{"id":3450,"date":"2021-12-28T12:55:03","date_gmt":"2021-12-28T11:55:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3450"},"modified":"2021-12-30T12:31:17","modified_gmt":"2021-12-30T11:31:17","slug":"zukunft-web3-die-dystopie-der-totalen-finanzialisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2021\/12\/28\/zukunft-web3-die-dystopie-der-totalen-finanzialisierung\/","title":{"rendered":"Zukunft Web3: Die Dystopie der totalen Finanzialisierung"},"content":{"rendered":"<p>Das Web der Plattformen und weitgehend zentralisierter Konzerne ist noch nicht das Ende der Entwicklung. Vielen Kritikern und Akteuren reicht das Bem\u00fchen nicht, hier mehr zu regulieren, um die Macht dieser Strukturen zu beschneiden.Ein neues Konzept, das in den Anf\u00e4ngen bereits Realit\u00e4t ist, soll &#8211; wieder einmal &#8211; die Macht dezentralisieren und somit &#8222;demokratisieren&#8220;. Das sogenannte &#8222;Web3&#8220; hat allerdings eine dunkle Seite, die grundst\u00fcrzender sein k\u00f6nnte als alles, was wir bisher kennen, lieben und f\u00fcrchten gelernt haben.<!--more--><\/p>\n<p>Aufmerksam geworden bin ich durch einen \u00fcber Twitter geteilten FAZ-Artikel<\/p>\n<blockquote><p><a href=\"https:\/\/zeitung.faz.net\/fas\/feuilleton\/2021-12-26\/9d83ddeb24e9f534f2e4b01704209347\/?GEPC=s9&amp;s=09#Web3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das Web3 als Anfang der Finanzialisierung von allem:<\/a> &#8211; Nach dem Web 2.0 soll jetzt das Web3 wieder einmal die \u00d6konomie demokratisieren und Macht dezentralisieren. Doch das ist eine tr\u00fcgerische Hoffnung.<\/p><\/blockquote>\n<p>Weil der Text eine recht lange Anlaufzeit braucht, um zur bef\u00fcrchteten Dystopie zu kommen, f\u00fcrchte ich, dass ihn kaum jemand bis zum Ende liest. Zun\u00e4chst geht es um Bitcoin, die Kryptow\u00e4hrung, die wir alle kennen, die jedoch droht, sich auf Geldanlangen auszuweiten, wo wir sie nicht vermuten: In Staatsanleihen, Rentenfonds und andere als &#8222;sicher&#8220; geltende Anlageformen.<\/p>\n<p>Das allein w\u00fcrde viele von uns noch nicht gro\u00df tangieren, schon mangels Masse. Allerdings soll das System der unregulierten Kryptow\u00e4hrungen zu einer neuen Finanzierung von allem und jedem\u00a0 ausgebaut werden und &#8211; so f\u00fcrchte ich &#8211; am Ende in Form des &#8222;Web3&#8220; die &#8222;Kultur des Kostenlosen&#8220;, wie wir sie kennen, abl\u00f6sen. Betrieben wird das von Aktiven im Silicon Valley, f\u00fcr die bereits die jetzige Netzwelt eine Dystopie ist. Und so soll sich das \u00e4ndern:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Zur \u00dcberwindung der Dystopie des Web 2.0, so argumentieren die kl\u00fcgsten K\u00f6pfe des Silicon Valley, reicht eine Regulierung nicht aus: Wir br\u00e4uchten einen radikalen Wechsel hin zu einem anderen Modell \u2013 dem Web3. Im Web3 ist alles dezentralisiert und finanzialisiert, also der Logik des Finanzsektors unterworfen: Jede Gemeinschaft kann nicht nur ihre eigene W\u00e4hrung einf\u00fchren und verwalten, sondern auch ihre Ressourcen eigenst\u00e4ndig verteilen, indem sie Anteile, sogenannte Tokens, ausgibt und diese sp\u00e4ter mit der Au\u00dfenwelt handelt. Tokens sind programmierbare und handelsf\u00e4hige digitale Objekte, die auf der Blockchain-Technologie basieren. Sind sie austauschbar (\u201efungible\u201c), kann man sie als W\u00e4hrung oder Miteigentumsanteil nutzen; sind sie einzigartig, k\u00f6nnen sie auch als Kunstwerke oder Sammelst\u00fccke dienen, wie die NFTs (Non-Fungible Tokens), von der die Kunstwelt erobert wurde.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das mit den &#8222;Tokens&#8220; als handelbare Objekte hab ich schon mitbekommen und bisher f\u00fcr eine Spielerei f\u00fcr Gamer, Nerds, Fans und Spekulanten gehalten, die &#8222;irgendwie&#8220; den Bitcoin-Erfolg im kleinsteln Ma\u00dfstab nachbauen wollen &#8211; irrelevant f\u00fcr die Allgemeinheit. Laut FAZ haben zudem Studien gezeigt, dass die H\u00e4lfte der Tokens glatter Betrug sind &#8211; na viel Spass dabei, denk ich mal so.<\/p>\n<p>Aber weiter:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Das populistische Versprechen, das dem Web3 zugrunde liegt, besagt, dass, sobald die Kryptow\u00e4hrungen die Finanzkr\u00e4fte vom korrumpierenden Einfluss der Wall Street, der Europ\u00e4ischen Zentralbank und anderer etablierter Institutionen gereinigt haben, die Politik selbst obsolet sein wird; <strong>dann werden wir in der Lage sein, die Menschen allein \u00fcber finanzielle Anreize zu beeinflussen<\/strong> \u2013 eine dezentralisierte Version des chinesischen Sozialkreditsystems.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>In Kunst und Kultur sollen alle Kreativen wie ein StartUp agieren, die eigenen &#8222;Tokens\/NTFs&#8220; heraus geben und so den Markt \u00fcber ihre Vorhaben entscheiden lassen.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;So k\u00f6nnen die K\u00e4ufer \u00fcber die Lebensentscheidungen der Aussteller dieser Tokens abstimmen. Da wir ohnehin alle Humankapital sind, warum nicht die M\u00e4rkte entscheiden lassen, welche Karrieren wir verfolgen und welche Jobs wir annehmen?&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das erscheint mir noch nicht als &#8222;ganz neu&#8220;, denn viele gehen bereits diesen Weg, nutzen jedoch meist noch Geldsammlungen \u00fcber Plattformen. Im neuen System w\u00e4ren die mit der Einzahlung verbundenen Berechtigungen (erste Produkte, evtl. dann auch Gewinn-Anteile) allgemein handelbar. Aber bei der Kunst soll es nicht bleiben:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ebenso k\u00f6nnen nun alle Organisationen des traditionellen Non-Profit-Sektors, von denen viele von staatlichen Subventionen und Steuern abh\u00e4ngig sind, durch spontan gebildete \u201eDezen\u00adtrale Autonome Organisationen\u201c ersetzt werden, die DAOs \u2013 eines der hei\u00dfesten Themen in der Welt der Blockchains. Als solche k\u00f6nnen sie sich durch die Ausgabe von Tokens finanzieren, die von ihren Fans gekauft werden. Viele DAO-Enthusiasten verwenden eine bizarre Sprache, die Astrologie und Systemtheorie vermischt, und diskutieren dar\u00fcber, was DAOs und andere Organisationen von Sekten lernen k\u00f6nnen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Weiter gedacht, k\u00f6nnte alles &#8222;tokenisiert&#8220; werden, W\u00e4lder und Seen werden Anlageklassen, der Markt entscheidet \u00fcber den Erhalt von Ressourcen, die den Klimawandel bremsen.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Im Web3 gibt es f\u00fcr alles eine Mikrozahlung; jeder Prozess und jedes Objekt kann \u201etokenisiert\u201c werden; jeder wird ermutigt, sich als potentiell kommerzielle Marke zu betrachten. Wir alle sind nur einen Mausklick davon entfernt, unsere Familien und Haustiere als Tokens und damit als Investitionsobjekte an einer Kryptob\u00f6rse anzumelden, in der leisen Hoffnung, dass sie eines Tages an Wert gewinnen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Weil der Begriff &#8222;Krypto&#8220; allerdings verbrannt ist, haben sie die Bezeichnung &#8222;Web3&#8220; gefunden, um &#8211; wieder einmal &#8211; eine &#8222;sch\u00f6ne neue Welt&#8220; zu installieren, die endlich alles nicht mehr braucht, was nervt: Regulierungen, politisch steuerbare Finanzierungen, am Ende k\u00f6nnte gleich auch das Sozialsystem zusammen gestrichen werden:\u00a0 Geh doch an den Markt, wenn du Geld brauchst!<\/p>\n<p>Was denkt Ihr? Hat das echte Chancen? Oder ist es eine Tr\u00e4umerei mittels totaler \u00dcbertreibung randst\u00e4ndiger Ph\u00e4nomene?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Web der Plattformen und weitgehend zentralisierter Konzerne ist noch nicht das Ende der Entwicklung. 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