{"id":3408,"date":"2001-07-26T13:43:15","date_gmt":"2001-07-26T11:43:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3408"},"modified":"2021-09-26T13:44:15","modified_gmt":"2021-09-26T11:44:15","slug":"auf-dem-meeting","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/07\/26\/auf-dem-meeting\/","title":{"rendered":"Auf dem Meeting"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Ich hei\u00dfe Claudia und bin Alkoholikerin&#8220;, die rituelle Begr\u00fc\u00dfungsformel geht mir erstaunlich locker \u00fcber die Lippen. \u00dcber sieben Jahre sind seit meinem letzten AA-Meeting vergangen und jetzt sitze ich wieder &#8222;an den Tischen&#8220;, kaum zu glauben! Es ist wie ein nach Hause kommen, obwohl ich keinen der Anwesenden kenne. Es braucht keine Bekannten oder gar Freunde, um sich in dieser Runde richtig zu f\u00fchlen, das ist ja gerade das Faszinierende an der ber\u00fchmtesten Selbsthilfegruppe der Welt.<\/p>\n<p>Es beginnt mit dem Lesen der bekannten Texte: Pr\u00e4ambel, zw\u00f6lf Schritte, zw\u00f6lf Traditionen, dann die Gedanken zum Tag, heute: &#8222;\u00dcber die, die noch leiden&#8220;. W\u00e4hrend ich zuh\u00f6re und mir dabei einen gr\u00fcnen Tee zubereite, sp\u00fcre ich, wie das Leiden von mir weicht. Als w\u00fcrde eine Last von meinen Schultern genommen, mit jeder Viertelstunde f\u00fchle ich mich leichter.<\/p>\n<p>Welches Leiden? Das w\u00e4re eine lange Geschichte, von der eigentlich nur zu sagen ist, da\u00df ich sie f\u00fcr abgeschlossen hielt &#8211; und das war ein Irrtum, der gerade begann, gef\u00e4hrlich zu werden. Deshalb sitze ich jetzt hier, Tieckstra\u00dfe 17, Berlin Mitte, und bin dankbar, dass es AA noch gibt.<\/p>\n<p>Kennen gelernt hab&#8216; ich die Meetings 1990, als mein allzu aktives Leben mit zun\u00e4chst beil\u00e4ufigem Entspannungstrinken in eine hoffnungslose Suff-Phase \u00fcbergegangen war. Schon damals h\u00e4tte ich nicht so lange leiden m\u00fcssen, wenn ich nicht bis zuletzt an dem verr\u00fcckten Gedanken festgehalten h\u00e4tte: Ich habe alles im Griff, muss mich nur zusammenreissen, mal richtig ausspannen, vielleicht einen anderen Job finden, neue Leute kennen lernen &#8211; doch war ich lange schon jenseits aller M\u00f6glichkeit, noch irgend etwas aus eigener Kraft \u00e4ndern zu k\u00f6nnen. Mein erster Lebensentwurf war am Ende, wie sollte ich aus den Tr\u00fcmmern denn etwas Neues kreieren? Es hat lange gedauert, bis ich mir \u00fcberhaupt eingestand, dass ich mittlerweile ein respektables Alkoholproblem am Hals hatte &#8211; und selbst dann lag mir der Gedanke noch ferne, jemand anderer als ich selbst k\u00f6nne da irgend etwas ausrichten. Schlie\u00dflich hielt ich mich f\u00fcr intelligent, belesen, kommunikationsf\u00e4hig &#8211; sah&#8216; mich aber leider nicht von au\u00dfen, denn dann h\u00e4tte ich vielleicht fr\u00fcher bemerkt, da\u00df es jetzt um ganz andere Dinge ging. Zu allererst um das Aufgeben dieser Gedanken: ICH kann, ICH will, ICH muss, ICH werde&#8230;.<\/p>\n<p>Nein, ich war nicht einsichtig und zu nichts bereit. Meine Welt mu\u00dfte sich katastrophisch verd\u00fcstern, kleine Unf\u00e4lle sich h\u00e4ufen, das t\u00e4gliche Kreisen im immerselben Elend richtig lange schmerzen, physisch, psychisch und geistig, bis endlich etwas in mir zerbrach, bis mein ganzer Gr\u00f6\u00dfenwahn am Alkohol zerschellte.<br \/>\nEndlich konnte ich dann auch in ein Meeting gehen, ohne Bedenken und Besserwisserei, v\u00f6llig offen, denn in mir war nichts mehr, nur noch dunkle Leere. Ein Vakuum, das sich mit den Texten der AA vollsog, denn was sie sagen, kn\u00fcpfte direkt an mein Erleben an: Wir gaben zu, da\u00df wir dem Alkohol gegen\u00fcber machtlos sind&#8230;. Ich hatte angedockt!<\/p>\n<p>Es war ein Wendepunkt in meinem Leben, ab dem sich alles ganz anders anf\u00fchlte, als w\u00e4re tats\u00e4chlich Claudia Vers.1.0 gestorben. Und die 2.0 war erstmal nur ein gl\u00fcckliches Kind, Neues entdeckend, spielerisch der Welt und den Anderen begegnend, ohne das entsetzlich beschr\u00e4nkende Gef\u00e4ngnis eines hypertrophierten Egos. Auch beruflich ging pl\u00f6tzlich alles wie von selbst, anstrengungslos, ich mu\u00dfte nur immer &#8222;JA&#8220; sagen &#8211; etwas, was ich ohne &#8222;aber&#8220; fr\u00fcher nicht einmal denken konnte.<\/p>\n<p>Mehrere Jahre war ich v\u00f6llig &#8222;trocken&#8220;, irgendwann verlie\u00df ich AA, Alkohol war einfach kein Thema mehr. Ich hatte mit Yoga angefangen und dachte: Wozu noch mit Leuten um einen Tisch sitzen, die zwar auch Spirituelles vermitteln, wo aber doch immer wieder Alkohol besprochen wird &#8211; dieser langweilige Schnee eines abgelegten Gestern. Irgendwann wollte ich dann auch das Thema &#8222;Nicht-Alkohol&#8220; abschlie\u00dfen, die Identifikation &#8222;Ich, Claudia, Alkoholikerin&#8220; ebenso aufgeben wie alle anderen. Und trank neugierig ein Glas Sekt: Nichts passierte, nat\u00fcrlich nicht. Es schmeckte nicht mal und die Wirkung fand ich st\u00f6rend.<\/p>\n<p>Nichts \u00e4nderte sich. Au\u00dfer, da\u00df ich mich jetzt wieder fragen mu\u00dfte: Soll ich mittrinken? Die Gelegenheiten, zu denen das Hauptschmiermittel unserer Gesellschaft verabreicht wird, sind ja un\u00fcberschaubar. Ich trank also gelegentlich wieder mit, nicht oft zwar, aber ich bemerkte schon bald die Richtigkeit eines alten AA-Spruchs: Man macht da weiter, wo man aufgeh\u00f6rt hat. Die Geschichte des Alkohols ist ins Gehirn eingraviert, da bildet sich nichts zur\u00fcck. Genau wie ehedem, so stellte ich fest, konnte ich ab dem dritten Glas das Ende oft nicht finden. Wachte dann am n\u00e4chsten Morgen auf, erinnerte mich oder auch nicht und war mir furchtbar peinlich! Das wollte ich eigentlich nicht wieder erleben &#8211; und so hat der Kampf wieder begonnen. Der Gedanke &#8222;das hab ich heute im Griff&#8220; stand wieder da in all seiner Pracht und Gef\u00e4hrlichkeit&#8230;<\/p>\n<p>Gestern hatte ich mal wieder in trauter Zweisamkeit dem Wein zugesprochen, zu Hause, also in ganz &#8222;ungef\u00e4hrlichem&#8220; Zusammenhang. Dann nahm ich das Glas noch mit an den PC und mailte ein bi\u00dfchen an liebe Freunde&#8230; und heut&#8216; morgen konnte ich im Sent-Ordner sehen, dass ich gemailt hatte, las verwundert fremd klingende Texte &#8211; DAS war dann f\u00fcr mich der Punkt! Wenn ich mich selber lese wie eine Fremde, ist ganz klar: Ich hab es NICHT im Griff! Nicht den Alkohol, nicht mich selbst, von der Welt gar nicht zu reden. Und einen Kampf, den ich ganz gewi\u00df verliere, brauche ich nicht nochmal zu f\u00fchren, all das hatte ich ja schon, \u00fcbergenug!<\/p>\n<p>Und deshalb sa\u00df ich heut&#8216; im Meeting. Und lasse jetzt wieder das erste Glas stehen. <!--more--><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich hei\u00dfe Claudia und bin Alkoholikerin&#8220;, die rituelle Begr\u00fc\u00dfungsformel geht mir erstaunlich locker \u00fcber die Lippen. \u00dcber sieben Jahre sind seit meinem letzten AA-Meeting vergangen und jetzt sitze ich wieder &#8222;an den Tischen&#8220;, kaum zu glauben! Es ist wie ein nach Hause kommen, obwohl ich keinen der Anwesenden kenne. 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