{"id":3405,"date":"2001-07-20T13:34:12","date_gmt":"2001-07-20T11:34:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3405"},"modified":"2021-09-26T13:35:32","modified_gmt":"2021-09-26T11:35:32","slug":"der-baer-tobt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/07\/20\/der-baer-tobt\/","title":{"rendered":"Der B\u00e4r tobt"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\">Aus der Nebenwohnung Techno, Trance, Sound pur, das Wummern der Maschine, doch in einer ertr\u00e4glichen Form, das Maschinenhafte in mir wohlig ansprechend. Ich wippe auf dem Stuhl vor und zur\u00fcck wie ein orthodoxer Jude im Gebet. F\u00fchlt sich satt an, heimelig.<\/p>\n<p>Am Prenzlberg lassen sie gleich die Kuh fliegen, aus vierzig Meter H\u00f6he st\u00fcrzt der Aktionsk\u00fcnstler Flatz eine tote Kuh vom Hubschrauber in eine Baugrube, wo sie dann &#8211; pyrotechnisch angereichert &#8211; explodiert, w\u00e4hrend der K\u00fcnstler &#8222;blut\u00fcberstr\u00f6mt&#8220; an einem Kran h\u00e4ngt und lacht. Ich bin nicht dabei, stelle es mir aber bildlich vor &#8211; igitt! Eigentlich wollte ich ja heut&#8216; ausgehen und im Dharmakaya e.V. den Vortrag von Lama Dechen h\u00f6ren: &#8222;Nirvana, kann ich wirklich Leid beenden?&#8220; &#8211; aber auch gestern schon hab ich&#8217;s nicht ins Zeit-Los geschafft, zum &#8222;Lachen nach Lach\u00fcbungen des indischen Arztes Dr.Kataria&#8220;. Die M\u00f6glichkeit, diese Veranstaltungen aufzusuchen, reicht mir meistens v\u00f6llig aus, ich mu\u00df es nicht wirklich machen.<\/p>\n<p>Gestern an der Tankstelle stand da Wolfgang Thierse, schon recht na\u00df, trat von einem Bein auf&#8217;s andere und fand kein Dach gegen den heftigen Platzregen. Spontan gr\u00fc\u00dfte ich ihn, war auf dem Weg zur Toilette, deren Schl\u00fcssel man nur zusammen mit einer gro\u00dfen leeren Weichsp\u00fclerflasche bekommt, eine Vorsichtsma\u00dfnahme gegen das Vergessen. Ich wollte ihm schon anbieten, ihn irgendwohin zu fahren, man kann ja selten &#8218;was f\u00fcr seine Abgeordneten tun, aber als ich aus der Toilette kam, war er weg.<\/p>\n<p>Berliner Abendschau, nat\u00fcrlich wieder Bankgesellschaft, Sparma\u00dfnahmen, dann Entr\u00fcstung \u00fcber die tot Kuh, deren Flug vom Senat gef\u00f6rdert wird. Eine einstweilige Verf\u00fcgung, die eine 13-J\u00e4hrige beantragt hatte, ist abgelehnt: Man mu\u00df es sich ja nicht ansehen. Ich finde, Kunst darf provozieren, sofern das noch gelingt, darf auch ein Sakrileg begehen &#8211; aber nach den Bergen mit zigtausend brennenden K\u00fchen in England ist die Pyro-Kuh v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig, reine Flatz-PR.<\/p>\n<p>In der K\u00fcche kann man die Stimmen der Nachbarn h\u00f6ren, ganz nah. Die Worte verschwimmen gottlob, doch die Gef\u00fchle kommen an. Erst glaubt man, Zeuge eines Streits zu sein, doch bald wird klar, da\u00df das der ganz normale Umgangston ist. Von oben das schon bekannte Stampfen, da tritt jemand seinen Frust in den Boden, da\u00df die Decke zittert. Wie es den Menschen doch zeitlebens gelingt, andere zu finden, um gemeinsam noch schlechter dran zu sein als allein. Warum gehen sie nicht auseinander, warum spielen sie f\u00fcreinander so bereitwillig den Fu\u00dfabtreter?<\/p>\n<p>Von rechts das Rollen der Stra\u00dfenbahn, beim Bremsen quietscht es ein wenig. Autos rollen suchend umher. Parkpl\u00e4tze sind um diese Zeit eine Seltenheit, besetzt von den G\u00e4sten der Simon-Dach-Stra\u00dfe, in der jeden Abend der B\u00e4r tobt.<\/p>\n<p>Ich lasse ihn toben. Ohne mich viel aus dem Zimmer zu bewegen, sitze ich mitten im Geschehen, umstellt von M\u00f6glichkeiten, umgeben von Ereignissen und f\u00fchl&#8216; mich gl\u00fccklich. Wie sonderbar. <\/span><!--more--><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus der Nebenwohnung Techno, Trance, Sound pur, das Wummern der Maschine, doch in einer ertr\u00e4glichen Form, das Maschinenhafte in mir wohlig ansprechend. Ich wippe auf dem Stuhl vor und zur\u00fcck wie ein orthodoxer Jude im Gebet. F\u00fchlt sich satt an, heimelig. 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