{"id":3394,"date":"2001-07-01T13:37:04","date_gmt":"2001-07-01T11:37:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3394"},"modified":"2021-09-25T13:39:07","modified_gmt":"2021-09-25T11:39:07","slug":"gau-der-kleinen-dinge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/07\/01\/gau-der-kleinen-dinge\/","title":{"rendered":"GAU der kleinen Dinge"},"content":{"rendered":"<p>Endlich wieder online! Seit Freitag funktioniert mein Telefonanschlu\u00df, die Telekom hat es im zweiten Anlauf nun doch geschafft, mich wieder mit der Netzwelt zu verbinden, wenn auch vorerst nur &#8222;analog&#8220;. Doch kaum ist diese letzte H\u00fcrde \u00fcberwunden, die mich noch vom \u00fcblichen Alltag trennte, veranstalte ich eine neue Verwaltungskatastrophe: Mein Geldbeutel ist weg, am Ende eines langen Abends im Chamissokiez abhanden gekommen. Zwar konnte ich jeden Schritt nachvollziehen: Zahlen im Heidelberger Krug, Taxi rufen, Bezahlen des Taxifahrers, Ankommen in Friedrichshain &#8211; aber irgendwo auf diesem recht transparenten Weg ist das Teil verschwunden und auch tags darauf weder im Krug noch im Taxi aufzufinden gewesen.<!--more--><\/p>\n<p>Geld war nicht mehr drin, aber Ausweise, Geldkarten, Fahrzeug- und F\u00fchrerschein, alles noch versehen mit meiner Gottesgabe-Adresse, da ich mich erst morgen ummelden wollte. Die Wiederbeschaffung bzw. Neu-Beantragung aller Papiere wird also ein Beh\u00f6rden-GAU, wie er nerviger kaum sein k\u00f6nnte. Und eine Woche muss ich wohl abwarten, bevor ich diesen Papierkrieg beginne, denn der Geldbeutel k\u00f6nnte ja wieder auftauchen, so uninteressant wie er f\u00fcr Spontan-Diebe ist. Wer in findet, k\u00f6nnte mit Recht auf Finderlohn spekulieren, also tu ich erstmal noch nichts.<\/p>\n<p><strong>Ausweise, Geldkarten, KFZ-Schein &#8211; diese Dinge sind das Zentrum meiner b\u00fcrgerlichen Existenz.<\/strong> Ohne sie bin ich nichts und niemand, f\u00fchle mich nackt und nicht richtig in der Alltagswelt verankert. Gl\u00fccklicherweise reagiere ich nicht mehr panisch, trag&#8216; es mit Fassung, wie man so sagt, ohne doch das Gef\u00fchl zu haben, dass da etwas &#8222;zu fassen&#8220; w\u00e4re. Allenfalls eine gewisse Traurigkeit, dass immer wieder etwas geschieht, was meine Welt in Unordnung bringt &#8211; wo ich doch der Ordnung und Durchsichtigkeit immer n\u00e4her zu kommen meine. Was f\u00fcr eine Illusion!<\/p>\n<p>Das Verlegen und Verlieren physischer Gegenst\u00e4nde ist eine alte Macke, von der ich lange schon nicht mehr glaube, sie wirklich ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen. Allenfalls gibt es kleine Work-Arounds: Weniger besitzen, durchschaubare Ordnung in der Wohnung, den Wohnungsschl\u00fcssel sicherheitshalber mit einer Kette an der G\u00fcrtelschlaufe verankern &#8211; nur f\u00fcr den Geldbeutel und all die Papiere war mir bisher nichts eingefallen. Ich bin g\u00e4nzlich unf\u00e4hig, immer diesselbe Tasche mit mir herumzutragen, wie es die meisten Frauen tun. R\u00e4ume also alles, was ich brauche, st\u00e4ndig hin- und her, mal in eine Handtsche, mal in Jacken- und Jeanstaschen, schw\u00f6re mir immer, genau darauf aufzupassen, aber ein einziger sentimentaler Abend in der &#8222;alten Heimat&#8220; zerst\u00f6rte meine Aufmerksamkeit: alte Freunde, ein paar Weizenbier und weg ist sie, meine ganze beh\u00f6rdenwichtige Papier-Identit\u00e4t!<\/p>\n<p><strong>Volle Disziplin, ununterbrochene Achtsamkeit und Wachheit.<\/strong> Langsam werde ich bereit, das als notwendige Voraussetzung zu akzeptieren. Wenn schon kleinste Versager solche Folgen zeitigen, bleibt gar nichts anderes mehr \u00fcbrig, als sich zu beugen und auf Traumwelten zu verzichten; zum Beispiel auf dieses gef\u00fchlig-sentimentale Abdriften in die Vergangenheit, aber genauso auf das gelegentlich so erregende Abheben in interessante Zukunftsplanungen. Auf dem Boden bleiben, immer die Erde unter den F\u00fc\u00dfen sp\u00fcren, w\u00e4hrend der Kopf seine Gedankenspiele spielt: Da\u00df das so schwer ist, h\u00e4tte ich nie geglaubt. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich wieder online! Seit Freitag funktioniert mein Telefonanschlu\u00df, die Telekom hat es im zweiten Anlauf nun doch geschafft, mich wieder mit der Netzwelt zu verbinden, wenn auch vorerst nur &#8222;analog&#8220;. Doch kaum ist diese letzte H\u00fcrde \u00fcberwunden, die mich noch vom \u00fcblichen Alltag trennte, veranstalte ich eine neue Verwaltungskatastrophe: Mein Geldbeutel ist weg, am Ende [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[148],"tags":[520,521,522],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3394"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3394"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3394\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3394"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3394"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3394"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}