{"id":327,"date":"2009-08-21T11:34:20","date_gmt":"2009-08-21T09:34:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=327"},"modified":"2009-08-21T11:35:10","modified_gmt":"2009-08-21T09:35:10","slug":"gefuehle-und-bewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/08\/21\/gefuehle-und-bewegung\/","title":{"rendered":"Gef\u00fchle und Bewegung"},"content":{"rendered":"<p>Gedanken, Gef\u00fchle, K\u00f6rperempfindungen &#8211; das sind die drei Dimensionen, in denen wir haupts\u00e4chlich leben, bzw. wahrnehmen, dass wir leben. Dabei unterscheiden sich Gedanken und K\u00f6rperempfindungen in einem wichtigen Punkt von den Gef\u00fchlen: wir k\u00f6nnen durchaus mal umdenken bzw. etwas anderes denken, k\u00f6nnen auch auf den K\u00f6rper in vielfacher Weise einwirken &#8211; doch die Welt der Gef\u00fchle entzieht sich dem direkten Zugriff, da sind wir dem, was in uns vorgeht, erstmal einfach ausgeliefert.<\/p>\n<p>\u00c4rger, Wut, Gl\u00fccksgef\u00fchle, die &#8222;Schmetterlinge im Bauch&#8220; und viele andere Emotionen scheinen uns zuzusto\u00dfen, ausgel\u00f6st von den Umst\u00e4nden, Ereignissen und vom Verhalten anderer Menschen.\u00a0 Je nach Temperament und Sozialisierung reagierien wir spontan oder verhaltener, oder tragen sogar durchweg die Maske moderner &#8222;Coolness&#8220; &#8211; doch was tats\u00e4chlich gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig abgeht, das bestimmen wir nicht selbst. Sogar das Strafrecht ber\u00fccksichtigt die Machtlosigkeit gegen\u00fcber den eigenen Gef\u00fchlen durch die minder schwere Bestrafung einer &#8222;Tat im Affekt&#8220;.<\/p>\n<h2>Orientierung und Verfallenheit<\/h2>\n<p>Dass wir die Gef\u00fchle nicht direkt steuern k\u00f6nnen, ist gut so, denn sie sind es ja, die uns (neben den K\u00f6rperempfindungen) \u00fcberhaupt erst eine Navigation im Rahmen der schier unendlichen Eindr\u00fccke aus der Umwelt erm\u00f6glichen. Buddha beschrieb das Menschenwesen als &#8222;Leiden meidend, Freude suchend&#8220;: ein nat\u00fcrliches Verhalten, das unsere Welt und Gesellschaft entstehen l\u00e4sst, doch eben auch seine Nachteile hat, da es uns leicht berechen- und manipulierbar macht. Jedenfalls in dem Rahmen, in dem wir den Gef\u00fchlen einfach verfallen und entsprechend agieren.<!--more--><\/p>\n<p>F\u00fcr <strong>Buddha<\/strong> war es die &#8222;Erleuchtung&#8220;, die die sogenannte <a href=\"http:\/\/www.kielkopf.de\/pages\/karma.html#Kette\">Kette des bedingten Entstehens<\/a> durchschlagen konnte, denn dem Erleuchteten ist alles gleicherma\u00dfen g\u00fcltig: er ist frei vom Karma, frei, den Gef\u00fchlen zu folgen oder eben nicht. F\u00fcr <strong>Friedrich von Schiller<\/strong> gewinnt der Mensch erst seine <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/W%C3%BCrde\">W\u00fcrde,<\/a> wenn er sich willentlich \u00fcber seinen Naturtrieb erhebt: &#8222;Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit, und W\u00fcrde hei\u00dft ihr Ausdruck in der Erscheinung.&#8220;<\/p>\n<p>Schillers Herangehen ist das uns im Westen vertraute: Man sp\u00fcrt die Gef\u00fchlsimpulse, doch l\u00e4sst man sie erst nach einer &#8222;moralischen Filterung&#8220; zum Ausdruck kommen &#8211; oder eben nicht. Buddhas Weg ist radikaler: der Erleuchtete ist nicht mehr mit dem ICH, bzw. derjenigen Instanz identifiziert, die &#8222;die Gef\u00fchle hat&#8220;, sondern kann sie wie ein Tourist betrachten, ohne ihnen zu verfallen. <\/p>\n<h2>Vom Gef\u00fchlshunger der Onliner<\/h2>\n<p>Es gibt zwei Weisen, wie man indirekt auf Gef\u00fchle \u00c9influss nehmen kann: Durch k\u00f6rperliches Erleben (Bewegung, bewusstes Atmen, Sporteln etc.), sowie durch &#8222;anders denken&#8220;. <\/p>\n<ul>\n<li>Wer mies drauf ist, kann die Sauna besuchen oder einen Spaziergang \u00fcber eine sonnige Wiese machen &#8211; schon \u00e4ndert sich die Gef\u00fchlslage. Schneller gehts mit dem Griff zur Schokoladetafel, leider mit unangenehmen Folgen, wenn diese Art k\u00f6rperliche Kompensation des Leids zu oft gew\u00e4hlt wird. <\/li>\n<li>Im Denken kann ich meine Gef\u00fchle hinterfragen und negieren, kann sie vern\u00fcnftelnd klein reden, durch Umbewertungen (positiv denken) verwandeln oder auch einfach durch Nachrichten- und Medienkonsum &#8222;\u00fcberschreiben&#8220;.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wer nun, wie es ja heute viele tun, den Gro\u00dfteil des Tages k\u00f6rperlich auf einem B\u00fcrostuhl vor dem Monitor &#8222;einrastet&#8220;, verzichtet damit auf weite Teile des sinnlichen Erlebens. Abgeschirmt vom Wetter und reduziert in den Bewegungen f\u00e4llt das physische Sinneserleben als Gef\u00fchlsansto\u00df weitgehend aus. Umso wirkungsm\u00e4chtiger wird daf\u00fcr die mentale Ebene: Mit ein paar Mausklicks k\u00f6nnen wir durch verschiedene Gef\u00fchlswelten zappen &#8211; hier ein heftiger Schlagabtausch, dort eine brisante Nachricht mit &#8222;erregendem&#8220; Titel: ein Blick auf <a href=\"http:\/\/net-news-global.de\">NetNewsGlobal<\/a> liefert locker 50 Gr\u00fcnde, sich furchbar aufzuregen &#8211; und wer es drastischer mag, widmet sich den Video- und Bilderwelten, die Sch\u00f6nes und Abgr\u00fcndiges haufenweise ins Hirn schaufeln.  <\/p>\n<p>&#8222;Gef\u00fchle on Demand&#8220; treffen so auf einen Gef\u00fchlshunger, der dem Mangel an nat\u00fcrlicher Bewegung geschuldet ist. Die sogenannte &#8222;Internet-Sucht&#8220; und auch der oft erw\u00e4hnte &#8222;News-Junky&#8220; sind Ph\u00e4nomene, die sich aus der Unterversorgung mit Eindr\u00fccken und Herausforderungen in der physischen Realit\u00e4t erkl\u00e4ren. Da sitzen wir in unseren zivilisatorisch wattierten Monaden-Geh\u00e4usen und sehnen uns nach Aufregungen &#8211; etwas, das Buddha noch nicht kannte, denn so etwas wie &#8222;Leiden suchen&#8220; konnte damals noch nicht Bestandteil des Menschenbildes sein: es gab ja allt\u00e4gliches Leid genug.<\/p>\n<p>Wir bestehen zu <a href=\"http:\/\/www.inform24.de\/wasser.html\">50 bis 70% aus Wasser<\/a> &#8211; und eigentlich wei\u00df jeder, wie &#8222;stehendes Wasser&#8220; sich ver\u00e4ndert: es wird faulig und beginnt bald, zu stinken. Ganz dem entsprechend versinkt ein Mensch, der zuviel vor Monitoren sitzt, zunehmend in einer kaum bemerkten Grundstinkigkeit: es ist irgendwie zuwenig los und das wird dann eben mittels immer neuer Medieninhalte &#8222;verpflastert&#8220;. Je krasser, desto lieber, denn dabei kann man sich <a href=\"http:\/\/netzpolitik.org\/2009\/argumentieren-ist-besser-als-beschimpfen\/\">wunderbar erregen<\/a> und im folgenden Nachlassen der Erregung ein Gef\u00fchl der Entspannung erleben: fast so, als h\u00e4tte man &#8222;was Richtiges&#8220; erlebt. <\/p>\n<p>Dieses Erleben medial vermittelter Ereignisse verh\u00e4lt sich jedoch zum alle Ebenen umfassenden &#8222;Real Life&#8220; wie ein k\u00fcnstlich aromatisiertes Fertiggericht zum opulenten Gourmet-Men\u00fc mit der Geliebten bei Kerzenschein. Die Evolution wird noch einige Zeit brauchen, bis wir an ein &#8222;Medienleben&#8220; so angepasst sind, dass es zu keinen neurotischen Reaktionen mehr kommt &#8211; f\u00fcr uns Heutige zu sp\u00e4t. Wir m\u00fcssen also selber zusehen, dass wir k\u00f6rperlich nicht verk\u00fcmmern und bewusst den Ausgleich suchen &#8211; eine Einsicht, die mir als alte &#8222;Sport-Hasserin&#8220; nicht grade leicht fiel. :-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gedanken, Gef\u00fchle, K\u00f6rperempfindungen &#8211; das sind die drei Dimensionen, in denen wir haupts\u00e4chlich leben, bzw. wahrnehmen, dass wir leben. 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