{"id":3255,"date":"2001-06-21T12:52:35","date_gmt":"2001-06-21T10:52:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3255"},"modified":"2021-01-19T13:05:47","modified_gmt":"2021-01-19T12:05:47","slug":"die-kleinen-dinge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/06\/21\/die-kleinen-dinge\/","title":{"rendered":"Die kleinen Dinge"},"content":{"rendered":"<p>Tag 4 in Friedrichshain, endlich steht der Computer und alles, was dazugeh\u00f6rt fertig verkabelt auf (bzw. unter) dem funkelnagelneuen Schreibtisch. Was f\u00fcr ein Luxus! Soviel Platz hatte ich noch nie. Neben dem festgenagelten Dasein &#8211; H\u00e4nde auf der Tastatur, Augen Richtung Monitor &#8211; ist es jetzt m\u00f6glich, mich leicht nach links zu drehen und auf einer freien Fl\u00e4che &#8222;h\u00e4ndisch&#8220; zu schreiben, zu zeichnen, oder mich einfach an der Leere zu freuen. Angesichts der vielen Jahre, die ich schon vor Schreibtischen zubringe, ist es schon erstaunlich, wie lange es gedauert hat bis zu dieser optimierten L\u00f6sung!<!--more--><\/p>\n<p>Meine Hochachtung vor den sogenannten kleinen Dingen steigt, je \u00e4lter ich werde. M\u00f6bel finden, mit denen man sich wirklich wohl f\u00fchlt; Klamotten kaufen, die bequem sind, sich auf der Haut angenehm anf\u00fchlen und noch dazu gut aussehen; mit Genu\u00df essen, ohne dick zu werden oder an Vitaminmangel zu kranken &#8211; mir scheint, das sind die wahren Lebensaufgaben, nicht etwa Diplome, berufliche Erfolge oder leicht lernbares intellektuelles Wissen \u00fcber dies &#038; das. Lothar Reschke hat vor einigen Jahren mal ausf\u00fchrlich \u00fcber das Schuhe-putzen geschrieben. Du lieber Himmel, das fand ich nun wirklich \u00fcbertrieben, schon fast ordnungsfanatisch. Heute wei\u00df ich: Ja, an solchen Dingen h\u00e4ngt konkrete Lebensqualit\u00e4t &#8211; nur bez\u00fcglich der Schuhe bin ich leider auch jetzt noch nicht so weit ;-)<\/p>\n<p>Wenn ich mich mal in einen Kleiderladen verlaufe, dessen Zielgruppe so um die 20 oder j\u00fcnger ist, finde ich die Sachen gelegentlich optisch ganz schick &#8211; aber einmal anfassen reicht, um zu sp\u00fcren: Nach 20 Minuten w\u00fcrde ich unangenehm schwitzen in all dem Plastik und Kunststoff-Mischfaser-Zeug! Und ich erinnere mich: Hab ich denn als Teeny nicht unter diesen kratzenden oder schwei\u00dftreibenden Stoffen gelitten? Doch, schon, aber es war mir egal, es blieb unterhalb der Schwelle bewu\u00dften Wahrnehmens, denn andere Dinge waren unendlich viel wichtiger. Ob ich auch gut und vor allem &#8222;angesagt&#8220; aussehe, was die anderen von mir halten und ob mich dieser oder jener begehrenswert findet, solche Gedanken beherrschten mich, wenn ich mit meinen Peer Groups unterwegs war. Die unangenehmen Empfindungen durch die Klamotten verschwanden vollst\u00e4ndig hinter der viel gr\u00f6\u00dferen Angst, nicht anzukommen, vor allem beim anderen Geschlecht.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter dann, bei mir so ab 25, verschiebt sich der Fokus des Bewu\u00dftseins auf Ehrgeiz und Karriere. Ob man sich bestm\u00f6glich anpasst oder in Ablehnung bestehender gesellschaftlicher Werte seinen Weg geht, ist eigentlich egal. Man m\u00f6chte JEMAND sein, Plattformen besetzen und Standpunkte vertreten, Macht gewinnen oder mit Erkenntnis gl\u00e4nzen, vielleicht auch &#8222;die Welt retten&#8220; und anderen Menschen helfen &#8211; und noch immer hat das konkret Gegenst\u00e4ndliche keine Chance, bemerkt zu werden. Jahrelang lebte ich z.B. von Currywurst, Pizza, Kneipensnacks und Bier, meine Wohnung war ein Chaos und es ist durchaus vorgekommen, da\u00df ich mein Sweat-Shirt verkehrt herum anhatte. Schlie\u00dflich gab es Wichtigeres zu tun, weltbewegende Fragen &#8211; Politik, Kunst, Philosophie! &#8211; kreisten in meinem Kopf, f\u00fcr den allt\u00e4glichen Kleinkram war da nun wirklich kein Platz.<\/p>\n<p>Das ist nun auch schon wieder f\u00fcnfzehn Jahre her. Heute sitze ich in meinem \u00fcbersichtlichen neuen Zimmer, genie\u00dfe den Platz am vergr\u00f6\u00dferten Schreibtisch, freu&#8216; mich an den Blumen, die mir ein lieber Freund zum Einzug schickte, und wiege sage und schreibe zw\u00f6lf Kilo weniger als noch vor zwei Jahren, als ich aus Berlin Richtung Mecklenburg aufbrach. Ich bin nicht mehr wichtig, welch ein Gl\u00fcck, und auch nicht mehr &#8222;gewichtig&#8220;. Es f\u00fchlt sich wunderbar an, fast wie fliegen. Wenn ich mir die verlorenen Kilos als gut eineinhalb T\u00fcten Briketts vorstelle, dann wei\u00df ich genau, was ich jetzt nicht mehr durch die Tage schleppen und der Schwerkraft m\u00fchsam entgegen stemmen mu\u00df. (Wer mal einen Kohleofen hatte, wei\u00df, was ich meine).<\/p>\n<p>Fehlt nur noch der Netzanschlu\u00df, noch immer hab&#8216; ich keine Nachricht von der Telekom. Mittlerweile kenn&#8216; ich in fu\u00dfl\u00e4ufiger Entfernung immerhin schon vier Internet-Caf\u00e9s, ganz nette Gelegenheiten, um ein bi\u00dfchen vom Kiezleben mitzubekommen. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/P1010086.jpg\" alt=\"Simon-Dach-Stra\u00dfe\" width=\"1600\" height=\"1200\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3256\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/P1010086.jpg 1600w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/P1010086-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/P1010086-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/P1010086-500x375.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 1600px) 100vw, 1600px\" \/><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag 4 in Friedrichshain, endlich steht der Computer und alles, was dazugeh\u00f6rt fertig verkabelt auf (bzw. unter) dem funkelnagelneuen Schreibtisch. 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