{"id":332,"date":"2009-09-02T11:10:30","date_gmt":"2009-09-02T09:10:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=332"},"modified":"2011-07-07T12:01:36","modified_gmt":"2011-07-07T10:01:36","slug":"ritalin-ueber-einen-journalistisch-motivierten-selbstversuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/09\/02\/ritalin-ueber-einen-journalistisch-motivierten-selbstversuch\/","title":{"rendered":"Ritalin: \u00dcber einen journalistisch motivierten Selbstversuch"},"content":{"rendered":"<p>Selten vermag es ein langer Artikel, mich vom ersten bis zum letzten Wort auf den Text am Bildschirm zu konzentrieren:\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/leben\/gesellschaft\/Selbstversuch-mit-Ritalin-10-Milligramm-Arbeitswut\/story\/13976846\">&#8222;10 Milligramm Arbeitswut&#8220;<\/a>, Birgit Schmids Bericht \u00fcber ihren einw\u00f6chigen Selbstversuch im schweizerischen TAGESANZEIGER schafft es m\u00fchelos &#8211; fast als wirke das Ritalin auch ein wenig auf die Leserin.<\/p>\n<p>Eine Woche lang schluckte die Autorin die mehr und mehr zur LifeStyle-Droge werdenden kleinen Pillen, nachdem sie ihren Hausarzt \u00fcberredet hatte, ihr eine Packung mit relativ niedrig dosiertem Wirkstoff zu verschreiben. Ihre Ausgangssituation kenne ich zur Gen\u00fcge: man arbeitet und arbeitet, doch gibt es immer wieder 10.000 Ablenkungen und die Verf\u00fchrung, mal wieder in die E-Mail zu schauen, ein bisschen zu twittern, Kommentare in den Blogs zu beantworten und vieles mehr. Es nervt, sich immer wieder m\u00fchsam am Riemen zu rei\u00dfen und auf das aktuelle Tun zu konzentrieren: die Aufmerksamkeit verh\u00e4lt sich gelegentlich wie eine springende Heuschrecke, mal hier, mal da &#8211; ein Wunder, wieviel ich dennoch abarbeite!<!--more--><\/p>\n<p>Es ist allerdings auch immer zuwenig: zuwenig f\u00fcr die eigenen Anspr\u00fcche, die sich entlang an den vielen Ideen in Richtung MEHR und ANDERES entwickeln und die M\u00fchen der Ebene nicht in Betracht ziehen. Man m\u00f6chte Gipfel st\u00fcrmen, aber nicht langwierig herum klettern &#8211; und wenn es eine Pille gibt, die das erm\u00f6glicht, warum nicht? Konzentrierte Leistungsf\u00e4higkeit ist schlie\u00dflich das, was in unserer arbeitsversessenen Gesellschaft Anerkennung und Erfolg bringt, im Gro\u00dfen und im Kleinen. Es wundert nicht, dass viele dahin kommen, der Sache chemisch auf die Spr\u00fcnge zu helfen. Fragt sich, zu welchem Preis!<\/p>\n<h2>Speed light: Vorteil ist Nachteil<\/h2>\n<p>Obwohl der &#8222;Nutzen&#8220; der RITALIN-Wirkung in Schmids Artikel ausgiebieg gew\u00fcrdigt wird, f\u00fchrt er in meinem Fall nicht dazu, dass ich mir jetzt eine Packung im Netz bestelle. Wie bei allen Drogen zeigt sich klar: der Vorteil ist auch Nachteil, das extrem konzentrierte Denken bedeutet auch Verluste:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;&#8230;.und weil die scharfen Denkstrahlen alles wegschneiden, was belasten k\u00f6nnte, scheint eine Empfindung wie Traurigkeit gerade unerreichbar. Es leuchtet ein, dass Ritalin schon als Antidepressivum verwendet wurde. Auch jede Melancholie geht auf Kosten der Superkonzentriertheit. Verloren geht, was eigentlich inspiriert. Unter Ritalin w\u00e4re ich kaum zwei Stunden lang durch den Friedhof Montparnasse in Paris flaniert, und ich h\u00e4tte meinen Schatten, der in der Abendsonne auf die Grabsteine fiel, nicht mal bemerkt. Flirten w\u00e4re nicht wie ein Schmetterling, den man zu fangen versucht, sondern angestrengt und aggressiver. Ich w\u00fcrde mich nicht mehr gedankenlos verlieben mit einem schon fast k\u00f6rperlichen Wissen, sondern mit Verstand. Scharf denken macht unfrei: rumbl\u00f6deln, absurde Ideen entwickeln? Nein. Auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen, wird auch das Schreiben eng. Man hinterfragt sich nicht, tritt keinen Schritt zur\u00fcck; die Kehrseite der fehlenden Selbstzweifel.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Artikel kommen alle wichtigen Aspekte vor: Die Frage nach der Gerechtigkeit und Legitimit\u00e4t des &#8222;Hirndopings&#8220;, die Bem\u00e4ntelung der Smart Drugs als Therapeutikum, die Argumente der Pharmaforscher und nat\u00fcrlich die Nebenwirkungen: auf das leicht euphorisierte Arbeits-High folgt das entsprechende &#8222;Down&#8220;, der Sturz ins Energieloch, wenn nicht nahtlos die n\u00e4chste Pille folgt. RITALIN zeigt sich als &#8222;Speed light&#8220; und hat bei Gesunden ebensolche Wirkungen: Appetitlosigkeit, gefolgt von Hei\u00dfhunger, wenn die Wirkung nachl\u00e4sst &#8211; und ein Gef\u00fchl des Ausgebrannt-Seins und der mentalen Ersch\u00f6pfung:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Obwohl es an m\u00fcden Tagen von Vorteil sein kann, sich an die Arbeit zu setzen, ohne einen Sinn zu hinterfragen, hat das Gef\u00fchl der Hyperfokussiertheit r\u00fcckblickend etwas Ersch\u00f6pfendes. Das Medikament eignet sich dann, wenn man sich an eine T\u00e4tigkeit peitschen muss und sich von jeder M\u00fccke ablenken l\u00e4sst. Aufgeputscht, erlebte ich das Zwischenmenschliche als eher m\u00fchsam.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich empfehle, auf jeden Fall auch die <a href=\"http:\/\/dasmagazin.ch\/index.php\/10-milligramm-arbeitswut\/#commentList\">interessanten Kommentare<\/a> unter dem <a href=\"http:\/\/dasmagazin.ch\/index.php\/10-milligramm-arbeitswut\">Artikel<\/a> zu lesen: hier treffen sehr kontroverse Meinungen aufeinander und die dunklen Seiten der Medaille kommen deutlicher heraus als im Text selbst. Schlie\u00dflich benebelt so eine Erfahrung ja auch das \u00fcbliche kritische Denken &#8211; es wundert nicht, dass das Ganze ein wenig zu positiv ausgefallen ist. <\/p>\n<h2>Offene Frage: wie entsteht ein Flow ohne Dopamin?<\/h2>\n<p>Gleich zu Beginn des Selbstversuchs hei\u00dft es zur beginnenden RTALIN-Wirkung: <em>&#8222;In den n\u00e4chsten Minuten wird der Wirkstoff Methylphenidat die Wiederaufnahme des Neurotransmitters Dopamin in meinen Nervenzellen hemmen.&#8220;<\/em> Was mir fehlt, ist eine weitere Darstellung des Wirkungsmechanismus. Dazu hei\u00dft es nur recht allgemein,  der Wirkstoff stimuliere jene Bereiche im Gehirn, die f\u00fcr die Aufmerksamkeitskontrolle und Wahrnehmung zust\u00e4ndig sind. Dadurch k\u00f6nne man sich besser konzentrieren, klarer denken und jeder Anflug von M\u00fcdigkeit sei verscheucht.<\/p>\n<p>Wie kann das sein? DOPAMIN gilt doch als das &#8222;Gl\u00fcckshormon&#8220;, das f\u00fcr das Empfinden eines &#8222;Flows&#8220; im jeweiligen Tun zust\u00e4ndig ist. Wie kann also die Hemmung der Dopamin-Rezeption Flow-\u00e4hnliche Zust\u00e4nde der Versunkenheit verursachen?<\/p>\n<p>Wenn ich dann noch <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dopamin\">auf Wikipedia<\/a> lese, in welche Wirkungszusammenh\u00e4nge Dopamin ebenfalls eingreift, kann einem angesichts der lockeren Medikation heutzutage schon ein wenig mulmig werden: <\/p>\n<blockquote><p><em>Dopamin ist aber auch ein Neurotransmitter in einigen Systemen des vegetativen Nervensystemes und reguliert hier die Durchblutung innerer Organe. Es wird f\u00fcr eine Vielzahl von lebensnotwendigen Steuerungs- und Regelungsvorg\u00e4ngen ben\u00f6tigt.<br \/>\nUnter anderem beeinflusst Dopamin die extrapyramidale Motorik (hier besteht m\u00f6glicherweise ein Zusammenhang mit der Parkinsonschen Erkrankung). Ebenso steht der Dopaminhaushalt im Zusammenhang mit den neurobiologischen Aspekten von Psychosen und verschiedenen St\u00f6rungen. Auch in die Regulation des Hormonhaushaltes greifen dopaminerge Systeme ein. So hemmt Dopamin aus Neuronen, die entlang des 3. Hirnventrikels lokalisiert sind, an der Hypophyse die Aussch\u00fcttung des Hormones Prolaktin. Weiter regelt es die Durchblutung der Bauchorgane, insbesondere ist Dopamin an der Steuerung der Nieren beteiligt.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Und da geht man also her und hemmt mal eben die Zufuhr bzw. den Dopamin-Stoffwechsel, blo\u00df um sich besser konzentrieren und effektiver arbeiten zu k\u00f6nnen? Mir kommt es vor wie ein weiteres <strong>\u00d6ffnen der B\u00fcchse der Pandora:<\/strong> wegen eines singul\u00e4ren positiven Effekts wird ein ganzes System mittels chemischer Gewalt in den Griff genommen &#8211; OHNE dass man genau w\u00fcsste, was alles langfristig darunter leiden mag. Wieder mal typisch f\u00fcr unsere &#8222;herrschende Medizin&#8220;! <\/p>\n<p>All meine Lebenserfahrung zeigt: nutzt du eine Kr\u00fccke, kannst du bald nicht mehr ohne sie leben. Das gilt sogar f\u00fcr die t\u00e4glich aufgetragene Gesichtscreme: die Haut verlernt schnell, das Gleichgewicht aus Fett und Feuchtigkeit eigendynamisch aufzubauen und man ist zur Freude der Kosmetik-Hersteller von den teuren Tages- und Nachtcremes abh\u00e4ngig. <\/p>\n<p>Mit dem Gl\u00fcckshormon w\u00fcrde ich also ganz gewiss nicht mutwillig herum spielen, nur um eine wenig effektiver arbeiten zu k\u00f6nnen. Kann ja gut sein, dass jegliches &#8222;nat\u00fcrliche&#8220; Gl\u00fcck dann einfach ausbleibt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selten vermag es ein langer Artikel, mich vom ersten bis zum letzten Wort auf den Text am Bildschirm zu konzentrieren:\u00a0 &#8222;10 Milligramm Arbeitswut&#8220;, Birgit Schmids Bericht \u00fcber ihren einw\u00f6chigen Selbstversuch im schweizerischen TAGESANZEIGER schafft es m\u00fchelos &#8211; fast als wirke das Ritalin auch ein wenig auf die Leserin. 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