{"id":328,"date":"2009-08-27T10:35:34","date_gmt":"2009-08-27T08:35:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=328"},"modified":"2009-08-28T08:58:16","modified_gmt":"2009-08-28T06:58:16","slug":"zwischen-echtzeitweb-und-altweibersommer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/08\/27\/zwischen-echtzeitweb-und-altweibersommer\/","title":{"rendered":"Zwischen Echtzeit-Web und Altweibersommer"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Irgendwann wird man dar\u00fcber schreiben, wie das user-generated Web 2.0 sich gegen Ende des ersten Jahrzehnts im neuen Jahrtausend immer schneller zu drehen begann, bis schlie\u00dflich selbst die eingefleischten Power-Nerds nicht mehr mithalten konnten und die News-Rezeption und -Reproduktion im Minutentakt entnervt aufgaben. Und der Name, bei dem das Unheil genannt werden wird, lautet \u201eRealtime-Web\u201c.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>So beginnt ein Artikel von <a href=\"http:\/\/webkompetenz.wikidot.com\/blog:47\">Stefan M\u00fcnz auf Webkompetenz,<\/a> der mich gestern Abend regelrecht &#8222;in den Bann geschlagen&#8220; hat.\u00a0 Er handelt vom immer schnelleren Kommunizieren, wie es die heutigen Web2.0-Tools &#8211; allen voran Twitter &amp; Co. &#8211; m\u00f6glich machen:<!--more--><\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Wer in diesem rasanten Fluidum publiziert, muss sich pausenlos mit allem m\u00f6glichen besch\u00e4ftigen, Input m\u00f6glichst schnell in scheinbar origin\u00e4ren Output umwandeln, und wie ein Artist die vielen schnell drehenden Teller auf Twitter, Facebook, FriendFeed und <a href=\"http:\/\/posterous.com\/\">Posterous<\/a> am Kreisen halten. Keine paar Minuten lang, sondern Tag f\u00fcr Tag. Schlafen, Mu\u00dfe, all das wird bei n\u00e4herem Hinsehen zu Zeit, in der man nicht zu den ersten geh\u00f6rt, die News entdecken, weitergeben und so schlau kommentieren, dass es andere wiederum retweeten. Ist man mal zwei Tage aus privaten oder beruflichen Gr\u00fcnden aus dem Flow herausgerissen, kommt man sich wie ein Penner vor, ein Ausgesto\u00dfener aus der Mitte der Informierten. Einer, der den Anschluss an die reale Zeit verloren hat. Fatal.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Erst f\u00fchlte ich mich noch recht unbetroffen und machte mich daran, das in einen Kommentar zu schreiben, der mit einer Distanzierung beginnt:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Ich f\u00fchl mich wahrlich nicht als &#8222;Nerd&#8220; und verweigere mich immer schon hartn\u00e4ckig den kleinen Fensterchen mit irgendwelchen Meldungen als Dauereinrichtung auf meinem PC. Mein Mitmachen ist noch immer bewusstes EINTAUCHEN in diese Streams, was mir am besten gelingt, wenn ich eigendynamisch eine Website ansurfe: das Twitter-Home ist quasi ein Ort in der Ortlosigkeit &#8211; und ich hasse es, wenn diese &#8222;Orts-Anmutung&#8220; verschwinden will!&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Doch w\u00e4hrend des Lesens und Schreibens konnte ich beobachten, wie ich mich im Echtzeit-Web verhedderte, wie ich gewohnheitsm\u00e4\u00dfig weiter meldete, was ich gerade las, noch bevor ich damit zu Ende war &#8211; und wie dann eine weitere halbe Stunde im Kampf mit den &#8222;Features&#8220; verging, die meine Konzentration und Aufmerksamkeit in alle Winde zerstreute.<\/p>\n<p>Widerstand leistete ich, indem ich die Kr\u00e4fte der Zerstreuung <a href=\"http:\/\/webkompetenz.wikidot.com\/blog:47#post-title-570118\">minuti\u00f6s beschrieb<\/a>, w\u00e4hrend sie mich gefangen hielten: das tat gut, gab&#8216; ein Gef\u00fchl der Selbstvergewisserung und der Macht, doch noch zumindest ein wenig selbst zu bestimmen, was gerade geschieht. Als lebensl\u00e4nglich Schreibende ist mir dieser Halt vertraut, doch &#8222;so richtig&#8220; funktioniert das in den rasenden Str\u00f6men der schier unendlich vielen Texte nicht mehr, sondern ist sogar kontraproduktiv: alles Geschriebene ist ja wieder eine Meldung, wird weiter getwittert, m\u00f6glicherweise kommentiert, bewertet, in andere Kontexte eingebettet und zitiert &#8211; und wer kann von sich schon ehrlich behaupten, dass ihm Resonanz komplett egal ist?<\/p>\n<p>Das ist der Angelhaken, an dem auch ich immer wieder h\u00e4ngen bleibe: Aufmerksamkeit, dieses in den \u00fcber alle Ufer tretenden Informationsstr\u00f6men immer knapper werdende Gut, erscheint &#8222;kostenlos&#8220; einsammelbar, wenn man nur die richtigen Tools schnell genug nutzt. Neben der Nachricht, dem neuen Text, der gerade angetroffenen interessanten Fundsache gewinnt das Weitersagen einen Stellenwert, der die Bedeutung des Inhalts, um den es geht, oft genug \u00fcbersteigt. <em>&#8222;Ich will es gar nicht wissen, nur weitersagen&#8220;<\/em> &#8211; so kokettierte einst Gottschalk in seiner Gummib\u00e4rchen-Werbung mit seinen Kritikern. Heute ist dieses Verhalten t\u00e4glich Brot unz\u00e4hliger Web 2.o-User: als &#8222;gute Info-Quelle&#8220; kann man ebenso gut, ja sogar besser JEMAND SEIN &#8211; das Material namens &#8222;Content&#8220; liegt ja \u00fcberall in gro\u00dfer F\u00fclle herum, man muss es nur aufgreifen und weiter melden: m\u00f6glichst schnell, m\u00f6glichst oft.<\/p>\n<h2>R\u00fcckzug in die physische Welt<\/h2>\n<p>Fast t\u00e4glich entziehe ich mich zur Zeit dem Druck der Info-Str\u00f6me und fahre im Lauf des Nachmittags in den <a href=\"http:\/\/www.das-wilde-gartenblog.de\/2009\/08\/09\/garten-im-morgenlicht\/\">Garten<\/a>. Bisher hab&#8216; ich darauf verzichtet, mir dort einen Netzzugang zu verschaffen, um &#8222;auf dem Laufenden zu bleiben&#8220;. Entgegen dem urspr\u00fcnglichen Plan werde ich auch dabei bleiben, denn der Garten erdet mich: nach einem Kaffe und ein bisschen Plaudern lege ich mich auf die Liege und schaue in den Himmel, lausche den V\u00f6geln, dem leisen Sound der fernen Stra\u00dfe und dem sanften Wispern der \u00dcberlandleitungen, die in einiger H\u00f6he \u00fcber das Gartenland f\u00fchren. Endlich hat der Kopf Zeit, die vielerlei Informationen und Eindr\u00fccke zu verarbeiten, ohne dass es w\u00e4hrendessen schon Neues zu tun, zu lesen, zu schreiben, zu melden g\u00e4be.<\/p>\n<p>Auch Stefan kennt die wundersame Wirkung des Kontakts mit der physischen Welt da drau\u00dfen und beschreibt sie mit fast poetischen Worten:<\/p>\n<blockquote><p><em>Vielleicht liegt es ja an der Jahreszeit. Der Sommer brennt sein Feuer ab. Sanft streicheln leichte Brisen die Haut. Die Sonne bestimmt mit flutendem Licht, wie die Dinge der Welt aussehen. Wenn man Orte meidet, an denen sich an solchen Tagen alles tummelt, hat man gute Chancen, in luftiges Denken zu geraten. Denken, das nicht im Dienst irgendeiner tagesaktuellen Entr\u00fcstung steht, oder f\u00fcr irgendeine \u00dcberzeugung k\u00e4mpft. Eher ein Schweben im bewussten Raum, m\u00fchelos und beliebig kreativ.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Zwischen den zerstreuenden Kr\u00e4ften des Realtime-Webs und der beruhigenden Versenkung ins &#8222;einfach da sein&#8220; muss ich die Mitte finden.  Ich bin guter Dinge, dass das nach einigen Startschwierigkeiten auch gelingt!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Irgendwann wird man dar\u00fcber schreiben, wie das user-generated Web 2.0 sich gegen Ende des ersten Jahrzehnts im neuen Jahrtausend immer schneller zu drehen begann, bis schlie\u00dflich selbst die eingefleischten Power-Nerds nicht mehr mithalten konnten und die News-Rezeption und -Reproduktion im Minutentakt entnervt aufgaben. 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