{"id":3254,"date":"2001-06-19T12:50:50","date_gmt":"2001-06-19T10:50:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3254"},"modified":"2021-01-19T13:15:51","modified_gmt":"2021-01-19T12:15:51","slug":"angekommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/06\/19\/angekommen\/","title":{"rendered":"Angekommen!"},"content":{"rendered":"<p>Berlin-Friedrichshain, Tag 2. Der Umzug ist geschafft, sogar die Kartons sind schon alle im Keller. Ich f\u00fchle mich wie nach einem schier endlos langen Urlaub auf dem Land: endlich wieder daheim! An der Stra\u00dfenkreuzung seh&#8216; ich einen Punk, der seine Freundin in einem mit Kissen ausgepolsterten Einkaufswagen vor sich her schiebt, sie tr\u00e4gt rosa-gr\u00fcn geringelte Str\u00fcmpfe und hat ein Bein in Gips. Wie mir solche Anblicke doch gefehlt haben!<!--more--><\/p>\n<p>Die neue Wohnung freut mich: ein gro\u00dfes Zimmer f\u00fcr jeden, eine ger\u00e4umige Wohnk\u00fcche zum Hof hin, gro\u00df genug, dass neben dem Esstisch auch noch mein altes Sofa reinpasst. Wenn ich da liege, sehe ich auf eine riesige Pappel und viel Himmel, erinnert ein bi\u00dfchen an Mecklenburg. Jedes Zimmer hat einen eigenen Zugang zum Balkon, von dem aus man ein St\u00fcck vom Boxhagener Platz sehen kann, die &#8222;gr\u00fcne Lunge&#8220; vom Kiez. Und gleich um die Ecke liegt ein altberliner Friedhof, ruhig, gr\u00fcn und voller gro\u00dfer Kastanien. F\u00fcr einen Gr\u00fcnfl\u00e4chen-armen Innenstadtbezirk eine 1a-Lage!<\/p>\n<p>Noch bin ich ohne Telefonanschlu\u00df, ohne Netz und sogar ohne Schreibtisch. Der ist n\u00e4mlich in Gottesgabe geblieben, war eh nur geliehen, nachdem ich meinen alten f\u00fcr den H\u00fchnerstall gespendet hatte. Also heut morgen kurz zu IKEA gefahren, wo ich dem Neuerungsdrang verfallen bin und anstatt einer schlichten Tischplatte &#8222;Ammon&#8220; mit irgendwelchen B\u00f6cken das Modell &#8222;Effektiv&#8220; erstand: \u00dcber Eck, leicht geschwungen &#8211; leider wird erst am Donnerstag geliefert, was mich erstmal in Schreck versetzt hat. Kein Diary bis dahin? Keine Webseiten bauen? Nein!!! Und so sitze ich hier vor einem B\u00fcrocontainer, auf dem Monitor und Tastatur ganz knapp Platz finden. Nicht gerade super-bequem, aber besser als nichts. Ganz in der N\u00e4he sind drei Internet-Caf\u00e9s, bis dahin mu\u00df ich die Daten eben auf Diskette tragen, kein Problem.<\/p>\n<p>Es ist ziemlich laut, verglichen mit der absoluten Ruhe in Gottesgabe, wo man sich bei jedem unbekannten Ger\u00e4usch fragte: Was ist das jetzt? Die Sanierung der Gr\u00fcnderzeitbauten, die hier voll im Gang ist, geht nicht lautlos \u00fcber die B\u00fchne. Eine Stra\u00dfe weiter f\u00e4hrt eine Stra\u00dfenbahn, die ich deutlich h\u00f6ren kann. Menschen und Hunde, die ungef\u00e4hr gleich h\u00e4ufig vorkommen, sind auch nicht immer leise. Aber seltsamerweise macht mir das alles nichts, ich f\u00fchle mich kein bi\u00dfchen genervt, schaue sozusagen nur &#8222;journalistisch&#8220; auf den L\u00e4rm. Und das neutralisiert ihn offensichtlich, er trifft ihn mir auf keinen Widerstand. Da ist im Moment niemand, der dem L\u00e4rm gleich ver\u00e4rgert entgegenruft: Du widerlich lautes Ger\u00e4usch, kannst du mich nicht in Ruhe lassen?<\/p>\n<p>Von den Schmerzforschern kann man immer wieder lesen, da\u00df es auf die Einstellung ankommt, wie intensiv, bzw. wie schmerzhaft eine physische Sensation wahrgenommen wird. Wer schon die kleinste Regung des eigenen Organismus als unversch\u00e4mte Eigendynamik eines nicht ausreichend beherrschten Territoriums wahrnimmt, wird das leiseste Kitzeln hoch alarmiert als erstes Anzeichen der sich ank\u00fcndigenden Todeskrankheit betrachten. Die vielleicht allzu heftige oder sonstwie tollpatschige Umarmung eines lang entbehrten Freundes erscheint dagegen locker als die reine Wonne. Man k\u00f6nnte die Beispiele unterhaltsam fortsetzen &#8211; aber leider sitz ich hier so unbequem vor dem Container, das ist heut&#8216; nicht mehr drin. Der rote Fadem mu\u00df gen\u00fcgen.<\/p>\n<p>Die Frage ist: Kann ich beeinflussen, wie ich etwas wahrnehme? Ob ich es erleide oder genie\u00dfe &#8211; oder es eben rein &#8222;journalistisch&#8220; betrachte, was im Ergebnis ein &#8222;Weder &#8211; noch&#8220; bedeutet. (Es w\u00e4re doch gro\u00dfartig, w\u00e4hrend des Sterbens einfach nur zu bemerken: Wow, der Atem h\u00f6rt jetzt wirklich auf. Ich ersticke, wie interessant! Mal sehen, was weiter passiert&#8230;)<\/p>\n<p>Durch Beobachtung der Ver\u00e4nderungen, die der K\u00f6rper durchl\u00e4uft, w\u00e4hrend ich lustvolle oder schmerzhafte psychische Erlebnisse &#8222;habe&#8220;, bin ich in die Lage versetzt worden, dieses Zusammenspiel zu manipulieren. Der Weg dahin ging \u00fcber das Beobachten des K\u00f6rpers im Hatha-Yoga: Die Beobachtung beginnt zwar beim K\u00f6rper und nutzt ihn als Ankerpunkt, breitet sich aber auf alle Ebenen aus. Und wie seltsam: Durch bestimmte Formen des Bewegens und Atmens kann ich in Agressivit\u00e4t, Wut oder Trauer geraten, durch andere in Euphorie, Lust, Optimismus oder Abenteuerlust. Es liegt nahe, das dann umgekehrt zu nutzen: Ein Gef\u00fchl wird unertr\u00e4glich? Muss ich mir nicht endlos &#8218;reinziehen, das diskreiere ich mit ein paar Atemnz\u00fcgen (ich verk\u00fcrze, der rote Faden muss reichen.. :-).<\/p>\n<p>So weit, so gut. Im realen Leben nutze ich das kaum, es gen\u00fcgt, zu wissen, dass es m\u00f6glich w\u00e4re. Schlie\u00dflich will ich die Wirklichkeit erleben und nicht das, was ich mir in Abwehr der Wirklichkeit zusammenzaubere. Ich wei\u00df nicht, wer es gesagt hat, zitiere also ohne Namen: &#8222;Geistige Gesundheit ist, zwanzig M\u00f6glichkeiten zu wissen, einen Liebeskummer abzustellen &#8211; und auf alle zu verzichten.&#8220;. Das trifft ganz gut, was ich meine.<\/p>\n<p>Dar\u00fcberhinaus gibt es Gef\u00fchlsreaktionen, die ich nicht \u00e4ndern kann und auch nicht \u00e4ndern wollte: Wenn z.B. jemand seine Macht \u00fcber Menschen oder Tiere mi\u00dfbraucht, f\u00fchle ich Wut und Trauer, je nachdem. Dieser emotionale Automatismus, den ich nicht selbst geschaffen habe, ist f\u00fcr mich Wirklichkeits-stiftend. Er sagt mir &#8218;was \u00fcber die Welt, in diesem Fall etwas Gutes. W\u00e4re das Gef\u00fchl v\u00f6llig in meiner Verf\u00fcgungsgewalt, dann w\u00fc\u00dfte ich nicht, wo da noch Welt sein sollte. Und &#8222;ich&#8220; bin doch allenfalls ein Spiegel der Welt, ein Knoten im Netz, gezogen von 10.000 F\u00e4den, nichts Substanzielles jedenfalls.<\/p>\n<p>Mir scheint, dieser Monolog verl\u00e4uft in \u00e4hnlichen Bahnen wie die derzeitige Gentechnik-Diskussion. Wenn wir den Menschen selber gentechnisch zusammenbasteln (verk\u00fcrzt, ja ja&#8230;), was wird dann aus der Frage &#8222;Was ist der Mensch?&#8220; oder &#8222;Wer bin ich?&#8220;<\/p>\n<p>So, f\u00fcr jetzt ist&#8217;s genug, bin sowieso in Gedankenspiele geraten, die ich so nicht vorhatte. Tag 2 in Friedrichshain ist jedenfalls super!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin-Friedrichshain, Tag 2. Der Umzug ist geschafft, sogar die Kartons sind schon alle im Keller. Ich f\u00fchle mich wie nach einem schier endlos langen Urlaub auf dem Land: endlich wieder daheim! 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