{"id":3249,"date":"2001-06-12T12:39:25","date_gmt":"2001-06-12T10:39:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3249"},"modified":"2021-01-19T12:40:38","modified_gmt":"2021-01-19T11:40:38","slug":"das-chaos-beginnt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/06\/12\/das-chaos-beginnt\/","title":{"rendered":"Das Chaos beginnt"},"content":{"rendered":"<p>Bisher schien es so, als w\u00fcrde dieser Umzug wie am Schn\u00fcrchen klappen. Aber das kann ja eigentlich nicht sein, ich h\u00e4tte es wissen m\u00fcssen. Gestern also nach Berlin gefahren, um einen Termin mit der Telekom wahrzunehmen: ab 13 Uhr, Einrichten des ISDN-Anschlusses. Ha, ich sa\u00df also wartend in der leeren Wohnung und p\u00fcnktlich um 13 Uhr fuhr tats\u00e4chlich ein Telekom-Bus vor. Nur: Der war nicht f\u00fcr mich gekommen, sondern f\u00fcr Leute aus dem f\u00fcnften Stock, Mieter, die nun ihrerseits nicht zuhause waren, so da\u00df der arme Monteur unverrichteter Dinge wieder abziehen mu\u00dfte. Bis halb sechs blieb ich dann noch dort, gew\u00f6hnte mich an die neue Lautst\u00e4rke, schob im Geiste M\u00f6bel hier und dahin und \u00e4rgerte mich \u00fcber die nutzlos gefahrenen 500 Kilometer. Zwischenzeitlich hatte sich auch herausgestellt, da\u00df die Telefonanlage im Heizungskeller liegt, zu dem ich keinen Schl\u00fcssel habe. Klar doch, es hat eine umfangreiche Wohnungs\u00fcbergabe mit drei Seiten Protokoll gegeben, aber dass ein Mieter auch ein Telefon braucht, war dem Mitarbeiter der Hausverwaltung nicht aufgefallen.<!--more--><\/p>\n<p>Vermutlich war der Telekom-Mensch ja mit dem falschen Lieferschein unterwegs. Dabei hatte ich mich noch gefreut, wie problemlos sich das alles managen l\u00e4\u00dft, wenn man die Service-Nummer der Telekom &#8222;f\u00fcr Gesch\u00e4ftskunden&#8220; anruft. Denkste! Alles, was schief gehen kann, geht meistens auch schief. Nur keine Panik.<\/p>\n<p>Egal. Im neuen Kiez f\u00fchl&#8216; ich mich so zuhause, als lebte ich dort schon einige Jahre, es ist zum Staunen! Sieht eben aus wie Kreuzberg vor 15 Jahren: die kaputten, aber romantischen Altbaufassaden neben den frisch renovierten, unterschiedslos mit Graffiti \u00fcberzogen, \u00fcberall die Bauger\u00fcste, einige mit Plastikplanen verhangen, das laute &#8222;Rummms&#8220;, wenn die Arbeiter den Schutt durch ein gro\u00dfes Rohr nach unten in einen Container fallen lassen, die Stra\u00dfen mit Kopfsteinpflaster, sch\u00f6n aber laut, die unz\u00e4hligen Erdgescho\u00dfl\u00e4den, viele davon leer stehend, noch mit uralten Original-Aufschriften aus der Gr\u00fcnderzeit. Dazu ein Imbi\u00df am anderen, nicht gerade Meisterleistungen der Kochkunst, aber billig und schwer multikulti.<\/p>\n<p>Und gerade jetzt platzt die gro\u00dfe Koalition, alle Skandale des Bau-Filzes kochen hoch, Aufbruchstimmung macht sich breit, ich h\u00e4tte keinen spannenderen Zeitpunkt erwischen k\u00f6nnen, um zur\u00fcckzuziehen. Denn so ein Wahlkampf, so ein &#8222;Kampf um Berlin&#8220; bringt alles an den Tag bzw. in die Gazetten, was normalerweise als Normalit\u00e4t des Berliner Sumpfes kaum der Rede wert ist. Ein kostenloser Schnellkurs zum wieder Kennenlernen aktueller Berliner Verh\u00e4ltnisse, wie ich ihn nicht besser h\u00e4tte haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens regen sich ja alle furchtbar \u00fcber die Bankgesellschaft auf, \u00fcber die vielen &#8222;notleidend&#8220; gewordenen Bauprojekte, die Mega-Vorhaben, die kurz nach der Wende in der Hoffnung auf eine gro\u00dfe Zukunft (mit vielleicht sechs Millionen Einwohnern!) angestossen wurden, und denen jetzt irgend jemand ein paar Milliarden hinterher werfen muss. Dabei wird aber vergessen: Es hat jetzt Platz in Berlin, wirklich genug leeren Raum, massenweise Wohnungen, B\u00fcros und Gewerbebauten. Der Markt ist &#8222;entspannt&#8220;, jeder, der etwas vorhat oder hierher ziehen will, findet 1000 M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>OB und WANN Menschen nach Berlin ziehen, ist eher eine Frage der geistig-kulturellen Ausstrahlung der Stadt, also etwas, das sich von Tag zu Tag, zumindest von Jahr zu Jahr grundst\u00fcrzend \u00e4ndern kann. Berlin ist die Metropole der M\u00f6glichkeiten, die VIRTUELLE Hauptstadt und als solche einzigartig. Wenn man dagegen das \u00fcbervolle, satte und s\u00fcndhaft teure M\u00fcnchen anguckt: Was soll denn da noch DAZU kommen, wie soll da noch Neues entstehen? Man liest, dass Mitarbeiter zuziehender Firmen monatelang in Hotels wohnen m\u00fcssen, weil einfach keine bezahlbaren Wohnungen vorhanden sind. DA hat Berlin gute Karten, die mit Sicherheit noch einmal stechen werden, wenn nicht gleich heute, dann sp\u00e4ter, vielleicht nach dem gro\u00dfen Aufr\u00e4umen, um das sich jetzt angeblich alle Parteien bem\u00fchen wollen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bisher schien es so, als w\u00fcrde dieser Umzug wie am Schn\u00fcrchen klappen. Aber das kann ja eigentlich nicht sein, ich h\u00e4tte es wissen m\u00fcssen. Gestern also nach Berlin gefahren, um einen Termin mit der Telekom wahrzunehmen: ab 13 Uhr, Einrichten des ISDN-Anschlusses. 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