{"id":330,"date":"2009-08-29T12:29:12","date_gmt":"2009-08-29T10:29:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=330"},"modified":"2025-08-27T20:06:24","modified_gmt":"2025-08-27T18:06:24","slug":"doch-mal-erinnern-die-wilden-70ger-und-80ger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/08\/29\/doch-mal-erinnern-die-wilden-70ger-und-80ger\/","title":{"rendered":"Doch mal erinnern? Die wilden 70ger und 80ger"},"content":{"rendered":"<p>Gestern hab&#8216; ich mich in alte Zeiten versenkt, was ich sonst nie tue.\u00a0 Immer schon werfe ich gerne alles weg, was andere in Alben kleben und in verzierten K\u00e4stchen aufbewahren: Briefe, Bilder, all dieser &#8222;Nippes&#8220;, der sich so sammelt und dazu einl\u00e4dt, diese &#8222;Dinge mit Bedeutung&#8220; ab und an zu betrachten und in Erinnerungen zu schwelgen: Ach ja, damals&#8230;. das waren noch Zeiten!<\/p>\n<p>N\u00f6, das wollte ich f\u00fcr mich nicht. Die alten Leute meiner Jugendzeit konnten mich ohne Ende mit ihren Geschichten vom Krieg nerven: <em>&#8222;Kind, du wei\u00dft ja gar nicht, wie gut du es hast!&#8220;<\/em>, w\u00e4hrend ich gerade dabei war, mich ordentlich zu beschweren, mehr Freir\u00e4ume einzufordern und alles Alte und \u00dcberkommene in die Tonne zu treten. Eine alte Tante servierte bei jedem Besuch ein grauenhaftes Teewurstbrot, dessen glatte, gl\u00e4nzende, fleischfarbige Oberfl\u00e4che mich extrem anwiderte. <em>&#8222;Wir w\u00e4ren froh gewesen, wenn wir sowas gehabt h\u00e4tten!&#8220;, <\/em>sagte sie und schaute mich vorwurfsvoll an, wenn ich das Essen verweigerte. Verdammt nochmal, der Krieg war wirklich lange lange vorbei!<!--more--><\/p>\n<p>Ich schwor mir, niemals so zu werden wie sie. Auch nicht wie die alten M\u00e4nner in der Zentralkartei des Wiesbadener Bundeskriminalamtes, wo ich nach dem Abi jobbte. Die sprachen die meiste Zeit \u00fcber ihre Krankheiten bis hin zur morgendlichen Farbe des Urins, und nat\u00fcrlich von Ereignissen, die mindestens 20 Jahre zur\u00fcck lagen. Eine H\u00f6lle der Langeweile, die erst endete, als endlich noch ein Student auftauchte, mit dem ich mich dann auch bald zwischen den hohen Regalen der beachbarten Aktenhaltung der Lust hingab &#8211; quasi demonstrativ, obwohl uns keiner erwischte.<\/p>\n<h2>Zeitreise in die wilden 70ger und 8oger: Aufstehn!<\/h2>\n<p>Meine Weigerung, die Materialien f\u00fcrs Erinnern zu speichern, erweist sich dank des Internets nun als \u00fcberfl\u00fcssig. Die Geschichte der verschiedenen Bewegungen (68er, 70ger, Hippies, Frauenbewegung, Hausbesetzungen, AntiAKW etc.) steht vielgestaltig im Web, und auf Youtube findet sich der Soundtrack der wilden 70ger und 80ger-Jahre. Platten hab&#8216; ich nie lange aufgehoben, sp\u00e4ter ganz aufgeh\u00f6rt, Musik zu sammeln &#8211; jetzt kann ich mir den ganzen Kram trotzdem vorspielen!<\/p>\n<p>Und mit einem leisen Gef\u00fchle der S\u00fcndhaftigkeit, das immer dann da ist, wenn man anf\u00e4ngt, sich selbst zu konterkarieren, hab&#8216; ich gestern zwei Playlisten erstellt: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/view_play_list?p=755B1B35AB620206\">Bewegte 70ger<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/view_play_list?p=56FD0A97BEB5F55F\">wilde 80ger\/NDW<\/a>.\u00a0 Ich war 1968 gerade mal 14, zum Gl\u00fcck ein wenig &#8222;zu sp\u00e4t gekommen&#8220;, um mich noch richtig ernsthaft in die Studentenproteste mit folgendem K-Gr\u00fcppler-Tum zu verstricken &#8211; und doch mit dem Herzen voll dabei, obwohl ich von dem, was da verhandelt wurde, nicht wirklich eine Ahnung hatte! Hauptsache PROTEST, weg mit &#8222;Rasen betreten verboten&#8220; und dem &#8222;Muff von 1000 Jahren&#8220;, von dem auch ich mich umgeben f\u00fchlte. Nach der Schule der Zug am Joint bei den Gammlern in der Gr\u00fcnanlage, vor denen die Eltern solche Angst hatten. Aufm\u00fcpfig studierte ich auf der neuen Gitarre das schmissige <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1MLj41LESJs\">&#8222;Cocain&#8220; von Hannes Vader<\/a> ein und wagte mit 18 das &#8222;gro\u00dfe bewusstseinserweiternde Abenteuer&#8220; eines LSD-Trips: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Timothy_Leary\">Timothy Leary<\/a> meinte ja, es sei das richtige St\u00f6ffchen f\u00fcrs Trinkwasser, der Weltfrieden w\u00e4re dann kein Problem mehr.<\/p>\n<p>Die heute Jungen tun mir ziemlich leid, wenn ich so vergleiche, wie wir damals lebten und was sie heute tun bzw. tun m\u00fcssen. Wir verschwendeten n\u00e4mlich kaum je einen Gedanken an so etwas Spie\u00dfiges wie den sp\u00e4teren Job, sondern waren damit besch\u00e4ftigt, die Welt zu verbessern: weg mit dem Patriarchat, her mit den selbst bestimmten Lebensformen, nie nie nie &#8222;entfremdete Arbeit&#8220;, sondern viel Lust und freie Liebe, und <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1yd3Elm-X7c\">lange, lange Haare<\/a>, auch bei M\u00e4nnern.<\/p>\n<p id=\"bewegt\">Doch langsam verd\u00fcsterte sich der Horizont: der deutsche Herbst \u00e4nderte die Atmosph\u00e4re im Land und es wurde richtig ernst. Mit Terror wollte ich nichts zu tun haben, doch wurden von der Obrigkeit alle sozialen Protestbewegungen quasi in Sippenhaft genommen, was vielfach auch zu &#8222;stolzer Paranoia&#8220; f\u00fchrte: alle f\u00fchlten sich \u00fcberwacht, abgeh\u00f6rt, bespitzelt&#8230; und all die gutwilligen und kulturrevolution\u00e4ren Bewegungen bekamen selber eine repressive Seite: Frauenbewegte Frauen wurden zu Bewegungslesben, Alternative schotteten sich ab und es wurde richtig anstrengend, in Worten und Taten wie gewohnt immer bei den Guten zu sein.<\/p>\n<h2>NDW, Punk und Endzeitstimmung &#8211; und ich BEWEGE mich<\/h2>\n<p>Kein Wunder, dass eine zweite Welle, getragen von J\u00fcngeren Anfang der 80ger gegen all das verbissen Politische rebellierte: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1EPpbHkcUx4\">Gib Gas, ich will Spass<\/a> war ein Schlag ins Gesicht miesepetriger Birkenstock-tragender \u00d6kos, die einem alles verbieten wollten. Ina Deters <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=puVQMH7Aago\">&#8222;Neue M\u00e4nner braucht das Land&#8220;<\/a> richtete sich weniger gegen &#8222;alte&#8220; M\u00e4nner, sondern vornehmlich gegen das lilalatzhosige, allzu verbissen m\u00e4nnerfeindliche Emanzentum, f\u00fcr das schon die m\u00e4nnlichen Babys der wenigen, die damals noch Kinder bekamen, ein Problem waren.<\/p>\n<p>Ich war jetzt 26, verlie\u00df das langweilige Wiesbaden und st\u00fcrzte mich ins wilde Berlin, wo ich mich zum ersten Mal selber aktiv an einer &#8222;Bewegung&#8220; beteiligte. In besetzten H\u00e4usern probten wir das andere Leben, begleitet vom witzigen Sound der Neuen Deutschen Welle und fetzigen Politsongs, die keine alternativen Tr\u00e4ume mehr besangen, sondern die Welt schwarz in schwarz malten: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=N8HhwT-54_o\">Geschichten aus dem t\u00e4glichen Sterben<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3ckAlX7mSno\">es geht voran!<\/a><\/p>\n<p>Wir glaubten ja wirklich, es k\u00e4me jetzt &#8211; ganz in echt! &#8211; <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=N0c7IhmUeJY\">bald der gro\u00dfe Knall,<\/a> ein Lebensgef\u00fchl, das sich wohl heute kaum mehr einer vorstellen kann.<\/p>\n<p>All diese Songs ber\u00fchrten mich gestern abend auf vielf\u00e4ltige Weise, doch bei einem Text kamen wir die sprichw\u00f6rtlichen Tr\u00e4nen der R\u00fchrung: der getragene, vor Wertungen nur so strotzende Song der Bots <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xHJWvmt5Yus\">&#8222;Aufstehn&#8220;<\/a> enth\u00e4lt S\u00e4tze, die nicht in Vergessenheit geraten sollen, weshalb ich sie hier zum Schluss meiner Erinnerungs-Session mal in Ausz\u00fcgen zitiere:<\/p>\n<blockquote><p><em>Alle die noch wissen was Liebe ist,<br \/>\nalle die noch wissen was Hass ist<br \/>\nund was wir kriegen sollen<br \/>\nnicht das ist, was wir wollen<br \/>\nsollen aufstehn!<\/em><\/p>\n<p>Alle die nicht schweigen,<br \/>\nauch nicht wenn sich Kn\u00fcppel zeigen, sollen aufstehn!<br \/>\nDie zu ihrer Freiheit auch die Freiheit ihres Nachbarn brauchen sollen aufstehn!<br \/>\nAlle, f\u00fcr die Nehmen sch\u00f6n wie Geben ist<br \/>\nund Geldverdienen nicht das ganze Leben ist,<br \/>\ndie von ihrer Schw\u00e4che sprechen<br \/>\nund sich kein`n dabei abbrechen<br \/>\nsollen aufstehn!<\/p>\n<p>Alle Malermeister die die BILD nur nehm`n f\u00fcr`n Kleister sollen aufstehn,<br \/>\ndie den Banken nix verdanken ausser Raffgier ohne Schranken sollen aufstehn!<br \/>\nAlle Alten die stolz sind auf ihre Falten sollen aufstehn!<br \/>\nAlle Menschen, die ein bessres Leben w\u00fcnschen<br \/>\nsollen aufstehn!<\/p><\/blockquote>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern hab&#8216; ich mich in alte Zeiten versenkt, was ich sonst nie tue.\u00a0 Immer schon werfe ich gerne alles weg, was andere in Alben kleben und in verzierten K\u00e4stchen aufbewahren: Briefe, Bilder, all dieser &#8222;Nippes&#8220;, der sich so sammelt und dazu einl\u00e4dt, diese &#8222;Dinge mit Bedeutung&#8220; ab und an zu betrachten und in Erinnerungen zu [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[471,8],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/330"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=330"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/330\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=330"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=330"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=330"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}