{"id":348,"date":"2009-09-21T09:51:22","date_gmt":"2009-09-21T07:51:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=348"},"modified":"2009-09-21T10:38:46","modified_gmt":"2009-09-21T08:38:46","slug":"september-1994-ueber-den-computer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/09\/21\/september-1994-ueber-den-computer\/","title":{"rendered":"September 1994: \u00dcber den Computer"},"content":{"rendered":"<p class=\"smallblack\">Dies ist ein &#8222;historischer Text&#8220; aus dem September 1994. Er entstand in einer Welt, in der der &#8222;pers\u00f6nliche Computer&#8220; (PC) gerade seinen Siegeszug angetreten hatte und dabei war, die Arbeitswelt zu revolutionieren &#8211; auch meine. Vom Internet war noch keine Rede, allenfalls hatte man mal davon geh\u00f6rt. Es gab Mailbox-Systeme und BTX, Spielereien f\u00fcr wenige, die aber noch keine Rolle spielten im Bewusstsein der Vielen.<\/p>\n<p class=\"smallblack\">Zur Ver\u00f6ffentlichung des Textes, den ich in der Tiefe meiner Festplatte fand, hat mich Susanne (SuMuze) inspiriert, die <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/09\/15\/was-ich-auch-noch-bloggen-koennte-eine-umfrage\/#computer\">in einem Kommentar<\/a> dar\u00fcber reflektierte, wie Menschen unterschiedlicher digitaler Sozialisation mit Computerprogrammen umgehen. Der Text zeigt, wie ich die neue Ger\u00e4tschaft erlebte und welche Visionen mir dazu einfielen (manche stimmig, manche voll daneben!).<\/p>\n<p>***<\/p>\n<h2>Der Computer<\/h2>\n<p>Ich sitze hier und schreibe auf dem Computer &#8211; noch besitzen die Worte nur eingeschr\u00e4nkte Realit\u00e4t, eine kurze Stromschwankung jagt sie aus dem Arbeitsspeicher und nichts bleibt zur\u00fcck. Der Befehl &#8222;Datei speichern&#8220; fordert mich auf, diesem Text einen Namen zu geben &#8211; eine origin\u00e4r menschliche Handlung &#8211; und versenkt ihn in die vermeintliche Dauerhaftigkeit der Festplatte. Doch bald werde ich mich nicht mehr erinnern, was dieser Name bedeutet hat, und so f\u00e4llt der Text vielleicht der n\u00e4chsten Platzbeschaffungsaktion auf der Festplatte zum Opfer, keinerlei Spuren in der &#8218;Wirklichkeit&#8216; hinterlassend, wenn man einmal die Wirklichkeit einer codierten Existenz auf einem Datentr\u00e4ger als solche gelten l\u00e4\u00dft. Nur selten noch gelangt ein Text &#8218;zum Ausdruck&#8216; &#8211; warum Papier vergeuden, B\u00e4ume schlachten, Energie verbrauchen, Chlorbleiche oder Recycling-Aktivit\u00e4ten in Gang setzen&#8230;? Sind das die Worte wert?<\/p>\n<p>Der Computer ist die Abschaffung des Wegs zugunsten des Ziels &#8211; aber je weiter wir auf diesem Weg kommen, desto sinnloser wird das Erreichen von Zielen. Irgendwann einmal wird das, was ich mir denke, sofort auf dem Bildschirm erscheinen &#8211; daran wird geforscht. Immer offenkundiger wird dabei werden, da\u00df ich meistens Schrott denke. Dieses Faktum interessiert diejenigen nicht, die sich mit immer schnelleren und perfekteren Umsetzungsm\u00f6glichkeiten meiner Gedanken in Texte, Bilder, Filme, 3-D-Welten, Cyber-Space-Simulationen oder einer Mischung aus alledem befassen. Und obwohl ich selbst es wohl wei\u00df, ist mein letzter hartn\u00e4ckiger Konsumwunsch immer wieder der neueste Computer. Meiner n\u00e4mlich ist schon zwei Jahre alt, ein wahrhafter Methusalem, v\u00f6llig hinterm Berg!<!--more--><\/p>\n<p>Am Computer kann man kreativ sein, hei\u00dft es. Auf den ersten Blick stimmt das: Meinen Text kann ich in zweihundert verschiedenen Schriften ausdrucken. Oder ich gestalte ihn als kleine Zeitung, dreispaltig, verziere ihn mit Zeichen und Schmuckleisten, binde ein Foto ein, das ich &#8211; schei\u00df auf das Copyright &#8211; aus einer Illustrierten einscanne. Ja, jetzt geht es los mit den Fachausdr\u00fccken! Wenn mir das Bild nicht gef\u00e4llt &#8211; vielleicht ist es zu dunkel &#8211; zieh&#8216; ich es ins Fotobearbeitungsprogramm, wo mehr M\u00f6glichkeiten zur Ver\u00e4nderung bereitstehen, als dem bestausgestattetsten Dunkelkammer-Profi aus pr\u00e4digitalen Zeiten  &#8211; damals, als man noch giftige Chemiekalien verwendete und die Welt noch nicht in Einsen und Nullen darstellbar war. Na, und wenn auf dem Bild etwas fehlt &#8211; kein Problem! Auch der Himmel \u00fcber der Fu\u00dfballweltweisterschaft war nicht &#8218;wirklich&#8216; blau &#8211; im Fernsehen, nach der Bildbearbeitung dann aber schon. <\/p>\n<p>Allerdings: die meiste &#8218;Arbeit&#8216; bei all diesen Vorg\u00e4ngen ist die, herauszufinden, was die Programme k\u00f6nnen und welche Befehle &#8211; kleine kindgerechte Bildchen und Symbole &#8211; ich in welcher Reihenfolge mit dem Mauszeiger anklicken mu\u00df, damit der gew\u00fcnschte Erfolg eintritt. Und dann: WARTEN! Das schlimmste Warten, das es gibt, denn es bleibt nichts zu tun, als auf den Bildschirm zu starren und auszuharren, bis das Programm seine Arbeit bew\u00e4ltigt hat. <\/p>\n<p>Hohles Warten, leere Zeit, die stillzustehen scheint. Lange? Eine falsche Frage, denn diese Art Warten ist immer zu lang. Zehn Sekunden braucht mein Computer, um ein Bild von Postkartengr\u00f6\u00dfe horizontal zu spiegeln, zehn Sekunden zuviel. Dabei verarbeitet er vier Millionen Nullen und Einsen in der Sekunde, das war vor zwei Jahren der Stand. Ein &#8218;Neuer&#8216; w\u00fcrde f\u00fcr dieses Bild vielleicht nur eine halbe Sekunde brauchen und 80 Millionen Bits in der Sekunde verarbeiten&#8230;. Na also, denkst du jetzt, was sind schon die 4000,- Mark angesichts dieser idiotischen Warterei! Tja, wenn es nur so w\u00e4re! Mit dem &#8218;Neuen&#8216; w\u00fcrde ich nicht mehr dasselbe Bild bearbeiten wie heute, mit seinen 35.000 Farben &#8211; nein, ich w\u00fcrde (endlich!) TRUE-COLOR-Bilder mit 16 Millionen Farben bearbeiten und  mindestens zehn Sekunden, wahrscheinlich sogar l\u00e4nger, warten m\u00fcssen, bis es endlich gespiegelt ist.<br \/>\nWieviel Farben ich unterscheiden kann? Wer fragt sich schon so etwas &#8211; der HiFi-Fan kennt die H\u00f6rschwelle doch auch nur aus der Fachzeitschrift! (Bei Graustufen hab ich&#8217;s mal getestet: erst schwarz-wei\u00df, dann immer eine Graustufe dazu &#8211; bei 30 war eigentlich schon Schlu\u00df.)<\/p>\n<p>Wer ist der Computer? Ein Gegenstand? Eine Intelligenz? Menschlich oder au\u00dfermenschlich? Man kann die Entwicklung dieses Wesens als Machtergreifung betrachten &#8211; erst war der Apparat die Spielerei einiger Elektronikfreaks in Turnschuhen und andrerseits eine hallengro\u00dfe hochernste Milit\u00e4rangelegenheit. Dann begann ER &#8211; in schreibtischfreundlicher Gr\u00f6\u00dfe &#8211; unsere Arbeit zu verrichten. Jetzt erledigt er Arbeiten, die ohne ihn gar nicht m\u00f6glich w\u00e4ren &#8211; toll! Er dient der Wissenschaft und der Unterhaltung, er ber\u00e4t uns und ohne IHN h\u00e4tten wir keinen \u00dcberblick \u00fcber die Welt &#8211; die Welt, in der wir nun mal leben m\u00fcssen, solange wir noch K\u00f6rper haben (an einer besseren L\u00f6sung wird geforscht). Heute ist der Apparat dabei, das &#8218;Programm&#8216; des Menschen aufzunehmen &#8211; alle gro\u00dfen Computer sind weltweit vernetzt und teilen sich die Mammut-Aufgabe der GENOM-Verdatung. Im Jahr 2000 sollen sie fertig sein, hei\u00dft es. Vielleicht wird es dann bald neue, verbesserte Versionen des Menschen geben: Mensch 2.0, 2.0a&#8230;<\/p>\n<p>Was ist der Computer &#8211; isolierter Verstand? Konkretisierte Dualit\u00e4t? K\u00f6nnte man meinen, denn er arbeitet doch streng logisch! Naja, solange er eben l\u00e4uft, aber: in welchem B\u00fcro, an welchem PC vergeht ein Tag ohne Fehler, ohne Absturz, ohne &#8218;Streik&#8216;, ohne &#8222;Schutzverletzung in GDI.EXE Modul 22054A?&#8220; Wir haben Krankheiten, ER hat Viren und Programmierfehler. Und genausowenig, wie unsere Medizin die Ursachen der Krankheiten erkennen kann und nur Symptome kuriert, genausowenig blicken die &#8218;Fachkr\u00e4fte&#8216; durch, woran es nun gelegen hat. Man probiert dies und jenes, installiert das eine oder andere Programm neu &#8211; zur Not wird die Festplatte gel\u00f6scht und neu formatiert &#8211; und irgendwann geht&#8217;s wieder. Gl\u00fcck! <\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte es auch anders sein: allein an einem heute marktg\u00e4ngigen Textverarbeitungsprogramm arbeiten 600 Leute und bringen Jahr f\u00fcr Jahr neue Versionen auf den Markt &#8211; &#8218;Weiterentwicklungen&#8216; mit noch mehr Funktionen, mit den  Fehlerbereinigungen der letzten Fassung und mit neuen, noch unbekannten Fehlern. Keiner dieser 600 kennt das ganze Programm. Und von dieser Art Programm sind auf einem durchschnittlichen PC  f\u00fcnf bis zehn installiert, daneben viele kleinere &#8211; und alle interagieren miteinander. Trotz immer besserer Abschottung der einzelnen Programme und ihrer Teile voneinander ist gegen die auftretenden Fehler offenbar kein Kraut gewachsen. Auch die Chaosforschung &#8211; eine Lieblingswissenschaft des Computers &#8211; bietet bisher keine L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Der Apparat ist eitel,  genau wie wir. Bis vor einigen Jahren war es \u00fcblich, da\u00df Politiker und Wissende jeglicher Coleur sich vor einer B\u00fccherwand ins Bild setzten &#8211; heute dr\u00e4ngt Kollege Computer sich  in den Vordergrund. Wer etwas zu sagen hat, sagt es angesichts eines Monitors, auf den die Kamera schon bald einschwenkt, um der Aussage des Sprechenden die n\u00f6tige Glaubw\u00fcrdigkeit zu verschaffen.<\/p>\n<p>Und auch sonst sieht man immer mehr Bildschirme in jeder Art \u00d6ffentlichkeit, die urspr\u00fcnglich ausschlie\u00dflich von Menschen bev\u00f6lkert war &#8211; Banken, Superm\u00e4rkte, U-Bahnstationen, \u00c4mter und Beh\u00f6rden&#8230; Erstaunlicherweise gibt es in diesem Fall von Mitwesen keine allergischen Reaktionen wie gegen Tiere, Pflanzen und chemische Stoffe. Im Gegenteil, der Apparat erobert jedes Wohnzimmer, wo er als Fernsehger\u00e4t &#8211; eine seiner Vorformen &#8211; bereits steht. Mein Vater besitzt drei Fernsehger\u00e4te, zwei Videorecorder, 2 Hifi-Anlagen, 2 Videoschneidemaschinen, einen Diaprojektor, 1 Videokamera und drei Fotoapparate. Vor einem Jahr hat er sich den Computer gekauft und beginnt zu erkennen, da\u00df alle diese Ger\u00e4te veraltet sind, denn alle diese Funktionen k\u00f6nnen \u00fcber die &#8218;Aufr\u00fcstung&#8216; des Computer einfacher und effektiver, auch qualitativ immer besser verwirklicht werden. <em>&#8218;Ich bin zu fr\u00fch geboren&#8216;<\/em>,  seufzt er, denn er ist \u00fcber 70 und wird die \u00c4ra des EINEN APPARATS nicht mehr voll miterleben.<\/p>\n<p>Ein BEICHT-Programm ist jetzt herausgekommen. Es stellt einf\u00fchlsame Fragen und vergibt uns die S\u00fcnden.<\/p>\n<p>Unsere menschliche Art, das Leiden zu meiden und nach Freuden zu streben, l\u00e4\u00dft sich einfach in Null und Eins symbolisieren &#8211; wodurch es m\u00f6glich scheint, die ganze Suche einem Apparat zu \u00fcberlassen.<br \/>\nWir brauchen blo\u00df unsere Me\u00dflatte f\u00fcr gut und b\u00f6se, sch\u00e4dlich und n\u00fctzlich vorzugeben, den Rest erledigt der Apparat und serviert uns auf dem Tablett das ausgew\u00e4hlte &#8218;Gute&#8216;. Jedoch: unsere Me\u00dflatte ist ver\u00e4nderlich, was gestern sch\u00e4dlich war, ist heute vielleicht die Rettung &#8211; und so hinken unsere Programme uns stets hinterher, erstarrte Verk\u00f6rperungen der Vergangenheit, die unsere Gegenwart belasten, ja, sogar gef\u00e4hrden. Der Schwarze B\u00f6rsenmontag im Jahr 1987 kam zustande, indem man das Handeln mit Wertpapieren und W\u00e4hrungen den Apparaten \u00fcberlassen hatte. Wenn dann in den Computerprogrammen steht, da\u00df ab einem bestimmten Tiefstwert verkauft werden mu\u00df, wird bei Erreichen dieses Wertes eine Kettenreaktion ausgel\u00f6st, die in ECHTZEIT, also ohne nenneswerten Zeitbedarf, automatisch abl\u00e4uft. Da in diesem Fall die Weltwirtschaft &#8218;abzust\u00fcrzen&#8216; drohte, hatten einige wenige beherzte Menschen noch den Mut, das Sakrileg zu begehen und das letzte Mittel einzusetzen &#8211; den Ausschaltknopf.<\/p>\n<p>Der Computer ist dabei, die Welt in seine Speicher zu \u00fcbernehmen. Angefangen hat es mit rein administrativem Wissen, Kunden- und Lieferantenkarteien wurden zu Datenbanken, W\u00e4hler, Berufsgruppen, Bankkonten, demographische Verh\u00e4ltnisse, alle z\u00e4hl- und sch\u00e4tzbaren Gegenst\u00e4nde der Welt, Pl\u00e4ne und Statistiken aller Art. Dann folgten die Texte, zun\u00e4chst die Lexika, Atlanten und bestehenden Archive, die Bibliographien und Giftstoffregister, Arzneimittellisten, Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen, zur Zeit ist die Literatur dran &#8211; 10 000 Werke der Weltliteratur auf einer CD-ROM-Scheibe nur DM 99.- !<\/p>\n<p>Noch krankt die digitale Nutzung des Geschriebenen der Menschheit  daran, da\u00df der altert\u00fcmliche Leser darauf besteht, ein &#8218;echtes Buch&#8216; aus Papier mit ins Bett zu nehmen &#8211; aber daran wird geforscht. Und er\u00f6ffnen sich nicht herrliche M\u00f6glichkeiten? Unter dem Stichwort &#8218;Buddha&#8216; wird mir der gesamte Kanon buddhistischer Schriften zur Verf\u00fcgung stehen! Da ich als lebenszeitlich begrenztes Wesen nicht alles durchlesen kann, sucht mir der Apparat heraus, was ich brauche. Zum Beispiel k\u00f6nnte ich das Wort &#8222;Frau&#8220; eingeben &#8211; und sofort w\u00fcrden mir alle Stellen aussortiert, die dieses Wort enthalten. Wie leicht, nun eine Doktorarbeit zum Thema &#8222;Die Frau im Buddhismus&#8220; zu schreiben! Allerdings werde ich gut daran tun, zun\u00e4chst das Register der Ver\u00f6ffentlichungen anzufragen, was zum Thema &#8222;Frau und Buddhismus&#8220; bereits vorliegt &#8211; um dann eventuell auf andere Wortkombinationen auszuweichen. &#8211; Es ist anzunehmen, da\u00df schon bald nur noch Stichwort-orientiert gelesen wird, zumindest von denjenigen, die mit dem Gelesenen &#8218;etwas anfangen&#8216; wollen. <\/p>\n<p>Fortschritt braucht der Mensch und weil die Erde keinen Raum mehr hergibt und der Weltraum w\u00fcst und leer und viel zu teuer ist, expandiert man in den Cyberspace. Alles das, was ich durch einen Monitor sehen und steuern kann, hat seinen Ort im Cyberspace. Diese neue Art Raum scheint unendlich, es ist gen\u00fcgend Platz f\u00fcr alle, die informiert, &#8218;in Form gebracht&#8216; sind. Fortschritt schreitet also nicht mehr irgendwo hin, sondern tritt hin\u00fcber auf eine andere Wirklichkeitsebene. Gro\u00dfe Gesch\u00e4ftigkeit bricht aus, denn der neue Raum mu\u00df nicht erforscht, sondern geschaffen, gestaltet und m\u00f6bliert werden. Dazu schauen wir uns um und was in unserer alten Welt geeignet ist, hin\u00fcberzugehen, geht &#8218;r\u00fcber. <\/p>\n<p>Das ist eine ganze Menge! Fast alles, was menschliche Kultur und Zivilisation ausmacht, ist potentiell geeignet: die Gutenberg-Galaxis war eine gute Vorbereitung auf die virtuelle Welt. Nur die schn\u00f6de Hardware, die einfache Materie, das K\u00f6rperhafte in seiner Vielgestalt verweigert sich der restlosen Transformation in Null&#038;Eins &#8211; noch, daran wird geforscht. <\/p>\n<p>Was soll&#8217;s, immerhin erleichtert uns schon jetzt der Apparat per Cyberspace das Hantieren mit dem Groben. Schon ist es an vorderster Front m\u00f6glich, da\u00df Chirurgen von zu Hause aus via Bildschirm operieren &#8211; das ist ja auch viel sauberer. Und kleine Roboter werden entwickelt, die sich ferngesteuert durch unsere verkalkten Adern fr\u00e4sen k\u00f6nnen, um dort die Ablagerungen wegzubaggern, die wir uns beim bewegungslosen Sitzen vor den Monitoren geholt haben (in der Gefahr w\u00e4chst eben das Rettende auch). Der Arzt entfernt sich von der Ber\u00fchrung mit dem konkreten Menschen. Wer h\u00f6rt denn heute noch ab? Der K\u00f6rper wird in den Computertomographen geschoben, wo sich der Apparat ein Bild vom Menschen macht, wie wir etwa eine Salami aufschneiden und begutachten. Die Querschnittsbilder bed\u00fcrfen noch \u00e4rztlicher Deutung &#8211; aber sicher assistiert dabei bald ein Expertenprogramm, da\u00df genau sagen kann, welche Formver\u00e4nderungen auf welche Krankheiten hindeuten. Schon jetzt kann man in Shareware-Verlagen das Programm PCArzt beziehen und dort selber seine Syptome eintippen und sich die Diagnose mit Therapievorschl\u00e4gen stellen lassen. Ade volles Wartezimmer!<\/p>\n<p>Echt innovative Nutzungen des CyberSpace ergeben sich f\u00fcr den Sex. Schon ist die Porno-Industrie dabei, ganz gro\u00df einzusteigen. CD-Rom-Scheiben bieten endlich die Speicherdichte, um ganze Filme zu verdaten &#8211; und gar interaktiv, z.B. als Strip-Poker. Mann klickt mit der Maus die Bluse der Dame an &#8211; aber wenn der aufgeregte User nicht die richtigen Karten hat, sagt sie: <em>&#8222;Das kannst Du jetzt nicht mit mir machen, Schatz!&#8220;<\/em> und l\u00e4chelt b\u00f6se. So richtig spacig wird es aber erst, wenn man wirklich zur Sache kommen kann: mit dem Cyber-Sex-Set zum Beispiel, einem Paket aus Datenhandschuh, Cyberbrille, entsprechendem Simulationsprogramm und H\u00fcftg\u00fcrtel mit Vibrationstechnologie. Einen virtuellen Partner w\u00e4hlt man aus der mitgelieferten Bibliothek: Marilyn oder Kennedy, Theresa Orlowsky oder gar Pabst Woytila f\u00fcr die Damen &#8211; im Cyberspace ist alles machbar. <\/p>\n<p>Wenn die &#8222;Datenautobahnen&#8220; endlich fertig und die Breitbandkabel \u00fcberall vebuddelt sind, trifft man sich dort mit Partnern aus aller Welt zu einem Quickie in virtueller Umgebung. Aber &#8218;echte&#8216; Partner braucht&#8217;s im Grunde nicht, es gen\u00fcgen Programme. Zwar hat noch 1994 ein Gericht dem BTX-Dialogsystem untersagt, Programme einzusetzen, um l\u00fcsterne Teilnehmerinnen zu simulieren, was allerdings nur daran gelegen haben kann, da\u00df die Programme noch in den Kinderschuhen stecken.<\/p>\n<p>Ach die Musik, sie hab ich fast ganz vergessen, wohl weil in meinem PC noch keine Soundkarte ert\u00f6nt! Schon jetzt kreieren die Bands ihre Songs und Musikst\u00fccke am Computer, schicken sich ihre Beitr\u00e4ge durch die Netze, auf da\u00df der andere sich dazuspiele. Alle Instrumentenkl\u00e4nge dieser Welt stehen dem Kreativen zur Verf\u00fcgung, sofern er in der Lage ist, sich in der Vielfalt zurechtzufinden. Schon ver\u00f6ffentlichen Popstars auf Daten-CD, einschlie\u00dflich VideoClip. Und ein paar Freaks haben derletzt damit begonnen, garnicht erst so etwas Materielles wie CDs zu benutzen. Sie schicken ihre Titel ins Internet oder zu Compuserve und legen sie dort als Datei ab, f\u00fcr jeden mit Telefonanschlu\u00df per Modem abrufbar. Die Freaks wollen so der Plattenindustrie den Garaus machen &#8211; und das wird sicher klappen, sobald ein Zahlungsweg f\u00fcrs Abrufen bereitsteht. Wieviele Leute wohl im Musikgesch\u00e4ft arbeiten? <\/p>\n<p>Die Arbeitspl\u00e4tze wandern zu Zigtausenden in den Cyberspace ab &#8211; die meisten fallen dabei weg. Alle Arbeit wird Zuarbeit zum Apparat &#8211; und nur diese Zuarbeiter werden Zugang zur sch\u00f6nen neuen Welt haben, der Rest verdient ja nichts. Wie das funktionieren soll? Man wird sehen.<\/p>\n<p>Ich sitze am Computer und schreibe. Ganz allein mit meinen Gedanken, der Tastatur und dem Monitor &#8211; alles andere versinkt, entschwindet dem Bewu\u00dftsein. Es ist gef\u00e4hrlich, mich an den Apparat zu setzen, wenn ich drau\u00dfen in der K\u00fcche etwas auf die Herdplatte gestellt habe. Wie oft rei\u00dft mich erst brenzlicher Geruch aus meiner computergest\u00fctzten Gedankenwelt! Im Haushalt der Zukunft wird der Herd eine Datenleitung zum Computer besitzen und der Fortschritt des Kochvorgangs wird mir auf Wunsch in einem kleinen Diagramm in der rechten oberen Ecke des Bildschirms dargestellt. Mindestens aber erscheint eine Meldung: <em>&#8222;Achtung, Kochvorgang in 10 Sekunden beendet&#8220;<\/em> &#8211; dann kann ich eine Taste dr\u00fccken ohne mich vom Sessel zu r\u00fchren und den Herd abschalten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist ein &#8222;historischer Text&#8220; aus dem September 1994. Er entstand in einer Welt, in der der &#8222;pers\u00f6nliche Computer&#8220; (PC) gerade seinen Siegeszug angetreten hatte und dabei war, die Arbeitswelt zu revolutionieren &#8211; auch meine. Vom Internet war noch keine Rede, allenfalls hatte man mal davon geh\u00f6rt. 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