{"id":3505,"date":"2001-08-05T10:18:42","date_gmt":"2001-08-05T08:18:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3505"},"modified":"2022-05-15T10:21:47","modified_gmt":"2022-05-15T08:21:47","slug":"gedanken-aus-dem-schwitzbad","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/08\/05\/gedanken-aus-dem-schwitzbad\/","title":{"rendered":"Gedanken aus dem Schwitzbad"},"content":{"rendered":"<p>Die Hitze ist vorbei und mit ihr verschwindet diese tagtr\u00e4umerische Lethargie, die mich so angenehm umfangen hielt. Ich gebe mich gerne dem Wetter hin, zumindest, solang&#8216; es warm ist, lass&#8216; mich treiben oder ausbremsen und beobachte, welche Eigenschaften und Verhaltensweisen durch die jeweilige Wetterlage hervorgerufen oder unterdr\u00fcckt werden.<\/p>\n<p>Bei gro\u00dfer Hitze zum Beispiel ist der K\u00f6rper haupts\u00e4chlich mit dem Temperaturausgleich besch\u00e4ftigt und schwitzt. Das bindet einen guten Teil der Energie, erst recht, wenn es mehrere Tage anh\u00e4lt. Ich sp\u00fcr&#8216; dann richtig, wie der Kopf leerer wird, wie die Gedanken langsamer kommen, stotternd fast, und wie kaum mehr etwas \u00fcbrig bleibt f\u00fcr Bedenken wie: Versteht mich noch jemand? Ist das, was ich jetzt denke, sage, schreibe, auch verst\u00e4ndlich, stilistisch vertretbar, im Diary am rechten Platz? Unbek\u00fcmmert lass&#8216; ich es aus mir schreiben, in die Tastatur flie\u00dfen, das wei\u00dfe Datenfeld f\u00fcllen, bl\u00fche pflanzenhaft-ruhig vor mich hin wie meine Balkonpflanze, der es v\u00f6llig egal ist, ob da jemand sagt: Wow, was f\u00fcr eine sch\u00f6ne Bl\u00fcte!&#8220;, oder eben &#8222;Welch ein komisches Unkraut!&#8220;.<!--more--><\/p>\n<p>Insgesamt f\u00fchrten mich diese Tage im st\u00e4ndigen Schwitzbad schneller und weiter weg von der k\u00fcrzlich beschriebenen coolen Rationalit\u00e4t als die Wochen vorher: Ich stehe dann neben mir, h\u00f6re meinen Gedanken zu und sie langweilen mich wie alte Nachrichten: Immer dasselbe, tausend mal gedacht, kommt denn da gar nichts mehr Neues? Offenbar nicht, auch dann nicht, wenn ich auf der Suche nach neuem Input f\u00fcr den Geist mal wieder weise B\u00fccher lese: Sie variieren nur das, was ich schon kenne &#8211; und all das, was ich kenne, l\u00e4\u00dft sich aufteilen in das, was ich verstehe (also in meinem Leben nachvollziehen kann), und das andere, das ich zwar wiederholen kann wie ein auswendig gelerntes Gedicht, von dem ich aber keinen Schimmer habe, was es eigentlich meint. Noch mehr lesen, um zu verstehen, funktioniert nicht,: DAS wollte ich mit meinem gestrigen Beitrag &#8222;Schreiben, Lesen, Verstehen&#8220; ausdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Ich verliere gerade den Rest meines Glaubens an das Wort, k\u00f6nnte man sagen. Vielleicht nicht an alle Worte, nicht an Worte, wie sie in einem Gedicht eher intuitiv-gef\u00fchlig gebraucht werden, sondern eben an die herrschende logische Vern\u00fcnftigkeit, die glaubt, alle Probleme l\u00f6sen, alle Fragen beantworten, alle Konflikte bereinigen und letztendlich eines Tages ALLESWASIST erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen.<br \/>\nDas nenn&#8216; ich dann gelegentlich &#8222;Ende des Verstands&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Ende&#8220; hei\u00dft also nicht, dass er weg w\u00e4re, sondern nur, dass auch das rationale Denken wie ein physischer Gegenstand, den ich betasten kann, Anfang und Ende hat, eine gewisse Ausdehnung, eine Form, die zu bestimmten Zwecken dienlich ist, zu anderen nicht.<\/p>\n<h2>Angst?<\/h2>\n<p>Was das ganz konkret und pers\u00f6nlich bedeutet? Schon lang&#8216; f\u00fchle ich althergebrachte Motivationen verschwinden. Das, was mich gew\u00f6hnlich in Bewegung versetzt hat: W\u00fcnsche, Ehrgeiz, Angst, und vieles mehr, entfaltet einfach keine gro\u00dfe Kraft mehr, taucht allerh\u00f6chstens als blasses Zitat im Kopf auf und verschwindet gleich wieder. Das f\u00fchrt dazu, dass ich mich als in einer Art Leere h\u00e4ngend empfinde &#8211; mit seltsamen Folgen. Oberfl\u00e4chlich k\u00f6nnte ich sagen: Es macht Angst, denn nun wei\u00df ich nicht mehr, warum und wozu ich etwas tun, wohin ich streben soll &#8211; und auf diese Weise kann man doch in dieser Welt nicht bestehen!<\/p>\n<p>Doch Tatsache ist, dass ich allermeist gar keine Angst F\u00dcHLE, w\u00e4hrend diese &#8222;Denke&#8220; sich abspult &#8211; komisch, nicht? Da signalisiert mir also das Denken, Angst sei angesagt, dabei ist gar keine vorhanden! Ich m\u00f6chte gar nicht dr\u00fcber nachdenken, was mir auf diese Weise &#8222;vom Kopf aus&#8220; schon alles als real vorgespiegelt wurde, obwohl au\u00dferhalb dieser Gedanken doch nichts davon zu sp\u00fcren ist!<\/p>\n<p>Na, neulich jedenfalls ist mir dann nochmal ein Groschen gefallen: Immer wieder dachte ich dar\u00fcber nach, WAS DENN anstelle dieser fr\u00fcheren Motive bzw. deren blasse Reste treten werde, welche neuartigen Ziele und Motive &#8211; vielleicht irgendwie &#8222;jenseits des Ego&#8220;? &#8211; evtl. in Zukunft meine Handlungen bestimmen k\u00f6nnten, sollten, m\u00fc\u00dften&#8230;. und pl\u00f6tzlich ist mir klar: Da wird nichts Anderes kommen! Hier und jetzt ist ganz einfach nur dieses Denken an seinem Ende angekommen, der Kreis ist durchschritten, die Landschaft erforscht, da kommt nichts &#8222;Neues&#8220; mehr nach. Das &#8222;Andere&#8220; ist jenseits, au\u00dferhalb dieser Art zu Denken &#8211; und ich habe keinen Schimmer, wie man lebt, ohne sich auf diese m\u00e4chtige Kr\u00fccke zu st\u00fctzen, sich das zumindest einzubilden.<\/p>\n<p>Das macht insofern &#8222;Angst&#8220;, als man sich \u00fcblicherweise in der Vorstellung aufh\u00e4lt, man w\u00fcrde sein Leben &#8211; mehr oder weniger &#8211; rational managen: Der Verstand sichtet Triebe und Motive, gleicht sie mit einem Wertekost\u00fcm ab, filtert das W\u00fcnsch- und Machbare heraus und entwickelt Herangehensweisen f\u00fcr die Umsetzung. Das ergibt ein Gef\u00fchl sinnvoller Besch\u00e4ftigung, man glaubt, alles im Griff zu haben, und &#8211; wenn es dicke kommt &#8211; entstehen daraus sogar eine ganze Latte Schuldgef\u00fchle: Ich sollte dies, ich m\u00fc\u00dfte jenes, ich bin schuld am Ungl\u00fcck des Anderen und am Elend der Welt, weil ich nicht mindestens&#8230;. usw. usf.! Was f\u00fcr ein Wahnsinn!<\/p>\n<p>Noch immer laufen in mir t\u00e4glich derartige Denkfiguren ab, aber ich glaube ihnen nicht mehr, ich sp\u00fcre, dass das nur geschieht, weil irgend etwas keine Leere ertr\u00e4gt, mit ihr nichts &#8222;anfangen&#8220; kann &#8211; und die Langweiligkeit des ganzen Ablaufs wird immer st\u00e4rker. Als h\u00f6rte ich ein Radioprogramm, das mir einfach nur noch auf die Nerven geht, aber ich finde den Ausschaltknopf nicht&#8230;.<\/p>\n<p>Tja, so ist es gerade. Bin gespannt, ob sich nochmal was \u00e4ndert &#8211; immerhin \u00e4ndert sich gerade das Wetter, ich brauche mich vielleicht blo\u00df mitver\u00e4ndern lassen&#8230;.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Hitze ist vorbei und mit ihr verschwindet diese tagtr\u00e4umerische Lethargie, die mich so angenehm umfangen hielt. 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