{"id":3504,"date":"2001-08-04T10:16:00","date_gmt":"2001-08-04T08:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3504"},"modified":"2022-05-15T10:18:37","modified_gmt":"2022-05-15T08:18:37","slug":"schreiben-lesen-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/08\/04\/schreiben-lesen-verstehen\/","title":{"rendered":"Schreiben, Lesen, Verstehen"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\">Wenn das berechnende Denken sich langsam totl\u00e4uft, der machtgeile Blick auf Ursache und Wirkung, Plan und Ziel, &#8222;Nutzen&#8220; und Risiken nurmehr wie ein Radioprogramm erscheint, mal laut, mal leise, doch insgesamt erschreckend uninteressant &#8211; was dann?<\/p>\n<p>Ein paar Tage Pause, Tage ohne Diary. Vielleicht ist es ja das Ende des Schreibens? Ein Journalist k\u00f6nnte so denken, auch der Philosoph, der am Ende aller Systeme angekommen die Buchdeckel zuklappt. Nicht aber der zwecklos Schreibende, der &#8211; allein dem Schreiben zugewandt &#8211; die Tastatur, das weisse Feld als ruhige Landschaft sp\u00fcrt: offen f\u00fcr Gestaltung, W\u00fcste mal, dann Metropole, Eremitenh\u00f6hle, Tempel, Ort der Kraft. M\u00f6gen die Impulse gelegentlich versanden, das Leiden an der Rationalit\u00e4t auch wachsen, die aller Sprache per Grammatik eingeschrieben &#8211; eher entsteht ein Fischgesang aus stummen Zeichen, ein Wortgemisch, das heilig nach Geheimnis klingt und gar nichts meint, als dass der Schreibende verstummt vor seinem letzten Morgen.<!--more--><\/p>\n<p>Was erscheint, wenn Zukunft schwindet? Sich offen zeigt als das, was sie schon immer war: Vorstellung nur, von Angst und Hoffnung korrumpiertes Denken, illusion\u00e4r von Anfang an. Als solches dennoch Teil des Jetzt, des Augenblicks, f\u00fcr den wir Geistesfilter brauchen, um aus der F\u00fclle Welt zu bauen &#8211; meist eine allzu enge Welt, Gef\u00e4ngnis fast, da hingestellt und nutzlos abgedichtet gegen Abri\u00df &#8211; der doch so sicher ist, weit sich&#8217;rer als der n\u00e4chste Fr\u00fchling jedenfalls.<\/p>\n<p>Was ist jetzt? Mir wird immer klarer, da\u00df ich das eher selten wirklich wissen wollte. Texte, die vom &#8222;Hierjetzt&#8220; so vielversprechend handeln, verstand ich fr\u00f6hlich miss: als Lizenz zum Schludern, zum Sich-gehen-lassen, als Argument, die Lust anstatt der Pflicht zu w\u00e4hlen, auch um &#8222;spontane&#8220; Emotionen zu bem\u00e4nteln, die andere gef\u00e4lligst auszuhalten h\u00e4tten, sind sie doch HIERJETZT halt eben einfach da&#8230;<\/p>\n<p>An dieser Stelle ist sehr gut zu sehen, was es mit Lesen und Verstehen auf sich hat: Verstehen kann ich nur, wof\u00fcr ich auch bereit bin. Wenn mich der Augenblick nicht wirklich interessiert, sondern die sogenannte Zukunft und die Sch\u00f6nheit all der Masken, die ich nach au\u00dfen trage, dann wird kein Text und keine Rede dieser Welt &#8211; nicht Bibel, SPIEGEL, Zen-Koan &#8211; mir irgend etwas and&#8217;res sagen als was ich grade h\u00f6ren will. Dasselbe Buch, f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter neu gelesen, spricht zu mir Anderes als damals &#8211; so gesehen reichen hundert tiefe B\u00fccher f\u00fcr ein Leben aus.<\/p>\n<p>Ich verstehe, wof\u00fcr ich bereit bin: nur das, niemals mehr. Und diese Bereitschaft, diese Vor-Einstellung, diese Emanation des Eisbergs unter der Wasseroberfl\u00e4che, als dessen Spitze nur bewu\u00dftes Denken aufragt und sich so blind f\u00fcrs Ganze h\u00e4lt, liegt jenseits meiner Macht. Durch Lesen, Reden, Diskutieren, mit schwitzendem Gehirn Begriffe kl\u00e4ren ist dieser Berg aus faktischem Geschick nicht einmal ankratzbar. Allein das Leben selbst, die Wasser der Gef\u00fchle und St\u00fcrme des Geistes, das Feuer der Leidenschaft und die verl\u00e4\u00dfliche Umarmung der Erde, die uns immer wieder von den Gipfeln des Wahns herunter holt, schleifen diesen Berg.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir uns also irgend etwas sagen? <\/span><!--more--><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn das berechnende Denken sich langsam totl\u00e4uft, der machtgeile Blick auf Ursache und Wirkung, Plan und Ziel, &#8222;Nutzen&#8220; und Risiken nurmehr wie ein Radioprogramm erscheint, mal laut, mal leise, doch insgesamt erschreckend uninteressant &#8211; was dann? Ein paar Tage Pause, Tage ohne Diary. Vielleicht ist es ja das Ende des Schreibens? 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