{"id":3250,"date":"2001-06-14T12:40:58","date_gmt":"2001-06-14T10:40:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3250"},"modified":"2021-01-19T13:18:43","modified_gmt":"2021-01-19T12:18:43","slug":"mehr-chaos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/06\/14\/mehr-chaos\/","title":{"rendered":"Mehr Chaos"},"content":{"rendered":"<p>Mehr vom Chaos soll ich schreiben, mailt mir eine Leserin. Dabei bin ich doch so froh, dass es bis jetzt nicht \u00fcberhand nimmt! Ich beobachte es genau, denn Chaos macht mir Angst, zumindest erinnere ich mich gut an Zeiten, in denen die Angst vor dem Chaos &#8211; und damit das Chaos selbst &#8211; mein Leben bestimmte.<\/p>\n<p>Heute wei\u00df ich: Chaos verhindert man nicht mit dem Kopf, im Gegenteil, der Verstand macht es nur schlimmer. Das f\u00e4ngt schon bei den kleinen Dingen an, wie etwa mit der Ordnung auf dem Schreibtisch, in der Wohnung oder auch auf der Festplatte. Gro\u00dfe Aufr\u00e4umaktionen bringen nichts, feste Vors\u00e4tze, in Zukunft die mal eben eingef\u00fchrte &#8222;neue Ordnung&#8220; pingelig einzuhalten, laufen ins Leere. (Wer z.B. seine Festplatte aufr\u00e4umt, wird schnell feststellen, da\u00df man danach nichts mehr findet.) Der jeweilige Grad der Ordnung oder Unordnung, die mich umgibt, entspricht mir, das kann ich nicht im Hau-Ruck-Verfahren \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Was funktioniert, sind kleine &#8222;Work-Arounds&#8220;. Weil ich z.B. keine Ordnung in den Gegenst\u00e4nden halten kann, trenne ich mich von allem, was ich nicht wirklich brauche. Was weg ist, kann sich nicht zu un\u00fcbersichtlichen Ramschecken anh\u00e4ufen. Was \u00fcbrig bleibt, kann ruhig kreuz und quer liegen, ich blick immer noch durch, weil es eben nicht mehr viel ist. Und Aufr\u00e4umen ist dann eine Sache von f\u00fcnf Minuten, wenn mal alles richtig gut aussehen soll, weil Besuch kommt.<\/p>\n<p>Solange ich dieses &#8222;Gut aussehen&#8220; nicht selbst im t\u00e4glichen Leben vermisse, werde ich es auch nicht dauerhaft herstellen. Kleine Fortschritte gibt es ja durchaus, immerhin BRAUCHE ich heute diese Transparenz, die keine Dreckecken mehr duldet. Und auf meinen Webseiten herrscht sowieso Ordnung, mehr, als ich je im physischen Raum verwirklichen konnte. Vielleicht, weil Webseiten vor allem Kopfprodukte sind? Liegt nahe, stimmt aber auch nicht: Unordnung auf Webseiten tut mir einfach weh, falsche Proportionen, unklare Navigation &#8211; der reine Horror! Es wundert mich selbst, da\u00df sich dieses Gef\u00fchl nicht beim Anblick meiner gegenst\u00e4ndlichen Umgebung einstellt. Vielleicht schau&#8216; ich einfach zu selten hin! Die 1024 mal 768 Pixel auf dem Monitor sind ja so viel leichter und anstrengungsloser in den Griff zu bekommen&#8230; ;-)<\/p>\n<p>Ein Philosoph w\u00fcrde jetzt vielleicht einwerfen: Je mehr Menschen sich mit der Gestaltung von Medien befassen, desto chaotischer wird die Welt.<\/p>\n<h2>Es geht los..<\/h2>\n<p>Am Montag zieh&#8216; ich nun wirklich um. Wir haben uns jetzt doch daf\u00fcr entschieden, den Umzug machen zu lassen &#8211; und zwar von derselben schnellen t\u00fcrkischen Firma, die uns auch hier &#8218;rausgebracht hat. Der R\u00fcckzug nach zwei Jahren kostet 500 Mark mehr, aber was soll&#8217;s. Selber einen Laster mieten, selber Schilder beantragen und aufstellen, Hilfskr\u00e4fte von der Jobvermittlung organisieren und selber schwer schleppen? Es ist gut, dass es auch anders geht, ich bin halt nicht mehr zwanzig. Der Break zwischen der hiesigen Welt der Stille, umgeben von Natur, Tieren und Pflanzen, zur\u00fcck in die laute Mitte Berlins ist eh so heftig, da\u00df ich mich im \u00c4u\u00dferen dabei gern so wenig wie m\u00f6glich anstrenge. Gegen das Chaos hilft n\u00e4mlich am besten, recht nah bei sich zu sein, in sich hineinzulauschen, was denn los ist &#8211; und wenn ich schwitze und schwer schleppe, gerate ich einfach &#8222;au\u00dfer mir&#8220;.<\/p>\n<p>In diesen letzten Tagen erlebe ich Anf\u00e4lle von Abschiedsschmerz. Alles erscheint auf einmal sch\u00f6ner denn je. Draussen vor der Saunalandschaft in der Sonne liegen, gegen\u00fcber der Wald, in den L\u00fcften kreist ein Adler&#8230; Morgens der Weg zum Zigarettenautomt, das immer schlafend wirkende Dorf ganz still, nur die V\u00f6gel zwitschern, der Wind streichelt mich, die klare Luft und das Gr\u00fcn \u00fcberall &#8211; werde ich das nicht furchtbar vermissen?<\/p>\n<p>Wenn es dann im Kopf so auf die \u00fcbliche automatische Weise weiterdenkt: Hast du das richtige gew\u00e4hlt? Bist du sicher, dass es gut ist, wieder in die Stadt zu ziehen? &#8211; dann sage ich &#8222;Stop!&#8220;. Diese Zweifel haben nichts mit dem realen Leben zu tun, wie ich es von Augenblick zu Augenblick f\u00fchle. Im Denken will man immer &#8222;das Andere&#8220; und au\u00dferdem alles auf einmal und gleichzeitig &#8211; nur, um wieder an Anderes zu denken, wenn man wirklich etwas &#8222;hat&#8220;. Dem sitze ich nicht mehr auf. Nicht &#8222;ich&#8220; habe auf einmal beschlossen, in die Stadt zu ziehen. Es hat sich als Stimmung angebahnt, als Leiden, als Gef\u00fchl, als Verlangen, dann als Gespr\u00e4ch mit meinem Lebensgef\u00e4hrten, und nach und nach war es klar: Ich gehe zur\u00fcck &#8211; und doch nach vorn, denn wie ich jetzt schon wei\u00df, ist die Stadt nicht mehr diesselbe Stadt. Sie ist im Gegenteil ganz neu f\u00fcr mich, vermutlich, weil ich eine andere bin als die, die damals voller \u00dcberdruss Berlin verlassen hat.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEreignisse geschehen, Handlungen erfolgen.\u201c<\/p><\/blockquote>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehr vom Chaos soll ich schreiben, mailt mir eine Leserin. Dabei bin ich doch so froh, dass es bis jetzt nicht \u00fcberhand nimmt! 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