{"id":3402,"date":"1999-07-16T13:24:07","date_gmt":"1999-07-16T11:24:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3402"},"modified":"2023-12-03T13:16:27","modified_gmt":"2023-12-03T12:16:27","slug":"angekommen-gottesgabe-tag-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/07\/16\/angekommen-gottesgabe-tag-2\/","title":{"rendered":"&#8230;.angekommen: Gottesgabe, Tag 2"},"content":{"rendered":"<p>Mit einem Teel\u00f6ffel l\u00e4\u00dft sich ein Swimming-Pool schlecht aussch\u00f6pfen. Genauso unm\u00f6glich scheint es mir, mit eigenen Worten etwas &#8222;Passendes&#8220; \u00fcber diese unglaubliche Ver\u00e4nderung zu sagen. Ich bin kein Poet und konnte das bis heute nicht bedauern, doch jetzt w\u00e4r&#8216; es schon sch\u00f6n, ein bi\u00dfchen dichten zu k\u00f6nnen! Stattdessen werde ich Bilder machen, sobald das Gef\u00fchl k\u00f6rperlicher Ersch\u00f6pfung vor\u00fcber ist, das der Umzug von der Metropole aufs Land hinterlassen hat.<!--more--><\/p>\n<p>In Berlin lebte ich mit meinem Lebensgef\u00e4hrten in einer 70 m\u00b2 gro\u00dfen Wohnung. Jetzt teilen wir 144 m\u00b2, Erdgescho\u00df und 1.Stock, verbunden durch eine wundersch\u00f6ne Wendeltreppe in einem Lichthof, der sich in meiner Etage zur gro\u00dfz\u00fcgigen Diele erweitert. Noch nie hatte ich soviel Platz! Es war ein Leichtes, alles mitgebrachte Umzugsgut aus- und aufzur\u00e4umen und noch immer ist genug Raum \u00fcbrig, weit mehr, als ich jemals zur Verf\u00fcgung hatte. Und Raum macht Freude, stelle ich fest! Macht den Kopf und das Herz frei, erst recht, wenn rund um den &#8218;eigenen&#8216; Raum nichts anderes zu sehen ist als Wiese, Wald und Himmel.<\/p>\n<p> Das Zimmer, in dem ich jetzt schreibe, hat je ein Fenster nach Osten und Norden, zur Diele hin eine wei\u00dfe Fl\u00fcgelt\u00fcr mit alten, geschliffenen Glas-Kasetten. Dadurch wirkt es noch weitl\u00e4ufiger, als seine vielleicht 30 m\u00b2 vermuten lassen. Das Rauschen der Festplatte neben dem Vogelgezwitscher ist merkw\u00fcrdig laut &#8211; \u00fcberhaupt: die Ger\u00e4usche! Nicht mehr dieses st\u00e4ndige Dr\u00f6hnen einer aus verschiedensten Quellen zusammengemischten L\u00e4rmkulisse, sondern klare, identifizierbare T\u00f6ne auf dem Hintergrund der Stille.<\/p>\n<p>Und oft genug Stille pur, morgens, abends, in der Mittagszeit und die ganze Nacht \u00fcber. Auf einmal habe ich wieder Lust, gelegentlich Musik zu h\u00f6ren, ein Bed\u00fcrfnis, das mir in den Jahrzehnten des Stadtlebens ganz verloren gegangen war. Gegen den Sound der Nachbarn (rechts T\u00fcrken-Rap, gegenber Techno, links lautes Streiten, unterlegt mit Baul\u00e4rm und dem steten Rauschen der Autos&#8230;) weitere T\u00f6ne zu setzen, schien mir wie das Nachsalzen eines sowieso schon v\u00f6llig \u00fcberw\u00fcrzten Essens. Doch hier, mitten in die Ruhe hinein, wirkt z.B. die Musik von Ravi Shankar als spielerische Begleitung dessen, was ist; kein \u00dcbert\u00f6nen, kein zwanghaftes Beschallen der au\u00dfer Form geratenen Psyche, sondern Vertiefung und Erweiterung mittels einer anderen, zutiefst menschlichen Dimension.<\/p>\n<p>Hier in Gottesgabe existieren weder L\u00e4den noch irgendwelche \u00f6ffentlichen Einrichtungen. All dies gab es vor der Wende im Schlo\u00df, in dem ich jetzt mit weiteren f\u00fcnf Mietparteien wohne. Der n\u00e4chste Laden ist heute ein Edeka-Gesch\u00e4ft im 5 km entfernten L\u00fctzow. Bequemerweise ist er auch gleichzeitig Post und Zeitungsladen. W\u00e4hrend ich bei der Verk\u00e4uferin Geld abhebe, lese ich den Steckbrief, der an der Wand h\u00e4ngt: &#8222;Raubm\u00f6rder gesucht&#8220;. Ich erstehe eine Schweriner Zeitung und kaufe ein wenig ein, bevorzugt interessante Ost-Produkte, die ich in Berlin nie zu Gesicht bekam. Der Weg nach L\u00fctzow und zur\u00fcck ist meine erste Fahrt \u00fcber Land, gewundene Stra\u00dfen, wundersch\u00f6ne Alleen, teilweise Kopfsteinpflaster. Und: nur ganz selten ein anderes Auto!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem Teel\u00f6ffel l\u00e4\u00dft sich ein Swimming-Pool schlecht aussch\u00f6pfen. Genauso unm\u00f6glich scheint es mir, mit eigenen Worten etwas &#8222;Passendes&#8220; \u00fcber diese unglaubliche Ver\u00e4nderung zu sagen. Ich bin kein Poet und konnte das bis heute nicht bedauern, doch jetzt w\u00e4r&#8216; es schon sch\u00f6n, ein bi\u00dfchen dichten zu k\u00f6nnen! 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