{"id":3462,"date":"2022-02-10T16:34:56","date_gmt":"2022-02-10T15:34:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3462"},"modified":"2022-02-11T13:52:56","modified_gmt":"2022-02-11T12:52:56","slug":"diffuser-hass-und-ein-gefuehl-der-ueberfluessigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2022\/02\/10\/diffuser-hass-und-ein-gefuehl-der-ueberfluessigkeit\/","title":{"rendered":"Diffuser Hass und ein Gef\u00fchl der \u00dcberfl\u00fcssigkeit"},"content":{"rendered":"<p>G\u00f6tz Eisenberg hat im FREITAG einen <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/gesellschaft-die-wut-dreht-sich-im-kreis\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hellsichtigen Artikel<\/a> geschrieben, in dem er sich mit dem &#8222;diffusen Hass&#8220; auseinandersetzt, der immer mehr um sich greift. Als Aufh\u00e4nger dient ihm der Amokl\u00e4ufer, der k\u00fcrzlich in der Uni Heidelberg auf Studierende geschossen und dabei eine Studentin get\u00f6tet hat. Drei weitere wurden verletzt. Sein Motiv ist immer noch unbekannt, was nicht nur f\u00fcr diesen Amoklauf gilt. Eisenbergs Bewertung der Amoktaten weicht von den \u00fcblchen Erkl\u00e4rungsversuchen deutlich ab:<!--more--><\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die landl\u00e4ufige Annahme, der Amokl\u00e4ufer bringe sich nach seiner Tat aus Schuldgef\u00fchlen dar\u00fcber um, was er angerichtet habe, scheint falsch zu sein. Seine Morde sind nicht die Ursache f\u00fcr seinen Suizid, sondern seine Suizidabsichten sind die Ursache f\u00fcr seine Morde. Der Suizidant schafft es nicht, still und leise auf den Speicher zu gehen und sich aufzuh\u00e4ngen, sondern muss sich durch Morde in eine Lage bringen, die ihm keinen anderen Ausweg mehr l\u00e4sst, als sich zu t\u00f6ten oder sich t\u00f6ten zu lassen. Erst jetzt \u2013 hinter sich verbrannte Erde und Leichen, vor sich die Polizei, in sich wachsende Panik \u2013 schafft er es, sich umzubringen&#8220;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Weiteren geht es nicht um Amok-Ereignisse. Z\u00fcgig nimmt der Autor die Ursachen unter die Lupe, die zum &#8222;frei flottierenden Hass&#8220; f\u00fchren, der sich in der Gesellschaft verbreitet und ein Ventil sucht:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Gegenw\u00e4rtig kristallisiert sich der Hass an der und um die Impfung aus, die auch als Metapher f\u00fcr all das verstanden werden kann, was den Menschen von au\u00dfen und oben angetan und zugef\u00fcgt wird. Karl Lauterbach und eine Regierung, die im Nebel der Pandemie herumstochert, m\u00fcssen auch f\u00fcr all das herhalten, wor\u00fcber die Leute sich \u00e4rgern.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das denke ich mir schon die ganze Zeit: Nie und nimmer ist dieser Widerstand allein aus Ablehnung der Impfung entstanden! Da muss zuvor schon viel anderes passiert sein, bevor z.B, eine Pflegekraft ins Mikrofon spricht: &#8222;<em>Lieber gehe ich aus der Pflege, als dass ich mich impfen lasse!<\/em>&#8220; (Speziell in diesem Fall wissen wir sogar alle, was da schon lange passiert, ge\u00e4ndert wird es trotzdem nicht).<\/p>\n<p>Aber wir k\u00f6nnen nicht anders, auch wenn wir einsehen, dass wir m\u00fcssten. Das ist ein mental und gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig deprimierender Zustand &#8211; und mag bei nicht wenige zum &#8222;diffusen Hass&#8220; beitragen. Aber weiter mit Eisenbergs Gr\u00fcnden f\u00fcr das Geschehen. Dazu erz\u00e4hlt er eine Geschichte vom Bauern, der enteignet wird und den Baggerfahrer erschie\u00dfen will, der auf sein Haus zurollt. Der aber verwickelt ihn in ein Gespr\u00e4ch, das zu Tage f\u00f6rdert, dass weder der Baggerfahrer noch irgend ein anderer konkret &#8222;T\u00e4ter&#8220; ist, dessen Erschie\u00dfung befreiend w\u00e4re. Heute seien wir alle in der Situation dieses Bauern:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Im Grunde ahnen oder sp\u00fcren die Menschen heute, dass sie \u00fcberfl\u00fcssig sind oder es demn\u00e4chst werden. Das, was man Digitalisierung nennt, wird sich als gigantisches \u201eArbeiterlegen\u201c (Helmut Reinicke) erweisen, die Wiederholung dessen, was Marx im Kontext der \u201eurspr\u00fcnglichen Akkumulation des Kapitals\u201c als \u201eBauernlegen\u201c beschrieben hat. Aus Bauern sollten damals Lohnarbeiter werden, heute werden diese zu Dienstleistern und Datenproduzenten \u2013 oder zu nichts. Das Kapital hat sich von der Ausbeutung der Ware Arbeitskraft weitgehend emanzipiert und nullt, ohne den Umweg \u00fcber die Produktion realer Dinge zu gehen, tautologisch vor sich hin. Geldstr\u00f6me zischen um die Erde. Das Finanzkapital ist der Fetisch, die vor sich hin nullende Null, die Marx als logischen Endpunkt der Verselbstst\u00e4ndigung des Wertes begriffen hat.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Dann wird es wieder sehr konkret:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220; Die Menschen sind gehalten, das ihnen zur Verf\u00fcgung stehende Geld auszugeben, Serien zu gucken, \u00fcber ihre Smartphones zu wischen und dabei Daten zu hinterlassen, das ist alles. Das vage Gef\u00fchl der \u00dcberfl\u00fcssigkeit ist der Kern der um sich greifenden Indifferenz. Die aus dieser Indifferenz r\u00fchrende Leidenschaft ist der Hass \u2013 ohne Gegenstand und ohne Bindung an ein Objekt. Bindungslosigkeit ist die sozialpsychologische Signatur des Zeitalters. \u201eWenn die Gewalt aus der Unterdr\u00fcckung aufsteigt, dann der Hass aus der Entleerung\u201c, sagte Jean Baudrillard.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Was passiert mit dem Hass? Das sehen wir derzeit \u00fcberall. Mehr pers\u00f6nliche Angriffe, grundlos oder wegen Nichtigkeiten, Hass und Hetze in den sozialen Medien, totale Ausraster rund um das Thema &#8222;Maske&#8220;, t\u00e4tliche Auseinandersetzungen bei Autobahn-Blockaden, auch h\u00e4usliche Gewalt hat zugenommen, wen wunderts!<\/p>\n<p>Da ich nun schon so viel zitiert habe, will ich auch die d\u00fcstere Aussicht nicht vorenthalten, mit der Eisenberg endet:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die historische oder leidenschaftliche Gewalt hatte einen Gegenstand, einen Feind, einen Zweck. Der Hass hat keinen. Selbst der Klassenhass erscheint im R\u00fcckblick beinahe als eine b\u00fcrgerlich-kleinb\u00fcrgerliche Leidenschaft. In der glitzernden Welt des Konsums scheint Widerstand nur noch in Form des Vandalismus oder Wahnsinns m\u00f6glich zu sein&#8230;.. Wenn eine staatliche Ordnung, die wir als Bedingung unseres Lebens vorfinden, \u00dcberleben und geschichtliche Errungenschaften nicht mehr zu sichern vermag und von keiner gemeinsamen Idee oder ideellem Interesse getragen und verbunden ist, b\u00fc\u00dft sie ihre Legitimit\u00e4t ein und wird verfallen. Angesichts des Mangels an emanzipatorischen Alternativen steht zu bef\u00fcrchten, dass es die Rechtsradikalen sein werden, die von der Selbstzerst\u00f6rung der b\u00fcrgerlichen Ordnung profitieren. Das hatten wir schon einmal.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<h2>Da war doch noch was&#8230;<\/h2>\n<p>Mich hat der Artikel wirklich beeindruckt, denn nur selten bringt jemand in dieser K\u00fcrze die Dinge so auf den Punkt. Zu den Gr\u00fcnden geh\u00f6rt aus meiner Sicht aber noch etwas Anderes:<\/p>\n<p>Die Klimakrise und die fehlenden Perspektiven, den n\u00f6tigen Umbau wirklich zu schaffen l\u00e4sst kaum jemanden wirklich kalt. Weder die Bef\u00fcrworter noch die Gegner einer dem Problemdruck angemessenen oder auch nur in diese Richtung weisenden Klimapolitik: Wer sich n\u00e4mlich mit dem Thema besch\u00e4ftigt, merkt schnell, dass wir mit der Art und Weise, wie wir wirtschaften, produzieren und konsumieren ganz gro\u00dfformatig auf dem Weg in den Abgrund sind. Gleichzeitig ist &#8222;Wachstum&#8220; f\u00fcr dieses Wirtschaften unverzichtbar und das meiste, was an Rezepten zur Abwehr des Klima-Crashs debattiert und projektiert wird, ist eher marginal, viel zu wenig, zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Was fr\u00fcher &#8222;Utopie&#8220; war, ist jetzt die &#8222;Erhaltung des Status Quo&#8220; bzw. des Wohlstands, den wir im Weltvergleich immer noch genie\u00dfen. Der aber gleichzeitig auf im Grunde nicht mehr hinnehmbarer Ausbeutung von Ressourcen, menschlicher Billigarbeit, Artenvernichtung, Tierleid und immer extremerer Umweltverschmutzung (sichtbar vor allem anderswo!) basiert.<\/p>\n<p>Wer ehrlich zu sich selbst und finanziell nicht unkaputtbar abgesichert ist, befindet sich h\u00e4ufig in der mentalen Gemengelage, die n\u00f6tigen Schritte in die richtige Richtung zu f\u00fcrchten, weil sie sp\u00fcrbare Kosten verursachen werden. Bei uns allen! Selbst wenn es gelingen k\u00f6nnte: Nur &#8222;die Reichen&#8220; abzukassieren wird nicht gen\u00fcgen. Wir m\u00fcssen unsere Lebensweise \u00e4ndern &#8211; und wer will das schon?<\/p>\n<p>Meine Erg\u00e4nzung &#8211; das merke ich jetzt &#8211; passt nicht wirklich zum Artikel. Denn &#8222;Hass&#8220; ist nicht die Folge dieser Einsicht, sondern eher Depression.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p class=\"title column\"><strong><a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/gesellschaft-die-wut-dreht-sich-im-kreis\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Wut dreht sich im Kreis<\/a><br \/>\n<\/strong>Immer mehr Menschen haben einen \u201eHass\u201c. Er ist diffus, aber nicht grundlos<br \/>\n<span class=\"author js-article-author-name\"> <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">G\u00f6tz Eisenberg<\/a> &#8211; DER FREITAG, Ausgabe 05\/2022<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00f6tz Eisenberg hat im FREITAG einen hellsichtigen Artikel geschrieben, in dem er sich mit dem &#8222;diffusen Hass&#8220; auseinandersetzt, der immer mehr um sich greift. 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