{"id":3399,"date":"2001-07-12T13:17:49","date_gmt":"2001-07-12T11:17:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3399"},"modified":"2021-09-26T14:00:56","modified_gmt":"2021-09-26T12:00:56","slug":"was-du-nicht-erfuehlen-kannst-das-wirst-du-nicht-erjagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/07\/12\/was-du-nicht-erfuehlen-kannst-das-wirst-du-nicht-erjagen\/","title":{"rendered":"Was du nicht erf\u00fchlen kannst, das wirst du nicht erjagen"},"content":{"rendered":"<p>Vier Tage ohne Diary. Ohne mich zu verbiegen bzw. &#8222;zusammenzurei\u00dfen&#8220; h\u00e4tte ich einfach keinen sinnvollen Satz hinschreiben k\u00f6nnen, also la\u00df ich es lieber ganz. Eine Phase der Leere hat mich im Griff: Der gro\u00dfe Umzug ist \u00fcberstanden, die Stadt wieder ein St\u00fcck Normalit\u00e4t geworden &#8211; und was kommt jetzt?<!--more--><\/p>\n<p>Von alleine kommt nichts, allenfalls Verschlechterungen der Situation. Wer nicht vorw\u00e4rts strebt, mu\u00df mit R\u00fcckschl\u00e4gen rechnen, wer nicht expandiert, verliert Einflu\u00dfgebiete, das Wachstumsgebot gilt in jeder Hinsicht, nicht nur in der Wirtschaft. Man kann diesen Proze\u00df vom \u00c4u\u00dferen nach innen verlagern, doch auch hier gibt es kein Entkommen. Jedes Beharren auf einmal gewonnenen Einsichten und Positionen, jedes Festhalten an m\u00fchsam oder gl\u00fccklich erreichten Geisteshaltungen erweist sich irgendwann als ungen\u00fcgend und wird zum Problem, zum Klotz am Bein &#8211; wenn man mal davon ausgeht, dass das Bein immer wei\u00df, wohin es will: vorw\u00e4rts n\u00e4mlich, wieder einen Schritt weiter.<\/p>\n<p><strong>Wo aber ist &#8222;weiter&#8220;?<\/strong> Das Loch, in dem ich mich schon einige Zeit aufhalte, kurzfristig \u00fcberdeckt von ablenkenden Umzugsaktivit\u00e4ten, besteht genau darin, da\u00df ich das nicht sehen kann. Ganz deutlich ist der Unterschied zu fr\u00fcher, wo ich die richtige Richtung immer zu wissen glaubte: Getrieben von Ehrgeiz oder Angst, etwas zu verlieren, ergriff ich die n\u00e4chstbeste M\u00f6glichkeit, mich oder meine \u00e4u\u00dfere Situation (eh zwei Seiten derselben Medaille) zu ver\u00e4ndern. Zwar ging ich dabei gelegentlich in die Irre und schrammte an die n\u00e4chste Wand &#8211; aber immerhin war da Bewegung! Heute sind Angst und Ehrgeiz blasse Oberfl\u00e4chenph\u00e4nomene, solange es nicht &#8222;ans Eingemachte&#8220; geht, reichen sie einfach nicht mehr aus, um mich in Bewegung zu versetzen. Ich sp\u00fcre sie nicht mehr tief in Herz und Bauch, sie sind eher wie Erinnerungen, mehr Gedanken als Gef\u00fchle: Wenn ich SO weiter mache, wird gewiss etwas Schlimmes passieren&#8230; aber noch F\u00dcHLE ich es nicht, weder etwas Schlimmes, das mich bedroht, noch etwas Wunderbares, das mich unwiderstehlich locken k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Bewegung, kontinuierliche Ver\u00e4nderung &#8211; das Leben ist ein Flu\u00df und wenn wir es nicht schaffen, auf die je individuell angemessene Weise mitzuschwimmen, bilden wir ein Hindernis, das irgendwann vom Strom auseinandergerissen wird. Manche fahren einfach mit dem Auto herum, ganz jenseits irgendwelcher Ziele gibt das &#8222;In Bewegung sein&#8220; ein gutes Gef\u00fchl &#8211; vielleicht ist deshalb der kollektive Unmut \u00fcber steigende Benzinpreise immer so gro\u00df.<\/p>\n<p>Das &#8222;Eingemachte&#8220; ist f\u00fcr mich mittlerweile die k\u00f6rperliche Befindlichkeit: Gesundheit, Essen und Trinken, Kleidung, Wohnung. Wenn hier Angriffe drohen, geh&#8216; ich mit Sicherheit erstmal in eine engagierte Verteidigungshaltung &#8211; ob das nun Aussicht auf Erfolg hat oder nicht. Ich glaube nicht daran, diesen Grundautomatismus lebendiger Wesen \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen, sterben &#8222;als ob&#8220; ist auf der k\u00f6rperlichen Ebene nicht m\u00f6glich. Psychisch-geistig ist dagegen jedes Scheitern und jede Desillusionierung eine Art Tod, ein St\u00fcck Identit\u00e4t zerbricht unter mehr oder weniger Schmerzen und Verzweiflung. Immerhin wird im Lauf der Zeit erkenntlich, da\u00df all diese Identifizierungen selbst geschaffen oder von anderen \u00fcbernommen sind: Software sozusagen, alles halb so wild, es gibt ja &#8222;copy &amp; paste&#8220;, wenn man die Leere nicht aush\u00e4lt.<\/p>\n<p>Halte ich sie aus? Zur Zeit nicht besonders gut, doch will mir auch kein &#8222;Copy &amp; Paste&#8220; gelingen, nicht mal, wenn ich mich darum bem\u00fche. Zu wissen, dass die Leere kein Vakuum ist, sondern eben dieser Flu\u00df, die Gesamtheit aller ver\u00e4nderlichen Dinge, das Nichts, aus dem die F\u00fclle kommt &#8211; hm, h\u00f6rt sich gut an, hilft mir aber auch nicht viel, wenn ich mich gefordert f\u00fchle, endlich eine oder mehrere M\u00f6glichkeiten von vielen zu w\u00e4hlen und mich zu engagieren. Das W\u00e4hlen basiert auf einem Gef\u00fchl: DIESES will ich und nicht jenes. Rein rational das Leben planen, im Grunde &#8222;abwickeln&#8220;, ist mir noch nie gelungen. Aber zur Zeit f\u00fchle ich nichts, jedenfalls nichts, was mir eine Wahl leicht machen w\u00fcrde. &#8222;Und was du nicht erf\u00fchlen kannst, das wirst du nicht erjagen&#8220; (Goethe).<\/p>\n<p>Um handlungsleitende Gef\u00fchle zu aktivieren, gibt es die M\u00f6glichkeit, sich mit W\u00fcnschen zu befassen. Vor 15 Jahren war ich mal in einer Selbsthilfegruppe, die sich erfolgreich mit dieser Methode besch\u00e4ftigte: Was w\u00fcnschen wir uns? Stellen wir es uns doch plastisch vor, machen wir eine Liste, \u00fcberpr\u00fcfen wir die W\u00fcnsche anhand unserer Werte &#8211; und dann verwirklichen wir sie und helfen uns gegenseitig dabei. Das hat sogar oft geklappt, doch heute ist mir das ganze Vorgehen so fern wie ein Leben in der Antarktis. Was sollte ich auch w\u00fcnschen? Genug Geld, um meine Tage in einem Wellness-Center mit Spitzen-Saunalandschaft zu verbringen? Das w\u00fcrde auch bald langweilen!<\/p>\n<p>Wen langweilen? MICH. Das ist der Fehler, an dem ich festh\u00e4nge. Dieses Ich ist genauso leer und substanzlos wie alles andere. Es hat nicht mal eine RELATIVE Perspektive wie etwa der Magen, der zur Verdauung da ist und sich dar\u00fcber keine Gedanken macht. Trotzdem im Rahmen dieses substanzlosen Ichs zu verharren und von daher w\u00e4hlen zu wollen, funktioniert irgendwann einfach nicht mehr. Und was dann?<\/p>\n<p>Die &#8222;Leistung&#8220; gro\u00dfer Religionen im Unterschied zu unz\u00e4hligen spirituellen Lehren sehe ich heute darin, da\u00df ihr Dreh- und Angelpunkt nicht Erkenntnis, Erl\u00f6sung oder Erleuchtung ist, sondern allumfassende Liebe. Den jeweiligen Religionsgr\u00fcndern und vielen ihrer Nachfolger ist es offenbar gelungen, den Rahmen des Ich nicht nur zu verlassen, sondern im Blick auf die vielen in den verschiedensten Laufr\u00e4dern strampelnden Wesen echtes Mitgef\u00fchl zu entwickeln. Ein nicht mehr pers\u00f6nliches Gef\u00fchl, eher ein Zustand als ein Empfinden, aber unglaublich handlungsleitend.<br \/>\nSch\u00f6n, dass es auf der Welt wenigstens ein paar Menschen gegeben hat, die \u00fcber sich hinaus konnten &#8211; und von &#8222;dort&#8220; auch etwas &#8211; das Allerwichtigste! &#8211; mitgebracht haben.<\/p>\n<p>Na, ich glaub&#8216;, ich mach&#8216; jetzt besser mal einen Spaziergang &#8211; immerhin bringt das Bewegung!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vier Tage ohne Diary. Ohne mich zu verbiegen bzw. &#8222;zusammenzurei\u00dfen&#8220; h\u00e4tte ich einfach keinen sinnvollen Satz hinschreiben k\u00f6nnen, also la\u00df ich es lieber ganz. 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