{"id":3439,"date":"2021-11-25T13:05:12","date_gmt":"2021-11-25T12:05:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3439"},"modified":"2021-11-25T13:52:18","modified_gmt":"2021-11-25T12:52:18","slug":"zum-tag-gegen-gewalt-an-frauen-eine-persoenliche-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2021\/11\/25\/zum-tag-gegen-gewalt-an-frauen-eine-persoenliche-geschichte\/","title":{"rendered":"Zum Tag gegen Gewalt an Frauen &#8211; eine pers\u00f6nliche Geschichte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sie war eine liebende Mutter, konnte mich aber nicht besch\u00fctzen, genauso wenig wie sich selbst. Was daraus folgte, davon handelt dieser Bericht.<\/strong><\/p>\n<p>Nur ein einziges Mal hat mich ein Mann (der nicht mein Vater war) geohrfeigt. Aus Eifersucht, wie ich erst sp\u00e4ter erfuhr. Es kam so \u00fcberraschend, dass ich im ersten Moment nur extrem verbl\u00fcfft war und dachte, er sei irgendwie &#8222;irre&#8220; geworden. Also nicht in einem eskalierenden Streit, sondern als wir aus dem Caf\u00e9 raus waren, in dem wir mit dem Bekannten, auf den er eifers\u00fcchtig war, zusammen gesessen hatten. Seine &#8222;Erkl\u00e4rung&#8220; machte mich\u00a0 dann erst richtig w\u00fctend, womit ich auch nicht hinterm Berg hielt. Er entschuldigte sich, sagte, es sei &#8222;mit ihm durch gegangen&#8220; &#8211; und ich machte ihm unmissverst\u00e4ndlich klar, dass er auf nimmerwiedersehen verschwinden k\u00f6nnte, sollte sowas auch nur ansatzweise wieder vorkommen! Es hat gewirkt.<!--more--><\/p>\n<p>Ich war gerade 20 und absolut nicht bereit, Opfer zu werden &#8211; wie meine Mutter, die es erst sehr sp\u00e4t im dritten Anlauf schaffte, sich von meinem Vater zu trennen. Und das auch nur, weil er w\u00e4hrend einer Kur eine Aff\u00e4re hatte, die ihn am Ende &#8222;\u00fcbernahm&#8220;, weil wir (Mutter und 3 Kinder) es so wollten und unterst\u00fctzten.<\/p>\n<p>Er war Quartalsalkoholiker, ein j\u00e4hzorniger Choleriker und auch immer wieder gewaltt\u00e4tig. Wir f\u00fcrchteten den sp\u00e4ten Nachmittag, wenn er aus dem Amt nach hause kam: Je sp\u00e4ter es wurde, desto sicherer w\u00fcrde er betrunken sein und wom\u00f6glich irgend einen Horror veranstalten. Was ihn jeweils aufregen k\u00f6nnte, war nicht vorhersehbar. Ich lebte in Angst &#8211; mit Ausnahme der Zeiten, wenn er sich krank ins Bett legte und vom letzten Suff und seinen Folgen ein paar Wochen auskurierte. Diese st\u00e4ndige Angst (und der zunehmende Hass) war insgesamt schlimmer als die Schl\u00e4ge und Ohrfeigen. In der Pubert\u00e4t zeigte ich ihm offen meinen Hass, was ihn noch ein paar mal richtig ausrasten lie\u00df. Mit 19 zog ich aus, die Umstellung der Vollj\u00e4hrigkeit von 21 auf 18 machte es m\u00f6glich.<\/p>\n<p>All das ist lange her und nicht die Geschichte, um die es mir eigentlich geht. Inspiriert von dem krassen Bericht &#8222;<a href=\"https:\/\/mama-arbeitet.de\/gestern-und-heute\/haeusliche-gewalt-ich-doch-nicht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">H\u00e4usliche Gewalt? Ich doch nicht! #warumichblieb<\/a>&#8220; musste ich an meine Mutter denken &#8211; und wie sich ihr duldendes Verhalten auf mein Leben ausgewirkt hat. Sie war eine liebende Mutter, konnte mich aber nicht besch\u00fctzen, sich selbst ja auch nicht. Zwar hat sie es &#8222;irgendwie&#8220; wohl versucht, aber erfolglos. Nur eine Trennung h\u00e4tte das Elend beendet. Dass sie das nicht tat, sondern h\u00f6chstens mal mit uns Kindern kurz zur Gro\u00dftante floh, konnte ich nicht verstehen. Egal wie \u00fcbel er sich aufgef\u00fchrt hatte, sie blieb bei ihm. Zweimal wollte sie sich scheiden lassen, woraufhin er sich ins Krankenhaus legte und einen auf sterbenskrank machte &#8211; da konnte sie ihn doch nicht im Stich lassen&#8230;<\/p>\n<p>Ich lernte: <strong>Auf Frauen kannst du dich nicht verlassen!<\/strong> Wenns drauf ankommt, halten sie immer zu ihrem Mann, haben Verst\u00e4ndnis f\u00fcr seine \u00dcbeltaten, entschuldigen ihn, besch\u00fctzen ihn sogar vor den Reaktionen, falls Dritte mal etwas mitbekommen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hab ich sp\u00e4ter verstanden, dass das &#8222;Verlassen&#8220; in den 60ger-Jahren nicht so einfach war. Es galt das Verschuldensprinzip bei der Scheidung, alleinerziehende M\u00fctter gab es in unserer Welt noch nicht. Sie war Hausfrau und hatte nichts, auch keinen Beruf, mit dem sie noch etwas h\u00e4tte anfangen k\u00f6nnen, nicht mal eigene Freundinnen oder gar Freunde. Mein nachtr\u00e4gliches Verstehen blieb allerdings rein mental.\u00a0 An meiner emotionalen Distanz zu ihr und Frauen insgesamt konnte es genauso wenig \u00e4ndern wie ihre sp\u00e4te Scheidung, als ich schon ausgezogen war. Oberfl\u00e4chlich hatte ich nie Streit mit ihr, sie war ihr Leben lang die &#8222;liebe Mutti&#8220;, doch seit ich mit 25 nach Berlin gezogen war, kam ich nur noch an Weihnachten vorbei. Sie fehlte mir nicht und ich erinnere nicht ein einziges wirklich tief gehendes Gespr\u00e4ch mit ihr. Als sie starb, wunderte ich mich, dass ich keine Trauer f\u00fchlte.<\/p>\n<p>Noch jetzt, beim Erz\u00e4hlen dieser Geschichte, sp\u00fcre ich den Vorwurf, den ich ihr zeitlebens machte, ohne ihn ihr gegen\u00fcber wirklich auszusprechen: Verdammt nochmal, warum hast du dir das alles gefallen lassen? Keine Gegenwehr, null Konsequenz, immer dulden, entschuldigen, schweigen&#8230; Diese uns\u00e4gliche Machtlosigkeit, die sie mir vorgelebt hat, war wirklich schwer zu ertragen. Es hat mich mindestens genauso verletzt und besch\u00e4digt wie das Verhalten meines j\u00e4hzornigen Vaters, der mir als &#8222;Feind in Kindheit und Jugend&#8220; vergleichsweise klar und irgendwie gradliniger vorkam. Ihn konnte ich offen hassen (und ihn Jahre sp\u00e4ter sogar wieder besuchen, meinen Frieden mit ihm machen). Sie aber war das Opfer &#8211; und ein Opfer hassen, dass geht doch gar nicht!<\/p>\n<p>So kam es, dass ich &#8211; abgesehen von einer kurzen Phase in der Schulzeit &#8211; nie eine &#8222;beste Freundin&#8220; hatte. Mit meinen M\u00e4nnern kam ich dagegen gut zurecht und hatte eine Lang-Beziehung nach der anderen, ganz ohne Single-Phasen. &#8222;Familie&#8220; war f\u00fcr mich allerdings verbrannt: ich wollte nie Kinder, heiratete nie und achtete stets darauf, von meinen Liebsten finanziell unabh\u00e4ngig zu bleiben. Und ich lie\u00df mir nichts gefallen, nat\u00fcrlich nicht! Weil ich das anscheinend auch ausstrahlte, kam ich gar nicht erst an einschl\u00e4gige Kandidaten. Die eine Ohrfeige blieb die eine Ausnahme und hat sich nie wiederholt.<\/p>\n<p>Ich schreibe das auf f\u00fcr all die Frauen, die &#8211; wie meine Mutter &#8211; eher bleiben als gehen. Und f\u00fcr Feministinnen, die immer gleich &#8222;Victim Blaming&#8220; anprangern, wenn ich irgend etwas sage, was als Kritik an den Frauen ausgelegt werden k\u00f6nnte. Selbst wenn es nur die &#8211; doch eigentlich &#8222;empowernde&#8220; &#8211; Forderung ist, Kindern physische Selbstverteidigung beizubringen,\u00a0 allen Geschlechtern! Wer darin ge\u00fcbt ist, auf einen Angriff SPONTAN mit Gegenwehr zu reagieren &#8211; ohne erst zu erstarren, zu \u00fcberlegen, reden zu wollen &#8211; wird nicht so leicht zum Opfer.\u00a0 Denn schon bevor der Fall des Falles eintritt, wird ein anderes Selbstbewusstsein aufgebaut, wenn frau wei\u00df, dass sie nicht wehrlos ist.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p><strong>Hilfe f\u00fcr Betroffene<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li> <a href=\"https:\/\/www.frauen-gegen-gewalt.de\/organisationen.html\">Hilfsorganisationen in der N\u00e4he finden<\/a><\/li>\n<li> <a href=\"https:\/\/www.hilfetelefon.de\/\">Bundesweites Hilfetelefon bei Gewalt gegen Frauen<\/a><\/li>\n<li> <a href=\"http:\/\/www.big-berlin.info\/medien\/ihr-recht-bei-haeuslicher-gewalt\">\u201eIhr Recht bei h\u00e4uslicher Gewalt\u201c zum Download in 13 Sprachen<\/a><\/li>\n<li> <a href=\"https:\/\/www.weisser-ring.de\/internet\/landesverbaende\/berlin\/landesverband-berlin\/service\/haeusliche-gewalt\/\">Informationen zum Gewaltschutzgesetz beim Wei\u00dfen Ring<\/a><\/li>\n<li> <a href=\"http:\/\/www.gewalt-ist-nie-okay.de\/was-ist\/gewalt.htm\">Informationen speziell f\u00fcr Kinder und Jugendliche<\/a><\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie war eine liebende Mutter, konnte mich aber nicht besch\u00fctzen, genauso wenig wie sich selbst. 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