{"id":3401,"date":"2001-07-15T13:22:17","date_gmt":"2001-07-15T11:22:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3401"},"modified":"2021-09-26T13:33:19","modified_gmt":"2021-09-26T11:33:19","slug":"vom-mangel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/07\/15\/vom-mangel\/","title":{"rendered":"Vom Mangel"},"content":{"rendered":"<p>Markus schrieb mir ins Forum: &#8222;Lese mal wieder.. <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/07\/16\/angekommen-gottesgabe-tag-2\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">16.7.99, angekommen, Gottesgabe Tag 2<\/a>.&#8220; Was will er mir damit sagen? Ich lese selber den Beitrag nochmal, eine fast euphorische Schilderung des Neuen, voller Freude an der Natur, an der Landschaft und der gro\u00dfen Wohnung mit Blick ins Gr\u00fcne. Ich lese es ohne Wehmut, f\u00fchle kein &#8222;Heimweh&#8220;, erst recht keine Reue, diesen Ort nach zwei Jahren wieder verlassen zu haben. Es ist ausgelebt, war die Verwirklichung eines Traums, an dem ich f\u00fcr den Rest meines Lebens fest gehangen h\u00e4tte, w\u00e4re ich nicht aufs Land gezogen. Es ist gut, dort gewesen zu sein und auch gut, den Absprung rechtzeitig wieder geschafft zu haben, bevor sich das Gef\u00fchl des Mangels zu \u00e4u\u00dferen Katastrophen verdichten konnte.<!--more--><\/p>\n<h2>Heimat<\/h2>\n<p>Berlin ist kein Traum, Berlin ist meine Heimat. Viel mehr Heimat als zum Beispiel Wiesbaden, wo ich aufgewachsen bin. Das kommt sicher daher, da\u00df ich mich in Berlin selbst erfinden mu\u00dfte: Keine Family, keine zig alten Bekannten und Schulfreunde, keine festen Zusammenh\u00e4nge, die ihren Druck in bestimmte Richtungen entfalten. Alles mu\u00dfte ich selber w\u00e4hlen, w\u00e4hlen aus einer gro\u00dfen Vielfalt von M\u00f6glichkeiten, wie ich sie mir h\u00e4tte vorher niemals tr\u00e4umen lassen. Unz\u00e4hlige Seinsweisen und Lebensentw\u00fcrfe exisitieren in Berlin meist friedlich nebeneinander, ich ber\u00fchrte die unterschiedlichsten Szenen, lebte in manchen sehr intensiv, in anderen eher beil\u00e4ufig &#8211; nirgends aber ist da dieses Feste, Vorgezeichnete, Unausweichliche, an dem man sich als junger Mensch reibt, wenn man in einer kleinen Stadt oder gar im Dorf lebt und auch da bleibt.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber den anderen gro\u00dfen St\u00e4dten hat Berlin dazu noch den Vorteil, selber &#8222;undefiniert&#8220; zu sein, zerissen und zerkl\u00fcftet, immer auf der Suche &#8211; es gibt zwar verschiedene bekannte Postkartenmotive, aber kein &#8222;Gesicht&#8220; dieser Stadt, keine Selbstgewi\u00dfheit, wie sie etwa M\u00fcnchen, Hamburg und Frankfurt ausstrahlen. Das &#8222;Undefinierte&#8220; fasziniert und bereichert, denn es entspricht dem inneren Gef\u00fchl, wenn man in sich hinein schaut: nichts Festes, nur Masken, Schichten einer Zwiebel, in deren Mitte sich nichts findet.<\/p>\n<p>Eigentlich wollte ich ja vom Mangel schreiben. Z.B. der Mangel, der mich nach Berlin zur\u00fcck gebracht hat, weil es mir &#8222;da drau\u00dfen&#8220; auf Dauer doch zu \u00f6de war. (Zur Einsiedelei mit H\u00fchnern und Salatbeet bin ich wohl noch nicht alt genug, werde es vermutlich auch nie mehr werden :-)). Doch jetzt sitze ich hier, genie\u00dfe die lebendige Stadtumgebung &#8211; und wieder ist da ein Mangel. Keiner, der zu Ortswechseln treibt, sondern ein schmerzliches Fehlen der Antwort auf die Frage: Was tun?<\/p>\n<p>Klar, da ist eine lange Latte von Alltagsangelegenheiten, dazu eine volle Liste mit Vorhaben und Projekten. Normal w\u00e4re, einfach loszulegen &#8211; warum nur f\u00e4llt mir das derzeit so schwer? Ich f\u00fchl&#8216; mich nicht mal mehr irgendwie tr\u00e4ge, wie in den ersten Wochen der Akklimatisierung, bin auch nicht deprimiert oder schlecht gelaunt. Kann eigentlich nur warten, bis es sich irgendwie aufl\u00f6st, einfach so, oder durch etwas, das von au\u00dfen kommt. Letzteres w\u00fcrde ich weniger sch\u00e4tzen, denn das ist meist nicht sehr angenehm.<\/p>\n<h2>Essen anstatt&#8230;<\/h2>\n<p>Heut&#8216; hab ich in &#8222;Mias Diary&#8220; \u00fcber das Essen gelesen. Essen, die einfachste Form, einem Mangelgef\u00fchl abzuhelfen. Immerhin hab&#8216; ich im Fr\u00fchling sechs Kilo verloren, der &#8222;Wind of Change&#8220; hatte mich erfa\u00dft, das Interesse am Essen war auf einmal verschwunden, ich wachte aus der Winterstarre auf und begann, meine Koffer in Gottesgabe zu packen. Wieviele wohl regelm\u00e4\u00dfig irgend etwas Nettes essen, w\u00e4hrend eigentlich ganz andere Bed\u00fcrfnisse unerf\u00fcllt sind? Auf den einschl\u00e4gigen Webboards werden fast immer nur &#8222;technische&#8220; Dinge diskutiert, Kalorien, Fett, Di\u00e4ten, gesunde Ern\u00e4hrung, Sport, Motivationsprobleme beim Abnehmen. Warum aber Essen \u00fcberhaupt diesen Stellenwert gewinnt, ist kaum jemandem einen Gedanken wert.<\/p>\n<p>Wenn ich auf &#8222;meine eigenen Erfahrungen schaue, dann ist es mir nie gelungen, auf Dauer abzunehmen, indem ich mich bewu\u00dft mit &#8222;dem Problem&#8220; befasst h\u00e4tte. Es waren stets Impulse von ganz anderen Ebenen, die eine Ver\u00e4nderung bewirkten &#8211; zum Beispiel wurde ich mal von einem Mann, den ich recht erotisch fand, mehr als eine Stunde lang fotografiert. Drei Filme oder so, und das auf meinem Gipfelgewicht, das hat schon was ausgel\u00f6st :-). Dann kam gleich noch ein SPIEGEL-Fotograf hinterher, der mich f\u00fcr einen Cyber-dies-und-das-Artikel ablichtete &#8211; diese Phase hat mich auch binnen ein paar Wochen um 5 Kilo reduziert, ganz ohne Di\u00e4t. ;-)<\/p>\n<p>Wenn ich also jetzt in meiner komischen Motivationskrise gelegentlich auf den Gedanken komme: Essen gehen&#8230;. dann wei\u00df ich immerhin: DAS ist es nicht! Ich klopf auf Holz, dass das auch so bleibt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Markus schrieb mir ins Forum: &#8222;Lese mal wieder.. 16.7.99, angekommen, Gottesgabe Tag 2.&#8220; Was will er mir damit sagen? Ich lese selber den Beitrag nochmal, eine fast euphorische Schilderung des Neuen, voller Freude an der Natur, an der Landschaft und der gro\u00dfen Wohnung mit Blick ins Gr\u00fcne. 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