{"id":3248,"date":"2001-06-06T12:38:30","date_gmt":"2001-06-06T10:38:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3248"},"modified":"2021-01-19T12:39:00","modified_gmt":"2021-01-19T11:39:00","slug":"sich-umbringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/06\/06\/sich-umbringen\/","title":{"rendered":"Sich umbringen?"},"content":{"rendered":"<p>Wer mal ernsthaft dar\u00fcber nachdenkt, was wohl &#8211; denkt man die jetzigen Verh\u00e4ltnisse einfach weiter &#8211; in der letzten Phase des Lebens an Unertr\u00e4glichem auf uns zukommt, landet schnell beim Gedanken an den &#8222;rettenden Schnellzug&#8220;, den Sprung aus dem Fenster oder anderen M\u00f6glichkeiten, sich dem drohenden Elend durch vorzeitiges Ableben zu entziehen. Speziell f\u00fcr meine Generation ist das ein erstaunlicher Fatalismus, sind wir doch mit dem Gedanken sozialisiert, alles ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen, was uns nicht pa\u00dft.<!--more--><\/p>\n<p>Ton-Steine-Scherben verfa\u00dften dereinst die entsprechende Hymne: &#8222;Alles ver\u00e4ndert sich, wenn du es ver\u00e4nderst!&#8220;, und alle sangen begeistert mit, nicht gro\u00df dar\u00fcber gr\u00fcbelnd, da\u00df es da weiter hei\u00dft: &#8222;doch du kannst nicht gewinnen, solange du allein bist&#8220;. Und da liegt der Knackpunkt: Noch nie waren wir so allein wie heute, was verbindliche Beziehungen \u00fcber lange Zeit angeht. Klar, jeder hat wom\u00f6glich ein paar gute alte Freunde, doch ist dieses Netz frei gew\u00e4hlter Symphatien nicht imstande, die Aufgaben des &#8222;tragenden Familienverbandes&#8220; fr\u00fcherer Zeiten zu \u00fcbernehmen. Und wir sehnen uns ja auch beileibe nicht zur\u00fcck in die Welt der Traditionen und Zwangsgemeinschaften, aus deren letzten Resten wir uns erfolgreich befreit haben. Sind wir also &#8222;selber schuld&#8220; und m\u00fcssen sehen, wo wir bleiben, wie Birgit es ins Forum schrieb?<\/p>\n<p>Es w\u00e4re ein bi\u00dfchen gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig, anzunehmen, die Aufl\u00f6sung der alten Strukturen h\u00e4tten wir selber verbrochen, selbstverwirklichungss\u00fcchtig, wie wir nun mal sind. Oh nein, das konnte nur gelingen, weil es sowieso dem Lauf der Dinge, deutlicher: der Entwicklung der Produktionsverh\u00e4ltnisse, entsprach. Flexibilit\u00e4t und Mobilit\u00e4t, die obersten Werte heutigen Wirtschaftens, sind in traditionellen Strukturen nicht zu erwarten. Der Widerspruch, dass es eben auch nicht mehr recht pa\u00dft, allzu viel Zeit mit Kindern und Familie zu verbrauchen, weshalb lange schon drastisch weniger Kinder geboren werden, ist nur eine Folge unter vielen.<\/p>\n<p>Und dann f\u00e4llt uns spontan nur der &#8222;rettende Schnellzug&#8220; ein, wenn wir an Zeiten der Not, Krankheit, Gebrechlichkeit denken? War da nicht noch was? Gr\u00fcbel&#8230; ach ja, das SOZIALE NETZ, heute fast nur noch als &#8222;H\u00e4ngematte&#8220; im \u00f6ffentlichen Bewu\u00dftsein, eine H\u00e4ngematte, in die sich vor allem Faulenzer fallen lassen, wie wir jetzt wissen. Und wer will schon als Faulenzer und Nullchecker gelten &#8211; Sozialfall? Nein danke, dann lieber ein selbstbestimmtes (!) Ableben! Schlie\u00dflich schadet dieses omin\u00f6se &#8222;Soziale&#8220; dem Standort, und wer wollte so etwas verantworten?<\/p>\n<p>Ein neoliberal verumglimpftes Soziales Netz kann man aber nicht mehr um-, sondern nur noch abbauen. Automatisch denkt man schon gar nicht mehr daran, da etwas mitzubestimmen oder anders haben zu wollen. Dass es derzeit ein Moloch aus festgefahrenen Interessen und Besitzst\u00e4nden ist, in die sich kaum einer gerne einmischt, w\u00e4re alleine kein Hindernis, sowas konnten wir fr\u00fcher ja doch ganz gut. Heute aber ist es fast rufsch\u00e4digend, sich f\u00fcr das &#8222;Soziale&#8220; einzusetzen &#8211; warum wohl?<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Jetzt fahr ich mal kurz nach Berlin, heute ist Wohnungs\u00fcbergabe. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer mal ernsthaft dar\u00fcber nachdenkt, was wohl &#8211; denkt man die jetzigen Verh\u00e4ltnisse einfach weiter &#8211; in der letzten Phase des Lebens an Unertr\u00e4glichem auf uns zukommt, landet schnell beim Gedanken an den &#8222;rettenden Schnellzug&#8220;, den Sprung aus dem Fenster oder anderen M\u00f6glichkeiten, sich dem drohenden Elend durch vorzeitiges Ableben zu entziehen. 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