{"id":340,"date":"2009-09-14T11:15:52","date_gmt":"2009-09-14T09:15:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=340"},"modified":"2009-09-14T11:19:41","modified_gmt":"2009-09-14T09:19:41","slug":"lese-tipp-zeit-diagnose-von-richard-david-precht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/09\/14\/lese-tipp-zeit-diagnose-von-richard-david-precht\/","title":{"rendered":"Lese-Tipp: Zeit-Diagnose von Richard David Precht"},"content":{"rendered":"<p>Angesichts des Artikels <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2009\/38\/Wahlkampf\">&#8222;Wir w\u00e4hlen uns alle nur selbst&#8220;<\/a> des Schriftstellers und Philosophen Richard David Precht (&#8222;Wer bin ich &#8211; und wenn ja, wie viele?) erstarre ich vor Bewunderung \u00fcber die schmissige Schreibe und die Dichte der Gedanken &#8211; auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was er sagt. Mein alter Freund M. hat ihn  mir gestern als Teil des guten alten Holz-Mediums DIE ZEIT ganz leibhaftig in die Hand gedr\u00fcckt, und w\u00e4hrend er dann kochte, hab&#8216; ich ihn geradezu verschlungen. <\/p>\n<p><em>&#8222;Warum wir den Wahlkampf und die Parteien haben, die wir verdienen&#8220; <\/em>ist der Text untertitelt, der einen gro\u00dfen Bogen schl\u00e4gt von einer idyllischen Szene vor dem Berliner Reichstag, \u00fcber die Plakate ohne Inhalt, die einem &#8222;Land ohne Eigenschaften&#8220; entsprechen, hin zum &#8222;maulenden W\u00e4hler&#8220;, der sowieso nichts mehr glaubt: weder an den \u00f6kologischen Umbau der Industriegesellschaft bei den GR\u00dcNEN, noch an die gro\u00dfe Steuersenkung bei der FDP, die vier Millionen neuen Arbeitspl\u00e4tze der SPD und schon gar nicht an die grundlegende Umverteilung bei der LINKEN.  <em>&#8222;Kein Ort nirgends f\u00fcr eine parteipolitisch gebundene Weltanschauung&#8220;<\/em>, findet Precht &#8211; und dass der W\u00e4hler ja auch gar keine politische Linie wolle, sondern nur nach einer &#8222;verl\u00e4sslichen Rating-Agentur f\u00fcr die Sicherheit von Lebensrisiken&#8220; Ausschau halte. In meinen Worten: man will, dass alles so bleibt wie es ist (vor allem nicht drastisch schlechter wird!) &#8211;  wozu also Visionen und &#8222;Linie&#8220;?  <\/p>\n<h2>Kein WIR nirgends &#8211; negative Identit\u00e4t<\/h2>\n<p><em>&#8222;Wenn jeder anders als die anderen sein will, gibt es kein Wir mehr.&#8220; <\/em> Der Satz trifft ins Schwarze, denn ist es nicht tats\u00e4chlich so, dass IMMER und \u00dcBERALL gleich Widerspruch kommt, wenn man in irgend einem Kontext vom &#8222;wir&#8220; spricht? Wir Gartenfreunde, wir Berliner, wir WordPress-User, wir \u00c4lteren &#8211; immer sagt gleich jemand, warum er diesem WIR nicht angeh\u00f6rt, sondern ANDERS ist. Genau deshalb trauen sich Politiker auch nicht mehr, die B\u00fcrger dieses Landes irgendwie zu benennen, nicht mal &#8222;B\u00fcrger&#8220; hei\u00dfen sie, sondern nur noch &#8222;die Menschen&#8220;. Da kann einfach niemand widerprechen oder sich ausgegrenzt f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Bei Precht folgt dem verschwundenen WIR eine nicht weniger kantige, schwer verdauliche Erl\u00e4uterung:<\/p>\n<blockquote><p><em>Das Label unserer Zeit ist die negative Identit\u00e4t, die inszenierte Nichtzugeh\u00f6rigkeit als Individualit\u00e4tsnachweis. Wir sind keine Staatsb\u00fcrger mehr, sondern Investmentbanker unserer selbst. Wer sich selbst treu sein will, verpflichtet sich lieber zu nichts mehr. Wenn es schiefgeht, zieht er sein Kapital an Aufmerksamkeit, Arbeitskraft und Vertrauen ab. Die paradoxe Gleichung unserer radikalisierten Individualit\u00e4t ist unverkennbar. Wenn Individualit\u00e4t bedeutet, sich selbst treu zu bleiben, und Identit\u00e4t, seinen Werten treu zu bleiben, so gilt: je mehr Individualit\u00e4t, umso weniger Identit\u00e4t.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Ein krasses Statement, das mich zum nachdenken anregt. Stimmt das so? Wer ist wohl in dieser Beschreibung das &#8222;selbst&#8220;, das SICH treu bleibt?<\/p>\n<p>Was ich angerissen habe, ist lange nicht alles, doch zum Gl\u00fcck hat DIE ZEIT den Artikel online gestellt, so dass ihn wer mag <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2009\/38\/Wahlkampf\">in voller G\u00e4nze<\/a> lesen kann. Auch das Kommentargespr\u00e4ch ist lesenswert! <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesichts des Artikels &#8222;Wir w\u00e4hlen uns alle nur selbst&#8220; des Schriftstellers und Philosophen Richard David Precht (&#8222;Wer bin ich &#8211; und wenn ja, wie viele?) erstarre ich vor Bewunderung \u00fcber die schmissige Schreibe und die Dichte der Gedanken &#8211; auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was er sagt. 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