{"id":3396,"date":"2001-07-06T10:00:45","date_gmt":"2001-07-06T08:00:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3396"},"modified":"2021-09-26T14:59:19","modified_gmt":"2021-09-26T12:59:19","slug":"stadtluft-macht-frei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/07\/06\/stadtluft-macht-frei\/","title":{"rendered":"Stadtluft macht frei"},"content":{"rendered":"<p>Was sind schon verlorene Papiere? Die Bullin in der Friesenwache versichert mir freundlich, dass ich doch in Deutschland gar keinen Ausweis mit mir f\u00fchren mu\u00df. Und auf dem zentralen Fundb\u00fcro wird mir geraten, einfach noch zwei Wochen zu warten, meistens f\u00e4nden sich verlorene Ausweise wieder ein. Wenn nicht, einfach neu beantragen! Warum also hab&#8216; ich mich \u00fcber den verschwundenen Geldbeutel nur so aufgeregt?<\/p>\n<p>Kontrollverlust macht Angst, das ist mir lange klar. Doch Kontrolle ist nur eine Illusion, je mehr ich ihr verfalle, desto st\u00e4rker irritiert es mich, wenn mal was daneben geht und nicht so l\u00e4uft, wie ich mir das vorstelle. Jetzt ist der Anfall wieder vorbei. Ganz entspannt korrespondiere ich mit \u00c4mtern und Beh\u00f6rden, bereit, alles zu tun, was sie mir raten. F\u00fcr alles existiert ein Algorithmus, eine Folge von &#8222;Wenn-dann-Vorschriften&#8220;, und wenn sich alle friedlich daran halten, gibt es keine Probleme &#8211; das ist die Utopie der Stadt, der ganzen technischen Zivilisation.<\/p>\n<p>Als wir eingezogen sind, hat das Umzugsunternehmen rechtzeitig Halteverbotsschilder platziert, damit der Laster dann auch Platz zum Ausladen findet. Nat\u00fcrlich hielten sich die Anwohner nicht daran (schlie\u00dflich ist das hier ein sozialer Problembezirk), Auto reihte sich an Auto. Kein Problem, signalisierte der t\u00fcrkische Umzugsunternehmer, holte per Handy die Polizei, die ihrerseits ein paar Formulare pr\u00fcfte und dann den Abschleppdienst verst\u00e4ndigte. Das Ganze zog sich ein wenig hin, die Leute in der Stra\u00dfe wurden aufmerksam, Bauarbeiter stiegen von den Ger\u00fcsten, Kunden aus dem Getr\u00e4nkeladen gegen\u00fcber eilten herbei &#8211; und als das &#8222;Umsetzen&#8220; begann, stand nur noch ein einziger Wagen im Weg, der dann mit gro\u00dfer technischer Eleganz ein paar Meter weiter abgesetzt wurde. Wow!<\/p>\n<p>Jetzt geht die dritte Woche in Berlin zu Ende. Noch immer geht mir der L\u00e4rm nicht auf die Nerven. Da\u00df auch mal nachts um eins der Techno aus der Nachbarwohnung schallt, trifft mich komischerweise nicht. Selbst die Feststellung, da\u00df offensichtlich ein anderer Nachbar nachts seine Frau schl\u00e4gt, geht mir lange nicht so nahe, wie das auf dem Land, in der Isolation mit wenigen, ganz konkret bekannten Menschen der Fall gewesen w\u00e4re. Unt\u00e4tig bleibe ich deshalb nicht, rufe die Frauenbeauftragte im Bezirksamt an und lasse mich beraten, was zu tun ist. Eine Plakataktion in ganz Berlin bewirbt derzeit eine einschl\u00e4gige Telefonnummer &#8211; ich erz\u00e4hl das nur, weil selbst die Wahrnehmung dieser bekannten sozialen Schrecklichkeiten mir auf einmal ganz anders vorkommt: Immerhin wird es wahrgenommen, immerhin k\u00fcmmert man sich darum, es gibt Anlaufstellen und Hilfseinrichtungen, es wird dar\u00fcber gesprochen. Jede &#8222;hilflose Person&#8220; wird von der Stra\u00dfe geklaubt, wogegen in Kleinwelzin, drau\u00dfen in der Mecklenburger Pampa, die Insassen eines Alten- und Pflegeheims gelegentlich halb angezogen bei eisiger K\u00e4lte ziemlich weit durch das Land marschieren k\u00f6nnen, bevor sich jemand findet, der den Fl\u00fcchtling zur\u00fcckbringt.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich zuhause, wie ich mich lange nirgends mehr zuhause f\u00fchlte. Es ist sogar k\u00f6rperlich sp\u00fcrbar, denn seit die Stadt mich wieder umgibt, ist ein bestimmter Bereich in der Gegend des Solar Plexus wieder entspannt, dessen Verspannung ich &#8222;drau\u00dfen&#8220; schon gar nicht mehr bemerkt hatte. Das macht wohl die Geborgenheit des Ameisenhaufens, das heimelige Gef\u00fchl, in der Metropole f\u00fcr alles und jedes Problem, aber auch f\u00fcr alle W\u00fcnsche und M\u00f6glichkeiten mit Sicherheit andere Menschen finden zu k\u00f6nnen. Darunter viele mit &#8222;Breitbandbewu\u00dftsein&#8220;, Leute, die gewohnt sind, flexibel zu denken und zu reagieren und die nicht schon gleich komisch gucken, wenn man mal einen ungew\u00f6hnlichen Hut aufsetzt. Stadtluft macht frei, das stimmte schon im Mittelalter und gilt heute erst recht.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe St\u00e4dte, in denen es nicht mehr m\u00f6glich ist, da\u00df jeder jeden kennt, sind virtuelle Gemeinschaften, also Communities der M\u00f6glichkeiten: WENN dies oder jenes geschieht, WENN ich dies und das brauche, WENN es mich nach X oder Y verlangt, DANN kann ich es haben, DANN finde ich meine Gegen\u00fcber. Ansonsten aber, und das ist verdammt wichtig, werde ich in Ruhe gelassen, jeder l\u00e4\u00dft den anderen sein, im Guten wie im Schlechten. Man kann also auch ganz ungest\u00f6rt ungl\u00fccklich, krank, verr\u00fcckt oder einsam werden, solange man nicht auff\u00e4llig wird, das Getriebe nicht st\u00f6rt oder sich hilfesuchend bei den &#8222;Zust\u00e4ndigen&#8220; meldet, ficht das keinen an. Das ist der Januskopf der Freiheit, die eben ihren Preis hat.<\/p>\n<p>Ein Freund hatte sich kurz vor meinem Gang aufs Land in der N\u00e4he von Belzig in eine genossenschaftliche Siedlung eingekauft. Als wir neulich telefonierten und er von meinem R\u00fcckzug erfuhr, meinte er etwas wehm\u00fctig: &#8222;Tja, als Mieter kann man sich sowas erlauben!&#8220; Es hatte ihn schon kurz nach seinem Einzug gest\u00f6rt, da\u00df er die anderen Siedlungsbewohner dauernd gr\u00fc\u00dfen mu\u00df, wom\u00f6glich noch stehen bleiben und ein paar Worte plaudern, ohne ihnen doch wirklich etwas zu sagen zu haben. Ich wei\u00df jetzt, da\u00df genau das der Punkt ist, der die Stadt &#8222;wahrer&#8220; erscheinen l\u00e4\u00dft: Man hat sich nichts zu sagen, tut es also auch nicht, es gibt keine derartigen Erwartungshaltungen, jedenfalls nicht im Raum physischer Nachbarschaft oder zuf\u00e4lliger k\u00f6rperlicher N\u00e4he. Wogegen die Kultur des Landlebens noch immer von einer Gemeinschaft ausgeht, die lange schon nicht mehr existiert. Die D\u00f6rfer da drau\u00dfen sind voller Rentner, dazu ein paar Pendler. Wo kein Tourismus ist, sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Es gibt faktisch keine Gemeinsamkeiten, da die gemeinsame ARBEIT des Landes, die Landwirtschaft, durch technische Evolution gesellschaftlich bedeutungslos geworden ist. Die anonyme Stadt ist so gesehen \u00fcberall, nur da\u00df man ihre Vorteile auf dem Land kaum genie\u00dfen kann.<\/p>\n<p>&#8222;H\u00e4user in Brandenburg sind billig zu haben, jetzt sogar renoviert&#8220;, erz\u00e4hlt mir Hans, der Mann, mit dem ich 1979 nach Berlin gezogen bin. Ich wundere mich, schlie\u00dflich ist doch die Schn\u00e4ppchenzeit der Nachwendejahre lange vorbei. &#8222;Nee&#8220;, meint er, &#8222;die kommen alle wieder zur\u00fcck und verkaufen ihre restaurierten Buden. Da sinken halt die Preise.&#8220; Aha! Wieder mal bin ich also mitten im Mainstream&#8230; :-) <\/span><!--more--><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was sind schon verlorene Papiere? Die Bullin in der Friesenwache versichert mir freundlich, dass ich doch in Deutschland gar keinen Ausweis mit mir f\u00fchren mu\u00df. Und auf dem zentralen Fundb\u00fcro wird mir geraten, einfach noch zwei Wochen zu warten, meistens f\u00e4nden sich verlorene Ausweise wieder ein. 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