{"id":3409,"date":"2001-07-28T13:44:33","date_gmt":"2001-07-28T11:44:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3409"},"modified":"2021-09-26T13:52:17","modified_gmt":"2021-09-26T11:52:17","slug":"kein-kampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/07\/28\/kein-kampf\/","title":{"rendered":"Kein Kampf"},"content":{"rendered":"<p>Seit vorgestern bin ich heftig erk\u00e4ltet. Mitten in der gr\u00f6\u00dften Hitze ist das eine komische Sache, irgendwie unpassend. Heute f\u00fchle ich mich aber auf einmal wohl damit: diese fiebrige Schlaffheit ergibt eine physische Ruhe, die ich allein vom F\u00fchlen und Denken her nur selten und bruchst\u00fcckhaft zustande bringe, allenfalls mal nach intensivem Yoga oder einem langen Spaziergang.<!--more--><\/p>\n<p>Ruhe, Gelassenheit, Angstlosigkeit &#8211; abstrakte Begriffe f\u00fcr Zust\u00e4nde, die sowohl k\u00f6rperliche als auch psychisch-geistige Aspekte haben. Insofern kann man ihnen n\u00e4her kommen, indem man beim K\u00f6rper beginnt und Entspannungs\u00fcbungen macht, oder aber man \u00e4ndert etwas in der Psyche, im Denken und im daraus folgenden Verhalten gegen\u00fcber der Welt. Ich habe schon (wenige!) Menschen kennen gelernt, die k\u00f6rperlich v\u00f6llig entspannt waren ohne jemals irgendwelche \u00dcbungen ausgef\u00fchrt zu haben &#8211; einfach deshalb, weil sie ganz bei sich waren und keine Energie darauf verschwenden mu\u00dften, etwas zu scheinen, was sie nicht sind.<\/p>\n<p>Insofern hat es mich entspannt und weiter gebracht, auch mal in der Web-\u00d6ffentlichkeit von mir als Alkoholikerin zu sprechen. Denn manchmal setzten mich Leser auf ein Podest, lobten per Privatmail ganz bestimmte Aspekte meiner Texte &#8211; und ich dachte mir: Wenn du w\u00fc\u00dftest! Genau DAS ist nicht etwa angeboren oder angelesen, sondern ist Sprache gewordene Erfahrung, die aus Abgr\u00fcnden kommt, ganz bestimmt nichts, worauf man irgendwie stolz sein k\u00f6nnte&#8230;<\/p>\n<p>Gleich in einem Aufwasch hab&#8216; ich meine derzeit wenig berauschende finanzielle Lage gegen\u00fcber dem Finanzamt geoutet, entgegen dem Rat meines Steuerberaters, der lieber selber \u00fcber Ratenzahlung verhandelt h\u00e4tte (kostet ja wieder!). Jetzt bin ich guter Dinge, egal, was sie antworten werden. Mehr als die Wahrheit kann ich nicht bieten &#8211; und zu dieser Wahrheit geh\u00f6rt nun mal, da\u00df ich vermutlich noch zwei bis drei Monate brauche, bis ich guten Gewissens mit neuen Angeboten Auftr\u00e4ge akquirieren kann. Daran wird auch kein Finanzamt mit maximaler beh\u00f6rdlicher Kampfkraft etwas \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Besser als jeder Sieg ist es, gar nicht erst k\u00e4mpfen zu m\u00fcssen &#8211; je \u00e4lter ich werde, desto mehr verstehe ich, wie das gemeint ist. Worum gehen denn die meisten K\u00e4mpfe? Meist darum, eine blendende Figur abzugeben, gro\u00dfartig zu wirken, sei es nun &#8222;schlank, sch\u00f6n, flexibel&#8220; oder intelligent, gebildet, m\u00e4chtig und &#8222;mit allen Wassern gewaschen&#8220;. Und warum diese Anstrengung? Weil man glaubt, damit etwas zu erreichen, sich zu verbessern und damit dem Gl\u00fcck n\u00e4her zu kommen. Was aber ist das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck?<\/p>\n<p>Soweit ich das bisher sehen kann, ist auf dem Grund aller Bed\u00fcrftigkeit und aller W\u00fcnsche die Sehnsucht, geliebt zu werden. Und zwar nicht mal in der Manier der romantischen Liebe, die von einem Partner alles Gl\u00fcck erwartet, sondern schlicht in Form von Aufmerksamkeit und Zuwendung &#8211; ohne Bewertung, ohne beurteilt und berechnet zu werden, ohne gro\u00df etwas leisten zu m\u00fcssen. Dieser Wunsch ist nat\u00fcrlich eine Utopie, denn er wird nirgendwo im realen Leben dauerhaft durch Andere verwirklicht werden &#8211; allenfalls gibt es ein Gef\u00fchl der N\u00e4he zu denjenigen Menschen, die das ebenfalls wissen und die deshalb ihre eigenen Anspr\u00fcche nicht mehr mit maximal m\u00f6glicher Verbissenheit verfolgen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Hey, wo ist jetzt mein roter Faden hin? Ah ja, das war der Kampf, die Anstrengung, das Bem\u00fchen, besonders und ganz besonders toll zu sein oder zumindest zu scheinen: Wenn wir wirklich Leuten begegnen, die so sind, wie wir gerne sein wollen, solchen wunderbar gegl\u00fcckten Figuren, die ohne Makel und Macke selbstbewu\u00dft und gl\u00e4nzend alle anderen \u00fcberragen &#8211; lieben wir sie denn? Bewunderung, ja, vielleicht auch Begehren &#8211; aber doch schnell \u00fcbergehend in Neid, dazu Ungl\u00e4ubigkeit, man sucht automatisch nach dem blinden Fleck, der dunklen Stelle, die ja doch irgendwo sein mu\u00df&#8230;. aber keine Spur von Liebe.<\/p>\n<p>Die Gruppen der Anonymen Alkoholiker sind deshalb so erfolgreich, weil sie alle Sucht und Suche an der Wurzel aushebeln &#8211; nicht etwa, weil da bessere oder weisere Menschen w\u00e4ren, sondern einfach durch eine intelligente Ritualisierung der Meetings: Jeder darf solange er mag von sich sprechen, also im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und Zuwendung der anderen stehen. Dann aber kommt der n\u00e4chste dran, der wiederum nur VON SICH sprechen darf &#8211; keine Kommentare also, keine Ratschl\u00e4ge, kein Bewerten und Beurteilen. Allein das ergibt eine derart liebevolle Atmosph\u00e4re, eine Freundlichkeit und Zwanglosigkeit, die jedem nicht benebelten Menschen klar macht, wie idiotisch und in die Irre f\u00fchrend das t\u00e4gliche K\u00e4mpfen letztlich ist &#8211; und wie EINFACH es ist, gl\u00fccklich zu sein.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit vorgestern bin ich heftig erk\u00e4ltet. Mitten in der gr\u00f6\u00dften Hitze ist das eine komische Sache, irgendwie unpassend. 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