sondern ihn oder sie &#8222;voll zu labern&#8220;, wundert es nicht mehr, dass niemand mehr richtig Lust hat, mal eben zusammen Kaffee trinken zu gehen&#8230;<\/p>\n<h2>Sich aufteilen<\/h2>\n<p>Was bleibt, ist die Aufsplitterung der Bed\u00fcrfnisse, die Fragmentierung des Ich. Will ich spontan unter Menschen sein, geh&#8216; ich in die Sauna und sitze gemeinsam mit unbekannten Nackten bei 90 Grad auf dem Affenfelsen. Die Hitze ist ein so starker Reiz, dass jedes Denken in den Hintergrund tritt und ein enstpanntes Zusammen sein m\u00f6glich ist &#8211; ja, manchmal kann man sogar ein paar Worte wechseln&#8230; Will ich dagegen interessante Gespr\u00e4che f\u00fchren, tiefer sch\u00fcrfende Aspekte des Daseins teilen, dann kann ich ja mailen! Mitmensch on Demand ist die optimale Form f\u00fcr den gestressten Info-Worker: nur der reine Gedanke tr\u00f6pfelt durch die Leitung, und den kann ich mir ja dann reinziehen, wenn ich daf\u00fcr die Mu\u00dfe habe. Nicht zu vergessen das Telefon: Jenseits des blo\u00dfen Info-Austauschs ist es das &#8222;angesagte&#8220; Mittel f\u00fcr das Empfinden von N\u00e4he: Dann aber mu\u00df ich v\u00f6llig im Augenblick sein, ohne jedes inhaltliche Interesse ganz auf die Schwingung des Anderen einsteigen. Nicht schlecht, aber eben auch wieder ein h\u00fcbsch abgespaltener Teil des Ganzen.<\/p>\n<p>Und wenn mir das alles nicht reicht, gibts ja noch die Workshop-Szene: Unter Anleitung und Aufsicht treffen sich da wochenends &#8222;ganze&#8220; Menschen f\u00fcr teures Geld: tanzen, reden, atmen, T\u00f6ne summen, sich in die Augen sehen, einander zuh\u00f6ren, sich &#8222;einfach so&#8220; umarmen &#8211; und in Tr\u00e4nen ausbrechen vor R\u00fchrung! Sollte ich mir mal wieder leisten&#8230;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Himmel nochmal! Ich wohne f\u00fcnf Auto-Minuten von seinem Arbeitsplatz, Essen gehen und Kaffee trinken wird er ja wohl gelegentlich noch &#8211; oder ist es ihm gelungen, diese Bed\u00fcrfnisse aufgrund der schlechten Wirtschaftslage abzubauen? Glaub ich nicht&#8230; oder doch? Jedenfalls mailt er mir auf meine Frage, ob wir uns mal mittags treffen und von alten Zeiten [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[148,9,231],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3509"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3509"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3509\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3509"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3509"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3509"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}