{"id":3252,"date":"2001-06-16T12:43:58","date_gmt":"2001-06-16T10:43:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3252"},"modified":"2021-01-19T12:47:30","modified_gmt":"2021-01-19T11:47:30","slug":"ueber-das-maennliche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/06\/16\/ueber-das-maennliche\/","title":{"rendered":"\u00dcber das M\u00e4nnliche"},"content":{"rendered":"<p>In jedem Fr\u00fchling erscheinen neue B\u00fccher und Rezensionen \u00fcber M\u00e4nner. Offensichtlich gibt es da immer noch jede Menge zu reflektieren. Mann ist sich selber ein Problem, genau wie Frauen sich lange Zeit mit Geschlechtsrollen auseinander setzten &#8211; nur: Mann hat irgendwie schlechtere Karten, zumindest ideologisch betrachtet. Ein paar tausend oder hunderttausend Jahre Patriarchat (\u00fcber Zeitr\u00e4ume will ich nicht streiten) sind nicht so ganz easy wegzustecken, zumal eine Gleichverteilung von Macht und Einfluss zwischen den Geschlechtern auch heute nicht \u00fcberall verwirklicht ist.<\/p>\n<p>Ich sp\u00fcre immer wieder, vor allem bei M\u00e4nnern meiner Generation (Post-68er) und den \u00c4lteren, dass sie das M\u00e4nnliche verurteilen: In der Welt, wo es vorgeblich so viel Schaden anrichtet (Krieg, Unterdr\u00fcckung, Umweltzerst\u00f6rung&#8230;) und nat\u00fcrlich auch in sich selbst. Dass einige &#8211; anstatt psychisch stets Trauer zu tragen &#8211; dann in einen offensiven Machismo oder resignierten Zynismus verfallen, kommt gelegentlich vor, ist aber auch nur Reaktion. Ganz beil\u00e4ufig gilt vielen das M\u00e4nnliche als das B\u00f6se und Zerst\u00f6rerische &#8211; im Unterschied zum rundum positiv erscheinenden Weiblichen. So schreibt mir zum Beispiel ein guter Freund \u00fcber Wissenschaft:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Im Westen ist die Wissenschaft (und Technik) eine m\u00e4nnliche Wissenschaft &#8211; im Osten ist sie eine weibliche: Mitgef\u00fchl, Liebe, Einf\u00fchlung, Gewaltlosigkeit, Akzeptanz, Selbstbescheidung &#8211; dagegen: Wille, Durchsetzungskraft, Ego, Selbstsucht, Unabh\u00e4ngigkeit, Auflehnung.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Arme M\u00e4nner, kann ich da nur sagen! Moralisch v\u00f6llig unten durch. Ich glaube aber nicht, dass der Geschlechterkampf enden kann, solange M\u00e4nner und Frauen eine der beiden Seiten in sich diskriminieren.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher suchte ich selber immer den &#8222;Menschen im Mann&#8220;, als w\u00e4re der Mann etwas zu \u00dcberwindendes, ein archaischer Restbestand, bedauerlicherweise noch wirkungsm\u00e4chtig. Heut&#8216; freu&#8216; ich mich \u00fcber jedes bi\u00dfchen &#8222;Mann&#8220;, das noch in der Packung ist! Und wenn die M\u00e4nner selber das M\u00e4nnliche an sich m\u00f6gen, ist es noch besser.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist alles, was man jeweils als m\u00e4nnlich oder weiblich zu fassen meint, &#8222;nur&#8220; eine Zuschreibung &#8211; gefestigt durch Jahrhunderttausende Tradition, oder meinetwegen auch codiert in den Genen&#8230; Doch jede und jeder tr\u00e4gt alles in sich und muss &#8211; zugunsten des eigenen Seelenheils &#8211; die je andere Seite in sich finden und lieben lernen.<\/p>\n<p>Ich brauche mir nur die Urszene vor Augen f\u00fchren, um zu erkennen, wie diese Traditionen und Zuordnungen entstanden sind, davon ausgehend, dass Menschen &#8222;urspr\u00fcnglich&#8220; (nicht historisch, sondern absolut: bevor je ein Mann und eine Frau einander begegneten und aneinander zu Vater und Mutter wurden) gleich sind, und keine verschiedenen Tierarten, die sich zuf\u00e4llig miteinander paaren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Urszene: Frauen werden schwanger und bekommen abh\u00e4ngige, pflegebed\u00fcrftige Kinder. Wesen, die einige Zeit an ihnen h\u00e4ngen bleiben, das ist ja bei allen S\u00e4ugetieren so. Dadurch teilt sich automatisch eine Arbeit das aller erste Mal: Die einen k\u00fcmmern sich um die Kinder, die anderen passen auf, dass kein Angreifer kommt, bzw. bek\u00e4mpfen die Angreifer, sofern doch welche kommen. (Da\u00df man sich dabei langweilen kann und selber mal losgeht, &#8218;r\u00fcber zur n\u00e4chsten Horde, wo die anderen Frauen sind, ist auch verst\u00e4ndlich..)<\/p>\n<p>Beides ergibt gleich \u00fcberlebenswichtige, unverzichtbare und moralisch v\u00f6llig gleich zu bewertende Eigenschaften: das K\u00e4mpferische am Mann, Beziehungswerte bei der Frau. Die Grundfrage des Mannes ist immer: &#8222;Was droht? Will mir hier einer an den Karren fahren? Wo steht der Feind?&#8220; Und die weibliche Frage hei\u00dft: &#8222;Schadet das der Beziehung?&#8220; (was immer es ist, das kann gut auch mal der Weltuntergang sein&#8230;).<\/p>\n<p>Weil alle Menschen eine Mutter haben und also zun\u00e4chst von Beziehungswerten existieren, ist es leicht zu erkl\u00e4ren, dass dieses Beziehungsverhaftete (=weibliche) als das grunds\u00e4tzlich Gute, Wahre und Sch\u00f6ne durchgeht, zumindest in der ganz individuellen Erfahrung sich so einpr\u00e4gt. Wogegen das M\u00e4nnliche erst sp\u00e4ter bemerkt wird. Dazu mu\u00df n\u00e4mlich der Verstand schon erwacht sein, bevor das Kind den v\u00e4terlichen Anteil am \u00dcberleben (=die erfolgreiche Verteidigung, das Siegen im Kampf) \u00fcberhaupt bemerken kann. Hier ist der &#8222;abwesende Vater&#8220; noch der GUTE Vater.<\/p>\n<p>Dazu gibt es auch eine pers\u00f6nliche Geschichte. Rein vom Denken kommt der Friede leider nicht, und deshalb erz\u00e4hl&#8216; ich die hier, ganz kurz:<\/p>\n<p>Als \u00e4lteste Tochter eines Vaters, der Frauen eigentlich hasste, war mir das alles nicht leicht gemacht, der Umgang mit Geschlechtsrollen mehrfach &#8222;ver-r\u00fcckt&#8220;. Er behandelte mich eher wie einen Sohn, verlangte vor allem St\u00e4rke und &#8211; wenn das schon nicht klappte &#8211; wenigstens Intellekt. (Wissenschaft ist vom Mann her gesehen also schon zweite Wahl) Er diskriminierte das Weibliche im mir, wollte nicht mal, dass ich mir die Haare wachsen lasse. Ganz sp\u00e4t erst wurde mir klar, dass er so reagieren musste, weil er mit seinen sexuellen Gef\u00fchlen gegen\u00fcber der Tochter nicht zurecht kam (und sich f\u00fcr diese auch noch verachtete&#8230;) .<\/p>\n<p>Im Ergebnis lebte ich in der ersten Lebensh\u00e4lfte fast nur den m\u00e4nnlichen Aspekt, ohne dass ich das als &#8222;das M\u00e4nnliche&#8220; h\u00e4tte anerkennen k\u00f6nnen: das Zupackende, Aktive, ja, Agressive und K\u00e4mpferische, mutiges, gelegentlich selbstzerst\u00f6rerisches Kriegertum eben. Und ich k\u00e4mpfte &#8211; einig mit der Frauenbewegung &#8211; gegen die Zuschreibung, die diese Eigenschaften als m\u00e4nnlich betrachtet, sozusagen okkupiert und uns vermeintlich vorenth\u00e4lt. Eine Einstellung, die uns auch noch als &#8222;unweiblich&#8220; dastehen l\u00e4sst, wenn wir uns f\u00fcr eine gute Sache einsetzen&#8230; Schlie\u00dflich ist eine L\u00f6win, die ihre Jungen verteidigt, auch recht k\u00e4mpferisch!<\/p>\n<p>Als ich mit der &#8222;m\u00e4nnlichen&#8220; Art dann so Mitte drei\u00dfig nur noch an W\u00e4nde lief und schlie\u00dflich das K\u00e4mpfen erstmal von mir abfiel, \u00e4nderte sich alles grundst\u00fcrzend. Ich erkannte die &#8222;weibliche&#8220; Seite der Welt, befand mich mitten drin, stellte auf einmal fest, dass ich nun Eigenschaften meiner Mutter lebte, die mir sogar als gro\u00dfer &#8222;Fortschritt&#8220; erschienen. Es dauerte allerdings ein paar Jahre, bis ich im neuen Leben die neuen Werte als &#8222;weiblich\/m\u00fctterlich&#8220; erkennen konnte, ich verstand es eher als eine Art Erleuchtungsfortschritt. (ja, lacht nur!).<\/p>\n<p>Erstaunlich war, dass meine &#8222;F\u00fchrungskraft&#8220; in Gruppen und Arbeitszusammenh\u00e4ngen dadurch gewonnen und nicht etwa verloren hatte. Es ging jetzt nicht mehr darum, mich durchzusetzen oder meine Stellung zu behaupten (&#8222;Wer will mir hier an den Karren fahren?&#8220;), sondern ich konnte jetzt anstrengungslos von mir absehen und &#8211; ganz unverbissen &#8211; einer Sache bzw. einer Gruppe dienen. Auf einmal hatte ich auch keine Angst mehr, wom\u00f6glich als &#8222;autorit\u00e4r&#8220; angesehen zu werden, was mich vorher immer schreckte, wenn ich mal wieder irgendwo sagte, wo&#8217;s denn lang gehen soll. (Seltsamerweise hat mich niemals mehr wieder jemand als autorit\u00e4r bezeichnet.)<\/p>\n<p>In einer Gestalt-Therapiegruppe hatte ich zu dieser Zeit Erlebnisse, die mich das M\u00e4nnliche in Reinform (bzw. das, was es f\u00fcr mich ist), in mir selbst sehen und sp\u00fcren lie\u00dfen. Ich sah mich in einem gef\u00fchlsgeladenen inneren Bild als Kriegerin &#8211; und fand mich wunderbar! Sah mich gleichzeitig von au\u00dfen (als moralische Instanz, ganz wach) und sp\u00fcrte das wunderbare Gef\u00fchl, das man (und auch frau) haben kann, wenn der Kampf beginnt.<\/p>\n<p>Das ist, wenn man das Visir herunterklappt und es wirklich los geht! Dann ist das Diskutieren n\u00e4mlich zu Ende, sei es, um sich mit Gruppen abzustimmen, sei es im eigenen inneren Dialog der Rechtfertigungen und Abw\u00e4gungen. Das Visir klappt zu und jetzt geht es nur noch um eines: Gewinnen, siegen! Und man ist ganz allein, ganz auf sich selbst gestellt, nicht einmal mehr Gott ist da gefragt, wenn die volle Aufmerksamkeit allein auf den Gegner und dessen Niederringen gerichtet ist. (Der meldet sich allenfalls hilfreich zu Wort, wenn man zweifelt und sich nicht traut, wie etwa bei Arjuna in der Baghavadgita)<\/p>\n<p>Durch das Visir sieht man die Welt nur noch durch kleine Schlitze, ein sch\u00f6nes Symbol. Es ist eine spezifische geistige Verengung, die daf\u00fcr n\u00f6tig ist, k\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen. Man gibt dabei sehr viel auf, was den Menschen ausmacht, und wir k\u00f6nnten es gar nicht leisten, w\u00fcrden wir uns dabei nicht auch ein St\u00fcck weit selbst erfahren und verwirklichen &#8211; indem wir in jedem Kampf neu dem Tod und dem Unbekannten entgegen treten.<\/p>\n<p>Es ist die &#8211; schreckliche UND sch\u00f6ne &#8211; andere Seite derselben Verengung, f\u00fcr die &#8222;das Weibliche&#8220; steht: Beziehung als oberster Wert, also pers\u00f6nliche Liebe, Bindung, F\u00fcrsorge, Hingabe. Aspekte, ohne die die Welt nicht bestehen k\u00f6nnte, aber gleichzeitig so beschr\u00e4nkt &#8211; genau gleich beschr\u00e4nkt wie das Kriegerische.<\/p>\n<p>Heute liebe ich das M\u00e4nnliche in der Welt, seit ich eben wei\u00df, dass es die eine, unverzichtbare H\u00e4lfte ist, die aber ohne die andere wenig Gl\u00fcck zustande bringt, genau wie umgekehrt.<\/p>\n<p>Im Lauf des Lebens &#8211; so kommt es mir wenigstens vor &#8211; geht der Gang eher vom M\u00e4nnlichen hin zum Weiblichen, oder besser und weit richtiger: das M\u00e4nnliche geht von au\u00dfen (=Front) nach innen, das weibliche den umgekehrten Weg. Im besten Fall wirke ich dann nach au\u00dfen weich, harmonisch, liebevoll &#8211; doch im Inneren ist gro\u00dfe Klarheit und St\u00e4rke, unkorrumpierbar, ohne Wahl.<\/p>\n<p>Was die Welt im Ganzen angeht, wundere ich mich nicht, dass ein paar wenige Jahrhunderte noch nicht alles ge\u00e4ndert haben &#8211; aber die Zeit arbeitet f\u00fcr den Ausgleich, f\u00fcr das Weibliche, denn Beziehungswerte werden immer wichtiger. Gerade in einer globalisierten und immer mehr vernetzten Wirtschaft.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In jedem Fr\u00fchling erscheinen neue B\u00fccher und Rezensionen \u00fcber M\u00e4nner. Offensichtlich gibt es da immer noch jede Menge zu reflektieren. Mann ist sich selber ein Problem, genau wie Frauen sich lange Zeit mit Geschlechtsrollen auseinander setzten &#8211; nur: Mann hat irgendwie schlechtere Karten, zumindest ideologisch betrachtet. 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